Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

des G .... C ... sehr wohl, brachten sogar ein altes
Andenken von ihm hervor, und wunderten sich nur,
daß ein so junger Mann bereits gestorben sey!
Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr Häus-
chen war voller Interesse, ja mitunter enthielt es wahre
Schätze. Keine merkwürdige Person fast, seit dem
vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht
ein Portrait, oder andere Curiosa und Antiquitäten
als Erinnerung zugeschickt hätte. Diese Sammlung,
eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend,
ein sorgenfreies, stets gleiches Leben, und innige
Freund- und Gemeinschaft unter sich -- dies sind
alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al-
ter und ihrem heitern Gemüth zu schließen, müssen
sie nicht so übel gewählt haben. --

Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten
Damen besucht, und unter demselben Platzregen ging
jetzt die Reise weiter, zuerst bei der Ruine einer al-
ten Abtei vorüber, und dann bei dem einstigen
Palast Owen Glendower's, dessen Du Dich aus Sha-
kespeare, und meinen Vorlesungen in M ..... erin-
nerst. Die Mannigfaltigkeit der Gegend ist außer-
ordentlich; zuweilen ist man von einem wahren Ge-
tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann
glaubt man sich, das Land weit überblickend, fast
wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine
dunkle enge Waldstraße eingeschlossen wird. Weiter-
hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und
gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felsen-
blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen

des G .... C … ſehr wohl, brachten ſogar ein altes
Andenken von ihm hervor, und wunderten ſich nur,
daß ein ſo junger Mann bereits geſtorben ſey!
Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr Häus-
chen war voller Intereſſe, ja mitunter enthielt es wahre
Schätze. Keine merkwürdige Perſon faſt, ſeit dem
vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht
ein Portrait, oder andere Curioſa und Antiquitäten
als Erinnerung zugeſchickt hätte. Dieſe Sammlung,
eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend,
ein ſorgenfreies, ſtets gleiches Leben, und innige
Freund- und Gemeinſchaft unter ſich — dies ſind
alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al-
ter und ihrem heitern Gemüth zu ſchließen, müſſen
ſie nicht ſo übel gewählt haben. —

Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten
Damen beſucht, und unter demſelben Platzregen ging
jetzt die Reiſe weiter, zuerſt bei der Ruine einer al-
ten Abtei vorüber, und dann bei dem einſtigen
Palaſt Owen Glendower’s, deſſen Du Dich aus Sha-
keſpeare, und meinen Vorleſungen in M ..... erin-
nerſt. Die Mannigfaltigkeit der Gegend iſt außer-
ordentlich; zuweilen iſt man von einem wahren Ge-
tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann
glaubt man ſich, das Land weit überblickend, faſt
wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine
dunkle enge Waldſtraße eingeſchloſſen wird. Weiter-
hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und
gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felſen-
blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0046" n="22"/>
des G .... C &#x2026; &#x017F;ehr wohl, brachten &#x017F;ogar ein altes<lb/>
Andenken von ihm hervor, und wunderten &#x017F;ich nur,<lb/>
daß ein &#x017F;o <hi rendition="#g">junger</hi> Mann bereits ge&#x017F;torben &#x017F;ey!<lb/>
Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr <choice><sic>Ha&#x0307;us</sic><corr>Häus</corr></choice>-<lb/>
chen war voller Intere&#x017F;&#x017F;e, ja mitunter enthielt es wahre<lb/>
Schätze. Keine merkwürdige Per&#x017F;on fa&#x017F;t, &#x017F;eit dem<lb/>
vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht<lb/>
ein Portrait, oder andere Curio&#x017F;a und <choice><sic>Antiquita&#x0307;ten</sic><corr>Antiquitäten</corr></choice><lb/>
als Erinnerung zuge&#x017F;chickt hätte. Die&#x017F;e Sammlung,<lb/>
eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend,<lb/>
ein &#x017F;orgenfreies, &#x017F;tets gleiches Leben, und innige<lb/>
Freund- und Gemein&#x017F;chaft unter &#x017F;ich &#x2014; dies &#x017F;ind<lb/>
alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al-<lb/>
ter und ihrem heitern Gemüth zu &#x017F;chließen, mü&#x017F;&#x017F;en<lb/>
&#x017F;ie nicht &#x017F;o übel gewählt haben. &#x2014;</p><lb/>
          <p>Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten<lb/>
Damen be&#x017F;ucht, und unter dem&#x017F;elben Platzregen ging<lb/>
jetzt die Rei&#x017F;e weiter, zuer&#x017F;t bei der Ruine einer al-<lb/>
ten Abtei vorüber, und dann bei dem ein&#x017F;tigen<lb/>
Pala&#x017F;t Owen Glendower&#x2019;s, de&#x017F;&#x017F;en Du Dich aus Sha-<lb/>
ke&#x017F;peare, und meinen Vorle&#x017F;ungen in M ..... erin-<lb/>
ner&#x017F;t. Die Mannigfaltigkeit der Gegend i&#x017F;t außer-<lb/>
ordentlich; zuweilen i&#x017F;t man von einem wahren Ge-<lb/>
tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann<lb/>
glaubt man &#x017F;ich, das Land weit überblickend, fa&#x017F;t<lb/>
wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine<lb/>
dunkle enge Wald&#x017F;traße einge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en wird. Weiter-<lb/>
hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und<lb/>
gleich darauf braußt er im Abgrunde über Fel&#x017F;en-<lb/>
blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[22/0046] des G .... C … ſehr wohl, brachten ſogar ein altes Andenken von ihm hervor, und wunderten ſich nur, daß ein ſo junger Mann bereits geſtorben ſey! Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr Häus- chen war voller Intereſſe, ja mitunter enthielt es wahre Schätze. Keine merkwürdige Perſon faſt, ſeit dem vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht ein Portrait, oder andere Curioſa und Antiquitäten als Erinnerung zugeſchickt hätte. Dieſe Sammlung, eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend, ein ſorgenfreies, ſtets gleiches Leben, und innige Freund- und Gemeinſchaft unter ſich — dies ſind alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al- ter und ihrem heitern Gemüth zu ſchließen, müſſen ſie nicht ſo übel gewählt haben. — Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten Damen beſucht, und unter demſelben Platzregen ging jetzt die Reiſe weiter, zuerſt bei der Ruine einer al- ten Abtei vorüber, und dann bei dem einſtigen Palaſt Owen Glendower’s, deſſen Du Dich aus Sha- keſpeare, und meinen Vorleſungen in M ..... erin- nerſt. Die Mannigfaltigkeit der Gegend iſt außer- ordentlich; zuweilen iſt man von einem wahren Ge- tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann glaubt man ſich, das Land weit überblickend, faſt wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine dunkle enge Waldſtraße eingeſchloſſen wird. Weiter- hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felſen- blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/46
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/46>, abgerufen am 17.06.2019.