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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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Wenn ein Mensch vom Sommer des Jahres an
über ihr freundlich Zugreifen ohne Nöthigung nach¬
sagen konnte, so war das der Amtmann von Kloster
Amelungsborn.

Aber Magister Buchius auch.

Ja, ja, was für Witterung für den Gelehrten alle¬
zeit sein mochte; für den Oekonomen war dazumal kein
gutes Wetter. Kisten und Kasten, Scheunen und
Ställe waren leer, ohne das dießmal zu große Trockniß,
zu arge Feuchte, Hagel, Rotz, Räude, Würme und
Mäusefraß mit dem betrübten Faktum das Mindeste
zu schaffen hatten. Den Hagel, der die Saaten nieder¬
schlug, die Mäuse, welche die Scheunen und Vorraths¬
kammern leer machten, hatte sich das deutsche Volk,
Fürsten und Unterthanen in einem Bündel, selber dazu
eingeladen. Es ist heute noch nicht von Ueberfluß,
wenn man die zwischen Vogesen und Weichsel deutsch¬
redende Bevölkerung mit der Nase auf ihre Dummheit
stößt. Bis wir zu unserer Geschichte gelangen, hat
sich der Herr von Belsunce schon verschiedene Male
recht satt gefressen im Tilithi-Gau, und es hat dem
General von Luckner wenig genützt, ihn heraus und
auf Göttingen hin zu treiben. Der theuere Erbfeind
hat dort durchaus keine Collegia über Humaniora be¬
legt, sondern treibt von der neuen berühmten deutschen
Universitätsstadt nur in praxi deutsche Reichshistorie
nach gewohnter Weise weiter. -- --

Ein trüber Tag des Novembers Siebenzehnhundert¬

Wenn ein Menſch vom Sommer des Jahres an
über ihr freundlich Zugreifen ohne Nöthigung nach¬
ſagen konnte, ſo war das der Amtmann von Kloſter
Amelungsborn.

Aber Magiſter Buchius auch.

Ja, ja, was für Witterung für den Gelehrten alle¬
zeit ſein mochte; für den Oekonomen war dazumal kein
gutes Wetter. Kiſten und Kaſten, Scheunen und
Ställe waren leer, ohne das dießmal zu große Trockniß,
zu arge Feuchte, Hagel, Rotz, Räude, Würme und
Mäuſefraß mit dem betrübten Faktum das Mindeſte
zu ſchaffen hatten. Den Hagel, der die Saaten nieder¬
ſchlug, die Mäuſe, welche die Scheunen und Vorraths¬
kammern leer machten, hatte ſich das deutſche Volk,
Fürſten und Unterthanen in einem Bündel, ſelber dazu
eingeladen. Es iſt heute noch nicht von Ueberfluß,
wenn man die zwiſchen Vogeſen und Weichſel deutſch¬
redende Bevölkerung mit der Naſe auf ihre Dummheit
ſtößt. Bis wir zu unſerer Geſchichte gelangen, hat
ſich der Herr von Belſunce ſchon verſchiedene Male
recht ſatt gefreſſen im Tilithi-Gau, und es hat dem
General von Luckner wenig genützt, ihn heraus und
auf Göttingen hin zu treiben. Der theuere Erbfeind
hat dort durchaus keine Collegia über Humaniora be¬
legt, ſondern treibt von der neuen berühmten deutſchen
Univerſitätsſtadt nur in praxi deutſche Reichshiſtorie
nach gewohnter Weiſe weiter. — —

Ein trüber Tag des Novembers Siebenzehnhundert¬

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[22/0030] Wenn ein Menſch vom Sommer des Jahres an über ihr freundlich Zugreifen ohne Nöthigung nach¬ ſagen konnte, ſo war das der Amtmann von Kloſter Amelungsborn. Aber Magiſter Buchius auch. Ja, ja, was für Witterung für den Gelehrten alle¬ zeit ſein mochte; für den Oekonomen war dazumal kein gutes Wetter. Kiſten und Kaſten, Scheunen und Ställe waren leer, ohne das dießmal zu große Trockniß, zu arge Feuchte, Hagel, Rotz, Räude, Würme und Mäuſefraß mit dem betrübten Faktum das Mindeſte zu ſchaffen hatten. Den Hagel, der die Saaten nieder¬ ſchlug, die Mäuſe, welche die Scheunen und Vorraths¬ kammern leer machten, hatte ſich das deutſche Volk, Fürſten und Unterthanen in einem Bündel, ſelber dazu eingeladen. Es iſt heute noch nicht von Ueberfluß, wenn man die zwiſchen Vogeſen und Weichſel deutſch¬ redende Bevölkerung mit der Naſe auf ihre Dummheit ſtößt. Bis wir zu unſerer Geſchichte gelangen, hat ſich der Herr von Belſunce ſchon verſchiedene Male recht ſatt gefreſſen im Tilithi-Gau, und es hat dem General von Luckner wenig genützt, ihn heraus und auf Göttingen hin zu treiben. Der theuere Erbfeind hat dort durchaus keine Collegia über Humaniora be¬ legt, ſondern treibt von der neuen berühmten deutſchen Univerſitätsſtadt nur in praxi deutſche Reichshiſtorie nach gewohnter Weiſe weiter. — — Ein trüber Tag des Novembers Siebenzehnhundert¬

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/30>, abgerufen am 23.05.2019.