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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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zwischen der Weser und der Leine hatte er das bittere
Brod des Präceptorenthums des achtzehnten Jahrhun¬
derts gegessen und zuletzt -- vor Jahren, Jahren,
Jahren -- sehr verhungert an die Pforte geklopft,
durch die sein Ahnherr vordem in Würden ein- und
ausgegangen war.

Wohl mit seines Familien-Namens und des Ahn¬
herrn wegen hatte man ihm diese Thür nicht auch vor
der Nase zugeschlagen; sondern ihn durch sie eingelassen
und ihn zuerst auf Probe und sodann aus Gewohnheit,
Mitleid und um immer einen Sündenbock zur Hand
zu haben, im Lehrer-Convent behalten. Der Cötus
aber hatte ihn sofort bei seinem Taufnamen gefaßt
und ihn als "Vater Noah" gewürdigt -- wenn auch
leider mehr im Sinn des bösen Ham als des braven
Sem und des biederen Japhet. Daß die Generationen
von Schulbuben, die während seiner Lehrthätigkeit im
Kloster vor seinem Katheder in der Quinta vorüber¬
gingen, nicht auch so schwarz wurden wie die Nach¬
kommen des schlimmen Ham, ob ihrer Versündigungen
an ihm, das war ein Wunder. Verdient hätten sie es
sämmtlich.

Als Dreißigjähriger war er gekommen, nun war er
den Sechzigen nahe und hatte also ein Menschenalter
im Dienst der hohen Schule zu Amelungsborn hinge¬
bracht. Seltsamerweise konnte man eigentlich nicht
sagen, daß diese Jahre wie römische Feldzüge doppelt
gezählt hatten. Er konnte trotz ihnen ein recht alter

Raabe, Das Odfeld. 2

zwiſchen der Weſer und der Leine hatte er das bittere
Brod des Präceptorenthums des achtzehnten Jahrhun¬
derts gegeſſen und zuletzt — vor Jahren, Jahren,
Jahren — ſehr verhungert an die Pforte geklopft,
durch die ſein Ahnherr vordem in Würden ein- und
ausgegangen war.

Wohl mit ſeines Familien-Namens und des Ahn¬
herrn wegen hatte man ihm dieſe Thür nicht auch vor
der Naſe zugeſchlagen; ſondern ihn durch ſie eingelaſſen
und ihn zuerſt auf Probe und ſodann aus Gewohnheit,
Mitleid und um immer einen Sündenbock zur Hand
zu haben, im Lehrer-Convent behalten. Der Cötus
aber hatte ihn ſofort bei ſeinem Taufnamen gefaßt
und ihn als „Vater Noah“ gewürdigt — wenn auch
leider mehr im Sinn des böſen Ham als des braven
Sem und des biederen Japhet. Daß die Generationen
von Schulbuben, die während ſeiner Lehrthätigkeit im
Kloſter vor ſeinem Katheder in der Quinta vorüber¬
gingen, nicht auch ſo ſchwarz wurden wie die Nach¬
kommen des ſchlimmen Ham, ob ihrer Verſündigungen
an ihm, das war ein Wunder. Verdient hätten ſie es
ſämmtlich.

Als Dreißigjähriger war er gekommen, nun war er
den Sechzigen nahe und hatte alſo ein Menſchenalter
im Dienſt der hohen Schule zu Amelungsborn hinge¬
bracht. Seltſamerweiſe konnte man eigentlich nicht
ſagen, daß dieſe Jahre wie römiſche Feldzüge doppelt
gezählt hatten. Er konnte trotz ihnen ein recht alter

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[17/0025] zwiſchen der Weſer und der Leine hatte er das bittere Brod des Präceptorenthums des achtzehnten Jahrhun¬ derts gegeſſen und zuletzt — vor Jahren, Jahren, Jahren — ſehr verhungert an die Pforte geklopft, durch die ſein Ahnherr vordem in Würden ein- und ausgegangen war. Wohl mit ſeines Familien-Namens und des Ahn¬ herrn wegen hatte man ihm dieſe Thür nicht auch vor der Naſe zugeſchlagen; ſondern ihn durch ſie eingelaſſen und ihn zuerſt auf Probe und ſodann aus Gewohnheit, Mitleid und um immer einen Sündenbock zur Hand zu haben, im Lehrer-Convent behalten. Der Cötus aber hatte ihn ſofort bei ſeinem Taufnamen gefaßt und ihn als „Vater Noah“ gewürdigt — wenn auch leider mehr im Sinn des böſen Ham als des braven Sem und des biederen Japhet. Daß die Generationen von Schulbuben, die während ſeiner Lehrthätigkeit im Kloſter vor ſeinem Katheder in der Quinta vorüber¬ gingen, nicht auch ſo ſchwarz wurden wie die Nach¬ kommen des ſchlimmen Ham, ob ihrer Verſündigungen an ihm, das war ein Wunder. Verdient hätten ſie es ſämmtlich. Als Dreißigjähriger war er gekommen, nun war er den Sechzigen nahe und hatte alſo ein Menſchenalter im Dienſt der hohen Schule zu Amelungsborn hinge¬ bracht. Seltſamerweiſe konnte man eigentlich nicht ſagen, daß dieſe Jahre wie römiſche Feldzüge doppelt gezählt hatten. Er konnte trotz ihnen ein recht alter Raabe, Das Odfeld. 2

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/25>, abgerufen am 21.10.2019.