Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite

weder allgemeine Zweifel noch eigne
Furcht. Denn ich glaubte einen tie-
fen Blick in das Verborgne der Na-
tur zu thun; ich fühlte, daß alles
ewig lebe und daß der Tod auch
freundlich sey und nur eine Täu-
schung. Doch dachte ich daran ei-
gentlich nicht sehr, wenigstens zum
Gliedern und Zergliedern der Be-
griffe war ich nicht sonderlich ge-
stimmt. Aber gern und tief verlor
ich mich in alle die Vermischungen
und Verschlingungen von Freude und
Schmerz, aus denen die Würze des
Lebens und die Blüthe der Empfin-
dung hervorgeht, die geistige Wollust
wie die sinnliche Seligkeit. Ein fei-
nes Feuer strömte durch meine Adern;
was ich träumte, war nicht etwa

weder allgemeine Zweifel noch eigne
Furcht. Denn ich glaubte einen tie-
fen Blick in das Verborgne der Na-
tur zu thun; ich fühlte, daß alles
ewig lebe und daß der Tod auch
freundlich ſey und nur eine Täu-
ſchung. Doch dachte ich daran ei-
gentlich nicht ſehr, wenigſtens zum
Gliedern und Zergliedern der Be-
griffe war ich nicht ſonderlich ge-
ſtimmt. Aber gern und tief verlor
ich mich in alle die Vermiſchungen
und Verſchlingungen von Freude und
Schmerz, aus denen die Würze des
Lebens und die Blüthe der Empfin-
dung hervorgeht, die geiſtige Wolluſt
wie die ſinnliche Seligkeit. Ein fei-
nes Feuer ſtrömte durch meine Adern;
was ich träumte, war nicht etwa

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0012" n="7"/>
weder allgemeine Zweifel noch eigne<lb/>
Furcht. Denn ich glaubte einen tie-<lb/>
fen Blick in das Verborgne der Na-<lb/>
tur zu thun; ich fühlte, daß alles<lb/>
ewig lebe und daß der Tod auch<lb/>
freundlich &#x017F;ey und nur eine Täu-<lb/>
&#x017F;chung. Doch dachte ich daran ei-<lb/>
gentlich nicht &#x017F;ehr, wenig&#x017F;tens zum<lb/>
Gliedern und Zergliedern der Be-<lb/>
griffe war ich nicht &#x017F;onderlich ge-<lb/>
&#x017F;timmt. Aber gern und tief verlor<lb/>
ich mich in alle die Vermi&#x017F;chungen<lb/>
und Ver&#x017F;chlingungen von Freude und<lb/>
Schmerz, aus denen die Würze des<lb/>
Lebens und die Blüthe der Empfin-<lb/>
dung hervorgeht, die gei&#x017F;tige Wollu&#x017F;t<lb/>
wie die &#x017F;innliche Seligkeit. Ein fei-<lb/>
nes Feuer &#x017F;trömte durch meine Adern;<lb/>
was ich träumte, war nicht etwa<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[7/0012] weder allgemeine Zweifel noch eigne Furcht. Denn ich glaubte einen tie- fen Blick in das Verborgne der Na- tur zu thun; ich fühlte, daß alles ewig lebe und daß der Tod auch freundlich ſey und nur eine Täu- ſchung. Doch dachte ich daran ei- gentlich nicht ſehr, wenigſtens zum Gliedern und Zergliedern der Be- griffe war ich nicht ſonderlich ge- ſtimmt. Aber gern und tief verlor ich mich in alle die Vermiſchungen und Verſchlingungen von Freude und Schmerz, aus denen die Würze des Lebens und die Blüthe der Empfin- dung hervorgeht, die geiſtige Wolluſt wie die ſinnliche Seligkeit. Ein fei- nes Feuer ſtrömte durch meine Adern; was ich träumte, war nicht etwa

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Darüber hinaus sind keine weiteren Teile erschien… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/12
Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/12>, abgerufen am 23.08.2019.