Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 2. Leipzig, 1784.

Bild:
<< vorherige Seite

durch die Bekanntschaft mit der Welt erlangt;
seine Gespräche wußte er durch eingestreute Anek-
doten, kleine Erzählungen und treffende Anmer-
kungen anziehend zu machen. Man ward nie
müde ihn zu hören, und seine Unterredungen
nahmen fast immer eine ernsthafte Wendung.
Er war höflich ohne Ceremonie, heiter ohne
Ausgelassenheit, anständig ohne Zwang, und
freymüthig ohne Unbescheidenheit. Rang, Ti-
tel und Reichthümer machten keinen Eindruck
auf sein Herz, und man ward es bald gewahr,
daß er im Umgange mit den Großen nie seine
menschliche und christliche Würde verleugnete.
Je mehr man ihn sah und sprechen hörte, je mehr
mußte man ihn hochachten und liebgewinnen.
Er erkundigte sich nach allem, bemerkte alles mit
dem feinsten Beobachtungsgeiste, und mußte von
allem, was er sah und bemerkte, einen schnellen
Gebrauch zu machen. Häufige Beyspiele davon
findet man in seinen Schriften. Er deklamirte
vortreflich, und muß als Redner große Wirkung
hervorgebracht haben. In Wien hörte man
ihn mit Entzücken, und seine neuerlich herausge-
kommenen Predigten enthalten herrliche Stellen.
Von Mosheim war er ein großer Verehrer,
und war für die magern und von allem redneri-

schen

durch die Bekanntſchaft mit der Welt erlangt;
ſeine Geſpraͤche wußte er durch eingeſtreute Anek-
doten, kleine Erzaͤhlungen und treffende Anmer-
kungen anziehend zu machen. Man ward nie
muͤde ihn zu hoͤren, und ſeine Unterredungen
nahmen faſt immer eine ernſthafte Wendung.
Er war hoͤflich ohne Ceremonie, heiter ohne
Ausgelaſſenheit, anſtaͤndig ohne Zwang, und
freymuͤthig ohne Unbeſcheidenheit. Rang, Ti-
tel und Reichthuͤmer machten keinen Eindruck
auf ſein Herz, und man ward es bald gewahr,
daß er im Umgange mit den Großen nie ſeine
menſchliche und chriſtliche Wuͤrde verleugnete.
Je mehr man ihn ſah und ſprechen hoͤrte, je mehr
mußte man ihn hochachten und liebgewinnen.
Er erkundigte ſich nach allem, bemerkte alles mit
dem feinſten Beobachtungsgeiſte, und mußte von
allem, was er ſah und bemerkte, einen ſchnellen
Gebrauch zu machen. Haͤufige Beyſpiele davon
findet man in ſeinen Schriften. Er deklamirte
vortreflich, und muß als Redner große Wirkung
hervorgebracht haben. In Wien hoͤrte man
ihn mit Entzuͤcken, und ſeine neuerlich herausge-
kommenen Predigten enthalten herrliche Stellen.
Von Mosheim war er ein großer Verehrer,
und war fuͤr die magern und von allem redneri-

ſchen
<TEI>
  <text>
    <front>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0028" n="XXII"/>
durch die Bekannt&#x017F;chaft mit der Welt erlangt;<lb/>
&#x017F;eine Ge&#x017F;pra&#x0364;che wußte er durch einge&#x017F;treute Anek-<lb/>
doten, kleine Erza&#x0364;hlungen und treffende Anmer-<lb/>
kungen anziehend zu machen. Man ward nie<lb/>
mu&#x0364;de ihn zu ho&#x0364;ren, und &#x017F;eine Unterredungen<lb/>
nahmen fa&#x017F;t immer eine ern&#x017F;thafte Wendung.<lb/>
Er war ho&#x0364;flich ohne Ceremonie, heiter ohne<lb/>
Ausgela&#x017F;&#x017F;enheit, an&#x017F;ta&#x0364;ndig ohne Zwang, und<lb/>
freymu&#x0364;thig ohne Unbe&#x017F;cheidenheit. Rang, Ti-<lb/>
tel und Reichthu&#x0364;mer machten keinen Eindruck<lb/>
auf &#x017F;ein Herz, und man ward es bald gewahr,<lb/>
daß er im Umgange mit den Großen nie &#x017F;eine<lb/>
men&#x017F;chliche und chri&#x017F;tliche Wu&#x0364;rde verleugnete.<lb/>
Je mehr man ihn &#x017F;ah und &#x017F;prechen ho&#x0364;rte, je mehr<lb/>
mußte man ihn hochachten und liebgewinnen.<lb/>
Er erkundigte &#x017F;ich nach allem, bemerkte alles mit<lb/>
dem fein&#x017F;ten Beobachtungsgei&#x017F;te, und mußte von<lb/>
allem, was er &#x017F;ah und bemerkte, einen &#x017F;chnellen<lb/>
Gebrauch zu machen. Ha&#x0364;ufige Bey&#x017F;piele davon<lb/>
findet man in &#x017F;einen Schriften. Er deklamirte<lb/>
vortreflich, und muß als Redner große Wirkung<lb/>
hervorgebracht haben. In <hi rendition="#fr">Wien</hi> ho&#x0364;rte man<lb/>
ihn mit Entzu&#x0364;cken, und &#x017F;eine neuerlich herausge-<lb/>
kommenen Predigten enthalten herrliche Stellen.<lb/>
Von <hi rendition="#fr">Mosheim</hi> war er ein großer Verehrer,<lb/>
und war fu&#x0364;r die magern und von allem redneri-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;chen</fw><lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[XXII/0028] durch die Bekanntſchaft mit der Welt erlangt; ſeine Geſpraͤche wußte er durch eingeſtreute Anek- doten, kleine Erzaͤhlungen und treffende Anmer- kungen anziehend zu machen. Man ward nie muͤde ihn zu hoͤren, und ſeine Unterredungen nahmen faſt immer eine ernſthafte Wendung. Er war hoͤflich ohne Ceremonie, heiter ohne Ausgelaſſenheit, anſtaͤndig ohne Zwang, und freymuͤthig ohne Unbeſcheidenheit. Rang, Ti- tel und Reichthuͤmer machten keinen Eindruck auf ſein Herz, und man ward es bald gewahr, daß er im Umgange mit den Großen nie ſeine menſchliche und chriſtliche Wuͤrde verleugnete. Je mehr man ihn ſah und ſprechen hoͤrte, je mehr mußte man ihn hochachten und liebgewinnen. Er erkundigte ſich nach allem, bemerkte alles mit dem feinſten Beobachtungsgeiſte, und mußte von allem, was er ſah und bemerkte, einen ſchnellen Gebrauch zu machen. Haͤufige Beyſpiele davon findet man in ſeinen Schriften. Er deklamirte vortreflich, und muß als Redner große Wirkung hervorgebracht haben. In Wien hoͤrte man ihn mit Entzuͤcken, und ſeine neuerlich herausge- kommenen Predigten enthalten herrliche Stellen. Von Mosheim war er ein großer Verehrer, und war fuͤr die magern und von allem redneri- ſchen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Erst ein Jahr nach dem Tod Heinrich Sanders wird … [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784/28
Zitationshilfe: Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 2. Leipzig, 1784, S. XXII. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784/28>, abgerufen am 21.08.2019.