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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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gewesen, wo aber die Franzosen nicht Schuld daran
waren, sondern die Mutter Lages, und ich bin sieb¬
zehnjährig gewesen damals, und mein Vater ist mit
mir nach der Weser, wo er einen Bruder in Minden
gehabt hat; aber wir sind nicht hereingekommen in die
Stadt. Der gute Herzog Ferdinand hat schon davor
gelegen mit seinen Völkern und Kanonen und hat sie
auch eingenommen und ist nach seiner Art viel zu gut
gegen die fremden Schub- und Ruppsäcke gewesen. Aber
mein Vater ist am Fieber am Wege liegen geblieben
und gestorben; und mich hat der Herzog im Vorbei¬
reiten nach Lübbeke bei ihm sitzen gefunden und seinen
Schimmel angehalten und mich gefragt: wer ich wäre.
Da habe ich ihm Alles gesagt, und da hat er den
Kopf geschüttelt und gesagt: Armes Ding! und hat in
seine Tasche gegriffen und noch einmal ein betrübtes
Gesicht gemacht und die Herren die bei ihm gewesen
sind, gefragt: wer von ihnen Geld bei sich hätte. Es
hat Keiner was gehabt, und da hat er sich diesen Knopf
vom Rocke gerissen und ihn mir vom Pferd gegeben
und gesagt: Den bringe mir nach Braunschweig auf
das kleine Mosthaus, wenn wir Zwei heil durch dieses
Elend kommen!"

Und Wieschen griff ebenfalls unter ihren Rock in
die Tasche im Unterrock und legte dem Magister Buchius
auf seinen Tisch neben dem Kreidestrich, der die Weser
bedeutete, den silbernen Knopf, welchen sich der weich¬
herzige tapfere Kriegsfürst, weil er nichts anderes bei

geweſen, wo aber die Franzoſen nicht Schuld daran
waren, ſondern die Mutter Lages, und ich bin ſieb¬
zehnjährig geweſen damals, und mein Vater iſt mit
mir nach der Weſer, wo er einen Bruder in Minden
gehabt hat; aber wir ſind nicht hereingekommen in die
Stadt. Der gute Herzog Ferdinand hat ſchon davor
gelegen mit ſeinen Völkern und Kanonen und hat ſie
auch eingenommen und iſt nach ſeiner Art viel zu gut
gegen die fremden Schub- und Ruppſäcke geweſen. Aber
mein Vater iſt am Fieber am Wege liegen geblieben
und geſtorben; und mich hat der Herzog im Vorbei¬
reiten nach Lübbeke bei ihm ſitzen gefunden und ſeinen
Schimmel angehalten und mich gefragt: wer ich wäre.
Da habe ich ihm Alles geſagt, und da hat er den
Kopf geſchüttelt und geſagt: Armes Ding! und hat in
ſeine Taſche gegriffen und noch einmal ein betrübtes
Geſicht gemacht und die Herren die bei ihm geweſen
ſind, gefragt: wer von ihnen Geld bei ſich hätte. Es
hat Keiner was gehabt, und da hat er ſich dieſen Knopf
vom Rocke geriſſen und ihn mir vom Pferd gegeben
und geſagt: Den bringe mir nach Braunſchweig auf
das kleine Moſthaus, wenn wir Zwei heil durch dieſes
Elend kommen!“

Und Wieſchen griff ebenfalls unter ihren Rock in
die Taſche im Unterrock und legte dem Magiſter Buchius
auf ſeinen Tiſch neben dem Kreideſtrich, der die Weſer
bedeutete, den ſilbernen Knopf, welchen ſich der weich¬
herzige tapfere Kriegsfürſt, weil er nichts anderes bei

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[69/0077] geweſen, wo aber die Franzoſen nicht Schuld daran waren, ſondern die Mutter Lages, und ich bin ſieb¬ zehnjährig geweſen damals, und mein Vater iſt mit mir nach der Weſer, wo er einen Bruder in Minden gehabt hat; aber wir ſind nicht hereingekommen in die Stadt. Der gute Herzog Ferdinand hat ſchon davor gelegen mit ſeinen Völkern und Kanonen und hat ſie auch eingenommen und iſt nach ſeiner Art viel zu gut gegen die fremden Schub- und Ruppſäcke geweſen. Aber mein Vater iſt am Fieber am Wege liegen geblieben und geſtorben; und mich hat der Herzog im Vorbei¬ reiten nach Lübbeke bei ihm ſitzen gefunden und ſeinen Schimmel angehalten und mich gefragt: wer ich wäre. Da habe ich ihm Alles geſagt, und da hat er den Kopf geſchüttelt und geſagt: Armes Ding! und hat in ſeine Taſche gegriffen und noch einmal ein betrübtes Geſicht gemacht und die Herren die bei ihm geweſen ſind, gefragt: wer von ihnen Geld bei ſich hätte. Es hat Keiner was gehabt, und da hat er ſich dieſen Knopf vom Rocke geriſſen und ihn mir vom Pferd gegeben und geſagt: Den bringe mir nach Braunſchweig auf das kleine Moſthaus, wenn wir Zwei heil durch dieſes Elend kommen!“ Und Wieſchen griff ebenfalls unter ihren Rock in die Taſche im Unterrock und legte dem Magiſter Buchius auf ſeinen Tiſch neben dem Kreideſtrich, der die Weſer bedeutete, den ſilbernen Knopf, welchen ſich der weich¬ herzige tapfere Kriegsfürſt, weil er nichts anderes bei

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/77>, abgerufen am 05.08.2020.