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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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man wohl vergessen in dieser Zeit und nach dem Tage,
wie man ihn sich gefallen lassen soll von Tage zu Tage.
Das wäre aber nun wohl die letzte Höflichkeit in Kloster
Amelungsborn, und nun, Wieschen, sieh mich nicht so
erbärmlich an, es hilft uns Beiden zu nichts. Und
weil ich mich auf der Karte doch wohl nicht mit Seiner
besten Hülfe zurecht finden kann, Herr Magister, habe
ich Ihm gleich ein Stück Kreiden mitgebracht. Da!"

Er hatte schon während seiner verworrenen Red¬
nerei in der Tasche gesucht und legte jetzt wirklich dem
alten gelehrten Herrn ein Stück Kreide auf den Tisch
vor die erstaunten Augen.

"Ja, wenn Er mir sagen will, Schelze, was ich
hiermit soll --"

"Ja, Heinrich, jetzt sag's dem Herrn Magister nur
selber in Deiner Unsinnigkeit, was er damit soll!"
schluchzte Wieschen darein.

"Die Welthistorie soll Er mir damit auf den Tisch
malen. Den Weg soll Er mir hier auf den Tisch malen,
den Weg zum guten Herzog Ferdinand."

Er zog jetzt mit seiner Kreide einen Strich über
den Tisch.

"Da fließt die Weser. Hier, wo der Brotlaib liegt,
ist der Solling. Da über den Häring weg brechen
die Franschen wieder ein aus dem Göttingen'schen, das
weiß Jeder und der Stocktaubste hat's aus dem Geheul
heute wieder heraushören können. Aber nun da drüben
um Seinen Suppenpott ist das Westfälische, und

man wohl vergeſſen in dieſer Zeit und nach dem Tage,
wie man ihn ſich gefallen laſſen ſoll von Tage zu Tage.
Das wäre aber nun wohl die letzte Höflichkeit in Kloſter
Amelungsborn, und nun, Wieſchen, ſieh mich nicht ſo
erbärmlich an, es hilft uns Beiden zu nichts. Und
weil ich mich auf der Karte doch wohl nicht mit Seiner
beſten Hülfe zurecht finden kann, Herr Magiſter, habe
ich Ihm gleich ein Stück Kreiden mitgebracht. Da!“

Er hatte ſchon während ſeiner verworrenen Red¬
nerei in der Taſche geſucht und legte jetzt wirklich dem
alten gelehrten Herrn ein Stück Kreide auf den Tiſch
vor die erſtaunten Augen.

„Ja, wenn Er mir ſagen will, Schelze, was ich
hiermit ſoll —“

„Ja, Heinrich, jetzt ſag's dem Herrn Magiſter nur
ſelber in Deiner Unſinnigkeit, was er damit ſoll!“
ſchluchzte Wieſchen darein.

„Die Welthiſtorie ſoll Er mir damit auf den Tiſch
malen. Den Weg ſoll Er mir hier auf den Tiſch malen,
den Weg zum guten Herzog Ferdinand.“

Er zog jetzt mit ſeiner Kreide einen Strich über
den Tiſch.

„Da fließt die Weſer. Hier, wo der Brotlaib liegt,
iſt der Solling. Da über den Häring weg brechen
die Franſchen wieder ein aus dem Göttingen'ſchen, das
weiß Jeder und der Stocktaubſte hat's aus dem Geheul
heute wieder heraushören können. Aber nun da drüben
um Seinen Suppenpott iſt das Weſtfäliſche, und

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[63/0071] man wohl vergeſſen in dieſer Zeit und nach dem Tage, wie man ihn ſich gefallen laſſen ſoll von Tage zu Tage. Das wäre aber nun wohl die letzte Höflichkeit in Kloſter Amelungsborn, und nun, Wieſchen, ſieh mich nicht ſo erbärmlich an, es hilft uns Beiden zu nichts. Und weil ich mich auf der Karte doch wohl nicht mit Seiner beſten Hülfe zurecht finden kann, Herr Magiſter, habe ich Ihm gleich ein Stück Kreiden mitgebracht. Da!“ Er hatte ſchon während ſeiner verworrenen Red¬ nerei in der Taſche geſucht und legte jetzt wirklich dem alten gelehrten Herrn ein Stück Kreide auf den Tiſch vor die erſtaunten Augen. „Ja, wenn Er mir ſagen will, Schelze, was ich hiermit ſoll —“ „Ja, Heinrich, jetzt ſag's dem Herrn Magiſter nur ſelber in Deiner Unſinnigkeit, was er damit ſoll!“ ſchluchzte Wieſchen darein. „Die Welthiſtorie ſoll Er mir damit auf den Tiſch malen. Den Weg ſoll Er mir hier auf den Tiſch malen, den Weg zum guten Herzog Ferdinand.“ Er zog jetzt mit ſeiner Kreide einen Strich über den Tiſch. „Da fließt die Weſer. Hier, wo der Brotlaib liegt, iſt der Solling. Da über den Häring weg brechen die Franſchen wieder ein aus dem Göttingen'ſchen, das weiß Jeder und der Stocktaubſte hat's aus dem Geheul heute wieder heraushören können. Aber nun da drüben um Seinen Suppenpott iſt das Weſtfäliſche, und

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 63. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/71>, abgerufen am 05.08.2020.