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Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 2. Halle, 1791.

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zum andern aufgeschoben, und wäre vielleicht noch
niemals ausgeführt worden, wenn nicht die Ver-
zweiflung über das, was den Entschluß zuerst er-
zeugte, und die Angst nach gefaßtem Entschluß
das Herz so sehr zerrütteten, daß bejammerns-
würdige Wuth an die Stelle der Ueberlegung
und Besonnenheit und Unnatürlichkeit an die
Stelle der Natur tritt.

Jch kannte einen solchen Unglücklichen, der
den Entschluß genommen hatte, sich das Leben zu
nehmen, weil er die Entdeckung eines Defekts
bey der ihm übergebnen Casse und aus dieser
Schande und Beschimpfung fürchtete. Er glaub-
te alles versucht zu haben, was ihm in dieser Noth
helfen konnte; aber es war vergeblich gewesen:
und nun faßte denn die Verzweiflung den Vorsatz
des Selbstmords. -- Man las vorzüglich an
dem Tage vor der Ausführung seines Vorsatzes
in seinem Angesicht, daß schwarze Gedanken in
seiner Seele waren -- eine ängstlich machende
Unruhe und Verwirrtheit hatte sich über sein gan-
zes Betragen ausgebreitet, er wäre so gern vor
sich selbst geflohen, und konnte doch nicht. Er
ging noch am Abend vorher in ein öffentliches
Haus, welches er öfters zu besuchen pflegte, mit
dem geheimen Wunsche, daß er doch auch itzt
daselbst die schwarzen Wolken, die sich um sein
Herz gedrängt hatten, zerstreuen möchte, wie es

sonst

zum andern aufgeſchoben, und waͤre vielleicht noch
niemals ausgefuͤhrt worden, wenn nicht die Ver-
zweiflung uͤber das, was den Entſchluß zuerſt er-
zeugte, und die Angſt nach gefaßtem Entſchluß
das Herz ſo ſehr zerruͤtteten, daß bejammerns-
wuͤrdige Wuth an die Stelle der Ueberlegung
und Beſonnenheit und Unnatuͤrlichkeit an die
Stelle der Natur tritt.

Jch kannte einen ſolchen Ungluͤcklichen, der
den Entſchluß genommen hatte, ſich das Leben zu
nehmen, weil er die Entdeckung eines Defekts
bey der ihm uͤbergebnen Caſſe und aus dieſer
Schande und Beſchimpfung fuͤrchtete. Er glaub-
te alles verſucht zu haben, was ihm in dieſer Noth
helfen konnte; aber es war vergeblich geweſen:
und nun faßte denn die Verzweiflung den Vorſatz
des Selbſtmords. — Man las vorzuͤglich an
dem Tage vor der Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes
in ſeinem Angeſicht, daß ſchwarze Gedanken in
ſeiner Seele waren — eine aͤngſtlich machende
Unruhe und Verwirrtheit hatte ſich uͤber ſein gan-
zes Betragen ausgebreitet, er waͤre ſo gern vor
ſich ſelbſt geflohen, und konnte doch nicht. Er
ging noch am Abend vorher in ein oͤffentliches
Haus, welches er oͤfters zu beſuchen pflegte, mit
dem geheimen Wunſche, daß er doch auch itzt
daſelbſt die ſchwarzen Wolken, die ſich um ſein
Herz gedraͤngt hatten, zerſtreuen moͤchte, wie es

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[322/0038] zum andern aufgeſchoben, und waͤre vielleicht noch niemals ausgefuͤhrt worden, wenn nicht die Ver- zweiflung uͤber das, was den Entſchluß zuerſt er- zeugte, und die Angſt nach gefaßtem Entſchluß das Herz ſo ſehr zerruͤtteten, daß bejammerns- wuͤrdige Wuth an die Stelle der Ueberlegung und Beſonnenheit und Unnatuͤrlichkeit an die Stelle der Natur tritt. Jch kannte einen ſolchen Ungluͤcklichen, der den Entſchluß genommen hatte, ſich das Leben zu nehmen, weil er die Entdeckung eines Defekts bey der ihm uͤbergebnen Caſſe und aus dieſer Schande und Beſchimpfung fuͤrchtete. Er glaub- te alles verſucht zu haben, was ihm in dieſer Noth helfen konnte; aber es war vergeblich geweſen: und nun faßte denn die Verzweiflung den Vorſatz des Selbſtmords. — Man las vorzuͤglich an dem Tage vor der Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes in ſeinem Angeſicht, daß ſchwarze Gedanken in ſeiner Seele waren — eine aͤngſtlich machende Unruhe und Verwirrtheit hatte ſich uͤber ſein gan- zes Betragen ausgebreitet, er waͤre ſo gern vor ſich ſelbſt geflohen, und konnte doch nicht. Er ging noch am Abend vorher in ein oͤffentliches Haus, welches er oͤfters zu beſuchen pflegte, mit dem geheimen Wunſche, daß er doch auch itzt daſelbſt die ſchwarzen Wolken, die ſich um ſein Herz gedraͤngt hatten, zerſtreuen moͤchte, wie es ſonſt

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Zitationshilfe: Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 2. Halle, 1791, S. 322. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche02_1791/38>, abgerufen am 26.06.2019.