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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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zur Thür, um sich zu vergewissern, daß er sie fest
hinter sich zugezogen habe und dann -- dann saß er
auf seinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus
der Rabenschlacht auf dem Gipsboden zwischen seinen
Schnallenschuhen und seufzte wie Einer, der schwerer
Bedrängung mit Mühe entgangen ist:

"In solitudine!" -- -- --

Während der fünf Minuten, daß er so hockt und
seine Gebeine und seine Gedanken zusammensucht, sehen
wir uns wohl ein wenig in seinem Wohnraume um.
Es verlohnt sich der Mühe.

Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloster
Amelungsborn das letzte Asyl des Alten ausmachten.
Man hatte eine Thür in die Wand gebrochen, und die
nebenanliegende Zelle dem Magister zum Schlafzimmer
angewiesen. Sein Bett stand da auch, und er hatte
seit dreißig Jahren gottlob gut da geschlafen, aber auch
seine schlaflosen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls
nicht erspart worden waren, in Geduld durchwacht.
Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas Mehreres zu
bemerken, doch wir verschieben das oder ersparen es
uns ganz; es kommt nicht viel drauf an.

Die Hauptsache ist uns augenblicklich die Zelle des
im allerbesten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des
alten Cisterciensers vom Jahre 1631, in welcher der
alte Exkollaborator, der Magister Noah Buchius im
Jahre 1761 eingenistet sitzt, und zusammengetragen
hat, was ihm im Laufe der Zeiten das Schicksal an

Raabe, Das Odfeld. 4

zur Thür, um ſich zu vergewiſſern, daß er ſie feſt
hinter ſich zugezogen habe und dann — dann ſaß er
auf ſeinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus
der Rabenſchlacht auf dem Gipsboden zwiſchen ſeinen
Schnallenſchuhen und ſeufzte wie Einer, der ſchwerer
Bedrängung mit Mühe entgangen iſt:

„In solitudine!“ — — —

Während der fünf Minuten, daß er ſo hockt und
ſeine Gebeine und ſeine Gedanken zuſammenſucht, ſehen
wir uns wohl ein wenig in ſeinem Wohnraume um.
Es verlohnt ſich der Mühe.

Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloſter
Amelungsborn das letzte Aſyl des Alten ausmachten.
Man hatte eine Thür in die Wand gebrochen, und die
nebenanliegende Zelle dem Magiſter zum Schlafzimmer
angewieſen. Sein Bett ſtand da auch, und er hatte
ſeit dreißig Jahren gottlob gut da geſchlafen, aber auch
ſeine ſchlafloſen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls
nicht erſpart worden waren, in Geduld durchwacht.
Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas Mehreres zu
bemerken, doch wir verſchieben das oder erſparen es
uns ganz; es kommt nicht viel drauf an.

Die Hauptſache iſt uns augenblicklich die Zelle des
im allerbeſten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des
alten Ciſtercienſers vom Jahre 1631, in welcher der
alte Exkollaborator, der Magiſter Noah Buchius im
Jahre 1761 eingeniſtet ſitzt, und zuſammengetragen
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Raabe, Das Odfeld. 4
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[49/0057] zur Thür, um ſich zu vergewiſſern, daß er ſie feſt hinter ſich zugezogen habe und dann — dann ſaß er auf ſeinem Stuhl, das Tuch mit dem Invaliden aus der Rabenſchlacht auf dem Gipsboden zwiſchen ſeinen Schnallenſchuhen und ſeufzte wie Einer, der ſchwerer Bedrängung mit Mühe entgangen iſt: „In solitudine!“ — — — Während der fünf Minuten, daß er ſo hockt und ſeine Gebeine und ſeine Gedanken zuſammenſucht, ſehen wir uns wohl ein wenig in ſeinem Wohnraume um. Es verlohnt ſich der Mühe. Es waren eigentlich zwei Räume, die im Kloſter Amelungsborn das letzte Aſyl des Alten ausmachten. Man hatte eine Thür in die Wand gebrochen, und die nebenanliegende Zelle dem Magiſter zum Schlafzimmer angewieſen. Sein Bett ſtand da auch, und er hatte ſeit dreißig Jahren gottlob gut da geſchlafen, aber auch ſeine ſchlafloſen Nächte, die ihm wahrlich gleichfalls nicht erſpart worden waren, in Geduld durchwacht. Darüber wäre vielleicht ebenfalls etwas Mehreres zu bemerken, doch wir verſchieben das oder erſparen es uns ganz; es kommt nicht viel drauf an. Die Hauptſache iſt uns augenblicklich die Zelle des im allerbeſten Schlaf ruhenden Bruders Philemon, des alten Ciſtercienſers vom Jahre 1631, in welcher der alte Exkollaborator, der Magiſter Noah Buchius im Jahre 1761 eingeniſtet ſitzt, und zuſammengetragen hat, was ihm im Laufe der Zeiten das Schickſal an Raabe, Das Odfeld. 4

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 49. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/57>, abgerufen am 13.08.2020.