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Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Bd. 1. Leipzig, 1900.

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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
der Bergbehörden den Bergbau zunächst hob und zur Blüte brachte, auch nach Schaffung
eines durch Bergschulen vorgebildeten höheren Bergbeamtentums von 1750--1850 noch-
mals eine Hebung desselben erzeugte. Die Reform hatte zugleich einen privilegierten,
korporativ organisierten, tüchtigen Bergarbeiterstand geschaffen, aber sie endete doch
zuletzt in bureaukratischer Routine. Die große neue Technik unseres Jahrhunderts, die
jetzt eröffneten Absatzmöglichkeiten forderten viel größere, maschinell eingerichtete, kauf-
männische Betriebe; die alten Gewerkschaften unter bureaukratischer Vormundschaft
konnten dem nicht genügen; sie brachten auch die großen Kapitalmittel nicht auf. Die
Losung der Zeit von 1840--70 war: freie, private, spekulative Unternehmung, eine neue
unabhängige Form der Gewerkschaft, Aktienbetrieb, Freierklärung des Bergbaues, Ver-
zicht des Staates auf seine Regalrechte und die Oberleitung der Betriebe. Die Richtung
dieser Bergwerksreform war notwendig und heilsam; der große Aufschwung des deutschen
Bergbaus ging aus ihr und den freien modernisierten Betrieben hervor. Nur hätte der
Staat seine bisherigen finanziellen Rechte, sowie die Aufsicht über die sociale Seite der
Bergwerke besser wahren sollen; er hätte von den großen Monopolgewinnen aus
den unterirdischen Schätzen der Gesamtheit, dem Staate einen erheblichen Teil vor-
behalten sollen.

141. Die Hausindustrie (das Verlagssystem). Haben wir im bis-
herigen Versuche gesehen, im Anschluß an ältere genossenschaftliche und korporative
Gebilde, mit Hülfe von staatlicher Intervention, die Produktion über den alten Rahmen
der Familienwirtschaft hinauszuheben, und wurden wir uns dabei der Schwierigkeiten klar,
größere wirtschaftliche Gebilde und Unternehmungen überhaupt zu schaffen, so haben wir
jetzt einen Weg zu betrachten, der zeitlich parallel mit diesen Versuchen betreten wurde:
die Hausindustrie, d. h. die Tendenz, die gewerbliche Überschußproduktion des Familien-
hauses und der Meisterwerkstatt auf größere Märkte durch das Zwischenglied des Handels
zu führen. Wir werden sehen, daß es sich auch hiebei noch nicht um eine vollkommene
Lösung des Unternehmungsproblems handelte, aber um eine historisch notwendige Zwischen-
form, die zuerst mehr von günstigen, später überwiegend von ungünstigen Folgen
begleitet war.

Gewisse leicht transportable, eigentümliche und allgemein begehrte Produkte des
häuslichen Fleißes und des Handwerks sind schon in frühen Zeiten, vollends zur Blütezeit
griechischer und römischer Kultur teils von Händlern teils von größeren Produzenten
selbst auf fremde Märkte gebracht worden. Im Mittelalter beginnt dasselbe in Italien
vom 12. und 13. Jahrhundert an, aber erst vom 15. und 16. an erreicht die lokale Arbeits-
teilung und der Verkehr nördlich der Alpen eine solche Ausdehnung, daß daraus die Haus-
industrie als besondere Betriebsform hervorgehen konnte. Sie bildet im 17. und 18. Jahr-
hundert die Hauptform der für den Absatz im Großen thätigen Industrie. Ihre Entstehung
und ihre Blüte ist damals das Hauptzeichen der fortschreitenden volkswirtschaftlichen
Entwickelung und des Wohlstandes gewesen. Auch in unserem Jahrhundert entsteht sie
überall noch neu, wo die häusliche und handwerksmäßige Thätigkeit zu einem großen
Absatz in der Nähe oder in der Ferne übergeht, und hat sich, wo sie früher bestand,
noch da und dort in breiter Ausdehnung erhalten. Aber vielfach ist sie auch schon von den
höheren Formen des Betriebes, den Manufakturen und Fabriken verdrängt worden, stellt
nicht mehr so wie früher einen Fortschritt sondern eher ein für den Verleger bequemes,
aber socialpolitisch unerwünschtes Auskunftsmittel dar.

Wir fassen dabei unter dem Begriff der Hausindustrie die Art der Produktion und des
Absatzes zusammen, welche die im Hause, in der Familie, in der handwerksmäßigen
Werkstatt mit einfacher Technik hergestellten Produkte nicht mehr einem Kunden, sondern
einem Händler, einer Zwischenperson übergiebt, um sie in den Handel zu bringen. Die
Thätigkeit ländlicher Spinner und Weber, armer Gebirgsbewohner, die Holz schnitzen
und Spitzen klöppeln, die der russischen und anderen osteuropäischen Bauern, die alles
Mögliche nebenher produzieren, wie die aller städtischen Handwerke, neuerdings die von
Tausenden von Frauen und Männern, die für städtische Magazine und Exportfirmen zu
Hause arbeiten, gehören hierher, so verschieden ihre Lage sonst sein mag. Ob man die

Zweites Buch. Die geſellſchaftliche Verfaſſung der Volkswirtſchaft.
der Bergbehörden den Bergbau zunächſt hob und zur Blüte brachte, auch nach Schaffung
eines durch Bergſchulen vorgebildeten höheren Bergbeamtentums von 1750—1850 noch-
mals eine Hebung desſelben erzeugte. Die Reform hatte zugleich einen privilegierten,
korporativ organiſierten, tüchtigen Bergarbeiterſtand geſchaffen, aber ſie endete doch
zuletzt in bureaukratiſcher Routine. Die große neue Technik unſeres Jahrhunderts, die
jetzt eröffneten Abſatzmöglichkeiten forderten viel größere, maſchinell eingerichtete, kauf-
männiſche Betriebe; die alten Gewerkſchaften unter bureaukratiſcher Vormundſchaft
konnten dem nicht genügen; ſie brachten auch die großen Kapitalmittel nicht auf. Die
Loſung der Zeit von 1840—70 war: freie, private, ſpekulative Unternehmung, eine neue
unabhängige Form der Gewerkſchaft, Aktienbetrieb, Freierklärung des Bergbaues, Ver-
zicht des Staates auf ſeine Regalrechte und die Oberleitung der Betriebe. Die Richtung
dieſer Bergwerksreform war notwendig und heilſam; der große Aufſchwung des deutſchen
Bergbaus ging aus ihr und den freien moderniſierten Betrieben hervor. Nur hätte der
Staat ſeine bisherigen finanziellen Rechte, ſowie die Aufſicht über die ſociale Seite der
Bergwerke beſſer wahren ſollen; er hätte von den großen Monopolgewinnen aus
den unterirdiſchen Schätzen der Geſamtheit, dem Staate einen erheblichen Teil vor-
behalten ſollen.

141. Die Hausinduſtrie (das Verlagsſyſtem). Haben wir im bis-
herigen Verſuche geſehen, im Anſchluß an ältere genoſſenſchaftliche und korporative
Gebilde, mit Hülfe von ſtaatlicher Intervention, die Produktion über den alten Rahmen
der Familienwirtſchaft hinauszuheben, und wurden wir uns dabei der Schwierigkeiten klar,
größere wirtſchaftliche Gebilde und Unternehmungen überhaupt zu ſchaffen, ſo haben wir
jetzt einen Weg zu betrachten, der zeitlich parallel mit dieſen Verſuchen betreten wurde:
die Hausinduſtrie, d. h. die Tendenz, die gewerbliche Überſchußproduktion des Familien-
hauſes und der Meiſterwerkſtatt auf größere Märkte durch das Zwiſchenglied des Handels
zu führen. Wir werden ſehen, daß es ſich auch hiebei noch nicht um eine vollkommene
Löſung des Unternehmungsproblems handelte, aber um eine hiſtoriſch notwendige Zwiſchen-
form, die zuerſt mehr von günſtigen, ſpäter überwiegend von ungünſtigen Folgen
begleitet war.

Gewiſſe leicht transportable, eigentümliche und allgemein begehrte Produkte des
häuslichen Fleißes und des Handwerks ſind ſchon in frühen Zeiten, vollends zur Blütezeit
griechiſcher und römiſcher Kultur teils von Händlern teils von größeren Produzenten
ſelbſt auf fremde Märkte gebracht worden. Im Mittelalter beginnt dasſelbe in Italien
vom 12. und 13. Jahrhundert an, aber erſt vom 15. und 16. an erreicht die lokale Arbeits-
teilung und der Verkehr nördlich der Alpen eine ſolche Ausdehnung, daß daraus die Haus-
induſtrie als beſondere Betriebsform hervorgehen konnte. Sie bildet im 17. und 18. Jahr-
hundert die Hauptform der für den Abſatz im Großen thätigen Induſtrie. Ihre Entſtehung
und ihre Blüte iſt damals das Hauptzeichen der fortſchreitenden volkswirtſchaftlichen
Entwickelung und des Wohlſtandes geweſen. Auch in unſerem Jahrhundert entſteht ſie
überall noch neu, wo die häusliche und handwerksmäßige Thätigkeit zu einem großen
Abſatz in der Nähe oder in der Ferne übergeht, und hat ſich, wo ſie früher beſtand,
noch da und dort in breiter Ausdehnung erhalten. Aber vielfach iſt ſie auch ſchon von den
höheren Formen des Betriebes, den Manufakturen und Fabriken verdrängt worden, ſtellt
nicht mehr ſo wie früher einen Fortſchritt ſondern eher ein für den Verleger bequemes,
aber ſocialpolitiſch unerwünſchtes Auskunftsmittel dar.

Wir faſſen dabei unter dem Begriff der Hausinduſtrie die Art der Produktion und des
Abſatzes zuſammen, welche die im Hauſe, in der Familie, in der handwerksmäßigen
Werkſtatt mit einfacher Technik hergeſtellten Produkte nicht mehr einem Kunden, ſondern
einem Händler, einer Zwiſchenperſon übergiebt, um ſie in den Handel zu bringen. Die
Thätigkeit ländlicher Spinner und Weber, armer Gebirgsbewohner, die Holz ſchnitzen
und Spitzen klöppeln, die der ruſſiſchen und anderen oſteuropäiſchen Bauern, die alles
Mögliche nebenher produzieren, wie die aller ſtädtiſchen Handwerke, neuerdings die von
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[424/0440] Zweites Buch. Die geſellſchaftliche Verfaſſung der Volkswirtſchaft. der Bergbehörden den Bergbau zunächſt hob und zur Blüte brachte, auch nach Schaffung eines durch Bergſchulen vorgebildeten höheren Bergbeamtentums von 1750—1850 noch- mals eine Hebung desſelben erzeugte. Die Reform hatte zugleich einen privilegierten, korporativ organiſierten, tüchtigen Bergarbeiterſtand geſchaffen, aber ſie endete doch zuletzt in bureaukratiſcher Routine. Die große neue Technik unſeres Jahrhunderts, die jetzt eröffneten Abſatzmöglichkeiten forderten viel größere, maſchinell eingerichtete, kauf- männiſche Betriebe; die alten Gewerkſchaften unter bureaukratiſcher Vormundſchaft konnten dem nicht genügen; ſie brachten auch die großen Kapitalmittel nicht auf. Die Loſung der Zeit von 1840—70 war: freie, private, ſpekulative Unternehmung, eine neue unabhängige Form der Gewerkſchaft, Aktienbetrieb, Freierklärung des Bergbaues, Ver- zicht des Staates auf ſeine Regalrechte und die Oberleitung der Betriebe. Die Richtung dieſer Bergwerksreform war notwendig und heilſam; der große Aufſchwung des deutſchen Bergbaus ging aus ihr und den freien moderniſierten Betrieben hervor. Nur hätte der Staat ſeine bisherigen finanziellen Rechte, ſowie die Aufſicht über die ſociale Seite der Bergwerke beſſer wahren ſollen; er hätte von den großen Monopolgewinnen aus den unterirdiſchen Schätzen der Geſamtheit, dem Staate einen erheblichen Teil vor- behalten ſollen. 141. Die Hausinduſtrie (das Verlagsſyſtem). Haben wir im bis- herigen Verſuche geſehen, im Anſchluß an ältere genoſſenſchaftliche und korporative Gebilde, mit Hülfe von ſtaatlicher Intervention, die Produktion über den alten Rahmen der Familienwirtſchaft hinauszuheben, und wurden wir uns dabei der Schwierigkeiten klar, größere wirtſchaftliche Gebilde und Unternehmungen überhaupt zu ſchaffen, ſo haben wir jetzt einen Weg zu betrachten, der zeitlich parallel mit dieſen Verſuchen betreten wurde: die Hausinduſtrie, d. h. die Tendenz, die gewerbliche Überſchußproduktion des Familien- hauſes und der Meiſterwerkſtatt auf größere Märkte durch das Zwiſchenglied des Handels zu führen. Wir werden ſehen, daß es ſich auch hiebei noch nicht um eine vollkommene Löſung des Unternehmungsproblems handelte, aber um eine hiſtoriſch notwendige Zwiſchen- form, die zuerſt mehr von günſtigen, ſpäter überwiegend von ungünſtigen Folgen begleitet war. Gewiſſe leicht transportable, eigentümliche und allgemein begehrte Produkte des häuslichen Fleißes und des Handwerks ſind ſchon in frühen Zeiten, vollends zur Blütezeit griechiſcher und römiſcher Kultur teils von Händlern teils von größeren Produzenten ſelbſt auf fremde Märkte gebracht worden. Im Mittelalter beginnt dasſelbe in Italien vom 12. und 13. Jahrhundert an, aber erſt vom 15. und 16. an erreicht die lokale Arbeits- teilung und der Verkehr nördlich der Alpen eine ſolche Ausdehnung, daß daraus die Haus- induſtrie als beſondere Betriebsform hervorgehen konnte. Sie bildet im 17. und 18. Jahr- hundert die Hauptform der für den Abſatz im Großen thätigen Induſtrie. Ihre Entſtehung und ihre Blüte iſt damals das Hauptzeichen der fortſchreitenden volkswirtſchaftlichen Entwickelung und des Wohlſtandes geweſen. Auch in unſerem Jahrhundert entſteht ſie überall noch neu, wo die häusliche und handwerksmäßige Thätigkeit zu einem großen Abſatz in der Nähe oder in der Ferne übergeht, und hat ſich, wo ſie früher beſtand, noch da und dort in breiter Ausdehnung erhalten. Aber vielfach iſt ſie auch ſchon von den höheren Formen des Betriebes, den Manufakturen und Fabriken verdrängt worden, ſtellt nicht mehr ſo wie früher einen Fortſchritt ſondern eher ein für den Verleger bequemes, aber ſocialpolitiſch unerwünſchtes Auskunftsmittel dar. Wir faſſen dabei unter dem Begriff der Hausinduſtrie die Art der Produktion und des Abſatzes zuſammen, welche die im Hauſe, in der Familie, in der handwerksmäßigen Werkſtatt mit einfacher Technik hergeſtellten Produkte nicht mehr einem Kunden, ſondern einem Händler, einer Zwiſchenperſon übergiebt, um ſie in den Handel zu bringen. Die Thätigkeit ländlicher Spinner und Weber, armer Gebirgsbewohner, die Holz ſchnitzen und Spitzen klöppeln, die der ruſſiſchen und anderen oſteuropäiſchen Bauern, die alles Mögliche nebenher produzieren, wie die aller ſtädtiſchen Handwerke, neuerdings die von Tauſenden von Frauen und Männern, die für ſtädtiſche Magazine und Exportfirmen zu Hauſe arbeiten, gehören hierher, ſo verſchieden ihre Lage ſonſt ſein mag. Ob man die

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Zitationshilfe: Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Bd. 1. Leipzig, 1900, S. 424. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_grundriss01_1900/440>, abgerufen am 20.09.2020.