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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
gewinnt dadurch für die Völkerkunde ein höheres Gewicht und wir
freuen uns über die Angabe, dass auf der Freundschaftsinsel Tonga-
tabu aus den wenigen Nahrungspflanzen doch 40 verschiedne Ge-
richte durch kunstvollen Wechsel der Zubereitung ersonnen worden
waren 1). Künftige Beobachter sollten immer genau aufzeichnen,
ob auch die Einwohner ihre Nahrungsmittel salzen. Diess geschieht
beispielsweise weder von den Papuanen 2) noch von vielen Malayen-
völkern 3) und ebenso in Südafrika nicht von den Hottentotten 4).
In den Negerreichen des Sudan fehlt es an Steinsalz, aber aus
der Sahara wird es von den Karawanen zugeführt und die Neger
zwischen Gambia und Niger saugen an Salzstücken mit gleicher
Begier, wie unsre Kinder an Süssigkeiten. Von reichen Leuten
sagt man dort, sie essen Salz zur Mahlzeit 5). Der Missionär
Zucchelli beschreibt an der Küste von Congo das Verfahren der
Eingebornen Seewasser abzudampfen, doch sind wir nicht sicher,
ob diese Erwerbsart des Salzes schon vor der Niederlassung von
Portugiesen dort in Gebrauch war 6). In Südamerika haben die
brasilianischen Küstenvölker erst durch europäisches Beispiel das
neue Genussmittel sich angeeignet und seinen Werth rasch be-
griffen. Die Patagonier verzehren viel Salz, welches sie ohne Mühe
aus den natürlichen Salzweihern ihrer Heimath erwerben 7). Schon
zur Zeit der Entdeckung diente aber bei den Küstenbevölkerungen
am caribischen Golfe Salz in Ziegelform, wie es aus natürlichen
Pfannen an der Halbinsel Araya gewonnen wurde, im Verkehr als
Geld 8). Am Orinoco musste salpeterreiche Pflanzenasche das fehlende
Salz ersetzen 9). P. Charlevoix bemerkt ausdrücklich, dass die von ihm
besuchten Algonkinen und Irokesenvölker ihre Kost nicht zu salzen
pflegten 10). Dagegen wurden die Indianer der heutigen Südstaaten

1) Quatrefages, Rapport. p. 390.
2) Otto Finsch, Neu-Guinea. S. 69. S. 81. S. 100.
3) Waitz, Anthropologie. Bd. 5. S. 129.
4) Kolbe a. a. O. S. 491.
5) Mungo Park, Reisen ins Innere Afrikas. Berlin 1799. S. 250.
6) Zucchelli, Relazioni del viaggio e Missione di Congo. Venezia 1712
XIII, 15. p. 136.
7) Musters in Journal of the Anthrop. Institute, I, 199.
8) Petrus Martyr, De orbe novo. Dec. I. cap. 8.
9) Gumilla, El Orinoco ilustrado. Madrid 1741. I, cap. 20. p. 209.
10) Nouvelle France. tom. III, p. 364.

Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
gewinnt dadurch für die Völkerkunde ein höheres Gewicht und wir
freuen uns über die Angabe, dass auf der Freundschaftsinsel Tonga-
tabu aus den wenigen Nahrungspflanzen doch 40 verschiedne Ge-
richte durch kunstvollen Wechsel der Zubereitung ersonnen worden
waren 1). Künftige Beobachter sollten immer genau aufzeichnen,
ob auch die Einwohner ihre Nahrungsmittel salzen. Diess geschieht
beispielsweise weder von den Papuanen 2) noch von vielen Malayen-
völkern 3) und ebenso in Südafrika nicht von den Hottentotten 4).
In den Negerreichen des Sudan fehlt es an Steinsalz, aber aus
der Sahara wird es von den Karawanen zugeführt und die Neger
zwischen Gambia und Niger saugen an Salzstücken mit gleicher
Begier, wie unsre Kinder an Süssigkeiten. Von reichen Leuten
sagt man dort, sie essen Salz zur Mahlzeit 5). Der Missionär
Zucchelli beschreibt an der Küste von Congo das Verfahren der
Eingebornen Seewasser abzudampfen, doch sind wir nicht sicher,
ob diese Erwerbsart des Salzes schon vor der Niederlassung von
Portugiesen dort in Gebrauch war 6). In Südamerika haben die
brasilianischen Küstenvölker erst durch europäisches Beispiel das
neue Genussmittel sich angeeignet und seinen Werth rasch be-
griffen. Die Patagonier verzehren viel Salz, welches sie ohne Mühe
aus den natürlichen Salzweihern ihrer Heimath erwerben 7). Schon
zur Zeit der Entdeckung diente aber bei den Küstenbevölkerungen
am caribischen Golfe Salz in Ziegelform, wie es aus natürlichen
Pfannen an der Halbinsel Araya gewonnen wurde, im Verkehr als
Geld 8). Am Orinoco musste salpeterreiche Pflanzenasche das fehlende
Salz ersetzen 9). P. Charlevoix bemerkt ausdrücklich, dass die von ihm
besuchten Algonkinen und Irokesenvölker ihre Kost nicht zu salzen
pflegten 10). Dagegen wurden die Indianer der heutigen Südstaaten

1) Quatrefages, Rapport. p. 390.
2) Otto Finsch, Neu-Guinea. S. 69. S. 81. S. 100.
3) Waitz, Anthropologie. Bd. 5. S. 129.
4) Kolbe a. a. O. S. 491.
5) Mungo Park, Reisen ins Innere Afrikas. Berlin 1799. S. 250.
6) Zucchelli, Relazioni del viaggio e Missione di Congo. Venezia 1712
XIII, 15. p. 136.
7) Musters in Journal of the Anthrop. Institute, I, 199.
8) Petrus Martyr, De orbe novo. Dec. I. cap. 8.
9) Gumilla, El Orinoco ilustrado. Madrid 1741. I, cap. 20. p. 209.
10) Nouvelle France. tom. III, p. 364.
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[175/0193] Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. gewinnt dadurch für die Völkerkunde ein höheres Gewicht und wir freuen uns über die Angabe, dass auf der Freundschaftsinsel Tonga- tabu aus den wenigen Nahrungspflanzen doch 40 verschiedne Ge- richte durch kunstvollen Wechsel der Zubereitung ersonnen worden waren 1). Künftige Beobachter sollten immer genau aufzeichnen, ob auch die Einwohner ihre Nahrungsmittel salzen. Diess geschieht beispielsweise weder von den Papuanen 2) noch von vielen Malayen- völkern 3) und ebenso in Südafrika nicht von den Hottentotten 4). In den Negerreichen des Sudan fehlt es an Steinsalz, aber aus der Sahara wird es von den Karawanen zugeführt und die Neger zwischen Gambia und Niger saugen an Salzstücken mit gleicher Begier, wie unsre Kinder an Süssigkeiten. Von reichen Leuten sagt man dort, sie essen Salz zur Mahlzeit 5). Der Missionär Zucchelli beschreibt an der Küste von Congo das Verfahren der Eingebornen Seewasser abzudampfen, doch sind wir nicht sicher, ob diese Erwerbsart des Salzes schon vor der Niederlassung von Portugiesen dort in Gebrauch war 6). In Südamerika haben die brasilianischen Küstenvölker erst durch europäisches Beispiel das neue Genussmittel sich angeeignet und seinen Werth rasch be- griffen. Die Patagonier verzehren viel Salz, welches sie ohne Mühe aus den natürlichen Salzweihern ihrer Heimath erwerben 7). Schon zur Zeit der Entdeckung diente aber bei den Küstenbevölkerungen am caribischen Golfe Salz in Ziegelform, wie es aus natürlichen Pfannen an der Halbinsel Araya gewonnen wurde, im Verkehr als Geld 8). Am Orinoco musste salpeterreiche Pflanzenasche das fehlende Salz ersetzen 9). P. Charlevoix bemerkt ausdrücklich, dass die von ihm besuchten Algonkinen und Irokesenvölker ihre Kost nicht zu salzen pflegten 10). Dagegen wurden die Indianer der heutigen Südstaaten 1) Quatrefages, Rapport. p. 390. 2) Otto Finsch, Neu-Guinea. S. 69. S. 81. S. 100. 3) Waitz, Anthropologie. Bd. 5. S. 129. 4) Kolbe a. a. O. S. 491. 5) Mungo Park, Reisen ins Innere Afrikas. Berlin 1799. S. 250. 6) Zucchelli, Relazioni del viaggio e Missione di Congo. Venezia 1712 XIII, 15. p. 136. 7) Musters in Journal of the Anthrop. Institute, I, 199. 8) Petrus Martyr, De orbe novo. Dec. I. cap. 8. 9) Gumilla, El Orinoco ilustrado. Madrid 1741. I, cap. 20. p. 209. 10) Nouvelle France. tom. III, p. 364.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 175. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/193>, abgerufen am 25.05.2019.