Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite

in der Natur belebt und beseelt; und
ich erinnere mich noch oft mit Ver-
gnügen daran, wie sie in einem Al-
ter von nicht viel mehr als einem
Jahre zum erstenmal eine Puppe sah
und fühlte. Ein himmlisches Lächeln
blühte auf ihrem kleinen Gesichte und
sie drückte gleich einen herzlichen Kuß
auf die gefärbten Lippen von Holz.
Gewiß! es liegt tief in der Natur
des Menschen, daß er alles essen
will, was er liebt, und jede neue
Erscheinung unmittelbar zum Munde
führt, um sie da wo möglich in ihre
ersten Bestandtheile zu zergliedern.
Die gesunde Wißbegierde wünscht
ihren Gegenstand ganz zu fassen, bis
in sein Innerstes zu durchdringen
und zu zerbeißen. Das Betasten

C 2

in der Natur belebt und beſeelt; und
ich erinnere mich noch oft mit Ver-
gnügen daran, wie ſie in einem Al-
ter von nicht viel mehr als einem
Jahre zum erſtenmal eine Puppe ſah
und fühlte. Ein himmliſches Lächeln
blühte auf ihrem kleinen Geſichte und
ſie drückte gleich einen herzlichen Kuß
auf die gefärbten Lippen von Holz.
Gewiß! es liegt tief in der Natur
des Menſchen, daß er alles eſſen
will, was er liebt, und jede neue
Erſcheinung unmittelbar zum Munde
führt, um ſie da wo möglich in ihre
erſten Beſtandtheile zu zergliedern.
Die geſunde Wißbegierde wünſcht
ihren Gegenſtand ganz zu faſſen, bis
in ſein Innerſtes zu durchdringen
und zu zerbeißen. Das Betaſten

C 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0040" n="35"/>
in der Natur belebt und be&#x017F;eelt; und<lb/>
ich erinnere mich noch oft mit Ver-<lb/>
gnügen daran, wie &#x017F;ie in einem Al-<lb/>
ter von nicht viel mehr als einem<lb/>
Jahre zum er&#x017F;tenmal eine Puppe &#x017F;ah<lb/>
und fühlte. Ein himmli&#x017F;ches Lächeln<lb/>
blühte auf ihrem kleinen Ge&#x017F;ichte und<lb/>
&#x017F;ie drückte gleich einen herzlichen Kuß<lb/>
auf die gefärbten Lippen von Holz.<lb/>
Gewiß! es liegt tief in der Natur<lb/>
des Men&#x017F;chen, daß er alles e&#x017F;&#x017F;en<lb/>
will, was er liebt, und jede neue<lb/>
Er&#x017F;cheinung unmittelbar zum Munde<lb/>
führt, um &#x017F;ie da wo möglich in ihre<lb/>
er&#x017F;ten Be&#x017F;tandtheile zu zergliedern.<lb/>
Die ge&#x017F;unde Wißbegierde wün&#x017F;cht<lb/>
ihren Gegen&#x017F;tand ganz zu fa&#x017F;&#x017F;en, bis<lb/>
in &#x017F;ein Inner&#x017F;tes zu durchdringen<lb/>
und zu zerbeißen. Das Beta&#x017F;ten<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">C 2</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[35/0040] in der Natur belebt und beſeelt; und ich erinnere mich noch oft mit Ver- gnügen daran, wie ſie in einem Al- ter von nicht viel mehr als einem Jahre zum erſtenmal eine Puppe ſah und fühlte. Ein himmliſches Lächeln blühte auf ihrem kleinen Geſichte und ſie drückte gleich einen herzlichen Kuß auf die gefärbten Lippen von Holz. Gewiß! es liegt tief in der Natur des Menſchen, daß er alles eſſen will, was er liebt, und jede neue Erſcheinung unmittelbar zum Munde führt, um ſie da wo möglich in ihre erſten Beſtandtheile zu zergliedern. Die geſunde Wißbegierde wünſcht ihren Gegenſtand ganz zu faſſen, bis in ſein Innerſtes zu durchdringen und zu zerbeißen. Das Betaſten C 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Darüber hinaus sind keine weiteren Teile erschien… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/40
Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/40>, abgerufen am 22.10.2019.