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Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799.

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so gesprochen als hieltest du uns zur
Freundschaft unfähig. Ist das wirk-
lich deine Meinung? -- Ja! aber
die Unfähigkeit, glaube ich, liegt
mehr in der Freundschaft als in euch.
Ihr liebt alles was ihr liebt ganz,
wie den Geliebten und das Kind.
Diesen Charakter würde selbst ein
schwesterliches Verhältniß bey euch
annehmen. -- Darin hast du Recht.
-- Die Freundschaft ist für euch zu
vielseitig und zu einseitig. Sie muß
ganz geistig seyn und durchaus be-
stimmte Gränzen haben. Diese Ab-
sonderung würde euer Wesen nur
auf eine feinere Art eben so vollkom-
men zerstören wie bloße Sinnlichkeit
ohne Liebe. Für die Gesellschaft
aber ist sie zu ernst, zu tief und zu

Lucinde I. H

ſo geſprochen als hielteſt du uns zur
Freundſchaft unfähig. Iſt das wirk-
lich deine Meinung? — Ja! aber
die Unfähigkeit, glaube ich, liegt
mehr in der Freundſchaft als in euch.
Ihr liebt alles was ihr liebt ganz,
wie den Geliebten und das Kind.
Dieſen Charakter würde ſelbſt ein
ſchweſterliches Verhältniß bey euch
annehmen. — Darin haſt du Recht.
— Die Freundſchaft iſt für euch zu
vielſeitig und zu einſeitig. Sie muß
ganz geiſtig ſeyn und durchaus be-
ſtimmte Gränzen haben. Dieſe Ab-
ſonderung würde euer Weſen nur
auf eine feinere Art eben ſo vollkom-
men zerſtören wie bloße Sinnlichkeit
ohne Liebe. Für die Geſellſchaft
aber iſt ſie zu ernſt, zu tief und zu

Lucinde I. H
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[113/0118] ſo geſprochen als hielteſt du uns zur Freundſchaft unfähig. Iſt das wirk- lich deine Meinung? — Ja! aber die Unfähigkeit, glaube ich, liegt mehr in der Freundſchaft als in euch. Ihr liebt alles was ihr liebt ganz, wie den Geliebten und das Kind. Dieſen Charakter würde ſelbſt ein ſchweſterliches Verhältniß bey euch annehmen. — Darin haſt du Recht. — Die Freundſchaft iſt für euch zu vielſeitig und zu einſeitig. Sie muß ganz geiſtig ſeyn und durchaus be- ſtimmte Gränzen haben. Dieſe Ab- ſonderung würde euer Weſen nur auf eine feinere Art eben ſo vollkom- men zerſtören wie bloße Sinnlichkeit ohne Liebe. Für die Geſellſchaft aber iſt ſie zu ernſt, zu tief und zu Lucinde I. H

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Zitationshilfe: Schlegel, Friedrich von: Lucinde. Berlin, 1799, S. 113. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_lucinde_1799/118>, abgerufen am 18.09.2019.