Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830.

Bild:
<< vorherige Seite

Publizität bestimmt waren. Der Schrei-
ber gehört jedoch nunmehr zu den Seli-
gen, wodurch viele Rücksichten wegfallen,
und da seine Briefe, nebst einigen interes-
santen Nachrichten, wenigstens eine reelle
Individualität aussprechen, und mit eben
so ungeschminkter Freimüthigkeit als voll-
ständiger Partheilosigkeit geschrieben sind --
glaubten wir, bei dem nicht zu häufigen
Dasein dieser Elemente in unsrer Litera-
tur, einen Beitrag solcher Art nicht über-
flüssig.

Der Verstorbene hatte, wie ich gestehen
muß, das Unglück, während seines Le-
bens Alles anders anzufangen als andere
Leute, weshalb ihm auch wenig gelang.
Viele seiner Bekannten hielten ihn aber
für ein künstliches Original, und daran
thaten sie ihm Unrecht. Niemand war
aufrichtiger in seinen Sonderbarkeiten, und
schien es vielleicht weniger, Niemand na-

Publizitaͤt beſtimmt waren. Der Schrei-
ber gehoͤrt jedoch nunmehr zu den Seli-
gen, wodurch viele Ruͤckſichten wegfallen,
und da ſeine Briefe, nebſt einigen intereſ-
ſanten Nachrichten, wenigſtens eine reelle
Individualitaͤt ausſprechen, und mit eben
ſo ungeſchminkter Freimuͤthigkeit als voll-
ſtaͤndiger Partheiloſigkeit geſchrieben ſind —
glaubten wir, bei dem nicht zu haͤufigen
Daſein dieſer Elemente in unſrer Litera-
tur, einen Beitrag ſolcher Art nicht uͤber-
fluͤſſig.

Der Verſtorbene hatte, wie ich geſtehen
muß, das Ungluͤck, waͤhrend ſeines Le-
bens Alles anders anzufangen als andere
Leute, weshalb ihm auch wenig gelang.
Viele ſeiner Bekannten hielten ihn aber
fuͤr ein kuͤnſtliches Original, und daran
thaten ſie ihm Unrecht. Niemand war
aufrichtiger in ſeinen Sonderbarkeiten, und
ſchien es vielleicht weniger, Niemand na-

<TEI>
  <text>
    <front>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0014" n="VI"/>
Publizita&#x0364;t be&#x017F;timmt waren. Der Schrei-<lb/>
ber geho&#x0364;rt jedoch nunmehr zu den Seli-<lb/>
gen, wodurch viele Ru&#x0364;ck&#x017F;ichten wegfallen,<lb/>
und da &#x017F;eine Briefe, neb&#x017F;t einigen intere&#x017F;-<lb/>
&#x017F;anten Nachrichten, wenig&#x017F;tens eine reelle<lb/>
Individualita&#x0364;t aus&#x017F;prechen, und mit eben<lb/>
&#x017F;o unge&#x017F;chminkter Freimu&#x0364;thigkeit als voll-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;ndiger Partheilo&#x017F;igkeit ge&#x017F;chrieben &#x017F;ind &#x2014;<lb/>
glaubten wir, bei dem nicht zu ha&#x0364;ufigen<lb/>
Da&#x017F;ein die&#x017F;er Elemente in un&#x017F;rer Litera-<lb/>
tur, einen Beitrag &#x017F;olcher Art nicht u&#x0364;ber-<lb/>
flu&#x0364;&#x017F;&#x017F;ig.</p><lb/>
        <p>Der Ver&#x017F;torbene hatte, wie ich ge&#x017F;tehen<lb/>
muß, das Unglu&#x0364;ck, wa&#x0364;hrend &#x017F;eines Le-<lb/>
bens Alles anders anzufangen als andere<lb/>
Leute, weshalb ihm auch wenig gelang.<lb/>
Viele &#x017F;einer Bekannten hielten ihn aber<lb/>
fu&#x0364;r ein <hi rendition="#g">ku&#x0364;n&#x017F;tliches</hi> Original, und daran<lb/>
thaten &#x017F;ie ihm Unrecht. Niemand war<lb/>
aufrichtiger in &#x017F;einen Sonderbarkeiten, und<lb/>
&#x017F;chien es vielleicht weniger, Niemand na-<lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[VI/0014] Publizitaͤt beſtimmt waren. Der Schrei- ber gehoͤrt jedoch nunmehr zu den Seli- gen, wodurch viele Ruͤckſichten wegfallen, und da ſeine Briefe, nebſt einigen intereſ- ſanten Nachrichten, wenigſtens eine reelle Individualitaͤt ausſprechen, und mit eben ſo ungeſchminkter Freimuͤthigkeit als voll- ſtaͤndiger Partheiloſigkeit geſchrieben ſind — glaubten wir, bei dem nicht zu haͤufigen Daſein dieſer Elemente in unſrer Litera- tur, einen Beitrag ſolcher Art nicht uͤber- fluͤſſig. Der Verſtorbene hatte, wie ich geſtehen muß, das Ungluͤck, waͤhrend ſeines Le- bens Alles anders anzufangen als andere Leute, weshalb ihm auch wenig gelang. Viele ſeiner Bekannten hielten ihn aber fuͤr ein kuͤnſtliches Original, und daran thaten ſie ihm Unrecht. Niemand war aufrichtiger in ſeinen Sonderbarkeiten, und ſchien es vielleicht weniger, Niemand na-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/14
Zitationshilfe: Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Bd. 1. München, 1830, S. VI. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/pueckler_briefe01_1830/14>, abgerufen am 19.03.2019.