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Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Berlin, 1896.

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kommenschaft irgend einen Nutzen stiften will, und
so sage ich, daß auch ich selber mich lieber bei der
Mutter Veltens zu den Sündern, als bei meinen
eigenen Eltern zu den Gerechten zählen ließ. --

Also das Unglück war wieder einmal geschehen
und hier hole ich es noch einmal hinein in die Akten
aus der feinen unaufgeschriebenen Vergangenheit,
unseren Kindertagen! Es hatte Feuerlärm im Vogel¬
sang gegeben. Ich hatte die Hand meines Vaters
am Kragen gefühlt, meine Mutter hatte die Hände
gerungen, der Nachbar Hartleben hatte seiner "Ameri¬
kanischen" zum zwanzigsten Mal gedroht, sie mit
ihrem Balge beim nächsten Quartal auf die Gasse
zu setzen -- "einerlei, wer mir dann zu meiner
rückständigen Miethe verhilft!" -- Lenchen-Timandra
hatte sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, auf
dem Osterberge in den Wald geschlagen und ver¬
geblich nach sich rufen und suchen lassen, der Haupt¬
sünder, mit seinen "nichtsnutzigen Pfoten" wahrlich
in Leinöl und Watte, agirte in der Sofaecke den
Heros weiter, indem er seine nicht kleinen Schmerzen
so gut als möglich verbiß, und Frau Amalie seufzte:

"Junge, Junge, Dein seliger Vater! Das war
wieder ein Tag und Streich, bei dem wir Beide ihn
mit Thränen von Neuem vermissen. Großer Gott,
Velten, wen haben wir denn jetzt, der uns sagen

kommenſchaft irgend einen Nutzen ſtiften will, und
ſo ſage ich, daß auch ich ſelber mich lieber bei der
Mutter Veltens zu den Sündern, als bei meinen
eigenen Eltern zu den Gerechten zählen ließ. —

Alſo das Unglück war wieder einmal geſchehen
und hier hole ich es noch einmal hinein in die Akten
aus der feinen unaufgeſchriebenen Vergangenheit,
unſeren Kindertagen! Es hatte Feuerlärm im Vogel¬
ſang gegeben. Ich hatte die Hand meines Vaters
am Kragen gefühlt, meine Mutter hatte die Hände
gerungen, der Nachbar Hartleben hatte ſeiner „Ameri¬
kaniſchen“ zum zwanzigſten Mal gedroht, ſie mit
ihrem Balge beim nächſten Quartal auf die Gaſſe
zu ſetzen — „einerlei, wer mir dann zu meiner
rückſtändigen Miethe verhilft!“ — Lenchen-Timandra
hatte ſich, wie immer bei ſolchen Gelegenheiten, auf
dem Oſterberge in den Wald geſchlagen und ver¬
geblich nach ſich rufen und ſuchen laſſen, der Haupt¬
ſünder, mit ſeinen „nichtsnutzigen Pfoten“ wahrlich
in Leinöl und Watte, agirte in der Sofaecke den
Heros weiter, indem er ſeine nicht kleinen Schmerzen
ſo gut als möglich verbiß, und Frau Amalie ſeufzte:

„Junge, Junge, Dein ſeliger Vater! Das war
wieder ein Tag und Streich, bei dem wir Beide ihn
mit Thränen von Neuem vermiſſen. Großer Gott,
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[36/0046] kommenſchaft irgend einen Nutzen ſtiften will, und ſo ſage ich, daß auch ich ſelber mich lieber bei der Mutter Veltens zu den Sündern, als bei meinen eigenen Eltern zu den Gerechten zählen ließ. — Alſo das Unglück war wieder einmal geſchehen und hier hole ich es noch einmal hinein in die Akten aus der feinen unaufgeſchriebenen Vergangenheit, unſeren Kindertagen! Es hatte Feuerlärm im Vogel¬ ſang gegeben. Ich hatte die Hand meines Vaters am Kragen gefühlt, meine Mutter hatte die Hände gerungen, der Nachbar Hartleben hatte ſeiner „Ameri¬ kaniſchen“ zum zwanzigſten Mal gedroht, ſie mit ihrem Balge beim nächſten Quartal auf die Gaſſe zu ſetzen — „einerlei, wer mir dann zu meiner rückſtändigen Miethe verhilft!“ — Lenchen-Timandra hatte ſich, wie immer bei ſolchen Gelegenheiten, auf dem Oſterberge in den Wald geſchlagen und ver¬ geblich nach ſich rufen und ſuchen laſſen, der Haupt¬ ſünder, mit ſeinen „nichtsnutzigen Pfoten“ wahrlich in Leinöl und Watte, agirte in der Sofaecke den Heros weiter, indem er ſeine nicht kleinen Schmerzen ſo gut als möglich verbiß, und Frau Amalie ſeufzte: „Junge, Junge, Dein ſeliger Vater! Das war wieder ein Tag und Streich, bei dem wir Beide ihn mit Thränen von Neuem vermiſſen. Großer Gott, Velten, wen haben wir denn jetzt, der uns ſagen

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Berlin, 1896, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_akten_1896/46>, abgerufen am 17.10.2019.