Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schopenhauer, Johanna: Johann van Eyck und seine Nachfolger. Bd. 1. Frankfurt (Main), 1822.

Bild:
<< vorherige Seite


höhere Korrektheit der Komposition, welche Johann
van Eyck, hingerissen vom eignen Schöpfungs-
triebe, nicht immer beachtete.

Hemlings ganzes Wesen war Poesie, durch
sie ward jedes seiner Gemälde zum lebenhauchen-
den Gedicht, und viele derselben sind gemalte Epo-
peen, wie nur die ersten Sänger aller Zeiten sie
in Worte zu fassen vermochten. Selten genügte
ihm die Gegenwart des Augenbliks den er darstellen
wollte, er suchte Vergangenheit und Zukunft ihm
anzureihen, und benutzte dazu den damaligen Kunst-
gebrauch, die nämlichen Gestalten welche die Haupt-
gruppe eines Gemäldes bilden, nach Maasgabe
der Ferne verkleinert, und in den verschiedenartig-
sten Situationen, auf den entferntern Gründen seiner
Tafel wieder anzubringen. Ein weites unabseh-
bares Feld, das er freudig zu benutzen wußte,
ward ihm hierdurch geöffnet, und viele seiner
größern Gemälde wimmeln von solchen episodenar-
tigen Darstellungen. Der geläuterte Geschmack
unsrer Zeit verwirft diese damals durchaus übliche
Freiheit der alten Maler, und zwar mit Recht;


höhere Korrektheit der Kompoſition, welche Johann
van Eyck, hingeriſſen vom eignen Schöpfungs-
triebe, nicht immer beachtete.

Hemlings ganzes Weſen war Poeſie, durch
ſie ward jedes ſeiner Gemälde zum lebenhauchen-
den Gedicht, und viele derſelben ſind gemalte Epo-
peen, wie nur die erſten Sänger aller Zeiten ſie
in Worte zu faſſen vermochten. Selten genügte
ihm die Gegenwart des Augenbliks den er darſtellen
wollte, er ſuchte Vergangenheit und Zukunft ihm
anzureihen, und benutzte dazu den damaligen Kunſt-
gebrauch, die nämlichen Geſtalten welche die Haupt-
gruppe eines Gemäldes bilden, nach Maasgabe
der Ferne verkleinert, und in den verſchiedenartig-
ſten Situationen, auf den entferntern Gründen ſeiner
Tafel wieder anzubringen. Ein weites unabſeh-
bares Feld, das er freudig zu benutzen wußte,
ward ihm hierdurch geöffnet, und viele ſeiner
größern Gemälde wimmeln von ſolchen epiſodenar-
tigen Darſtellungen. Der geläuterte Geſchmack
unſrer Zeit verwirft dieſe damals durchaus übliche
Freiheit der alten Maler, und zwar mit Recht;

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0129" n="117"/><lb/>
höhere Korrektheit der Kompo&#x017F;ition, welche Johann<lb/>
van Eyck, hingeri&#x017F;&#x017F;en vom eignen Schöpfungs-<lb/>
triebe, nicht immer beachtete.</p><lb/>
        <p>Hemlings ganzes We&#x017F;en war Poe&#x017F;ie, durch<lb/>
&#x017F;ie ward jedes &#x017F;einer Gemälde zum lebenhauchen-<lb/>
den Gedicht, und viele der&#x017F;elben &#x017F;ind gemalte Epo-<lb/>
peen, wie nur die er&#x017F;ten Sänger aller Zeiten &#x017F;ie<lb/>
in Worte zu fa&#x017F;&#x017F;en vermochten. Selten genügte<lb/>
ihm die Gegenwart des Augenbliks den er dar&#x017F;tellen<lb/>
wollte, er &#x017F;uchte Vergangenheit und Zukunft ihm<lb/>
anzureihen, und benutzte dazu den damaligen Kun&#x017F;t-<lb/>
gebrauch, die nämlichen Ge&#x017F;talten welche die Haupt-<lb/>
gruppe eines Gemäldes bilden, nach Maasgabe<lb/>
der Ferne verkleinert, und in den ver&#x017F;chiedenartig-<lb/>
&#x017F;ten Situationen, auf den entferntern Gründen &#x017F;einer<lb/>
Tafel wieder anzubringen. Ein weites unab&#x017F;eh-<lb/>
bares Feld, das er freudig zu benutzen wußte,<lb/>
ward ihm hierdurch geöffnet, und viele &#x017F;einer<lb/>
größern Gemälde wimmeln von &#x017F;olchen epi&#x017F;odenar-<lb/>
tigen Dar&#x017F;tellungen. Der geläuterte Ge&#x017F;chmack<lb/>
un&#x017F;rer Zeit verwirft die&#x017F;e damals durchaus übliche<lb/>
Freiheit der alten Maler, und zwar mit Recht;<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[117/0129] höhere Korrektheit der Kompoſition, welche Johann van Eyck, hingeriſſen vom eignen Schöpfungs- triebe, nicht immer beachtete. Hemlings ganzes Weſen war Poeſie, durch ſie ward jedes ſeiner Gemälde zum lebenhauchen- den Gedicht, und viele derſelben ſind gemalte Epo- peen, wie nur die erſten Sänger aller Zeiten ſie in Worte zu faſſen vermochten. Selten genügte ihm die Gegenwart des Augenbliks den er darſtellen wollte, er ſuchte Vergangenheit und Zukunft ihm anzureihen, und benutzte dazu den damaligen Kunſt- gebrauch, die nämlichen Geſtalten welche die Haupt- gruppe eines Gemäldes bilden, nach Maasgabe der Ferne verkleinert, und in den verſchiedenartig- ſten Situationen, auf den entferntern Gründen ſeiner Tafel wieder anzubringen. Ein weites unabſeh- bares Feld, das er freudig zu benutzen wußte, ward ihm hierdurch geöffnet, und viele ſeiner größern Gemälde wimmeln von ſolchen epiſodenar- tigen Darſtellungen. Der geläuterte Geſchmack unſrer Zeit verwirft dieſe damals durchaus übliche Freiheit der alten Maler, und zwar mit Recht;

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schopenhauer_eyck01_1822
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schopenhauer_eyck01_1822/129
Zitationshilfe: Schopenhauer, Johanna: Johann van Eyck und seine Nachfolger. Bd. 1. Frankfurt (Main), 1822, S. 117. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schopenhauer_eyck01_1822/129>, abgerufen am 15.10.2019.