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Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

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und Gefühl drauf geht. Wo bleibt
da die Männlichkeit und handelnde
Kraft? -- Ich werde noch dahin
kommen, Dir zu thun wie Du mir
thust, seit wir nicht mehr mit ein-
ander sondern neben einander leben.
Ich werde dir Gränzen setzen müs-
sen und sagen, wenn er auch Sinn
für alles hat, was sonst schön ist,
so fehlt ihm doch der eine für die
Freundschaft. Doch werde ich den
Freund und sein Thun und Lassen
nie moralisch kritisiren; wer das
kann, der verdient nicht das hohe
seltne Glück einen zu haben.

Daß Du Dich zuerst an Dir
selbst vergreifst, macht die Sache
nur schlimmer. Sage mir im Ernst,
suchst Du die Tugend in diesen küh-

Lucinde I. S

und Gefühl drauf geht. Wo bleibt
da die Männlichkeit und handelnde
Kraft? — Ich werde noch dahin
kommen, Dir zu thun wie Du mir
thuſt, ſeit wir nicht mehr mit ein-
ander ſondern neben einander leben.
Ich werde dir Gränzen ſetzen müſ-
ſen und ſagen, wenn er auch Sinn
für alles hat, was ſonſt ſchön iſt,
ſo fehlt ihm doch der eine für die
Freundſchaft. Doch werde ich den
Freund und ſein Thun und Laſſen
nie moraliſch kritiſiren; wer das
kann, der verdient nicht das hohe
ſeltne Glück einen zu haben.

Daß Du Dich zuerſt an Dir
ſelbſt vergreifſt, macht die Sache
nur ſchlimmer. Sage mir im Ernſt,
ſuchſt Du die Tugend in dieſen küh-

Lucinde I. S
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[273/0278] und Gefühl drauf geht. Wo bleibt da die Männlichkeit und handelnde Kraft? — Ich werde noch dahin kommen, Dir zu thun wie Du mir thuſt, ſeit wir nicht mehr mit ein- ander ſondern neben einander leben. Ich werde dir Gränzen ſetzen müſ- ſen und ſagen, wenn er auch Sinn für alles hat, was ſonſt ſchön iſt, ſo fehlt ihm doch der eine für die Freundſchaft. Doch werde ich den Freund und ſein Thun und Laſſen nie moraliſch kritiſiren; wer das kann, der verdient nicht das hohe ſeltne Glück einen zu haben. Daß Du Dich zuerſt an Dir ſelbſt vergreifſt, macht die Sache nur ſchlimmer. Sage mir im Ernſt, ſuchſt Du die Tugend in dieſen küh- Lucinde I. S

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Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 273. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/278>, abgerufen am 08.08.2020.