Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite

so darf man kühnlich von ihr sagen,
und es ist vielleicht das beste was
man überhaupt von ihr sagen kann:
Sie ist die geistreichste Person ihrer
Zeit oder ihres Alters. Und das ist
nicht wenig gesagt: denn wie selten
ist harmonische Ausbildung unter
zweyjährigen Menschen? Der stärkste
unter vielen starken Beweisen für
ihre innere Vollendung ist ihre hei-
tere Selbstzufriedenheit. Wenn sie
gegessen hat, pflegt sie beide Ärm-
chen auf den Tisch ausgebreitet ih-
ren kleinen Kopf mit närrischem Ernst
darauf zu stützen, macht die Augen
groß und wirft schlaue Blicke im
Kreise der ganzen Familie umher.
Dann richtet sie sich auf mit dem
lebhaftesten Ausdrucke von Ironie

und

ſo darf man kühnlich von ihr ſagen,
und es iſt vielleicht das beſte was
man überhaupt von ihr ſagen kann:
Sie iſt die geiſtreichſte Perſon ihrer
Zeit oder ihres Alters. Und das iſt
nicht wenig geſagt: denn wie ſelten
iſt harmoniſche Ausbildung unter
zweyjährigen Menſchen? Der ſtärkſte
unter vielen ſtarken Beweiſen für
ihre innere Vollendung iſt ihre hei-
tere Selbſtzufriedenheit. Wenn ſie
gegeſſen hat, pflegt ſie beide Ärm-
chen auf den Tiſch ausgebreitet ih-
ren kleinen Kopf mit närriſchem Ernſt
darauf zu ſtützen, macht die Augen
groß und wirft ſchlaue Blicke im
Kreiſe der ganzen Familie umher.
Dann richtet ſie ſich auf mit dem
lebhafteſten Ausdrucke von Ironie

und
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0037" n="32"/>
&#x017F;o darf man kühnlich von ihr &#x017F;agen,<lb/>
und es i&#x017F;t vielleicht das be&#x017F;te was<lb/>
man überhaupt von ihr &#x017F;agen kann:<lb/>
Sie i&#x017F;t die gei&#x017F;treich&#x017F;te Per&#x017F;on ihrer<lb/>
Zeit oder ihres Alters. Und das i&#x017F;t<lb/>
nicht wenig ge&#x017F;agt: denn wie &#x017F;elten<lb/>
i&#x017F;t harmoni&#x017F;che Ausbildung unter<lb/>
zweyjährigen Men&#x017F;chen? Der &#x017F;tärk&#x017F;te<lb/>
unter vielen &#x017F;tarken Bewei&#x017F;en für<lb/>
ihre innere Vollendung i&#x017F;t ihre hei-<lb/>
tere Selb&#x017F;tzufriedenheit. Wenn &#x017F;ie<lb/>
gege&#x017F;&#x017F;en hat, pflegt &#x017F;ie beide Ärm-<lb/>
chen auf den Ti&#x017F;ch ausgebreitet ih-<lb/>
ren kleinen Kopf mit närri&#x017F;chem Ern&#x017F;t<lb/>
darauf zu &#x017F;tützen, macht die Augen<lb/>
groß und wirft &#x017F;chlaue Blicke im<lb/>
Krei&#x017F;e der ganzen Familie umher.<lb/>
Dann richtet &#x017F;ie &#x017F;ich auf mit dem<lb/>
lebhafte&#x017F;ten Ausdrucke von Ironie<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">und</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[32/0037] ſo darf man kühnlich von ihr ſagen, und es iſt vielleicht das beſte was man überhaupt von ihr ſagen kann: Sie iſt die geiſtreichſte Perſon ihrer Zeit oder ihres Alters. Und das iſt nicht wenig geſagt: denn wie ſelten iſt harmoniſche Ausbildung unter zweyjährigen Menſchen? Der ſtärkſte unter vielen ſtarken Beweiſen für ihre innere Vollendung iſt ihre hei- tere Selbſtzufriedenheit. Wenn ſie gegeſſen hat, pflegt ſie beide Ärm- chen auf den Tiſch ausgebreitet ih- ren kleinen Kopf mit närriſchem Ernſt darauf zu ſtützen, macht die Augen groß und wirft ſchlaue Blicke im Kreiſe der ganzen Familie umher. Dann richtet ſie ſich auf mit dem lebhafteſten Ausdrucke von Ironie und

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Darüber hinaus sind keine weiteren Teile erschien… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/37
Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/37>, abgerufen am 17.08.2019.