Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
waren. Auch dass die Australier am untern Murray Erdaushöh-
lungen mit Thon ausstreichen und darin Speisen kochen, hätte
vielleicht einen erfinderischen Kopf auf die Verfertigung von Ge-
schirren führen können. Besser erklärt uns den Vorgang jedoch der
Bericht des französischen Seefahrers Gonneville, der in dem Jahre
1504 an einer südatlantischen Küste, wahrscheinlich in Brasilien
landete 1) und bei den Eingebornen, in welchen H. d'Avezac bra-
silianische Carijo zu erkennen glaubt, hölzerne Kochgeschirre be-
schreibt, die zum Schutze gegen das Feuer mit einer Lehmschicht
umkleidet waren 2). Löste sich durch Zufall die Holzschale von
der irdenen Umkleidung ab, so blieb ein Thongeschirr übrig. Bei
Untersuchung einer alten Töpferwerkstatt der Rothhäute am Ca-
hokia, der unterhalb St. Louis in den Mississippi mündet, entdeckte
Carl Rau halbfertige Gefässe, nämlich Körbe aus Binsen oder
Weiden, die innerlich mit Thon ausgestrichen waren. Wurde das
Geschirr gebrannt, so verzehrte das Feuer von selbst das äusser-
liche Gehäuse. In den südlichen Staaten der Union hat man an
halbfertigen Gefässen wieder wahrgenommen, dass nicht Geflechte,
sondern Kürbisschalen innerlich mit Thon ausgekleidet wurden 3).
Die Töpferkunst ist daher in Amerika selbständig erfunden worden
und ebenso in der alten Welt an einem für uns unbekannten
Culturheerd. Sie hatte sich von ihm aus aber nicht bis in den
äussersten Nordosten Asiens und nicht über die Beringstrasse ver-
breitet, wohl aber durch ganz Afrika, mit einziger Ausnahme des
Buschmännergebietes. Dass nun auch die Europäer der Vorzeit
ursprünglich Korbgeflechte mit Thon auskleideten, lassen die Ge-
schirre der Steinzeit an ihren Verzierungen wahrnehmen, die nur
aus Reihen von Nägeleindrücken bestehen, als sollten sie die hinter-
lassnen Spuren des Korbgeflechtes vertreten 4). Als nämlich ein
verwegner Kopf anfing, aus freier Hand den Thon zu formen, mag
sein irdnes Geschirr als nicht echt, oder von angeblich minderer
Güte verschmäht worden sein, weil ihm der alterthümliche Ursprung
fehlte, und so erlaubte er sich wohl zur Beruhigung der vermeint-
lichen Besorgnisse, die Rutheneindrücke mit dem Nagel zu fälschen.

1) Pierre Margry, Les navigations francaises. Paris 1867. p. 167.
2) d'Avezac, Voyage du Capitaine de Gonneville. Paris 1869. p. 97.
3) Carl Rau im Archiv für Anthropologie. Bd. 3. S. 24.
4) G. Klemm, Allgemeine Culturgeschichte. Leipzig 1843. Bd. 1. S. 188.

Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
waren. Auch dass die Australier am untern Murray Erdaushöh-
lungen mit Thon ausstreichen und darin Speisen kochen, hätte
vielleicht einen erfinderischen Kopf auf die Verfertigung von Ge-
schirren führen können. Besser erklärt uns den Vorgang jedoch der
Bericht des französischen Seefahrers Gonneville, der in dem Jahre
1504 an einer südatlantischen Küste, wahrscheinlich in Brasilien
landete 1) und bei den Eingebornen, in welchen H. d’Avezac bra-
silianische Carijó zu erkennen glaubt, hölzerne Kochgeschirre be-
schreibt, die zum Schutze gegen das Feuer mit einer Lehmschicht
umkleidet waren 2). Löste sich durch Zufall die Holzschale von
der irdenen Umkleidung ab, so blieb ein Thongeschirr übrig. Bei
Untersuchung einer alten Töpferwerkstatt der Rothhäute am Ca-
hokia, der unterhalb St. Louis in den Mississippi mündet, entdeckte
Carl Rau halbfertige Gefässe, nämlich Körbe aus Binsen oder
Weiden, die innerlich mit Thon ausgestrichen waren. Wurde das
Geschirr gebrannt, so verzehrte das Feuer von selbst das äusser-
liche Gehäuse. In den südlichen Staaten der Union hat man an
halbfertigen Gefässen wieder wahrgenommen, dass nicht Geflechte,
sondern Kürbisschalen innerlich mit Thon ausgekleidet wurden 3).
Die Töpferkunst ist daher in Amerika selbständig erfunden worden
und ebenso in der alten Welt an einem für uns unbekannten
Culturheerd. Sie hatte sich von ihm aus aber nicht bis in den
äussersten Nordosten Asiens und nicht über die Beringstrasse ver-
breitet, wohl aber durch ganz Afrika, mit einziger Ausnahme des
Buschmännergebietes. Dass nun auch die Europäer der Vorzeit
ursprünglich Korbgeflechte mit Thon auskleideten, lassen die Ge-
schirre der Steinzeit an ihren Verzierungen wahrnehmen, die nur
aus Reihen von Nägeleindrücken bestehen, als sollten sie die hinter-
lassnen Spuren des Korbgeflechtes vertreten 4). Als nämlich ein
verwegner Kopf anfing, aus freier Hand den Thon zu formen, mag
sein irdnes Geschirr als nicht echt, oder von angeblich minderer
Güte verschmäht worden sein, weil ihm der alterthümliche Ursprung
fehlte, und so erlaubte er sich wohl zur Beruhigung der vermeint-
lichen Besorgnisse, die Rutheneindrücke mit dem Nagel zu fälschen.

1) Pierre Margry, Les navigations françaises. Paris 1867. p. 167.
2) d’Avezac, Voyage du Capitaine de Gonneville. Paris 1869. p. 97.
3) Carl Rau im Archiv für Anthropologie. Bd. 3. S. 24.
4) G. Klemm, Allgemeine Culturgeschichte. Leipzig 1843. Bd. 1. S. 188.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0191" n="173"/><fw place="top" type="header">Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.</fw><lb/>
waren. Auch dass die Australier am untern Murray Erdaushöh-<lb/>
lungen mit Thon ausstreichen und darin Speisen kochen, hätte<lb/>
vielleicht einen erfinderischen Kopf auf die Verfertigung von Ge-<lb/>
schirren führen können. Besser erklärt uns den Vorgang jedoch der<lb/>
Bericht des französischen Seefahrers Gonneville, der in dem Jahre<lb/>
1504 an einer südatlantischen Küste, wahrscheinlich in Brasilien<lb/>
landete <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#g">Pierre Margry</hi>, Les navigations françaises. Paris 1867. p. 167.</note> und bei den Eingebornen, in welchen H. d&#x2019;Avezac bra-<lb/>
silianische Carijó zu erkennen glaubt, hölzerne Kochgeschirre be-<lb/>
schreibt, die zum Schutze gegen das Feuer mit einer Lehmschicht<lb/>
umkleidet waren <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#g">d&#x2019;Avezac</hi>, Voyage du Capitaine de Gonneville. Paris 1869. p. 97.</note>. Löste sich durch Zufall die Holzschale von<lb/>
der irdenen Umkleidung ab, so blieb ein Thongeschirr übrig. Bei<lb/>
Untersuchung einer alten Töpferwerkstatt der Rothhäute am Ca-<lb/>
hokia, der unterhalb St. Louis in den Mississippi mündet, entdeckte<lb/>
Carl Rau halbfertige Gefässe, nämlich Körbe aus Binsen oder<lb/>
Weiden, die innerlich mit Thon ausgestrichen waren. Wurde das<lb/>
Geschirr gebrannt, so verzehrte das Feuer von selbst das äusser-<lb/>
liche Gehäuse. In den südlichen Staaten der Union hat man an<lb/>
halbfertigen Gefässen wieder wahrgenommen, dass nicht Geflechte,<lb/>
sondern Kürbisschalen innerlich mit Thon ausgekleidet wurden <note place="foot" n="3)"><hi rendition="#g">Carl Rau</hi> im Archiv für Anthropologie. Bd. 3. S. 24.</note>.<lb/>
Die Töpferkunst ist daher in Amerika selbständig erfunden worden<lb/>
und ebenso in der alten Welt an einem für uns unbekannten<lb/>
Culturheerd. Sie hatte sich von ihm aus aber nicht bis in den<lb/>
äussersten Nordosten Asiens und nicht über die Beringstrasse ver-<lb/>
breitet, wohl aber durch ganz Afrika, mit einziger Ausnahme des<lb/>
Buschmännergebietes. Dass nun auch die Europäer der Vorzeit<lb/>
ursprünglich Korbgeflechte mit Thon auskleideten, lassen die Ge-<lb/>
schirre der Steinzeit an ihren Verzierungen wahrnehmen, die nur<lb/>
aus Reihen von Nägeleindrücken bestehen, als sollten sie die hinter-<lb/>
lassnen Spuren des Korbgeflechtes vertreten <note place="foot" n="4)">G. <hi rendition="#g">Klemm</hi>, Allgemeine Culturgeschichte. Leipzig 1843. Bd. 1. S. 188.</note>. Als nämlich ein<lb/>
verwegner Kopf anfing, aus freier Hand den Thon zu formen, mag<lb/>
sein irdnes Geschirr als nicht echt, oder von angeblich minderer<lb/>
Güte verschmäht worden sein, weil ihm der alterthümliche Ursprung<lb/>
fehlte, und so erlaubte er sich wohl zur Beruhigung der vermeint-<lb/>
lichen Besorgnisse, die Rutheneindrücke mit dem Nagel zu fälschen.<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[173/0191] Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. waren. Auch dass die Australier am untern Murray Erdaushöh- lungen mit Thon ausstreichen und darin Speisen kochen, hätte vielleicht einen erfinderischen Kopf auf die Verfertigung von Ge- schirren führen können. Besser erklärt uns den Vorgang jedoch der Bericht des französischen Seefahrers Gonneville, der in dem Jahre 1504 an einer südatlantischen Küste, wahrscheinlich in Brasilien landete 1) und bei den Eingebornen, in welchen H. d’Avezac bra- silianische Carijó zu erkennen glaubt, hölzerne Kochgeschirre be- schreibt, die zum Schutze gegen das Feuer mit einer Lehmschicht umkleidet waren 2). Löste sich durch Zufall die Holzschale von der irdenen Umkleidung ab, so blieb ein Thongeschirr übrig. Bei Untersuchung einer alten Töpferwerkstatt der Rothhäute am Ca- hokia, der unterhalb St. Louis in den Mississippi mündet, entdeckte Carl Rau halbfertige Gefässe, nämlich Körbe aus Binsen oder Weiden, die innerlich mit Thon ausgestrichen waren. Wurde das Geschirr gebrannt, so verzehrte das Feuer von selbst das äusser- liche Gehäuse. In den südlichen Staaten der Union hat man an halbfertigen Gefässen wieder wahrgenommen, dass nicht Geflechte, sondern Kürbisschalen innerlich mit Thon ausgekleidet wurden 3). Die Töpferkunst ist daher in Amerika selbständig erfunden worden und ebenso in der alten Welt an einem für uns unbekannten Culturheerd. Sie hatte sich von ihm aus aber nicht bis in den äussersten Nordosten Asiens und nicht über die Beringstrasse ver- breitet, wohl aber durch ganz Afrika, mit einziger Ausnahme des Buschmännergebietes. Dass nun auch die Europäer der Vorzeit ursprünglich Korbgeflechte mit Thon auskleideten, lassen die Ge- schirre der Steinzeit an ihren Verzierungen wahrnehmen, die nur aus Reihen von Nägeleindrücken bestehen, als sollten sie die hinter- lassnen Spuren des Korbgeflechtes vertreten 4). Als nämlich ein verwegner Kopf anfing, aus freier Hand den Thon zu formen, mag sein irdnes Geschirr als nicht echt, oder von angeblich minderer Güte verschmäht worden sein, weil ihm der alterthümliche Ursprung fehlte, und so erlaubte er sich wohl zur Beruhigung der vermeint- lichen Besorgnisse, die Rutheneindrücke mit dem Nagel zu fälschen. 1) Pierre Margry, Les navigations françaises. Paris 1867. p. 167. 2) d’Avezac, Voyage du Capitaine de Gonneville. Paris 1869. p. 97. 3) Carl Rau im Archiv für Anthropologie. Bd. 3. S. 24. 4) G. Klemm, Allgemeine Culturgeschichte. Leipzig 1843. Bd. 1. S. 188.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/191
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 173. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/191>, abgerufen am 26.05.2019.