Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Grössenverhältnisse des Gehirnschädels.
deln aus alten Gräbern wird daher das Geschlecht aus dem Bau
des Kopfes nicht sicher zu errathen sein. Daher sagte auch Vir-
chow in seiner Arbeit über altnordische Schädel in Kopenhagen:
"Ich fühle mich nicht im Stande überall mit Bestimmtheit die
Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Schädeln zu ziehen,
und ich habe daher lieber auf eine solche Untersuchung verzichtet,
um nicht willkürliche und zweifelhafte Trennungen vorzunehmen" 1).
In gleichem Sinne bemerken His und Rütimeyer: "Eine Scheidung
der Schädel nach dem Geschlecht haben wir nicht durchgeführt.
Die Geschlechtsbestimmung nach dem blossen Aussehen führt all-
zuleicht zu Willkürlichkeiten, als dass man sich auf sie verlassen
könnte" 2). Der eben erwähnte Barnard Davis endlich äussert in
Bezug auf das Verzeichniss seiner Schädelsammlung: "Das Ge-
schlecht wurde nur durch den Eindruck auf den Beschauer be-
stimmt, welcher keinen untrüglichen Gesetzen gehorcht; daher auch
leicht Fehler vorgekommen sein mögen" 3). Die strenge Wissenschaft
wird indess die Forderung nicht fallen lassen, dass die Schädel
dem Geschlecht nach völlig getrennt und die getrennten so wenig
unter einander verglichen werden sollen, als gehörten sie zwei völlig
verschiednen Arten an. Künftige Sammler sollten daher alles auf-
bieten, das Geschlecht des Schädels am Fundort zu ermitteln.
Werden alte Schädel, bei denen die Geschlechter ungeschieden
bleiben, zusammengeworfen, dann kann es geschehen, dass zwei
Typen oder Mittelformen aus den Messungen hervorgehen, die
nicht zwei Völkerschaften, sondern nur die Geschlechter einer ein-
zigen Völkerschaft vertreten. Ferner besteht die Gefahr, dass
wenn wir für Racenschädel das Mittel aus der Summe beider Ge-
schlechter erhalten, die mittleren Unterschiede einen viel geringern
Betrag zeigen werden, als wenn nur Männer mit Männern ver-
glichen würden.

Die Grössenverhältnisse des menschlichen Schädels sind in
neuerer Zeit bis in die feinsten Einzelnheiten bestimmt worden, so
dass die Zahl der gemessenen Werthe an einem einzigen Schädel
bis auf 139 gestiegen ist 4). Bei diesem Fleiss und Eifer darf man

1) Archiv für Anthropologie. Bd. 4. S. 61.
2) Crania helvetica. Basel 1864. S. 8.
3) Thesaurus Craniorum. London 1867. p. XV.
4) Man s. die drei Tabellen für 20 Schädel von Zigeunern, die Isidor
Kopernicki dem Archiv für Anthropologie Bd. 5, S. 320 geliefert hat.

Die Grössenverhältnisse des Gehirnschädels.
deln aus alten Gräbern wird daher das Geschlecht aus dem Bau
des Kopfes nicht sicher zu errathen sein. Daher sagte auch Vir-
chow in seiner Arbeit über altnordische Schädel in Kopenhagen:
„Ich fühle mich nicht im Stande überall mit Bestimmtheit die
Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Schädeln zu ziehen,
und ich habe daher lieber auf eine solche Untersuchung verzichtet,
um nicht willkürliche und zweifelhafte Trennungen vorzunehmen“ 1).
In gleichem Sinne bemerken His und Rütimeyer: „Eine Scheidung
der Schädel nach dem Geschlecht haben wir nicht durchgeführt.
Die Geschlechtsbestimmung nach dem blossen Aussehen führt all-
zuleicht zu Willkürlichkeiten, als dass man sich auf sie verlassen
könnte“ 2). Der eben erwähnte Barnard Davis endlich äussert in
Bezug auf das Verzeichniss seiner Schädelsammlung: „Das Ge-
schlecht wurde nur durch den Eindruck auf den Beschauer be-
stimmt, welcher keinen untrüglichen Gesetzen gehorcht; daher auch
leicht Fehler vorgekommen sein mögen“ 3). Die strenge Wissenschaft
wird indess die Forderung nicht fallen lassen, dass die Schädel
dem Geschlecht nach völlig getrennt und die getrennten so wenig
unter einander verglichen werden sollen, als gehörten sie zwei völlig
verschiednen Arten an. Künftige Sammler sollten daher alles auf-
bieten, das Geschlecht des Schädels am Fundort zu ermitteln.
Werden alte Schädel, bei denen die Geschlechter ungeschieden
bleiben, zusammengeworfen, dann kann es geschehen, dass zwei
Typen oder Mittelformen aus den Messungen hervorgehen, die
nicht zwei Völkerschaften, sondern nur die Geschlechter einer ein-
zigen Völkerschaft vertreten. Ferner besteht die Gefahr, dass
wenn wir für Racenschädel das Mittel aus der Summe beider Ge-
schlechter erhalten, die mittleren Unterschiede einen viel geringern
Betrag zeigen werden, als wenn nur Männer mit Männern ver-
glichen würden.

Die Grössenverhältnisse des menschlichen Schädels sind in
neuerer Zeit bis in die feinsten Einzelnheiten bestimmt worden, so
dass die Zahl der gemessenen Werthe an einem einzigen Schädel
bis auf 139 gestiegen ist 4). Bei diesem Fleiss und Eifer darf man

1) Archiv für Anthropologie. Bd. 4. S. 61.
2) Crania helvetica. Basel 1864. S. 8.
3) Thesaurus Craniorum. London 1867. p. XV.
4) Man s. die drei Tabellen für 20 Schädel von Zigeunern, die Isidor
Kopernicki dem Archiv für Anthropologie Bd. 5, S. 320 geliefert hat.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0071" n="53"/><fw place="top" type="header">Die Grössenverhältnisse des Gehirnschädels.</fw><lb/>
deln aus alten Gräbern wird daher das Geschlecht aus dem Bau<lb/>
des Kopfes nicht sicher zu errathen sein. Daher sagte auch Vir-<lb/>
chow in seiner Arbeit über altnordische Schädel in Kopenhagen:<lb/>
&#x201E;Ich fühle mich nicht im Stande überall mit Bestimmtheit die<lb/>
Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Schädeln zu ziehen,<lb/>
und ich habe daher lieber auf eine solche Untersuchung verzichtet,<lb/>
um nicht willkürliche und zweifelhafte Trennungen vorzunehmen&#x201C; <note place="foot" n="1)">Archiv für Anthropologie. Bd. 4. S. 61.</note>.<lb/>
In gleichem Sinne bemerken His und Rütimeyer: &#x201E;Eine Scheidung<lb/>
der Schädel nach dem Geschlecht haben wir nicht durchgeführt.<lb/>
Die Geschlechtsbestimmung nach dem blossen Aussehen führt all-<lb/>
zuleicht zu Willkürlichkeiten, als dass man sich auf sie verlassen<lb/>
könnte&#x201C; <note place="foot" n="2)">Crania helvetica. Basel 1864. S. 8.</note>. Der eben erwähnte Barnard Davis endlich äussert in<lb/>
Bezug auf das Verzeichniss seiner Schädelsammlung: &#x201E;Das Ge-<lb/>
schlecht wurde nur durch den Eindruck auf den Beschauer be-<lb/>
stimmt, welcher keinen untrüglichen Gesetzen gehorcht; daher auch<lb/>
leicht Fehler vorgekommen sein mögen&#x201C; <note place="foot" n="3)">Thesaurus Craniorum. London 1867. p. XV.</note>. Die strenge Wissenschaft<lb/>
wird indess die Forderung nicht fallen lassen, dass die Schädel<lb/>
dem Geschlecht nach völlig getrennt und die getrennten so wenig<lb/>
unter einander verglichen werden sollen, als gehörten sie zwei völlig<lb/>
verschiednen Arten an. Künftige Sammler sollten daher alles auf-<lb/>
bieten, das Geschlecht des Schädels am Fundort zu ermitteln.<lb/>
Werden alte Schädel, bei denen die Geschlechter ungeschieden<lb/>
bleiben, zusammengeworfen, dann kann es geschehen, dass zwei<lb/>
Typen oder Mittelformen aus den Messungen hervorgehen, die<lb/>
nicht zwei Völkerschaften, sondern nur die Geschlechter einer ein-<lb/>
zigen Völkerschaft vertreten. Ferner besteht die Gefahr, dass<lb/>
wenn wir für Racenschädel das Mittel aus der Summe beider Ge-<lb/>
schlechter erhalten, die mittleren Unterschiede einen viel geringern<lb/>
Betrag zeigen werden, als wenn nur Männer mit Männern ver-<lb/>
glichen würden.</p><lb/>
          <p>Die Grössenverhältnisse des menschlichen Schädels sind in<lb/>
neuerer Zeit bis in die feinsten Einzelnheiten bestimmt worden, so<lb/>
dass die Zahl der gemessenen Werthe an einem einzigen Schädel<lb/>
bis auf 139 gestiegen ist <note place="foot" n="4)">Man s. die drei Tabellen für 20 Schädel von Zigeunern, die Isidor<lb/>
Kopernicki dem Archiv für Anthropologie Bd. 5, S. 320 geliefert hat.</note>. Bei diesem Fleiss und Eifer darf man<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[53/0071] Die Grössenverhältnisse des Gehirnschädels. deln aus alten Gräbern wird daher das Geschlecht aus dem Bau des Kopfes nicht sicher zu errathen sein. Daher sagte auch Vir- chow in seiner Arbeit über altnordische Schädel in Kopenhagen: „Ich fühle mich nicht im Stande überall mit Bestimmtheit die Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Schädeln zu ziehen, und ich habe daher lieber auf eine solche Untersuchung verzichtet, um nicht willkürliche und zweifelhafte Trennungen vorzunehmen“ 1). In gleichem Sinne bemerken His und Rütimeyer: „Eine Scheidung der Schädel nach dem Geschlecht haben wir nicht durchgeführt. Die Geschlechtsbestimmung nach dem blossen Aussehen führt all- zuleicht zu Willkürlichkeiten, als dass man sich auf sie verlassen könnte“ 2). Der eben erwähnte Barnard Davis endlich äussert in Bezug auf das Verzeichniss seiner Schädelsammlung: „Das Ge- schlecht wurde nur durch den Eindruck auf den Beschauer be- stimmt, welcher keinen untrüglichen Gesetzen gehorcht; daher auch leicht Fehler vorgekommen sein mögen“ 3). Die strenge Wissenschaft wird indess die Forderung nicht fallen lassen, dass die Schädel dem Geschlecht nach völlig getrennt und die getrennten so wenig unter einander verglichen werden sollen, als gehörten sie zwei völlig verschiednen Arten an. Künftige Sammler sollten daher alles auf- bieten, das Geschlecht des Schädels am Fundort zu ermitteln. Werden alte Schädel, bei denen die Geschlechter ungeschieden bleiben, zusammengeworfen, dann kann es geschehen, dass zwei Typen oder Mittelformen aus den Messungen hervorgehen, die nicht zwei Völkerschaften, sondern nur die Geschlechter einer ein- zigen Völkerschaft vertreten. Ferner besteht die Gefahr, dass wenn wir für Racenschädel das Mittel aus der Summe beider Ge- schlechter erhalten, die mittleren Unterschiede einen viel geringern Betrag zeigen werden, als wenn nur Männer mit Männern ver- glichen würden. Die Grössenverhältnisse des menschlichen Schädels sind in neuerer Zeit bis in die feinsten Einzelnheiten bestimmt worden, so dass die Zahl der gemessenen Werthe an einem einzigen Schädel bis auf 139 gestiegen ist 4). Bei diesem Fleiss und Eifer darf man 1) Archiv für Anthropologie. Bd. 4. S. 61. 2) Crania helvetica. Basel 1864. S. 8. 3) Thesaurus Craniorum. London 1867. p. XV. 4) Man s. die drei Tabellen für 20 Schädel von Zigeunern, die Isidor Kopernicki dem Archiv für Anthropologie Bd. 5, S. 320 geliefert hat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/71
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 53. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/71>, abgerufen am 18.09.2019.