Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Berlin, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

sie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man
hierbei! Du lieber Gott, wie machen sich doch die
Menschen aus puren Grillen das Leben schwer und
das Sterben zu einem Komödienschluß! Na, was
siehst Du mich an? Wenn es nicht so trauriger
Ernst wäre, so möchte man wirklich sagen: Aus
seiner Rolle ist Keiner von Beiden gefallen. Und der
gute Leon ist auch natürlich wieder da und steht
dabei wie der brave Mensch im Hintergrund, der
auf dem Theater immer dabei ist, wenn so eine
Katastrophe eintritt, daß doch wenigstens Einer als
vernünftiger Theilnehmer den Kopf schüttelt. Aber
freilich -- Du mußt und willst doch auch wohl als
erster alter guter Freund und Bekannter von Allen
jetzt zu ihr nach Berlin?"

"Morgen -- wenn es mir irgend möglich
ist." --

"Weshalb sollte Dir das nicht möglich sein?
In solchem Fall darf sich jeder Mensch seinen Ur¬
laub selber geben. Ich für mein Theil werde morgen
diesen unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht lesen.
Jetzt ist er mir wie ein Stein auf den Kopf ge¬
fallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen
sind eben aus dem Theater nach Hause gekommen.
Das ist in diesem Augenblick meine einzige Rettung
nach dieser Lektüre. Der Himmel bewahre sie uns

ſie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man
hierbei! Du lieber Gott, wie machen ſich doch die
Menſchen aus puren Grillen das Leben ſchwer und
das Sterben zu einem Komödienſchluß! Na, was
ſiehſt Du mich an? Wenn es nicht ſo trauriger
Ernſt wäre, ſo möchte man wirklich ſagen: Aus
ſeiner Rolle iſt Keiner von Beiden gefallen. Und der
gute Leon iſt auch natürlich wieder da und ſteht
dabei wie der brave Menſch im Hintergrund, der
auf dem Theater immer dabei iſt, wenn ſo eine
Kataſtrophe eintritt, daß doch wenigſtens Einer als
vernünftiger Theilnehmer den Kopf ſchüttelt. Aber
freilich — Du mußt und willſt doch auch wohl als
erſter alter guter Freund und Bekannter von Allen
jetzt zu ihr nach Berlin?“

„Morgen — wenn es mir irgend möglich
iſt.“ —

„Weshalb ſollte Dir das nicht möglich ſein?
In ſolchem Fall darf ſich jeder Menſch ſeinen Ur¬
laub ſelber geben. Ich für mein Theil werde morgen
dieſen unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht leſen.
Jetzt iſt er mir wie ein Stein auf den Kopf ge¬
fallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen
ſind eben aus dem Theater nach Hauſe gekommen.
Das iſt in dieſem Augenblick meine einzige Rettung
nach dieſer Lektüre. Der Himmel bewahre ſie uns

<TEI>
  <text>
    <body>
      <p><pb facs="#f0016" n="6"/>
&#x017F;ie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man<lb/>
hierbei! Du lieber Gott, wie machen &#x017F;ich doch die<lb/>
Men&#x017F;chen aus puren Grillen das Leben &#x017F;chwer und<lb/>
das Sterben zu einem Komödien&#x017F;chluß! Na, was<lb/>
&#x017F;ieh&#x017F;t Du mich an? Wenn es nicht &#x017F;o trauriger<lb/>
Ern&#x017F;t wäre, &#x017F;o möchte man wirklich &#x017F;agen: Aus<lb/>
&#x017F;einer Rolle i&#x017F;t Keiner von Beiden gefallen. Und der<lb/>
gute Leon i&#x017F;t auch natürlich wieder da und &#x017F;teht<lb/>
dabei wie der brave Men&#x017F;ch im Hintergrund, der<lb/>
auf dem Theater immer dabei i&#x017F;t, wenn &#x017F;o eine<lb/>
Kata&#x017F;trophe eintritt, daß doch wenig&#x017F;tens Einer als<lb/>
vernünftiger Theilnehmer den Kopf &#x017F;chüttelt. Aber<lb/>
freilich &#x2014; Du mußt und will&#x017F;t doch auch wohl als<lb/>
er&#x017F;ter alter guter Freund und Bekannter von Allen<lb/>
jetzt zu ihr nach Berlin?&#x201C;</p><lb/>
      <p>&#x201E;Morgen &#x2014; wenn es mir irgend möglich<lb/>
i&#x017F;t.&#x201C; &#x2014;</p><lb/>
      <p>&#x201E;Weshalb &#x017F;ollte Dir das nicht möglich &#x017F;ein?<lb/>
In &#x017F;olchem Fall darf &#x017F;ich jeder Men&#x017F;ch &#x017F;einen Ur¬<lb/>
laub &#x017F;elber geben. Ich für mein Theil werde morgen<lb/>
die&#x017F;en unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht le&#x017F;en.<lb/>
Jetzt i&#x017F;t er mir wie ein Stein auf den Kopf ge¬<lb/>
fallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen<lb/>
&#x017F;ind eben aus dem Theater nach Hau&#x017F;e gekommen.<lb/>
Das i&#x017F;t in die&#x017F;em Augenblick meine einzige Rettung<lb/>
nach die&#x017F;er Lektüre. Der Himmel bewahre &#x017F;ie uns<lb/></p>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0016] ſie denn jetzt da? Ganz dumm und irre wird man hierbei! Du lieber Gott, wie machen ſich doch die Menſchen aus puren Grillen das Leben ſchwer und das Sterben zu einem Komödienſchluß! Na, was ſiehſt Du mich an? Wenn es nicht ſo trauriger Ernſt wäre, ſo möchte man wirklich ſagen: Aus ſeiner Rolle iſt Keiner von Beiden gefallen. Und der gute Leon iſt auch natürlich wieder da und ſteht dabei wie der brave Menſch im Hintergrund, der auf dem Theater immer dabei iſt, wenn ſo eine Kataſtrophe eintritt, daß doch wenigſtens Einer als vernünftiger Theilnehmer den Kopf ſchüttelt. Aber freilich — Du mußt und willſt doch auch wohl als erſter alter guter Freund und Bekannter von Allen jetzt zu ihr nach Berlin?“ „Morgen — wenn es mir irgend möglich iſt.“ — „Weshalb ſollte Dir das nicht möglich ſein? In ſolchem Fall darf ſich jeder Menſch ſeinen Ur¬ laub ſelber geben. Ich für mein Theil werde morgen dieſen unheimlichen Brief bei hellem Tageslicht leſen. Jetzt iſt er mir wie ein Stein auf den Kopf ge¬ fallen, und ich gehe zu den Kindern. Die Mädchen ſind eben aus dem Theater nach Hauſe gekommen. Das iſt in dieſem Augenblick meine einzige Rettung nach dieſer Lektüre. Der Himmel bewahre ſie uns

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_akten_1896
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_akten_1896/16
Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Die Akten des Vogelsangs. Berlin, 1896, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_akten_1896/16>, abgerufen am 27.05.2019.