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Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

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Seit dem letzten Briefe deiner
Schwester -- es sind nun drei Ta-
ge -- habe ich die Schmerzen eines
ganzen Menschenlebens gefühlt, von
dem Sonnenlicht der glühenden Ju-
gend, bis zum blassen Mondschein
des weißen Alters.

Jeder kleine Umstand, den sie
mir von deiner Krankheit schrieb,
bestätigte mich, mit dem was ich in
der vorigen von dem Arzt gehört
und selbst beobachtet hatte, in dem
Gedanken, sie sey weit gefährlicher,
als ihr wüßtet, ja eigentlich nicht
mehr gefährlich, sondern entschieden.
In diesen Gedanken verloren, alle
Kräfte durch die Unmöglichkeit, aus
der weiten Ferne zu dir zu eilen,
gelähmt, war mein Zustand wirklich

Seit dem letzten Briefe deiner
Schweſter — es ſind nun drei Ta-
ge — habe ich die Schmerzen eines
ganzen Menſchenlebens gefühlt, von
dem Sonnenlicht der glühenden Ju-
gend, bis zum blaſſen Mondſchein
des weißen Alters.

Jeder kleine Umſtand, den ſie
mir von deiner Krankheit ſchrieb,
beſtätigte mich, mit dem was ich in
der vorigen von dem Arzt gehört
und ſelbſt beobachtet hatte, in dem
Gedanken, ſie ſey weit gefährlicher,
als ihr wüßtet, ja eigentlich nicht
mehr gefährlich, ſondern entſchieden.
In dieſen Gedanken verloren, alle
Kräfte durch die Unmöglichkeit, aus
der weiten Ferne zu dir zu eilen,
gelähmt, war mein Zuſtand wirklich

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[250/0255] Seit dem letzten Briefe deiner Schweſter — es ſind nun drei Ta- ge — habe ich die Schmerzen eines ganzen Menſchenlebens gefühlt, von dem Sonnenlicht der glühenden Ju- gend, bis zum blaſſen Mondſchein des weißen Alters. Jeder kleine Umſtand, den ſie mir von deiner Krankheit ſchrieb, beſtätigte mich, mit dem was ich in der vorigen von dem Arzt gehört und ſelbſt beobachtet hatte, in dem Gedanken, ſie ſey weit gefährlicher, als ihr wüßtet, ja eigentlich nicht mehr gefährlich, ſondern entſchieden. In dieſen Gedanken verloren, alle Kräfte durch die Unmöglichkeit, aus der weiten Ferne zu dir zu eilen, gelähmt, war mein Zuſtand wirklich

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Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 250. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/255>, abgerufen am 05.08.2020.