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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Stellung des Menschen in der Schöpfung.
der Erscheinungen und noch weniger die Annahme eines Urhebers
oder eines göttlichen Willens 1). Die höchsten Unterschiede zwi-
schen Menschen und Thieren werden erst bei der Untersuchung
über die Entwicklungsgeschichte unsrer Sprache von selbst hervor-
treten und ebenso enthält die Sittengeschichte der Völker still-
schweigend die beste Begründung einer höheren Würde der Mensch-
heit. Doch zählen alle diese Thatsachen nicht mit, wenn es sich
darum handelt, dem Menschen innerhalb des Thierreiches seine
Stelle anzuweisen, gerade so wenig als die Klugheit des Elephanten
nicht seinen Platz in einem zoologischen Lehrgebäude zu verrücken
vermag. Dem Menschen gebührt nur derjenige Rang in einem
morphologischen Systeme, den ihm in künftigen Erdaltern ein
denkendes Geschöpf innerhalb einer wissenschaftlichen Ordnung
des Thierreiches anweisen würde, wenn nichts mehr von unserm
Geschlechte vorhanden sein sollte, als eine ausreichende Anzahl
versteinerter Knochenreste. Nach den Grundsätzen der verglei-
chenden Anatomie und nach dem systematischen Bedürfniss allein
würde er dann als Ordnung oder als Unterordnung von den Affen
der geologischen Gegenwart getrennt werden.


1) Darwin, Ursprung des Menschen. Bd. 1. S. 28. S. 59. S. 76. S. 90.

Stellung des Menschen in der Schöpfung.
der Erscheinungen und noch weniger die Annahme eines Urhebers
oder eines göttlichen Willens 1). Die höchsten Unterschiede zwi-
schen Menschen und Thieren werden erst bei der Untersuchung
über die Entwicklungsgeschichte unsrer Sprache von selbst hervor-
treten und ebenso enthält die Sittengeschichte der Völker still-
schweigend die beste Begründung einer höheren Würde der Mensch-
heit. Doch zählen alle diese Thatsachen nicht mit, wenn es sich
darum handelt, dem Menschen innerhalb des Thierreiches seine
Stelle anzuweisen, gerade so wenig als die Klugheit des Elephanten
nicht seinen Platz in einem zoologischen Lehrgebäude zu verrücken
vermag. Dem Menschen gebührt nur derjenige Rang in einem
morphologischen Systeme, den ihm in künftigen Erdaltern ein
denkendes Geschöpf innerhalb einer wissenschaftlichen Ordnung
des Thierreiches anweisen würde, wenn nichts mehr von unserm
Geschlechte vorhanden sein sollte, als eine ausreichende Anzahl
versteinerter Knochenreste. Nach den Grundsätzen der verglei-
chenden Anatomie und nach dem systematischen Bedürfniss allein
würde er dann als Ordnung oder als Unterordnung von den Affen
der geologischen Gegenwart getrennt werden.


1) Darwin, Ursprung des Menschen. Bd. 1. S. 28. S. 59. S. 76. S. 90.
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[6/0024] Stellung des Menschen in der Schöpfung. der Erscheinungen und noch weniger die Annahme eines Urhebers oder eines göttlichen Willens 1). Die höchsten Unterschiede zwi- schen Menschen und Thieren werden erst bei der Untersuchung über die Entwicklungsgeschichte unsrer Sprache von selbst hervor- treten und ebenso enthält die Sittengeschichte der Völker still- schweigend die beste Begründung einer höheren Würde der Mensch- heit. Doch zählen alle diese Thatsachen nicht mit, wenn es sich darum handelt, dem Menschen innerhalb des Thierreiches seine Stelle anzuweisen, gerade so wenig als die Klugheit des Elephanten nicht seinen Platz in einem zoologischen Lehrgebäude zu verrücken vermag. Dem Menschen gebührt nur derjenige Rang in einem morphologischen Systeme, den ihm in künftigen Erdaltern ein denkendes Geschöpf innerhalb einer wissenschaftlichen Ordnung des Thierreiches anweisen würde, wenn nichts mehr von unserm Geschlechte vorhanden sein sollte, als eine ausreichende Anzahl versteinerter Knochenreste. Nach den Grundsätzen der verglei- chenden Anatomie und nach dem systematischen Bedürfniss allein würde er dann als Ordnung oder als Unterordnung von den Affen der geologischen Gegenwart getrennt werden. 1) Darwin, Ursprung des Menschen. Bd. 1. S. 28. S. 59. S. 76. S. 90.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/24>, abgerufen am 18.04.2019.