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Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

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etwa da ist, so gemein zu nehmen,
als es der Scharfsinn nur immer
nehmen kann, ohne die Ansprüche
auf den Sinn aufzugeben? -- Was
man überall sehn will, muß man
endlich selbst werden.

Ist das die gerühmte Vielseitig-
keit? -- Freilich beobachtest Du da-
bey den Grundsatz der Gleichheit,
und einem gehts nicht viel besser wie
dem andern; nur daß jeder auf ei-
ne eigne Art verkannt wird. Hast
Du nicht auch mein Gefühl gezwun-
gen über das was ihm das heilig-
ste ist ewig zu schweigen gegen Dich
wie gegen jeden andern? Und das
darum, weil Du Dein Urtheil nicht
schweigen lassen konntest bis es Zeit
war, und weil Dein Verstand über-

etwa da iſt, ſo gemein zu nehmen,
als es der Scharfſinn nur immer
nehmen kann, ohne die Anſprüche
auf den Sinn aufzugeben? — Was
man überall ſehn will, muß man
endlich ſelbſt werden.

Iſt das die gerühmte Vielſeitig-
keit? — Freilich beobachteſt Du da-
bey den Grundſatz der Gleichheit,
und einem gehts nicht viel beſſer wie
dem andern; nur daß jeder auf ei-
ne eigne Art verkannt wird. Haſt
Du nicht auch mein Gefühl gezwun-
gen über das was ihm das heilig-
ſte iſt ewig zu ſchweigen gegen Dich
wie gegen jeden andern? Und das
darum, weil Du Dein Urtheil nicht
ſchweigen laſſen konnteſt bis es Zeit
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[277/0282] etwa da iſt, ſo gemein zu nehmen, als es der Scharfſinn nur immer nehmen kann, ohne die Anſprüche auf den Sinn aufzugeben? — Was man überall ſehn will, muß man endlich ſelbſt werden. Iſt das die gerühmte Vielſeitig- keit? — Freilich beobachteſt Du da- bey den Grundſatz der Gleichheit, und einem gehts nicht viel beſſer wie dem andern; nur daß jeder auf ei- ne eigne Art verkannt wird. Haſt Du nicht auch mein Gefühl gezwun- gen über das was ihm das heilig- ſte iſt ewig zu ſchweigen gegen Dich wie gegen jeden andern? Und das darum, weil Du Dein Urtheil nicht ſchweigen laſſen konnteſt bis es Zeit war, und weil Dein Verſtand über-

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Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 277. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/282>, abgerufen am 05.08.2020.