Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite

das meinige war als ich jene Tha-
ten und Werke für das was sie hei-
ßen nahm. Es waren mir nur hei-
lige Sinnbilder, alles Beziehungen
auf die eine Geliebte, die die Mitt-
lerin war zwischen meinem zerstück-
ten Ich und der untheilbaren ewi-
gen Menschheit; das ganze Daseyn
ein steter Gottesdienst einsamer Liebe.

Endlich nahm ich wahr, das sey
nun das lezte. Die Stirn war nicht
mehr glatt und die Locken wurden
bleich. Meine Laufbahn war geen-
digt aber nicht vollendet. Die beste
Kraft des Lebens war dahin und
noch stand die Kunst und die Tu-
gend ewig unerreichbar vor mir.
Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht
beyde in Dir gesehn und vergöttert,

R 2

das meinige war als ich jene Tha-
ten und Werke für das was ſie hei-
ßen nahm. Es waren mir nur hei-
lige Sinnbilder, alles Beziehungen
auf die eine Geliebte, die die Mitt-
lerin war zwiſchen meinem zerſtück-
ten Ich und der untheilbaren ewi-
gen Menſchheit; das ganze Daſeyn
ein ſteter Gottesdienſt einſamer Liebe.

Endlich nahm ich wahr, das ſey
nun das lezte. Die Stirn war nicht
mehr glatt und die Locken wurden
bleich. Meine Laufbahn war geen-
digt aber nicht vollendet. Die beſte
Kraft des Lebens war dahin und
noch ſtand die Kunſt und die Tu-
gend ewig unerreichbar vor mir.
Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht
beyde in Dir geſehn und vergöttert,

R 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0264" n="259"/>
das meinige war als ich jene Tha-<lb/>
ten und Werke für das was &#x017F;ie hei-<lb/>
ßen nahm. Es waren mir nur hei-<lb/>
lige Sinnbilder, alles Beziehungen<lb/>
auf die eine Geliebte, die die Mitt-<lb/>
lerin war zwi&#x017F;chen meinem zer&#x017F;tück-<lb/>
ten Ich und der untheilbaren ewi-<lb/>
gen Men&#x017F;chheit; das ganze Da&#x017F;eyn<lb/>
ein &#x017F;teter Gottesdien&#x017F;t ein&#x017F;amer Liebe.</p><lb/>
            <p>Endlich nahm ich wahr, das &#x017F;ey<lb/>
nun das lezte. Die Stirn war nicht<lb/>
mehr glatt und die Locken wurden<lb/>
bleich. Meine Laufbahn war geen-<lb/>
digt aber nicht vollendet. Die be&#x017F;te<lb/>
Kraft des Lebens war dahin und<lb/>
noch &#x017F;tand die Kun&#x017F;t und die Tu-<lb/>
gend ewig unerreichbar vor mir.<lb/>
Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht<lb/>
beyde in Dir ge&#x017F;ehn und vergöttert,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">R 2</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[259/0264] das meinige war als ich jene Tha- ten und Werke für das was ſie hei- ßen nahm. Es waren mir nur hei- lige Sinnbilder, alles Beziehungen auf die eine Geliebte, die die Mitt- lerin war zwiſchen meinem zerſtück- ten Ich und der untheilbaren ewi- gen Menſchheit; das ganze Daſeyn ein ſteter Gottesdienſt einſamer Liebe. Endlich nahm ich wahr, das ſey nun das lezte. Die Stirn war nicht mehr glatt und die Locken wurden bleich. Meine Laufbahn war geen- digt aber nicht vollendet. Die beſte Kraft des Lebens war dahin und noch ſtand die Kunſt und die Tu- gend ewig unerreichbar vor mir. Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht beyde in Dir geſehn und vergöttert, R 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Darüber hinaus sind keine weiteren Teile erschien… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/264
Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 259. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/264>, abgerufen am 05.08.2020.