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Schopenhauer, Johanna: Johann van Eyck und seine Nachfolger. Bd. 1. Frankfurt (Main), 1822.

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noch ein fester Siz für die christliche Kirche und die
ihr verwandte Kunst; obgleich in dieser Epoche leider
auch der Orient ein immer traurigeres Ansehen ge-
wann. Die Religion selbst mußte einen diplomatisch-
pedantischen Karackter annehmen, die kirchlichen Feste
gewannen die Gestalt von Hof- und Staatsfesten,
bei denen Alles einer einmal bestimmten, etiketten-
artigen, mehr für die Sinne als das Gemüth berech-
neten Regel folgte. Und so wie dem Zeremonien-
meister bei Hoffesten über die Befolgung der einmal
für allemal vorgeschriebnen Äußerlichkeiten zu wachen
auferlegt war, so wachte auch die Geistlichkeit über
Alles was auf kirchliche Feier Bezug hatte.

Die heiligen Bilder, welche sie hernach durch
Weihe und Wunder dem einmal bestehenden Gottes-
dienste völlig aneigneten, mußten alle auf das ge-
naueste nach der einmal angenommnen Norm, unter
der Aufsicht und nach der Vorschrift der Priester ver-
fertiget werden. Man suchte immerfort die aus den
ersten christlich-kirchlichen Jahrhunderten durch Tra-
dition erhaltnen Gestalten der Apostel und Märtyrer
so individuel als möglich beizubehalten; doch die


noch ein feſter Siz für die chriſtliche Kirche und die
ihr verwandte Kunſt; obgleich in dieſer Epoche leider
auch der Orient ein immer traurigeres Anſehen ge-
wann. Die Religion ſelbſt mußte einen diplomatiſch-
pedantiſchen Karackter annehmen, die kirchlichen Feſte
gewannen die Geſtalt von Hof- und Staatsfeſten,
bei denen Alles einer einmal beſtimmten, etiketten-
artigen, mehr für die Sinne als das Gemüth berech-
neten Regel folgte. Und ſo wie dem Zeremonien-
meiſter bei Hoffeſten über die Befolgung der einmal
für allemal vorgeſchriebnen Äußerlichkeiten zu wachen
auferlegt war, ſo wachte auch die Geiſtlichkeit über
Alles was auf kirchliche Feier Bezug hatte.

Die heiligen Bilder, welche ſie hernach durch
Weihe und Wunder dem einmal beſtehenden Gottes-
dienſte völlig aneigneten, mußten alle auf das ge-
naueſte nach der einmal angenommnen Norm, unter
der Aufſicht und nach der Vorſchrift der Prieſter ver-
fertiget werden. Man ſuchte immerfort die aus den
erſten chriſtlich-kirchlichen Jahrhunderten durch Tra-
dition erhaltnen Geſtalten der Apoſtel und Märtyrer
ſo individuel als möglich beizubehalten; doch die

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[8/0020] noch ein feſter Siz für die chriſtliche Kirche und die ihr verwandte Kunſt; obgleich in dieſer Epoche leider auch der Orient ein immer traurigeres Anſehen ge- wann. Die Religion ſelbſt mußte einen diplomatiſch- pedantiſchen Karackter annehmen, die kirchlichen Feſte gewannen die Geſtalt von Hof- und Staatsfeſten, bei denen Alles einer einmal beſtimmten, etiketten- artigen, mehr für die Sinne als das Gemüth berech- neten Regel folgte. Und ſo wie dem Zeremonien- meiſter bei Hoffeſten über die Befolgung der einmal für allemal vorgeſchriebnen Äußerlichkeiten zu wachen auferlegt war, ſo wachte auch die Geiſtlichkeit über Alles was auf kirchliche Feier Bezug hatte. Die heiligen Bilder, welche ſie hernach durch Weihe und Wunder dem einmal beſtehenden Gottes- dienſte völlig aneigneten, mußten alle auf das ge- naueſte nach der einmal angenommnen Norm, unter der Aufſicht und nach der Vorſchrift der Prieſter ver- fertiget werden. Man ſuchte immerfort die aus den erſten chriſtlich-kirchlichen Jahrhunderten durch Tra- dition erhaltnen Geſtalten der Apoſtel und Märtyrer ſo individuel als möglich beizubehalten; doch die

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Zitationshilfe: Schopenhauer, Johanna: Johann van Eyck und seine Nachfolger. Bd. 1. Frankfurt (Main), 1822, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schopenhauer_eyck01_1822/20>, abgerufen am 15.09.2019.