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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Das menschliche Gehirn.
Gehirn mit andern menschlichen Gehirnen verglichen werden darf.
Dies geschieht bei Racenschädeln annähernd dadurch, dass die
Geräumigkeit der Gehirnschale gemessen wird. Wasser pflegt
man dabei nicht anzuwenden, weil die vielen Oeffnungen der
Knochen verklebt werden müssten. Die Ausfüllung mit Leim
oder Gyps kann nur nach erfolgten Querschnitten, also bei zer-
störten Schädeln stattfinden, gewährt auch keine streng vergleich-
baren Ergebnisse, weil verschiednen Sorten des Ausfüllungsstoffes
auch verschiednes specifisches Gewicht zukommt und ist selbst von
denen aufgegeben worden, die sie ehemals empfahlen 1). Jetzt
wird die Gehirnkapsel entweder mit Hirsekörnern oder mit feinem
Schrot, ausnahmsweise und minder glücklich, mit Sand angefüllt
und der Inhalt hierauf in ein metrisch geaichtes Gefäss ausge-
schüttet. Auf diese Art haben wir die Geräumigkeit der Gehirn-
kapsel bei verschiedenen Racen kennen gelernt. Lucae's Messungen
würden lehren, dass der weiteste Negerschädel noch nicht das
Mittel bei Deutschen, der beste Australierschädel noch nicht das
Mittel des Negers erreiche, sowie dass die individuellen Schwan-
kungen mit den absoluten Ziffern immer grösser werden 2). Fast
wie eine Bestätigung klingen die Ergebnisse Broca's, der den mitt-
leren Schädelinnenraum bei dem Australier 100 gleich setzt und bei
dem Neger 111,6, bei dem Teutonen 124,8 finden wollte 3). Nicht
so ungünstig für die von uns als niedrig angesehenen Menschen-
racen lauten die, allerdings bedenklich hohen, Mittelwerthe, zu denen,
gestützt auf die reichste aller Sammlungen, Barnard Davis gelangt
ist 4). Er fand nämlich eine Geräumigkeit des Hirnschädels

Jäger's in dem Bericht über die dritte Versamml. der D. anthropol. Gesell-
schaft, S. 16--25, ferner H. Schüle im Archiv für Anthropologie, Braunschw.
1872, Bd. 5. S. 444--446.
1) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45.
2) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45, gemessen
mit Hirse:
[Tabelle]
3) Broca, bei Quatrefages Rapport, p. 306.
4) Thesaurus Craniorum, p. 360.

Das menschliche Gehirn.
Gehirn mit andern menschlichen Gehirnen verglichen werden darf.
Dies geschieht bei Racenschädeln annähernd dadurch, dass die
Geräumigkeit der Gehirnschale gemessen wird. Wasser pflegt
man dabei nicht anzuwenden, weil die vielen Oeffnungen der
Knochen verklebt werden müssten. Die Ausfüllung mit Leim
oder Gyps kann nur nach erfolgten Querschnitten, also bei zer-
störten Schädeln stattfinden, gewährt auch keine streng vergleich-
baren Ergebnisse, weil verschiednen Sorten des Ausfüllungsstoffes
auch verschiednes specifisches Gewicht zukommt und ist selbst von
denen aufgegeben worden, die sie ehemals empfahlen 1). Jetzt
wird die Gehirnkapsel entweder mit Hirsekörnern oder mit feinem
Schrot, ausnahmsweise und minder glücklich, mit Sand angefüllt
und der Inhalt hierauf in ein metrisch geaichtes Gefäss ausge-
schüttet. Auf diese Art haben wir die Geräumigkeit der Gehirn-
kapsel bei verschiedenen Racen kennen gelernt. Lucae’s Messungen
würden lehren, dass der weiteste Negerschädel noch nicht das
Mittel bei Deutschen, der beste Australierschädel noch nicht das
Mittel des Negers erreiche, sowie dass die individuellen Schwan-
kungen mit den absoluten Ziffern immer grösser werden 2). Fast
wie eine Bestätigung klingen die Ergebnisse Broca’s, der den mitt-
leren Schädelinnenraum bei dem Australier 100 gleich setzt und bei
dem Neger 111,6, bei dem Teutonen 124,8 finden wollte 3). Nicht
so ungünstig für die von uns als niedrig angesehenen Menschen-
racen lauten die, allerdings bedenklich hohen, Mittelwerthe, zu denen,
gestützt auf die reichste aller Sammlungen, Barnard Davis gelangt
ist 4). Er fand nämlich eine Geräumigkeit des Hirnschädels

Jäger’s in dem Bericht über die dritte Versamml. der D. anthropol. Gesell-
schaft, S. 16—25, ferner H. Schüle im Archiv für Anthropologie, Braunschw.
1872, Bd. 5. S. 444—446.
1) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45.
2) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45, gemessen
mit Hirse:
[Tabelle]
3) Broca, bei Quatrefages Rapport, p. 306.
4) Thesaurus Craniorum, p. 360.
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[69/0087] Das menschliche Gehirn. Gehirn mit andern menschlichen Gehirnen verglichen werden darf. Dies geschieht bei Racenschädeln annähernd dadurch, dass die Geräumigkeit der Gehirnschale gemessen wird. Wasser pflegt man dabei nicht anzuwenden, weil die vielen Oeffnungen der Knochen verklebt werden müssten. Die Ausfüllung mit Leim oder Gyps kann nur nach erfolgten Querschnitten, also bei zer- störten Schädeln stattfinden, gewährt auch keine streng vergleich- baren Ergebnisse, weil verschiednen Sorten des Ausfüllungsstoffes auch verschiednes specifisches Gewicht zukommt und ist selbst von denen aufgegeben worden, die sie ehemals empfahlen 1). Jetzt wird die Gehirnkapsel entweder mit Hirsekörnern oder mit feinem Schrot, ausnahmsweise und minder glücklich, mit Sand angefüllt und der Inhalt hierauf in ein metrisch geaichtes Gefäss ausge- schüttet. Auf diese Art haben wir die Geräumigkeit der Gehirn- kapsel bei verschiedenen Racen kennen gelernt. Lucae’s Messungen würden lehren, dass der weiteste Negerschädel noch nicht das Mittel bei Deutschen, der beste Australierschädel noch nicht das Mittel des Negers erreiche, sowie dass die individuellen Schwan- kungen mit den absoluten Ziffern immer grösser werden 2). Fast wie eine Bestätigung klingen die Ergebnisse Broca’s, der den mitt- leren Schädelinnenraum bei dem Australier 100 gleich setzt und bei dem Neger 111,6, bei dem Teutonen 124,8 finden wollte 3). Nicht so ungünstig für die von uns als niedrig angesehenen Menschen- racen lauten die, allerdings bedenklich hohen, Mittelwerthe, zu denen, gestützt auf die reichste aller Sammlungen, Barnard Davis gelangt ist 4). Er fand nämlich eine Geräumigkeit des Hirnschädels 4) 1) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45. 2) Lucae, Morphologie der Racenschädel. Heft 2. (1864.) S. 45, gemessen mit Hirse: 3) Broca, bei Quatrefages Rapport, p. 306. 4) Thesaurus Craniorum, p. 360. 4) Jäger’s in dem Bericht über die dritte Versamml. der D. anthropol. Gesell- schaft, S. 16—25, ferner H. Schüle im Archiv für Anthropologie, Braunschw. 1872, Bd. 5. S. 444—446.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/87>, abgerufen am 20.09.2019.