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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Das menschliche Gehirn.
des Menschen, Orang, Tschimpanse und Gorill zu erkennen 1). Auf
Rolleston's Messungen gestützt findet Bischoff, dass die Halbkugeln
des menschlichen Grosshirns von denen der Affen sich besonders
durch ihre Höhe auszeichnen 2). Wenn übrigens auf Unterschiede
in der Quantität meist wenig Gewicht gelegt wird, so übersieht
man, dass bei chemischen Mischungen von den Quantitäten auch
die Qualitäten der Stoffverbindungen abhängen, dass durch Zutritt
eines einzigen Atoms Sauerstoffes Schwefelsäure aus schwefeliger
Säure entsteht, dass eine numerische Steigerung der Schwingungs-
frequenz dunkle in leuchtende, das heisst die Sehnerven erregende
Wärme verwandelt und dass selbst bei Zahlengrössen geringe Ver-
änderungen in der Quantität zu innerlichen Unterschieden von
höchster Wirksamkeit führen 3). Bei dem Dunkel aber, welches
über den Beziehungen der einzelnen Gehirntheile zu den Verrich-
tungen des Denkvermögens ruht, bleibt die Vermuthung noch ver-
stattet, dass die höheren geistigen Thätigkeiten vielleicht an einen
äusserlich geringfügigen Zuwachs des Gehirns geknüpft sind.

Auch darf es als herrschende Ansicht bezeichnet werden, dass
ein ungestörtes menschliches Denkvermögen nur dort vorhanden
sei, wo das Hirngewicht eine untere Grenze überschreitet, die theils
nach den Geschlechtern, theils nach den Menschenracen Schwan-
kungen erfährt. Quatrefages wollte bei Europäern die Gewichts-
menge des männlichen Gehirns auf 1113, des weiblichen auf 975
Grammes festsetzen 4). Carl Vogt fordert im ersten Falle nur 1000,
im andern nur 900 Grammes 5). H. v. Luschka erklärte wiederum
kürzlich 64 Loth oder 1000 Grammes als das geringste Ge-
wicht eines Gehirns von ungestörter Thätigkeit 6). Im frischen Zu-

1) a. a. O. S. 101.
2) a. a. O. S. 98--99.
3) Der Unterschied der Quantität zwischen den Grössen
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ist ein relativ sehr schwacher, dennoch besitzt die erste Zahl die Eigenschaft
durch fortgesetzte Potenzirung sich bis ins Unendliche verkleinern, die
dritte auf dem gleichen Wege sich bis ins Unendliche vergrössern zu lassen,
während die mittlere bei jeder Potenzirung ihre Unveränderlichkeit bewahrt.
4) Rapport sur les progres de l'Anthropologie. p. 324.
5) Vorlesungen über den Menschen. Bd. 1. S. 103.
6) Dritte Versammlung der Deutschen anthrop. Gesellsch. S. 17.
5*

Das menschliche Gehirn.
des Menschen, Orang, Tschimpanse und Gorill zu erkennen 1). Auf
Rolleston’s Messungen gestützt findet Bischoff, dass die Halbkugeln
des menschlichen Grosshirns von denen der Affen sich besonders
durch ihre Höhe auszeichnen 2). Wenn übrigens auf Unterschiede
in der Quantität meist wenig Gewicht gelegt wird, so übersieht
man, dass bei chemischen Mischungen von den Quantitäten auch
die Qualitäten der Stoffverbindungen abhängen, dass durch Zutritt
eines einzigen Atoms Sauerstoffes Schwefelsäure aus schwefeliger
Säure entsteht, dass eine numerische Steigerung der Schwingungs-
frequenz dunkle in leuchtende, das heisst die Sehnerven erregende
Wärme verwandelt und dass selbst bei Zahlengrössen geringe Ver-
änderungen in der Quantität zu innerlichen Unterschieden von
höchster Wirksamkeit führen 3). Bei dem Dunkel aber, welches
über den Beziehungen der einzelnen Gehirntheile zu den Verrich-
tungen des Denkvermögens ruht, bleibt die Vermuthung noch ver-
stattet, dass die höheren geistigen Thätigkeiten vielleicht an einen
äusserlich geringfügigen Zuwachs des Gehirns geknüpft sind.

Auch darf es als herrschende Ansicht bezeichnet werden, dass
ein ungestörtes menschliches Denkvermögen nur dort vorhanden
sei, wo das Hirngewicht eine untere Grenze überschreitet, die theils
nach den Geschlechtern, theils nach den Menschenracen Schwan-
kungen erfährt. Quatrefages wollte bei Europäern die Gewichts-
menge des männlichen Gehirns auf 1113, des weiblichen auf 975
Grammes festsetzen 4). Carl Vogt fordert im ersten Falle nur 1000,
im andern nur 900 Grammes 5). H. v. Luschka erklärte wiederum
kürzlich 64 Loth oder 1000 Grammes als das geringste Ge-
wicht eines Gehirns von ungestörter Thätigkeit 6). Im frischen Zu-

1) a. a. O. S. 101.
2) a. a. O. S. 98—99.
3) Der Unterschied der Quantität zwischen den Grössen
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ist ein relativ sehr schwacher, dennoch besitzt die erste Zahl die Eigenschaft
durch fortgesetzte Potenzirung sich bis ins Unendliche verkleinern, die
dritte auf dem gleichen Wege sich bis ins Unendliche vergrössern zu lassen,
während die mittlere bei jeder Potenzirung ihre Unveränderlichkeit bewahrt.
4) Rapport sur les progrès de l’Anthropologie. p. 324.
5) Vorlesungen über den Menschen. Bd. 1. S. 103.
6) Dritte Versammlung der Deutschen anthrop. Gesellsch. S. 17.
5*
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[67/0085] Das menschliche Gehirn. des Menschen, Orang, Tschimpanse und Gorill zu erkennen 1). Auf Rolleston’s Messungen gestützt findet Bischoff, dass die Halbkugeln des menschlichen Grosshirns von denen der Affen sich besonders durch ihre Höhe auszeichnen 2). Wenn übrigens auf Unterschiede in der Quantität meist wenig Gewicht gelegt wird, so übersieht man, dass bei chemischen Mischungen von den Quantitäten auch die Qualitäten der Stoffverbindungen abhängen, dass durch Zutritt eines einzigen Atoms Sauerstoffes Schwefelsäure aus schwefeliger Säure entsteht, dass eine numerische Steigerung der Schwingungs- frequenz dunkle in leuchtende, das heisst die Sehnerven erregende Wärme verwandelt und dass selbst bei Zahlengrössen geringe Ver- änderungen in der Quantität zu innerlichen Unterschieden von höchster Wirksamkeit führen 3). Bei dem Dunkel aber, welches über den Beziehungen der einzelnen Gehirntheile zu den Verrich- tungen des Denkvermögens ruht, bleibt die Vermuthung noch ver- stattet, dass die höheren geistigen Thätigkeiten vielleicht an einen äusserlich geringfügigen Zuwachs des Gehirns geknüpft sind. Auch darf es als herrschende Ansicht bezeichnet werden, dass ein ungestörtes menschliches Denkvermögen nur dort vorhanden sei, wo das Hirngewicht eine untere Grenze überschreitet, die theils nach den Geschlechtern, theils nach den Menschenracen Schwan- kungen erfährt. Quatrefages wollte bei Europäern die Gewichts- menge des männlichen Gehirns auf 1113, des weiblichen auf 975 Grammes festsetzen 4). Carl Vogt fordert im ersten Falle nur 1000, im andern nur 900 Grammes 5). H. v. Luschka erklärte wiederum kürzlich 64 Loth oder 1000 Grammes als das geringste Ge- wicht eines Gehirns von ungestörter Thätigkeit 6). Im frischen Zu- 1) a. a. O. S. 101. 2) a. a. O. S. 98—99. 3) Der Unterschied der Quantität zwischen den Grössen 0,99999999 1 1,00000001 ist ein relativ sehr schwacher, dennoch besitzt die erste Zahl die Eigenschaft durch fortgesetzte Potenzirung sich bis ins Unendliche verkleinern, die dritte auf dem gleichen Wege sich bis ins Unendliche vergrössern zu lassen, während die mittlere bei jeder Potenzirung ihre Unveränderlichkeit bewahrt. 4) Rapport sur les progrès de l’Anthropologie. p. 324. 5) Vorlesungen über den Menschen. Bd. 1. S. 103. 6) Dritte Versammlung der Deutschen anthrop. Gesellsch. S. 17. 5*

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/85>, abgerufen am 26.05.2019.