Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Arteneinheit des Menschengeschlechtes.
die Einheit und Gleichheit der Menschenart nicht bezweifelt werden
kann. So werden wir später noch davon zu reden haben, dass
die Zeichen- und Gebärdensprache europäischer Taubstummer
zusammentrifft mit den gleichen Verständigungsmitteln der nord-
amerikanischen Rothhäute. Alle Völker mit wenigen Ausnahmen
sind zum einfachen oder doppelten Decimalsystem gelangt, weil
sie die Finger beim Zählen zu Hilfe genommen haben. Haut-
malerei und Tätowirungen kehren in allen Welttheilen wieder. Das
Ausschlagen der Vorderzähne ist nicht blos ein Negerbrauch, son-
dern kommt auch in Australien vor. Spitz gefeilt wiederum werden
sie sowohl in Brasilien 1) als im westlichen Afrika von den Otando-,
Apono-, Ischogo- und Aschangostämmen 2). Erwähnt schon Hippo-
krates 3) oder wer sonst der Verfasser des Buches über Luft, Wasser
und Ortsbeschaffenheit sein mag, dass unter der Steppenbevölkerung
Südrusslands die Schädel der freigebornen Kinder zwischen Bretter
geschnürt werden, um ihnen eine steilere Gestalt zu geben, so be-
gegnen wir der nämlichen Mode bei den Conivos am Ucayali in
Südamerika 4), bemerkt wurde sie von Ch. Bell und Berthold
Seeman in Mosquitia bei den Smu 5), eigen ist sie auf dem nörd-
lichen Festlande namentlich den Tschinuk Britisch Columbiens,
überhaupt allen sogenannten Flachköpfen, die wiederum das Pressen
des Schädels nur bei Kindern von Freigebornen verstatten 6). Ge-
sundheitsrücksichten haben viele Völker bewogen die Beschneidung
einzuführen. Herodot 7) hielt die Aegypter und Aethiopier für die
Erfinder dieses Vorbeugungsmittels, das ihnen von Phöniciern und
Syriern erst abgelauscht worden sei. Bei der Eroberung fanden
die Spanier beschnittne Völker in Mittelamerika 8), am Amazonen-
strome aber huldigen die Tecuna- und Manaoshorden noch jetzt
diesem Gebrauche 9). In der Südsee ist er bei drei verschiednen
Racen angetroffen worden. Auf dem australischen Festlande näm-

1) v. Martius, Ethnographie I, 536.
2) Du Chaillu, Equatorial Africa p. 74 und Ashango-Land p. 431.
3) Cap. 80.
4) Grandidier, Perou et Bolivie. p. 129.
5) Journal R. Geogr. Soc. XXXII, 256 und Seemann, Nicaragua,
Panama and Mosquitia. London 1869. p. 308.
6) Paul Kane, Indians of North America. p. 181.
7) II, 104.
8) Herrera, Historia general. Dec. IV. Libr. 9. Cap. 7.
9) v. Martius, Ethnographie I, 582.

Arteneinheit des Menschengeschlechtes.
die Einheit und Gleichheit der Menschenart nicht bezweifelt werden
kann. So werden wir später noch davon zu reden haben, dass
die Zeichen- und Gebärdensprache europäischer Taubstummer
zusammentrifft mit den gleichen Verständigungsmitteln der nord-
amerikanischen Rothhäute. Alle Völker mit wenigen Ausnahmen
sind zum einfachen oder doppelten Decimalsystem gelangt, weil
sie die Finger beim Zählen zu Hilfe genommen haben. Haut-
malerei und Tätowirungen kehren in allen Welttheilen wieder. Das
Ausschlagen der Vorderzähne ist nicht blos ein Negerbrauch, son-
dern kommt auch in Australien vor. Spitz gefeilt wiederum werden
sie sowohl in Brasilien 1) als im westlichen Afrika von den Otando-,
Apono-, Ischogo- und Aschangostämmen 2). Erwähnt schon Hippo-
krates 3) oder wer sonst der Verfasser des Buches über Luft, Wasser
und Ortsbeschaffenheit sein mag, dass unter der Steppenbevölkerung
Südrusslands die Schädel der freigebornen Kinder zwischen Bretter
geschnürt werden, um ihnen eine steilere Gestalt zu geben, so be-
gegnen wir der nämlichen Mode bei den Conivos am Ucayali in
Südamerika 4), bemerkt wurde sie von Ch. Bell und Berthold
Seeman in Mosquitia bei den Smu 5), eigen ist sie auf dem nörd-
lichen Festlande namentlich den Tschinuk Britisch Columbiens,
überhaupt allen sogenannten Flachköpfen, die wiederum das Pressen
des Schädels nur bei Kindern von Freigebornen verstatten 6). Ge-
sundheitsrücksichten haben viele Völker bewogen die Beschneidung
einzuführen. Herodot 7) hielt die Aegypter und Aethiopier für die
Erfinder dieses Vorbeugungsmittels, das ihnen von Phöniciern und
Syriern erst abgelauscht worden sei. Bei der Eroberung fanden
die Spanier beschnittne Völker in Mittelamerika 8), am Amazonen-
strome aber huldigen die Tecuna- und Manaoshorden noch jetzt
diesem Gebrauche 9). In der Südsee ist er bei drei verschiednen
Racen angetroffen worden. Auf dem australischen Festlande näm-

1) v. Martius, Ethnographie I, 536.
2) Du Chaillu, Equatorial Africa p. 74 und Ashango-Land p. 431.
3) Cap. 80.
4) Grandidier, Pérou et Bolivie. p. 129.
5) Journal R. Geogr. Soc. XXXII, 256 und Seemann, Nicaragua,
Panama and Mosquitia. London 1869. p. 308.
6) Paul Kane, Indians of North America. p. 181.
7) II, 104.
8) Herrera, Historia general. Dec. IV. Libr. 9. Cap. 7.
9) v. Martius, Ethnographie I, 582.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0041" n="23"/><fw place="top" type="header">Arteneinheit des Menschengeschlechtes.</fw><lb/>
die Einheit und Gleichheit der Menschenart nicht bezweifelt werden<lb/>
kann. So werden wir später noch davon zu reden haben, dass<lb/>
die Zeichen- und Gebärdensprache europäischer Taubstummer<lb/>
zusammentrifft mit den gleichen Verständigungsmitteln der nord-<lb/>
amerikanischen Rothhäute. Alle Völker mit wenigen Ausnahmen<lb/>
sind zum einfachen oder doppelten Decimalsystem gelangt, weil<lb/>
sie die Finger beim Zählen zu Hilfe genommen haben. Haut-<lb/>
malerei und Tätowirungen kehren in allen Welttheilen wieder. Das<lb/>
Ausschlagen der Vorderzähne ist nicht blos ein Negerbrauch, son-<lb/>
dern kommt auch in Australien vor. Spitz gefeilt wiederum werden<lb/>
sie sowohl in Brasilien <note place="foot" n="1)">v. <hi rendition="#g">Martius</hi>, Ethnographie I, 536.</note> als im westlichen Afrika von den Otando-,<lb/>
Apono-, Ischogo- und Aschangostämmen <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#g">Du Chaillu</hi>, Equatorial Africa p. 74 und Ashango-Land p. 431.</note>. Erwähnt schon Hippo-<lb/>
krates <note place="foot" n="3)">Cap. 80.</note> oder wer sonst der Verfasser des Buches über Luft, Wasser<lb/>
und Ortsbeschaffenheit sein mag, dass unter der Steppenbevölkerung<lb/>
Südrusslands die Schädel der freigebornen Kinder zwischen Bretter<lb/>
geschnürt werden, um ihnen eine steilere Gestalt zu geben, so be-<lb/>
gegnen wir der nämlichen Mode bei den Conivos am Ucayali in<lb/>
Südamerika <note place="foot" n="4)"><hi rendition="#g">Grandidier</hi>, Pérou et Bolivie. p. 129.</note>, bemerkt wurde sie von Ch. Bell und Berthold<lb/>
Seeman in Mosquitia bei den Smu <note place="foot" n="5)">Journal R. Geogr. Soc. XXXII, 256 und <hi rendition="#g">Seemann</hi>, Nicaragua,<lb/>
Panama and Mosquitia. London 1869. p. 308.</note>, eigen ist sie auf dem nörd-<lb/>
lichen Festlande namentlich den Tschinuk Britisch Columbiens,<lb/>
überhaupt allen sogenannten Flachköpfen, die wiederum das Pressen<lb/>
des Schädels nur bei Kindern von Freigebornen verstatten <note place="foot" n="6)"><hi rendition="#g">Paul Kane</hi>, Indians of North America. p. 181.</note>. Ge-<lb/>
sundheitsrücksichten haben viele Völker bewogen die Beschneidung<lb/>
einzuführen. Herodot <note place="foot" n="7)">II, 104.</note> hielt die Aegypter und Aethiopier für die<lb/>
Erfinder dieses Vorbeugungsmittels, das ihnen von Phöniciern und<lb/>
Syriern erst abgelauscht worden sei. Bei der Eroberung fanden<lb/>
die Spanier beschnittne Völker in Mittelamerika <note place="foot" n="8)"><hi rendition="#g">Herrera</hi>, Historia general. Dec. IV. Libr. 9. Cap. 7.</note>, am Amazonen-<lb/>
strome aber huldigen die Tecuna- und Manaoshorden noch jetzt<lb/>
diesem Gebrauche <note place="foot" n="9)">v. <hi rendition="#g">Martius</hi>, Ethnographie I, 582.</note>. In der Südsee ist er bei drei verschiednen<lb/>
Racen angetroffen worden. Auf dem australischen Festlande näm-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[23/0041] Arteneinheit des Menschengeschlechtes. die Einheit und Gleichheit der Menschenart nicht bezweifelt werden kann. So werden wir später noch davon zu reden haben, dass die Zeichen- und Gebärdensprache europäischer Taubstummer zusammentrifft mit den gleichen Verständigungsmitteln der nord- amerikanischen Rothhäute. Alle Völker mit wenigen Ausnahmen sind zum einfachen oder doppelten Decimalsystem gelangt, weil sie die Finger beim Zählen zu Hilfe genommen haben. Haut- malerei und Tätowirungen kehren in allen Welttheilen wieder. Das Ausschlagen der Vorderzähne ist nicht blos ein Negerbrauch, son- dern kommt auch in Australien vor. Spitz gefeilt wiederum werden sie sowohl in Brasilien 1) als im westlichen Afrika von den Otando-, Apono-, Ischogo- und Aschangostämmen 2). Erwähnt schon Hippo- krates 3) oder wer sonst der Verfasser des Buches über Luft, Wasser und Ortsbeschaffenheit sein mag, dass unter der Steppenbevölkerung Südrusslands die Schädel der freigebornen Kinder zwischen Bretter geschnürt werden, um ihnen eine steilere Gestalt zu geben, so be- gegnen wir der nämlichen Mode bei den Conivos am Ucayali in Südamerika 4), bemerkt wurde sie von Ch. Bell und Berthold Seeman in Mosquitia bei den Smu 5), eigen ist sie auf dem nörd- lichen Festlande namentlich den Tschinuk Britisch Columbiens, überhaupt allen sogenannten Flachköpfen, die wiederum das Pressen des Schädels nur bei Kindern von Freigebornen verstatten 6). Ge- sundheitsrücksichten haben viele Völker bewogen die Beschneidung einzuführen. Herodot 7) hielt die Aegypter und Aethiopier für die Erfinder dieses Vorbeugungsmittels, das ihnen von Phöniciern und Syriern erst abgelauscht worden sei. Bei der Eroberung fanden die Spanier beschnittne Völker in Mittelamerika 8), am Amazonen- strome aber huldigen die Tecuna- und Manaoshorden noch jetzt diesem Gebrauche 9). In der Südsee ist er bei drei verschiednen Racen angetroffen worden. Auf dem australischen Festlande näm- 1) v. Martius, Ethnographie I, 536. 2) Du Chaillu, Equatorial Africa p. 74 und Ashango-Land p. 431. 3) Cap. 80. 4) Grandidier, Pérou et Bolivie. p. 129. 5) Journal R. Geogr. Soc. XXXII, 256 und Seemann, Nicaragua, Panama and Mosquitia. London 1869. p. 308. 6) Paul Kane, Indians of North America. p. 181. 7) II, 104. 8) Herrera, Historia general. Dec. IV. Libr. 9. Cap. 7. 9) v. Martius, Ethnographie I, 582.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/41
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/41>, abgerufen am 19.07.2019.