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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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wird's wohl nicht viel mehr werden in dieser Welt;
aber im Uebrigen geht's ja noch. Sind nun auch an¬
gewiesen auf das Huppen unter Tisch und Bank, auf
das Brosamenlesen aus den Stubenritzen, auf das
Knochensuchen im Kehricht nach dem Jagen in den
Lüften, nach dem großen Schlagen im Gewölk! Kralle
Er mich nicht, Monsieur und tapferer Rittersmann; er
soll's nach Vermögen gut haben beim alten überzähligen
Kollaborator Buchius. Und Sein Theil von dem Fisch¬
lein dort und dem guten Brod soll Er auch haben, ohne
im Unrath mit dem Bettelsack darnach umgehen zu
müssen. Um seinen hängenden Flunk aber müssen wir
Ihm vor Allem eine Binde legen -- barmherziger
Himmel, Luisilla, Wieschen, Jungfer Liese, was fällt
Ihr denn bei? was soll denn dieses bedeuten?"

Der Magister mochte wohl fragen und seinen neuen
Gastfreund wieder zur Erde flattern lassen, ohne für's
Erste nach Verbandzeug für dessen Verwundung sich um¬
zusehen. Er sah zuerst jetzt auf die junge Magd und
zwar betroffen, erstaunt und erschreckt. Das Mädchen
heulte plötzlich gradheraus und brach los wie ein Platz¬
regen, als ob sie die hintergeschluckte Noth und Angst
von Wochen und Jahren in diesem Momente von der
Seele wegspülen wolle.

"Was dies bedeuten soll?" schluchzte sie, und die
Worte kamen wie bei einer Ueberschwemmung wegge¬
schwemmtes Hausgeräth auf dem Strome. "Nach dem
Beest sieht der Herr Magister aus in Seiner Gut¬

wird's wohl nicht viel mehr werden in dieſer Welt;
aber im Uebrigen geht's ja noch. Sind nun auch an¬
gewieſen auf das Huppen unter Tiſch und Bank, auf
das Broſamenleſen aus den Stubenritzen, auf das
Knochenſuchen im Kehricht nach dem Jagen in den
Lüften, nach dem großen Schlagen im Gewölk! Kralle
Er mich nicht, Monſieur und tapferer Rittersmann; er
ſoll's nach Vermögen gut haben beim alten überzähligen
Kollaborator Buchius. Und Sein Theil von dem Fiſch¬
lein dort und dem guten Brod ſoll Er auch haben, ohne
im Unrath mit dem Bettelſack darnach umgehen zu
müſſen. Um ſeinen hängenden Flunk aber müſſen wir
Ihm vor Allem eine Binde legen — barmherziger
Himmel, Luiſilla, Wieſchen, Jungfer Lieſe, was fällt
Ihr denn bei? was ſoll denn dieſes bedeuten?“

Der Magiſter mochte wohl fragen und ſeinen neuen
Gaſtfreund wieder zur Erde flattern laſſen, ohne für's
Erſte nach Verbandzeug für deſſen Verwundung ſich um¬
zuſehen. Er ſah zuerſt jetzt auf die junge Magd und
zwar betroffen, erſtaunt und erſchreckt. Das Mädchen
heulte plötzlich gradheraus und brach los wie ein Platz¬
regen, als ob ſie die hintergeſchluckte Noth und Angſt
von Wochen und Jahren in dieſem Momente von der
Seele wegſpülen wolle.

„Was dies bedeuten ſoll?“ ſchluchzte ſie, und die
Worte kamen wie bei einer Ueberſchwemmung wegge¬
ſchwemmtes Hausgeräth auf dem Strome. „Nach dem
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[59/0067] wird's wohl nicht viel mehr werden in dieſer Welt; aber im Uebrigen geht's ja noch. Sind nun auch an¬ gewieſen auf das Huppen unter Tiſch und Bank, auf das Broſamenleſen aus den Stubenritzen, auf das Knochenſuchen im Kehricht nach dem Jagen in den Lüften, nach dem großen Schlagen im Gewölk! Kralle Er mich nicht, Monſieur und tapferer Rittersmann; er ſoll's nach Vermögen gut haben beim alten überzähligen Kollaborator Buchius. Und Sein Theil von dem Fiſch¬ lein dort und dem guten Brod ſoll Er auch haben, ohne im Unrath mit dem Bettelſack darnach umgehen zu müſſen. Um ſeinen hängenden Flunk aber müſſen wir Ihm vor Allem eine Binde legen — barmherziger Himmel, Luiſilla, Wieſchen, Jungfer Lieſe, was fällt Ihr denn bei? was ſoll denn dieſes bedeuten?“ Der Magiſter mochte wohl fragen und ſeinen neuen Gaſtfreund wieder zur Erde flattern laſſen, ohne für's Erſte nach Verbandzeug für deſſen Verwundung ſich um¬ zuſehen. Er ſah zuerſt jetzt auf die junge Magd und zwar betroffen, erſtaunt und erſchreckt. Das Mädchen heulte plötzlich gradheraus und brach los wie ein Platz¬ regen, als ob ſie die hintergeſchluckte Noth und Angſt von Wochen und Jahren in dieſem Momente von der Seele wegſpülen wolle. „Was dies bedeuten ſoll?“ ſchluchzte ſie, und die Worte kamen wie bei einer Ueberſchwemmung wegge¬ ſchwemmtes Hausgeräth auf dem Strome. „Nach dem Beeſt ſieht der Herr Magiſter aus in Seiner Gut¬

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/67>, abgerufen am 03.08.2020.