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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

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Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
Indianern, wie in Cambodia, ebenfalls das Abdämmen und Aus-
schöpfen von Fischwassern anwenden sah.

Wie man sich längst gestanden haben wird, wäre es eine hoff-
nungslose Aufgabe, irgend einen Erdraum als denjenigen zu be-
zeichnen, der durch leichten Erwerb des Tagesbedarfs sich für die
Heimath der frühesten, noch nicht durch Nachdenken und Uebung
erstarkten Stammeltern mehr als andre geeignet haben sollte, viel-
mehr war unser Planet an unzähligen Strecken beider Festlande
für den Empfang des Menschen vorbereitet. Dagegen können die
von uns verknüpften Thatsachen dazu dienen, uns von dem alten
Irrthum zu erlösen, dass die Ausbreitung unsres Geschlechts von
irgend einem Schöpfungsherd nach entlegenen Festlanden nur bei
reiferen Zuständen habe stattfinden können. An Nahrung hat es
wenigstens nirgends gefehlt, ja die örtlich wechselnde Fülle und
die ursprünglich engen Verbreitungsgebiete wohlschmeckender Ge-
nussmittel, die als etwas Neues von ausgeschwärmten Horden entdeckt
werden mussten, mögen viel dazu beigetragen haben, dass mensch-
liche Bewohner bis in die äussersten Winkel des Erdkreises gelockt
wurden. So weit Geschichte und Erforschung vorgeschichtlicher
Zeiten reichen, waren die Völker beständig auf der Wanderung
begriffen, ja das Verwachsen mit dem Boden gehört erst sehr vor-
gerückten gesellschaftlichen Zuständen an.

Nicht gänzlich darf an dieser Stelle eine Entartung des
Menschengeschlechts verschwiegen werden. Während es bei Thieren
selten vorkommt, dass sie ihre eigene Art verzehren, stossen wir
auf die Anthropophagie fast in allen Welttheilen. Einige dieser
Fälle werden dadurch gemildert, dass der entsetzlichen Gewohnheit
nur der schlimme Wahn zu Grunde liegt, als könne man schätzens-
werthe Eigenschaften des Verzehrten in sich aufnehmen. Zur Zeit
des Taipingaufstandes traf ein englischer Kaufmann in Shanghai
seinen Diener auf der Strasse, der das Herz eines Rebellen nach
Hause trug und eingestand, es verzehren zu wollen, um seinen
Muth zu stärken 1). Bisweilen ist es nicht sinnliche Gier, sondern
Rachsucht, um dem erschlagnen Feinde die schimpflichste aller
Bestattungsarten zu bereiten. Manchmal wird die Gottheit selbst
zur Theilnahme herabgezogen, wenn auf das Menschenopfer der

1) J. B. Tylor, Urgeschichte der Menschheit. S. 167.

Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung.
Indianern, wie in Cambodia, ebenfalls das Abdämmen und Aus-
schöpfen von Fischwassern anwenden sah.

Wie man sich längst gestanden haben wird, wäre es eine hoff-
nungslose Aufgabe, irgend einen Erdraum als denjenigen zu be-
zeichnen, der durch leichten Erwerb des Tagesbedarfs sich für die
Heimath der frühesten, noch nicht durch Nachdenken und Uebung
erstarkten Stammeltern mehr als andre geeignet haben sollte, viel-
mehr war unser Planet an unzähligen Strecken beider Festlande
für den Empfang des Menschen vorbereitet. Dagegen können die
von uns verknüpften Thatsachen dazu dienen, uns von dem alten
Irrthum zu erlösen, dass die Ausbreitung unsres Geschlechts von
irgend einem Schöpfungsherd nach entlegenen Festlanden nur bei
reiferen Zuständen habe stattfinden können. An Nahrung hat es
wenigstens nirgends gefehlt, ja die örtlich wechselnde Fülle und
die ursprünglich engen Verbreitungsgebiete wohlschmeckender Ge-
nussmittel, die als etwas Neues von ausgeschwärmten Horden entdeckt
werden mussten, mögen viel dazu beigetragen haben, dass mensch-
liche Bewohner bis in die äussersten Winkel des Erdkreises gelockt
wurden. So weit Geschichte und Erforschung vorgeschichtlicher
Zeiten reichen, waren die Völker beständig auf der Wanderung
begriffen, ja das Verwachsen mit dem Boden gehört erst sehr vor-
gerückten gesellschaftlichen Zuständen an.

Nicht gänzlich darf an dieser Stelle eine Entartung des
Menschengeschlechts verschwiegen werden. Während es bei Thieren
selten vorkommt, dass sie ihre eigene Art verzehren, stossen wir
auf die Anthropophagie fast in allen Welttheilen. Einige dieser
Fälle werden dadurch gemildert, dass der entsetzlichen Gewohnheit
nur der schlimme Wahn zu Grunde liegt, als könne man schätzens-
werthe Eigenschaften des Verzehrten in sich aufnehmen. Zur Zeit
des Taipingaufstandes traf ein englischer Kaufmann in Shanghai
seinen Diener auf der Strasse, der das Herz eines Rebellen nach
Hause trug und eingestand, es verzehren zu wollen, um seinen
Muth zu stärken 1). Bisweilen ist es nicht sinnliche Gier, sondern
Rachsucht, um dem erschlagnen Feinde die schimpflichste aller
Bestattungsarten zu bereiten. Manchmal wird die Gottheit selbst
zur Theilnahme herabgezogen, wenn auf das Menschenopfer der

1) J. B. Tylor, Urgeschichte der Menschheit. S. 167.
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[165/0183] Die Nahrungsmittel und ihre Zubereitung. Indianern, wie in Cambodia, ebenfalls das Abdämmen und Aus- schöpfen von Fischwassern anwenden sah. Wie man sich längst gestanden haben wird, wäre es eine hoff- nungslose Aufgabe, irgend einen Erdraum als denjenigen zu be- zeichnen, der durch leichten Erwerb des Tagesbedarfs sich für die Heimath der frühesten, noch nicht durch Nachdenken und Uebung erstarkten Stammeltern mehr als andre geeignet haben sollte, viel- mehr war unser Planet an unzähligen Strecken beider Festlande für den Empfang des Menschen vorbereitet. Dagegen können die von uns verknüpften Thatsachen dazu dienen, uns von dem alten Irrthum zu erlösen, dass die Ausbreitung unsres Geschlechts von irgend einem Schöpfungsherd nach entlegenen Festlanden nur bei reiferen Zuständen habe stattfinden können. An Nahrung hat es wenigstens nirgends gefehlt, ja die örtlich wechselnde Fülle und die ursprünglich engen Verbreitungsgebiete wohlschmeckender Ge- nussmittel, die als etwas Neues von ausgeschwärmten Horden entdeckt werden mussten, mögen viel dazu beigetragen haben, dass mensch- liche Bewohner bis in die äussersten Winkel des Erdkreises gelockt wurden. So weit Geschichte und Erforschung vorgeschichtlicher Zeiten reichen, waren die Völker beständig auf der Wanderung begriffen, ja das Verwachsen mit dem Boden gehört erst sehr vor- gerückten gesellschaftlichen Zuständen an. Nicht gänzlich darf an dieser Stelle eine Entartung des Menschengeschlechts verschwiegen werden. Während es bei Thieren selten vorkommt, dass sie ihre eigene Art verzehren, stossen wir auf die Anthropophagie fast in allen Welttheilen. Einige dieser Fälle werden dadurch gemildert, dass der entsetzlichen Gewohnheit nur der schlimme Wahn zu Grunde liegt, als könne man schätzens- werthe Eigenschaften des Verzehrten in sich aufnehmen. Zur Zeit des Taipingaufstandes traf ein englischer Kaufmann in Shanghai seinen Diener auf der Strasse, der das Herz eines Rebellen nach Hause trug und eingestand, es verzehren zu wollen, um seinen Muth zu stärken 1). Bisweilen ist es nicht sinnliche Gier, sondern Rachsucht, um dem erschlagnen Feinde die schimpflichste aller Bestattungsarten zu bereiten. Manchmal wird die Gottheit selbst zur Theilnahme herabgezogen, wenn auf das Menschenopfer der 1) J. B. Tylor, Urgeschichte der Menschheit. S. 167.

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Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/183>, abgerufen am 18.09.2019.