Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

Bild:
<< vorherige Seite

heuer, Mademoiselle, und wenn Herr Lessing seinen

O Jüngling, sei so ruchlos nicht,
Und leugne die Gespenster,
Ich selbst sah eins beim Mondenlicht
Aus meinem Kammerfenster!

so spreche ich mit dem Jüngling:

Ich wende nichts dawider ein,
Es müssen wohl Gespenster sein.

Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht
vor Kreuzeserhöhung auf eines aus seinem Fenster ge¬
schossen, wo freilich Herr Magister Lessing seinen Alten
wieder singen läßt:

Auch weiß ich nicht, was manche Nacht
In meiner Tochter Kammer
Sein Wesen hat, bald seufzt, bald lacht;
Oft bringt's mir Angst und Jammer.

Ich weiß, es Mädchen schläft allein:
Drum müssen das Gespenster sein.

Nichts ohne seinen zureichenden Grund, nihil sine
ratione sufficiente
hätte der Jüngling in diesem Falle
mehr als in einem andern logice antworten dürfen;
doch ich lasse es dahin gestellt, und rede auch nur von
dem, was mir persönlich passirt ist und auch wie dem
Herrn Magister Buchius und dem Knecht Heinrich
außerhalb von Kloster Amelungsborn. Der Heinen
Grasgrabe kennt wohl Jeder von uns?"

"Ei wohl," sprach Magister Buchius, "das Feld
vor dem Kloster zwischen der Heerstraße und dem gleich

heuer, Mademoiſelle, und wenn Herr Leſſing ſeinen

O Jüngling, ſei ſo ruchlos nicht,
Und leugne die Geſpenſter,
Ich ſelbſt ſah eins beim Mondenlicht
Aus meinem Kammerfenſter!

ſo ſpreche ich mit dem Jüngling:

Ich wende nichts dawider ein,
Es müſſen wohl Geſpenſter ſein.

Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht
vor Kreuzeserhöhung auf eines aus ſeinem Fenſter ge¬
ſchoſſen, wo freilich Herr Magiſter Leſſing ſeinen Alten
wieder ſingen läßt:

Auch weiß ich nicht, was manche Nacht
In meiner Tochter Kammer
Sein Weſen hat, bald ſeufzt, bald lacht;
Oft bringt's mir Angſt und Jammer.

Ich weiß, es Mädchen ſchläft allein:
Drum müſſen das Geſpenſter ſein.

Nichts ohne ſeinen zureichenden Grund, nihil sine
ratione sufficiente
hätte der Jüngling in dieſem Falle
mehr als in einem andern logice antworten dürfen;
doch ich laſſe es dahin geſtellt, und rede auch nur von
dem, was mir perſönlich paſſirt iſt und auch wie dem
Herrn Magiſter Buchius und dem Knecht Heinrich
außerhalb von Kloſter Amelungsborn. Der Heinen
Grasgrabe kennt wohl Jeder von uns?“

„Ei wohl,“ ſprach Magiſter Buchius, „das Feld
vor dem Kloſter zwiſchen der Heerſtraße und dem gleich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0230" n="222"/>
heuer, Mademoi&#x017F;elle, und wenn Herr Le&#x017F;&#x017F;ing &#x017F;einen</p><lb/>
        <lg type="poem">
          <l>O Jüngling, &#x017F;ei &#x017F;o ruchlos nicht,</l><lb/>
          <l>Und leugne die Ge&#x017F;pen&#x017F;ter,</l><lb/>
          <l>Ich &#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;ah eins beim Mondenlicht</l><lb/>
          <l>Aus meinem Kammerfen&#x017F;ter!</l><lb/>
        </lg>
        <p>&#x017F;o &#x017F;preche ich mit dem Jüngling:</p><lb/>
        <lg type="poem">
          <l>Ich wende nichts dawider ein,</l><lb/>
          <l>Es mü&#x017F;&#x017F;en wohl Ge&#x017F;pen&#x017F;ter &#x017F;ein.</l><lb/>
        </lg>
        <p>Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht<lb/>
vor Kreuzeserhöhung auf eines aus &#x017F;einem Fen&#x017F;ter ge¬<lb/>
&#x017F;cho&#x017F;&#x017F;en, wo freilich Herr Magi&#x017F;ter Le&#x017F;&#x017F;ing <hi rendition="#g">&#x017F;einen</hi> Alten<lb/>
wieder &#x017F;ingen läßt:</p><lb/>
        <lg type="poem">
          <l>Auch weiß ich nicht, was manche Nacht</l><lb/>
          <l>In meiner Tochter Kammer</l><lb/>
          <l>Sein We&#x017F;en hat, bald &#x017F;eufzt, bald lacht;<lb/>
Oft bringt's mir Ang&#x017F;t und Jammer.</l><lb/>
          <l>Ich weiß, es Mädchen &#x017F;chläft allein:</l><lb/>
          <l>Drum mü&#x017F;&#x017F;en das Ge&#x017F;pen&#x017F;ter &#x017F;ein.</l><lb/>
        </lg>
        <p>Nichts ohne &#x017F;einen zureichenden Grund, <hi rendition="#aq">nihil sine<lb/>
ratione sufficiente</hi> hätte der Jüngling in die&#x017F;em Falle<lb/>
mehr als in einem andern <hi rendition="#aq">logice</hi> antworten dürfen;<lb/>
doch ich la&#x017F;&#x017F;e es dahin ge&#x017F;tellt, und rede auch nur von<lb/>
dem, was mir per&#x017F;önlich pa&#x017F;&#x017F;irt i&#x017F;t und auch wie dem<lb/>
Herrn Magi&#x017F;ter Buchius und dem Knecht Heinrich<lb/>
außerhalb von Klo&#x017F;ter Amelungsborn. Der Heinen<lb/>
Grasgrabe kennt wohl Jeder von uns?&#x201C;</p><lb/>
        <p>&#x201E;Ei wohl,&#x201C; &#x017F;prach Magi&#x017F;ter Buchius, &#x201E;das Feld<lb/>
vor dem Klo&#x017F;ter zwi&#x017F;chen der Heer&#x017F;traße und dem gleich<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[222/0230] heuer, Mademoiſelle, und wenn Herr Leſſing ſeinen O Jüngling, ſei ſo ruchlos nicht, Und leugne die Geſpenſter, Ich ſelbſt ſah eins beim Mondenlicht Aus meinem Kammerfenſter! ſo ſpreche ich mit dem Jüngling: Ich wende nichts dawider ein, Es müſſen wohl Geſpenſter ſein. Hat nicht der Herr Amtmann einmal in der Nacht vor Kreuzeserhöhung auf eines aus ſeinem Fenſter ge¬ ſchoſſen, wo freilich Herr Magiſter Leſſing ſeinen Alten wieder ſingen läßt: Auch weiß ich nicht, was manche Nacht In meiner Tochter Kammer Sein Weſen hat, bald ſeufzt, bald lacht; Oft bringt's mir Angſt und Jammer. Ich weiß, es Mädchen ſchläft allein: Drum müſſen das Geſpenſter ſein. Nichts ohne ſeinen zureichenden Grund, nihil sine ratione sufficiente hätte der Jüngling in dieſem Falle mehr als in einem andern logice antworten dürfen; doch ich laſſe es dahin geſtellt, und rede auch nur von dem, was mir perſönlich paſſirt iſt und auch wie dem Herrn Magiſter Buchius und dem Knecht Heinrich außerhalb von Kloſter Amelungsborn. Der Heinen Grasgrabe kennt wohl Jeder von uns?“ „Ei wohl,“ ſprach Magiſter Buchius, „das Feld vor dem Kloſter zwiſchen der Heerſtraße und dem gleich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/230
Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 222. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/230>, abgerufen am 22.11.2019.