Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 1. Halle, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite

Jch würde antworten: Derjenige Körper, dessen
Veränderungen meine Veränderungen sind, ist
mein Körper, und der Ort desselben ist zugleich
mein Ort. Setzet man die Frage weiter fort,
wo ist denn dein Ort (der Seele) in diesem Kör-
per? so würde ich etwas Verfängliches in dieser
Frage vermuthen. Denn man bemerkt leicht, daß
darin etwas schon vorausgesetzt werde, was nicht
durch Erfahrung bekannt ist, sondern vielleicht
auf eingebildeten Schlüssen beruht; nemlich, daß
mein denkendes Jch in einem Orte sey, der von
den Oertern andrer Theile desjenigen Körpers, die
zu meinem Selbst gehören, unterschieden wäre.
Niemand aber ist sich eines besondern Orts in sei-
nem Körper unmittelbar bewußt, sondern desje-
nigen, den er als Mensch in Ansehung der Welt
umher einnimmt. Jch würde mich also an der
gemeinen Erfahrung halten und vorläufig sagen:
wo ich empfinde, da bin ich. Jch bin eben so
unmittelbar in der Fingerspitze wie in dem Kopfe.
Jch bin es selbst, der in der Ferse leidet und wel-
chem das Herz im Affekte klopft. Jch fühle den
schmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnner-
ve, wenn mich mein Leichdorn peinigt, sondern
am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt
mich einige Theile meiner Empfindung, von mir
für entfernt zu halten, mein untheilbares Jch in
ein mikroskopisch kleines Plätzchen des Gehirnes

zu
A 5

Jch wuͤrde antworten: Derjenige Koͤrper, deſſen
Veraͤnderungen meine Veraͤnderungen ſind, iſt
mein Koͤrper, und der Ort deſſelben iſt zugleich
mein Ort. Setzet man die Frage weiter fort,
wo iſt denn dein Ort (der Seele) in dieſem Koͤr-
per? ſo wuͤrde ich etwas Verfaͤngliches in dieſer
Frage vermuthen. Denn man bemerkt leicht, daß
darin etwas ſchon vorausgeſetzt werde, was nicht
durch Erfahrung bekannt iſt, ſondern vielleicht
auf eingebildeten Schluͤſſen beruht; nemlich, daß
mein denkendes Jch in einem Orte ſey, der von
den Oertern andrer Theile desjenigen Koͤrpers, die
zu meinem Selbſt gehoͤren, unterſchieden waͤre.
Niemand aber iſt ſich eines beſondern Orts in ſei-
nem Koͤrper unmittelbar bewußt, ſondern desje-
nigen, den er als Menſch in Anſehung der Welt
umher einnimmt. Jch wuͤrde mich alſo an der
gemeinen Erfahrung halten und vorlaͤufig ſagen:
wo ich empfinde, da bin ich. Jch bin eben ſo
unmittelbar in der Fingerſpitze wie in dem Kopfe.
Jch bin es ſelbſt, der in der Ferſe leidet und wel-
chem das Herz im Affekte klopft. Jch fuͤhle den
ſchmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnner-
ve, wenn mich mein Leichdorn peinigt, ſondern
am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt
mich einige Theile meiner Empfindung, von mir
fuͤr entfernt zu halten, mein untheilbares Jch in
ein mikroſkopiſch kleines Plaͤtzchen des Gehirnes

zu
A 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0033" n="9"/>
Jch wu&#x0364;rde antworten: Derjenige Ko&#x0364;rper, de&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Vera&#x0364;nderungen <hi rendition="#b">meine</hi> Vera&#x0364;nderungen &#x017F;ind, i&#x017F;t<lb/><hi rendition="#b">mein</hi> Ko&#x0364;rper, und der Ort de&#x017F;&#x017F;elben i&#x017F;t zugleich<lb/><hi rendition="#b">mein</hi> Ort. Setzet man die Frage weiter fort,<lb/>
wo i&#x017F;t denn <hi rendition="#b">dein</hi> Ort (der Seele) in die&#x017F;em Ko&#x0364;r-<lb/>
per? &#x017F;o wu&#x0364;rde ich etwas Verfa&#x0364;ngliches in die&#x017F;er<lb/>
Frage vermuthen. Denn man bemerkt leicht, daß<lb/>
darin etwas &#x017F;chon vorausge&#x017F;etzt werde, was nicht<lb/>
durch Erfahrung bekannt i&#x017F;t, &#x017F;ondern vielleicht<lb/>
auf eingebildeten Schlu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en beruht; nemlich, daß<lb/>
mein denkendes Jch in einem Orte &#x017F;ey, der von<lb/>
den Oertern andrer Theile desjenigen Ko&#x0364;rpers, die<lb/>
zu meinem Selb&#x017F;t geho&#x0364;ren, unter&#x017F;chieden wa&#x0364;re.<lb/>
Niemand aber i&#x017F;t &#x017F;ich eines be&#x017F;ondern Orts in &#x017F;ei-<lb/>
nem Ko&#x0364;rper unmittelbar bewußt, &#x017F;ondern desje-<lb/>
nigen, den er als Men&#x017F;ch in An&#x017F;ehung der Welt<lb/>
umher einnimmt. Jch wu&#x0364;rde mich al&#x017F;o an der<lb/>
gemeinen Erfahrung halten und vorla&#x0364;ufig &#x017F;agen:<lb/>
wo ich empfinde, da <hi rendition="#b">bin</hi> ich. Jch bin eben &#x017F;o<lb/>
unmittelbar in der Finger&#x017F;pitze wie in dem Kopfe.<lb/>
Jch bin es &#x017F;elb&#x017F;t, der in der Fer&#x017F;e leidet und wel-<lb/>
chem das Herz im Affekte klopft. Jch fu&#x0364;hle den<lb/>
&#x017F;chmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnner-<lb/>
ve, wenn mich mein Leichdorn peinigt, &#x017F;ondern<lb/>
am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt<lb/>
mich einige Theile meiner Empfindung, von mir<lb/>
fu&#x0364;r entfernt zu halten, mein untheilbares Jch in<lb/>
ein mikro&#x017F;kopi&#x017F;ch kleines Pla&#x0364;tzchen des Gehirnes<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">A 5</fw><fw place="bottom" type="catch">zu</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[9/0033] Jch wuͤrde antworten: Derjenige Koͤrper, deſſen Veraͤnderungen meine Veraͤnderungen ſind, iſt mein Koͤrper, und der Ort deſſelben iſt zugleich mein Ort. Setzet man die Frage weiter fort, wo iſt denn dein Ort (der Seele) in dieſem Koͤr- per? ſo wuͤrde ich etwas Verfaͤngliches in dieſer Frage vermuthen. Denn man bemerkt leicht, daß darin etwas ſchon vorausgeſetzt werde, was nicht durch Erfahrung bekannt iſt, ſondern vielleicht auf eingebildeten Schluͤſſen beruht; nemlich, daß mein denkendes Jch in einem Orte ſey, der von den Oertern andrer Theile desjenigen Koͤrpers, die zu meinem Selbſt gehoͤren, unterſchieden waͤre. Niemand aber iſt ſich eines beſondern Orts in ſei- nem Koͤrper unmittelbar bewußt, ſondern desje- nigen, den er als Menſch in Anſehung der Welt umher einnimmt. Jch wuͤrde mich alſo an der gemeinen Erfahrung halten und vorlaͤufig ſagen: wo ich empfinde, da bin ich. Jch bin eben ſo unmittelbar in der Fingerſpitze wie in dem Kopfe. Jch bin es ſelbſt, der in der Ferſe leidet und wel- chem das Herz im Affekte klopft. Jch fuͤhle den ſchmerzhaften Eindruck nicht an einer Gehirnner- ve, wenn mich mein Leichdorn peinigt, ſondern am Ende meiner Zehen. Keine Erfahrung lehrt mich einige Theile meiner Empfindung, von mir fuͤr entfernt zu halten, mein untheilbares Jch in ein mikroſkopiſch kleines Plaͤtzchen des Gehirnes zu A 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche01_1791
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche01_1791/33
Zitationshilfe: Schaumann, Johann Christian Gottlieb: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Bd. 1. Halle, 1791, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schaumann_psyche01_1791/33>, abgerufen am 17.10.2019.