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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 145. Köln, 17. November 1848.

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und Gebrüder Frowein, Gebrüder Schniewind, J. C. Haarhaus Söhne, Brüning et Comp.

* Aus dem Kreise Mülheim, 15. Nov.

Fast aus jedem Orte des Kreises gehen Proteste mit zahlreichen Unterschriften zur Nationalversammlung nach Berlin ab; sie drücken derselben für ihre männliche Haltung den tiefsten Dank aus und versprechen ihr, alle Mittel aufzubieten, ihren Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Tausende der entschlossensten und kräftigsten Männer stehen bereit, auf das erste Signal, das in Köln oder anderwärts gegeben wird, für das höchste irdische Gut, die Freiheit, in den Kampf zu gehen, darin zu siegen oder zu sterben. Es war dies von unserm Kreise nicht anders zu erwarten.

* Emmerich, 15. Nov.

Gestern Abend versammelte sich eine große Menge der Einwohner vor dem Hause des Landtags-Deputirten Lensing und brachte ihm eine Katzenmusik. Eine Fortsetzung derselben soll heute und morgen erfolgen.

Auch sind bereits Mißtrauens-Adressen gegen das Benehmen des Lensing in Umlauf.

14 Dortmund, 15. Nov.

Die gleichsam in Marmor gemeißelten Grundzüge Ihrer jüngsten Leitartikel beginnen auch für Ihr liebes Dortmund Wahrheiten zu werden. Auch hier hat sich die liberale Bourgeoisie (vertreten durch den konstitutionellen Klub) mit dem demokratischen Volksverein verbunden, um in einer zahlreich besuchten "Urwählerversammlung" eine beistimmende Adresse an die Nationalversammlung debattiren und beschließen zu lassen. Die Adresse ist -- die nachträglichen eingerechnet -- mit nahe an 600 Unterschriften bedeckt. Die Debatten in der Versammlung gewannen dadurch sehr an Lebendigkeit, daß auf der Rednerbühne stets ein Revolutionär einem Contrerevolutionär (oder ein Wühler einem Heuler) folgte, und daß die Heuler ein glänzendes, in diesem Grade hier noch nie dagewesenes Fiasko machten. Es ist im Hinblick auf die märkische "angestammte Treue" gewiß ein bemerkenswerthes Ereigniß, wenn unsere früher blindverehrten Popen und Mandarinen in öffentlichen Versammlungen mit einem kräftigen: "'runter mit dem Kerl!" begrüßt werden. -- Dagegen hat gestern der sogenannte konstitutionelle Bürgerverein (heulende Reaktionäre pur sang) eine servile Loyalitätsadresse nach Berlin geschickt, welche nur dadurch Unterschriften erlangen konnte, daß sie heimlicherweise von Haus zu Haus geschickt wurde. Während bei Ihnen in Köln sich alle politischen Vereine der Adresse Ihrer Volksversammlung anschlossen, hat unser Bürgerverein, welcher früher dem Bürgerverein in Köln gläubige Verehrung zollte und ihm Gehorsam schwur, endlich seine rechte Couleur herausgekehrt und bewiesen, daß er nichts als eine bande noire konstitutioneller Heuchler und Charlatane ist.

Der Volksverein, welcher in letzter Zeit so zahlreich besucht wurde, daß das Lokal nicht mehr zureichte, wird jetzt wöchentlich zwei Versammlungen im größten Lokale der Stadt halten. Man muß das Eisen schmieden solange es warm ist. Wenn über dem vielen Reden und Schreiben nur das Handeln nicht vergessen wird.

43 Bielefeld, 15. Nov.

Schon vor einigen Tagen sind Adressen vom demokratischen Vereine, von mehreren Gewerken der Stadt und von vielen Landgemeinden der Umgegend an die Nationalversammlung abgegangen, worin die vollste Anerkennung der Versammlung und der feste Willen der Unterzeichner ausgesprochen sind, die Vertreter des Volkes nöthigenfalls mit Waffengewalt zu schützen. Die Aufregung in Westfalen ist ungeheuer, wie wir aus allen Theilen der Provinz vernehmen. Es bedarf nur eines Aufrufes der Nationalversammlung, um die Gährung in offenen Kampf zu verwandeln. Die Steuerverweigerung hat schon hier und dort begonnen, sie wird allgemein werden, wenn die Nationalversammlung endlich beschließt, diese Maßregel zu dekretiren. Die niederträchtige Ermordung Robert Blum's in Wien erfüllt die Gemüther mit der furchbarsten Wuth. Wir gehen jedenfalls einer schrecklichen Zeit entgegen, da jetzt auch der "besonnenste" Mann zu begreifen beginnt, daß wir nur durch eine Schreckensherrschaft zur Freiheit gelangen können.

Magdeburg.

Mitbürger Soldaten! Wir, versammelte Bürger Magdeburg's, seiner Vor- und Mitstädte, so wie Buckau's richten an Euch, aus dem Herzen zum Herzen, das Wort. Wir sind allesammt Brüder, wir sind allesammt Söhne desselben Vaterlandes, unser Wohl ist Euer Wohl, Eure Ehre unsre Ehre, unsre Freiheit, Eure Freiheit, unser Recht Euer Recht! Bevor Ihr in's Heer eingetreten, waret Ihr Bürger, wenn Ihr nach wenigen Monden austretet, werdet Ihr Burger sein, und -- ja, während Ihr im Heere stehet, seid Ihr auch Bürger. Es gibt keinen Unterschied zwischen Volk und Heer, sie sind Eins; kommt Weh und Schmach über das Volk, sind sie auch über das Heer gekommen.

Darum rufen wir Euch zu: keinen Zusammenstoß, keinen Kampf zwischen Heer und Volk! Wir öffnen Euch die Arme, Soldaten, denn wir sind Eure Väter und Brüder, Eure Mütter und Schwestern sind unsre Frauen und Schwestern!

Sollte der Soldat seinen Arm hergeben zur Unterdrückung der Volksfreiheit, zur Ueberwältigung der Nationalversammlung, so hat er die Waffe gegen die eigene Vrust, gegen die Brust seines Baters und Bruders, seiner Mutter und Schwester gezückt!

Mitbürger Soldaten, vergesset das nicht, erwäget es wohl, Ihr seid des Vaterlandes, dieses hat sein heiliges Anrecht auf Euch, erinnert Euch, Ihr habet auch dem Vaterlande den Eid geschworen! Das Vaterland ist das Höchste auf Erden! -- Dazu bieten wir Euch die Bruderhand!

Magdeburg, den 12. November 1848.

Die Bürgerversammlung von Magdeburg"

20 Berlin, 13. November.

Noch immer keine Entscheidung! Die Nacht ist ruhig und ohne Konflikt vorübergegangen. Die Proklamation des Belagerungszustandes weit entfernt die Berliner zu schrecken, hat vielmehr einen ganz entgegengesetzten, einen heitern Eindruck aufs Volk gemacht. Es betrachtet ihn als ein komisches Ding, macht seine Witze drüber, kehrt sich aber nicht im Mindesten dran. Wo vor dem Belagerungszustande 5 Leute zusammenstanden, da stehen heut 50; man trägt Waffen, druckt und verkauft Flugschriften trotz Wrangel und seinem Belagerungszustande. Allerdings ziehen Militär-Patrouillen durch die Straßen; aber entweder werden sie verhöhnt oder mit Vivats vom Volke begleitet. Das Militär fraternisirt gleichsam mit dem Volke und wenn auch heut schon einzelne kleine Konflikte vorkamen, bei denen sich die Soldaten nicht gerade aufs feinste benahmen, so zeigten doch andere Fälle, wie schwankend die Soldaten im Gehorsam gegen ihre Offiziere sind. Gemeine, die von Offizieren zum Abreißen von Plakaten kommandirt waren, haben sich dessen geweigert. Die Offiziere waren genöthigt es selbst zu thun; das Volk machte dann immer die Gegendemonstration, daß es alle königl. Plakate von den Ecken riß. Auf dem Dönhoffsplatze, wo zum Einschreiten gegen Gruppen kommandirt wurde, machten die Soldaten "Gewehr bei Fuß." Kurz, Wrangel wird ausgelacht, Belagerungszustand klingt wie eine Fabel. Man ist fröhlichen Muthes auf den Augenblick des Kampfes gefaßt. Man glaubte allgemein, daß er in der vergangenen Nacht ausbrechen wurde, bei Gelegenheit der Sprengung der Vereinb-Versammlung. -- Da diese ausblieb, so war kein naherer Anlaß zum Kampfe da. Uebrigens wird eifrig Munition bereitet, im Falle es zum Straßenkampfe kommen sollte. Bis zu diesem Augenblicke, 2 Uhr Mittags hat sich noch Nichts weiter ereignet. Man sprach zwar, daß bereits in einigen Stadttheilen die Entwaffnung gewaltsam vorgenommen würde; doch erwies sich dies bald als ungegründet. Dagegen sind, wie man mit Bestimmtheit versichert, bewaffnete Zuzüge von Frankfurt, Magdeburg und Stettin an den letzten Stationen vor Berlin von dem dort aufgestellten Militär entwaffnet worden. -- So eben erscheint eine neue Aufforderung des Polizeipräsidiums zur Abgabe der Waffen, wozu eine Frist bis Morgen Nachmittag 5 Uhr festgestellt ist. Was dann erfolgt, kann sich Jeder denken. Bis jetzt sind übrigens kaum 50 Gewehre abgeliefert.

4 Uhr Nachmittags. Die Menschenmaße auf dem Schloßplatze, der Königsstraße, am Zeughause wird bedeutender, als sie seit langer Zeit dort war. Der Belagerungszustand bringt Leben in die "verödete" Stadt. An der neuen Wache machen die Soldaten Marschübungen, wobei sie die Menschenmaße unter deren Gelächter vor sich her treiben.

5 Uhr. Das längsterwartete ist geschehen; das Schützenhaus wurde so eben von Militär besetzt. Im Saale angekommen fanden die Soldaten nur noch den permanenten Ausschuß der Vereinbarer-Versammlung, den Vizepräsidenten von Plönnies und drei Schriftfuhrer. Der kommandirende Offizier forderte die Abgeordneten auf den Saal zu verlassen; der Präsident befahl dasselbe dem Offizier und seiner Mannschaft. Noch langem Hin- und Herreden wurden 3 Mann beordert die Deputirten gewaltsam aus dem Saale zu bringen und da diese sich weigerten, so führte eine ganze Sektion Militär den Befehl aus. Mit Widerwillen, ja Entrustung gehorchten die Soldaten diesem Befehle; das merkte man ihnen wohl an. -- Unten wurden die auf diese Weise vertriebenen Deputirten mit Hurrah's vom Volke empfangen und fortgeleitet.

Die Vereinbarer-Versammlung hat leider noch immer nicht den Muth der Krone gegenüber ihren letzten Trumpf, die Steuerverweigerung, auszuspielen. Wer weiß, ob sie morgen noch die Gelegenheit dazu finden wird.

* Berlin, 14. Nov.

Die Galgenzeitung "mit Gott für König und Vaterland", bringt folgende Notizen:

In Folge der Ausdehnung des Belagerungszustandes auf zwei Meilen in der Runde von Berlin, werden die Fremden von der ersten Station dieses Umkreises ab nur gegen besondere Legitimationskarten nach Berlin weiter befördert.

Wir hören, daß noch heute von Seiten des bevollmächtigten Abgeordneten der Reichscentralgewalt in Frankfurt, Herrn Bassermann, die Erklärung der Centralgewalt veröffentlicht werden wird, wodurch die volle Uebereinstimmung derselben mit den Maßregeln der preußischen Regierung proklamirt wird.

Der frühere Minister, Abgeordneter Gierke, der sich der Oppositionspartei angeschlossen, hat in der Versammlung gestern von der Tribüne behauptet, die treue Stadt Stettin habe sich gegen die Regierung erklärt.

Ein Beweis von der Frechheit, mit welcher einige Führer die Autorität des Gesetzes verhöhnen, gab ein gestern Abend verbreitetes Plakat des durch sein Benehmen bereits vielfach bekannten Kammergerichts-Assessor Wache, unterzeichnet mit seinem Namen, in welchem er die Bestimmungen des Belagerungszustandes verhöhnt. Die Polizei hat demnach sofort in der Buchdruckerei von W. Fähndrich und Komp., aus der dieses Machwerk hervorgegangen, den noch ubrigen Vorrath saisiren und die Druckerei schließen lassen; indeß waren schon vorher mehrere 1000 Exemplare fortgeschafft und wurden am Schloß (das Militär halt sich streng innerhalb der gesperrten Gitterthuren) und an andern Orten angeschlagen und verkauft. -- Wir hören, daß auch Herr Wache verhaftet ist.

Die Gymnasien sind gestern, vorläufig für 2 Tage, geschlossen worden.

Dieselbige "Galgenzeitung" mit dem eisernen Kreuze bringt folgende zwei Notizen:

Die Nachricht von dem Standrecht über Robert Blum und der sofortigen Vollziehung des Urtheils an demselben scheint einen sehr bedeutenden Eindruck zu machen.

Die meisten bisherigen Fuhrer der demokratischen Partei und des souveränen Berliner Volks halten sich sehr zurückgezogen und lassen sich nirgends blicken. Mehrere sollen sogar sich bereits entfernt haben.

Wir hören so eben, daß der Abgeordnete Schramm, als er gestern gegen Abend aufreizende Proklamationen an die Soldaten vertheilte, von denselben sofort festgenommen und zur Haft gebracht worden.

Die beiden Notizen widersprechen sich. Der Tod des Deputirten Blum hat den Deputirten Schramm nicht abgehalten, dem "Standrecht" zu verfallen.

Aus beiden direkt aufeinanderfolgenden Notizen sieht man nur, wie die Männer vom Landwehrkreuze in Windischgrätz, dem Mordhund, ihr Ideal ubertroffen finden.

* Berlin, 14. Nov.

Es ist zu ernstlichen Konflikten gekommen. Zu Konflikten zwischen dem Militär und den Plakaten! Die Offiziere sind wüthend darüber, daß man ihnen überall scherzend aus dem Wege geht und daß man die Soldaten bei ihrem Heranrücken stets mit freundlichem Nicken und mit lautem Hurrah empfängt. Aus Zorn, daß es zu keinem Krawall kommen will, rennen die hungrigen Eisenfresser daher mit den Säbeln in die Bäume oder an die Straßenecken, um die Anschlagzettel niederzumetzeln, die wehrlosen Annoncen, die in der Manier eines Wache, eines Buddelmeier den großen Wrangel so köstlich verhöhnen. In der That, die Soldateska entwaffnet nicht das Volk durch den Belagerungszustand, sondern das Volk entwaffnet die Soldaten durch seine Liebenswürdigkeit. Ein wahrer Guerillakrieg wird in unsern Straßen geführt; ein Krieg mit freundlichen Worten, mit höflichen Grußen und heitern Späßen. Es ist, als löste sich der ganze Ernst der jüngsten Vorfälle in den harmlosesten Scherz auf, und wenn nicht fortwährend die Bajonnette blitzten und die Patrouillen in verdächtigen Massen durch die Straßen marschirten, so sollte man fast glauben, daß es mit dem Belagerungszustand wirklich nicht so schlimm gemeint sei.

Amusant war es, wie sich, gleich nachdem unter wirbelndem Trommelschlag das Wrangel'sche Martialgesetz verkündet worden war, durch die Schloßgitter hindurch das Volk mit dem Militär unterhielt. In großen Haufen hatte man sich herangedrängt und zum großen Aerger der Offiziere wollte Niemand zu einer ernstlichen Störung Veranlassung geben.

Auf dem Dönhofsplatze weigerten sich die Soldaten sogar, auf Befehl ihres Lieutenants das Bajonet zu fällen, um eine Gruppe eifrig schwatzender Leute zu zerstreuen. Nur ein einziger Mann gehorchte, die andern machten aber Gewehr bei Fuß und zornesroth kommandirte der Offizier zum Rückzug. Die Soldaten des Kaiser Franz- und Alexander-Garderegiments zeigten sich nicht weniger volksfreundlich. Sie sollten Feuer geben, aber das Kommando war vergebens und mit lautem Jubel stob die Menge auseinander, um ihren Freunden Platz zu machen. Ein ähnlicher Vorfall geschah vor der Universität, wo das Militär schon auf einige Studenten angeschlagen hatte, aber verschämt die Arme sinken ließ, als die Studenten arglos in die Hände klatschten und in lautes Bravorufen ausbrachen.

In wahrhaft fabelhafter Weise verhöhnt man so die Wrangelschen Maßregeln, und wenn nicht in den nächsten Tagen irgend ein trauriger Vorfall dazwischen kommt, so haben wir alle Aussicht, den gesunden Menschenverstand über die Bosheit der Kamarilla triumphiren zu sehen.

Doch jetzt zu dem Gewaltstreich gegen die Abgeordneten des Volkes!

Gegen [unleserliches Material] Uhr heute Nachmittags, ungefähr eine Stunde nach Suspension der Sitzung, gelangte die Nachricht in den Sitzungssaal: das Militär rückte gegen das Schützenhaus heran. In der That sieht man von den Fenstern aus die ganze Straße von Soldaten besetzt; die Truppenmassen häufen sich. Der Vicepräsident Plönnies und die Schriftführer nehmen an ihrem Tische Platz, die Papiere werden bei Seite geschafft; ein Oberst und mehrere Offiziere, begleitet von einem Trupp Soldaten, treten in das Lokal. Einige von der Schützengilde vertreten ihnen den Weg.

Der Oberst: Wo sind hier die Herren, die zu der gewesenen Nationalversammlung gehören?

Die Schützen führen sie aus dem Vorzimmer in den Sitzungssaal selbst.

Der Oberst zu Plönnies gewandt: Die Herren gehören zur Nationalversammlung?

Plönnies: Die Versammlung hat in diesem Augenblick keine Sitzung, ist aber vertreten durch ihr Bureau. Ich habe als Vicepräsident mit den Schriftführern die Aufgabe, alle Deputationen zu empfangen, was wollen Sie?

Der Oberst: Ich bin der Oberst Sommerfeld und habe vom Staatsministerium den Auftrag, den Herren, die zur Nationalversammlung gehörten, oder noch gehören, ich weiß das nicht zu sagen, daß sie dies Haus verlassen müssen.

Der Präsident Plönnies: Wenn Sie Gewalt anwenden wollen, dann versuchen Sie's. Anders werden wir hier nicht fortgehen.

Der Oberst: Sie bereiten Sich und uns eine unangenehme Situation; wir können das nicht beurtheilen und müssen unserm Auftrage gemäß handeln.

Plönnies: Wir vertreten in diesem Augenblick die Nationalversammlung und werden den Platz, den sie uns anvertraut hat, nicht verlassen.

Ein Constabler-Offizier vortretend: Im Namen des Gesetzes, ich fordere Sie auf, den Anordnungen der Behörde Folge zu geben. Der Belagerungszustand ist ausgesprochen, die Versammlung ist ungesetzlich.

Präsident: Wir vertreten hier das Gesetz und Ihre Forderung ist ungesetzlich.

Oberst: Dann werde ich das Lokal mit Soldaten besetzen.

Präsident: Wenn Sie es wagen, in das Lokal der Nationalversammlung einzutreten, ohne daß Sie Erlaubniß dazu haben, wenn Sie mit militärischer Gewalt hier eindringen, dann werden Sie es zu verantworten haben.

Oberst (verlegen). Ich muß meinem Auftrage nachkommen.

Plönnies (zum Bureau gewendet): Ich muß die Herren Schriftführer bitten, Akt zu nehmen von dieser Handlung.

Der Oberst kommandirt: Kehrt!

Beim Hinausgehen tritt einer von den Schützen an ihn heran: "Mein Herr, wir müssen Protest einlegen gegen diese schwere Verletzung des Hausrechts." Ein Sekretär formulirt diesen Protest. Der Oberst mit seinen Soldaten verläßt das Haus. Die Straßen und das Sitzungslokal werden mit Soldaten gesperrt. Es sind immer mehr Soldaten, an 3000 Mann, herangezogen; alle Zugänge füllen sich.

Der Oberst: "Meine Herren, wenn sie nicht auseinandergehen werde ich Waffengewalt anwenden müssen."

Die Soldaten beantworten dies mit einem schallenden Gelächter, sie drückten den Bürgern die Hände, machten ihnen bereitwillig Platz und sagten mit der größten Freundlichkeit: "Wir schlagen uns nicht!" Zum Beweise der Brüderlichkeit wurden die Flaschen aus den Reihen der Soldaten zu den Bürgern und umgekehrt herüber gereicht. Man trinkt sich gegenseitig zu. Das Regiment, welches besonders freundlich hervortrat, war das 12.

Während dessen war zu Wrangel geschickt worden. Von ihm kam ein Oberst v. Blücher zurück, der einzige, der sich barsch benommen hat. Er forderte den Präsidenten Plönnies auf, sofort den Saal zu verlassen.

Oberst Sommerfeld bemerkte, wenn die Herren blos als Deputirte privatim hier anwesend sind, so soll Ihnen nichts geschehen.

Plönnies: Nein, wir sind hier Bevollmächtigte der Nationalversammlung, wir werden nur der Gewalt weichen.

Blücher: Nun, so werden wir die Gewalt anwenden.

Hierauf ergreifen den Vicepräsidenten Plönnies 2 Konstabler an beiden Armen und schleppen ihn durch den Saal und die Vorsäle zur Treppe hinunter.

Am Ausgange stand ein greiser Schütze. Er schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu dem Obersten Blücher: "Es ist traurig, daß ein Nachkomme des großen Blücher, der dem Vaterlande so viele treue Dienste geleistet, sich zu solchen Ungesetzlichkeiten und zu solchen Verletzungen des friedlichen Hausrechtes gebrauchen läßt."

14 Berlin, 14. Nov.

Von Potsdam dunkle Gerüchte. Auf den König soll geschossen worden sein. Er ist von Sanssouci nach Potsdam ins Schloß gezogen. Man spricht von Barrikaden. Das Militär aus unserer Umgegend ist theilweis mit der Eisenbahn nach Potsdam gefahren. -- Eine Deputation von Halberstadt berichtet, daß die Kreisregierung der Nationalversammlung die Landwehr zur Verfügung stelle, auch hatten sich drei Eskadronen Cürassiere für die Nationalversammlung erklärt. Im Mansfeldischen allgemeiner Aufstand.

Seit dem Abend ziehen die Patrouillen in breiten Zügen durch die Straßen, vielleicht um leichter zu einem Conflikt mit dem Volke zu kommen. Aber das Berliner Volk thut der Kamarilla den Gefallen nicht.

Potsdam, 11. November.

Heute hatte eine Magdeburger Deputation vor der Kirchthüre eine Unterredung mit dem Könige. Sie hatte vergeblich um Audienz gebeten. Auch hier wollte der König die Adresse nicht entgegennehmen, die sie mitbrachte.

Der Sprecher der Deputation: "Es ist eine Zustimmungsadresse." Der König nimmt sie, entfaltet sie, und wendet sich unwillig zu dem Sprecher mit den Worten: Es ist ja nicht das, was sie mir gesagt haben.

Der Sprecher: Majestät, es ist Gesinnung von 3/4 der Stadt Magdeburg.

Der König: Wissen Sie, die Stadt Magdeburg hat mir Treue geschworen, und ich habe sie ihres Eides noch nicht entbunden.

Der Sprecher: Majestät, wir haben die Abgeordneten gewählt zur Vereinbarung der Verfassung, und wir werden an der Versammlung festhalten.

Der König: Die Stadt Magdeburg wird sich meine allerhöchste Ungnade zuziehn.

Ein Mitglied der Deputation: "Majestät, Ihre Allerhöchste Ungnade kann uns nix nutzen, wir wollen unser Recht."

Bei diesen Worten wandte sich Se. Majestät zur Thür der Kirche.

Stettin, 15. November.

Das gute Recht der Nationalversammlung, die Sache der Demokratie in der edelsten Bedeutung hat in Stettin einen überaus schönen Sieg errungen. Nachdem der konstitutionelle Klub im Bunde mit den verschiedenen Vereinen der Stadt schon in der Nacht vom Donnerstag zum Freitage für die National-Versammlung sich erklärt und an der Spitze der Bewegung gegen die Anmaßungen der falschen Rathgeber der Krone sich gestellt hatte, wuchs die Begeisterung für die schmählich behandelten Vertreter des Volkes von Stunde zu Stunde, bis heute

und Gebrüder Frowein, Gebrüder Schniewind, J. C. Haarhaus Söhne, Brüning et Comp.

* Aus dem Kreise Mülheim, 15. Nov.

Fast aus jedem Orte des Kreises gehen Proteste mit zahlreichen Unterschriften zur Nationalversammlung nach Berlin ab; sie drücken derselben für ihre männliche Haltung den tiefsten Dank aus und versprechen ihr, alle Mittel aufzubieten, ihren Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Tausende der entschlossensten und kräftigsten Männer stehen bereit, auf das erste Signal, das in Köln oder anderwärts gegeben wird, für das höchste irdische Gut, die Freiheit, in den Kampf zu gehen, darin zu siegen oder zu sterben. Es war dies von unserm Kreise nicht anders zu erwarten.

* Emmerich, 15. Nov.

Gestern Abend versammelte sich eine große Menge der Einwohner vor dem Hause des Landtags-Deputirten Lensing und brachte ihm eine Katzenmusik. Eine Fortsetzung derselben soll heute und morgen erfolgen.

Auch sind bereits Mißtrauens-Adressen gegen das Benehmen des Lensing in Umlauf.

14 Dortmund, 15. Nov.

Die gleichsam in Marmor gemeißelten Grundzüge Ihrer jüngsten Leitartikel beginnen auch für Ihr liebes Dortmund Wahrheiten zu werden. Auch hier hat sich die liberale Bourgeoisie (vertreten durch den konstitutionellen Klub) mit dem demokratischen Volksverein verbunden, um in einer zahlreich besuchten „Urwählerversammlung“ eine beistimmende Adresse an die Nationalversammlung debattiren und beschließen zu lassen. Die Adresse ist — die nachträglichen eingerechnet — mit nahe an 600 Unterschriften bedeckt. Die Debatten in der Versammlung gewannen dadurch sehr an Lebendigkeit, daß auf der Rednerbühne stets ein Revolutionär einem Contrerevolutionär (oder ein Wühler einem Heuler) folgte, und daß die Heuler ein glänzendes, in diesem Grade hier noch nie dagewesenes Fiasko machten. Es ist im Hinblick auf die märkische „angestammte Treue“ gewiß ein bemerkenswerthes Ereigniß, wenn unsere früher blindverehrten Popen und Mandarinen in öffentlichen Versammlungen mit einem kräftigen: „'runter mit dem Kerl!“ begrüßt werden. — Dagegen hat gestern der sogenannte konstitutionelle Bürgerverein (heulende Reaktionäre pur sang) eine servile Loyalitätsadresse nach Berlin geschickt, welche nur dadurch Unterschriften erlangen konnte, daß sie heimlicherweise von Haus zu Haus geschickt wurde. Während bei Ihnen in Köln sich alle politischen Vereine der Adresse Ihrer Volksversammlung anschlossen, hat unser Bürgerverein, welcher früher dem Bürgerverein in Köln gläubige Verehrung zollte und ihm Gehorsam schwur, endlich seine rechte Couleur herausgekehrt und bewiesen, daß er nichts als eine bande noire konstitutioneller Heuchler und Charlatane ist.

Der Volksverein, welcher in letzter Zeit so zahlreich besucht wurde, daß das Lokal nicht mehr zureichte, wird jetzt wöchentlich zwei Versammlungen im größten Lokale der Stadt halten. Man muß das Eisen schmieden solange es warm ist. Wenn über dem vielen Reden und Schreiben nur das Handeln nicht vergessen wird.

43 Bielefeld, 15. Nov.

Schon vor einigen Tagen sind Adressen vom demokratischen Vereine, von mehreren Gewerken der Stadt und von vielen Landgemeinden der Umgegend an die Nationalversammlung abgegangen, worin die vollste Anerkennung der Versammlung und der feste Willen der Unterzeichner ausgesprochen sind, die Vertreter des Volkes nöthigenfalls mit Waffengewalt zu schützen. Die Aufregung in Westfalen ist ungeheuer, wie wir aus allen Theilen der Provinz vernehmen. Es bedarf nur eines Aufrufes der Nationalversammlung, um die Gährung in offenen Kampf zu verwandeln. Die Steuerverweigerung hat schon hier und dort begonnen, sie wird allgemein werden, wenn die Nationalversammlung endlich beschließt, diese Maßregel zu dekretiren. Die niederträchtige Ermordung Robert Blum's in Wien erfüllt die Gemüther mit der furchbarsten Wuth. Wir gehen jedenfalls einer schrecklichen Zeit entgegen, da jetzt auch der „besonnenste“ Mann zu begreifen beginnt, daß wir nur durch eine Schreckensherrschaft zur Freiheit gelangen können.

Magdeburg.

Mitbürger Soldaten! Wir, versammelte Bürger Magdeburg's, seiner Vor- und Mitstädte, so wie Buckau's richten an Euch, aus dem Herzen zum Herzen, das Wort. Wir sind allesammt Brüder, wir sind allesammt Söhne desselben Vaterlandes, unser Wohl ist Euer Wohl, Eure Ehre unsre Ehre, unsre Freiheit, Eure Freiheit, unser Recht Euer Recht! Bevor Ihr in's Heer eingetreten, waret Ihr Bürger, wenn Ihr nach wenigen Monden austretet, werdet Ihr Burger sein, und — ja, während Ihr im Heere stehet, seid Ihr auch Bürger. Es gibt keinen Unterschied zwischen Volk und Heer, sie sind Eins; kommt Weh und Schmach über das Volk, sind sie auch über das Heer gekommen.

Darum rufen wir Euch zu: keinen Zusammenstoß, keinen Kampf zwischen Heer und Volk! Wir öffnen Euch die Arme, Soldaten, denn wir sind Eure Väter und Brüder, Eure Mütter und Schwestern sind unsre Frauen und Schwestern!

Sollte der Soldat seinen Arm hergeben zur Unterdrückung der Volksfreiheit, zur Ueberwältigung der Nationalversammlung, so hat er die Waffe gegen die eigene Vrust, gegen die Brust seines Baters und Bruders, seiner Mutter und Schwester gezückt!

Mitbürger Soldaten, vergesset das nicht, erwäget es wohl, Ihr seid des Vaterlandes, dieses hat sein heiliges Anrecht auf Euch, erinnert Euch, Ihr habet auch dem Vaterlande den Eid geschworen! Das Vaterland ist das Höchste auf Erden! — Dazu bieten wir Euch die Bruderhand!

Magdeburg, den 12. November 1848.

Die Bürgerversammlung von Magdeburg

20 Berlin, 13. November.

Noch immer keine Entscheidung! Die Nacht ist ruhig und ohne Konflikt vorübergegangen. Die Proklamation des Belagerungszustandes weit entfernt die Berliner zu schrecken, hat vielmehr einen ganz entgegengesetzten, einen heitern Eindruck aufs Volk gemacht. Es betrachtet ihn als ein komisches Ding, macht seine Witze drüber, kehrt sich aber nicht im Mindesten dran. Wo vor dem Belagerungszustande 5 Leute zusammenstanden, da stehen heut 50; man trägt Waffen, druckt und verkauft Flugschriften trotz Wrangel und seinem Belagerungszustande. Allerdings ziehen Militär-Patrouillen durch die Straßen; aber entweder werden sie verhöhnt oder mit Vivats vom Volke begleitet. Das Militär fraternisirt gleichsam mit dem Volke und wenn auch heut schon einzelne kleine Konflikte vorkamen, bei denen sich die Soldaten nicht gerade aufs feinste benahmen, so zeigten doch andere Fälle, wie schwankend die Soldaten im Gehorsam gegen ihre Offiziere sind. Gemeine, die von Offizieren zum Abreißen von Plakaten kommandirt waren, haben sich dessen geweigert. Die Offiziere waren genöthigt es selbst zu thun; das Volk machte dann immer die Gegendemonstration, daß es alle königl. Plakate von den Ecken riß. Auf dem Dönhoffsplatze, wo zum Einschreiten gegen Gruppen kommandirt wurde, machten die Soldaten „Gewehr bei Fuß.“ Kurz, Wrangel wird ausgelacht, Belagerungszustand klingt wie eine Fabel. Man ist fröhlichen Muthes auf den Augenblick des Kampfes gefaßt. Man glaubte allgemein, daß er in der vergangenen Nacht ausbrechen wurde, bei Gelegenheit der Sprengung der Vereinb-Versammlung. — Da diese ausblieb, so war kein naherer Anlaß zum Kampfe da. Uebrigens wird eifrig Munition bereitet, im Falle es zum Straßenkampfe kommen sollte. Bis zu diesem Augenblicke, 2 Uhr Mittags hat sich noch Nichts weiter ereignet. Man sprach zwar, daß bereits in einigen Stadttheilen die Entwaffnung gewaltsam vorgenommen würde; doch erwies sich dies bald als ungegründet. Dagegen sind, wie man mit Bestimmtheit versichert, bewaffnete Zuzüge von Frankfurt, Magdeburg und Stettin an den letzten Stationen vor Berlin von dem dort aufgestellten Militär entwaffnet worden. — So eben erscheint eine neue Aufforderung des Polizeipräsidiums zur Abgabe der Waffen, wozu eine Frist bis Morgen Nachmittag 5 Uhr festgestellt ist. Was dann erfolgt, kann sich Jeder denken. Bis jetzt sind übrigens kaum 50 Gewehre abgeliefert.

4 Uhr Nachmittags. Die Menschenmaße auf dem Schloßplatze, der Königsstraße, am Zeughause wird bedeutender, als sie seit langer Zeit dort war. Der Belagerungszustand bringt Leben in die „verödete“ Stadt. An der neuen Wache machen die Soldaten Marschübungen, wobei sie die Menschenmaße unter deren Gelächter vor sich her treiben.

5 Uhr. Das längsterwartete ist geschehen; das Schützenhaus wurde so eben von Militär besetzt. Im Saale angekommen fanden die Soldaten nur noch den permanenten Ausschuß der Vereinbarer-Versammlung, den Vizepräsidenten von Plönnies und drei Schriftfuhrer. Der kommandirende Offizier forderte die Abgeordneten auf den Saal zu verlassen; der Präsident befahl dasselbe dem Offizier und seiner Mannschaft. Noch langem Hin- und Herreden wurden 3 Mann beordert die Deputirten gewaltsam aus dem Saale zu bringen und da diese sich weigerten, so führte eine ganze Sektion Militär den Befehl aus. Mit Widerwillen, ja Entrustung gehorchten die Soldaten diesem Befehle; das merkte man ihnen wohl an. — Unten wurden die auf diese Weise vertriebenen Deputirten mit Hurrah's vom Volke empfangen und fortgeleitet.

Die Vereinbarer-Versammlung hat leider noch immer nicht den Muth der Krone gegenüber ihren letzten Trumpf, die Steuerverweigerung, auszuspielen. Wer weiß, ob sie morgen noch die Gelegenheit dazu finden wird.

* Berlin, 14. Nov.

Die Galgenzeitung „mit Gott für König und Vaterland“, bringt folgende Notizen:

In Folge der Ausdehnung des Belagerungszustandes auf zwei Meilen in der Runde von Berlin, werden die Fremden von der ersten Station dieses Umkreises ab nur gegen besondere Legitimationskarten nach Berlin weiter befördert.

Wir hören, daß noch heute von Seiten des bevollmächtigten Abgeordneten der Reichscentralgewalt in Frankfurt, Herrn Bassermann, die Erklärung der Centralgewalt veröffentlicht werden wird, wodurch die volle Uebereinstimmung derselben mit den Maßregeln der preußischen Regierung proklamirt wird.

Der frühere Minister, Abgeordneter Gierke, der sich der Oppositionspartei angeschlossen, hat in der Versammlung gestern von der Tribüne behauptet, die treue Stadt Stettin habe sich gegen die Regierung erklärt.

Ein Beweis von der Frechheit, mit welcher einige Führer die Autorität des Gesetzes verhöhnen, gab ein gestern Abend verbreitetes Plakat des durch sein Benehmen bereits vielfach bekannten Kammergerichts-Assessor Wache, unterzeichnet mit seinem Namen, in welchem er die Bestimmungen des Belagerungszustandes verhöhnt. Die Polizei hat demnach sofort in der Buchdruckerei von W. Fähndrich und Komp., aus der dieses Machwerk hervorgegangen, den noch ubrigen Vorrath saisiren und die Druckerei schließen lassen; indeß waren schon vorher mehrere 1000 Exemplare fortgeschafft und wurden am Schloß (das Militär halt sich streng innerhalb der gesperrten Gitterthuren) und an andern Orten angeschlagen und verkauft. — Wir hören, daß auch Herr Wache verhaftet ist.

Die Gymnasien sind gestern, vorläufig für 2 Tage, geschlossen worden.

Dieselbige „Galgenzeitung“ mit dem eisernen Kreuze bringt folgende zwei Notizen:

Die Nachricht von dem Standrecht über Robert Blum und der sofortigen Vollziehung des Urtheils an demselben scheint einen sehr bedeutenden Eindruck zu machen.

Die meisten bisherigen Fuhrer der demokratischen Partei und des souveränen Berliner Volks halten sich sehr zurückgezogen und lassen sich nirgends blicken. Mehrere sollen sogar sich bereits entfernt haben.

Wir hören so eben, daß der Abgeordnete Schramm, als er gestern gegen Abend aufreizende Proklamationen an die Soldaten vertheilte, von denselben sofort festgenommen und zur Haft gebracht worden.

Die beiden Notizen widersprechen sich. Der Tod des Deputirten Blum hat den Deputirten Schramm nicht abgehalten, dem „Standrecht“ zu verfallen.

Aus beiden direkt aufeinanderfolgenden Notizen sieht man nur, wie die Männer vom Landwehrkreuze in Windischgrätz, dem Mordhund, ihr Ideal ubertroffen finden.

* Berlin, 14. Nov.

Es ist zu ernstlichen Konflikten gekommen. Zu Konflikten zwischen dem Militär und den Plakaten! Die Offiziere sind wüthend darüber, daß man ihnen überall scherzend aus dem Wege geht und daß man die Soldaten bei ihrem Heranrücken stets mit freundlichem Nicken und mit lautem Hurrah empfängt. Aus Zorn, daß es zu keinem Krawall kommen will, rennen die hungrigen Eisenfresser daher mit den Säbeln in die Bäume oder an die Straßenecken, um die Anschlagzettel niederzumetzeln, die wehrlosen Annoncen, die in der Manier eines Wache, eines Buddelmeier den großen Wrangel so köstlich verhöhnen. In der That, die Soldateska entwaffnet nicht das Volk durch den Belagerungszustand, sondern das Volk entwaffnet die Soldaten durch seine Liebenswürdigkeit. Ein wahrer Guerillakrieg wird in unsern Straßen geführt; ein Krieg mit freundlichen Worten, mit höflichen Grußen und heitern Späßen. Es ist, als löste sich der ganze Ernst der jüngsten Vorfälle in den harmlosesten Scherz auf, und wenn nicht fortwährend die Bajonnette blitzten und die Patrouillen in verdächtigen Massen durch die Straßen marschirten, so sollte man fast glauben, daß es mit dem Belagerungszustand wirklich nicht so schlimm gemeint sei.

Amusant war es, wie sich, gleich nachdem unter wirbelndem Trommelschlag das Wrangel'sche Martialgesetz verkündet worden war, durch die Schloßgitter hindurch das Volk mit dem Militär unterhielt. In großen Haufen hatte man sich herangedrängt und zum großen Aerger der Offiziere wollte Niemand zu einer ernstlichen Störung Veranlassung geben.

Auf dem Dönhofsplatze weigerten sich die Soldaten sogar, auf Befehl ihres Lieutenants das Bajonet zu fällen, um eine Gruppe eifrig schwatzender Leute zu zerstreuen. Nur ein einziger Mann gehorchte, die andern machten aber Gewehr bei Fuß und zornesroth kommandirte der Offizier zum Rückzug. Die Soldaten des Kaiser Franz- und Alexander-Garderegiments zeigten sich nicht weniger volksfreundlich. Sie sollten Feuer geben, aber das Kommando war vergebens und mit lautem Jubel stob die Menge auseinander, um ihren Freunden Platz zu machen. Ein ähnlicher Vorfall geschah vor der Universität, wo das Militär schon auf einige Studenten angeschlagen hatte, aber verschämt die Arme sinken ließ, als die Studenten arglos in die Hände klatschten und in lautes Bravorufen ausbrachen.

In wahrhaft fabelhafter Weise verhöhnt man so die Wrangelschen Maßregeln, und wenn nicht in den nächsten Tagen irgend ein trauriger Vorfall dazwischen kommt, so haben wir alle Aussicht, den gesunden Menschenverstand über die Bosheit der Kamarilla triumphiren zu sehen.

Doch jetzt zu dem Gewaltstreich gegen die Abgeordneten des Volkes!

Gegen [unleserliches Material] Uhr heute Nachmittags, ungefähr eine Stunde nach Suspension der Sitzung, gelangte die Nachricht in den Sitzungssaal: das Militär rückte gegen das Schützenhaus heran. In der That sieht man von den Fenstern aus die ganze Straße von Soldaten besetzt; die Truppenmassen häufen sich. Der Vicepräsident Plönnies und die Schriftführer nehmen an ihrem Tische Platz, die Papiere werden bei Seite geschafft; ein Oberst und mehrere Offiziere, begleitet von einem Trupp Soldaten, treten in das Lokal. Einige von der Schützengilde vertreten ihnen den Weg.

Der Oberst: Wo sind hier die Herren, die zu der gewesenen Nationalversammlung gehören?

Die Schützen führen sie aus dem Vorzimmer in den Sitzungssaal selbst.

Der Oberst zu Plönnies gewandt: Die Herren gehören zur Nationalversammlung?

Plönnies: Die Versammlung hat in diesem Augenblick keine Sitzung, ist aber vertreten durch ihr Bureau. Ich habe als Vicepräsident mit den Schriftführern die Aufgabe, alle Deputationen zu empfangen, was wollen Sie?

Der Oberst: Ich bin der Oberst Sommerfeld und habe vom Staatsministerium den Auftrag, den Herren, die zur Nationalversammlung gehörten, oder noch gehören, ich weiß das nicht zu sagen, daß sie dies Haus verlassen müssen.

Der Präsident Plönnies: Wenn Sie Gewalt anwenden wollen, dann versuchen Sie's. Anders werden wir hier nicht fortgehen.

Der Oberst: Sie bereiten Sich und uns eine unangenehme Situation; wir können das nicht beurtheilen und müssen unserm Auftrage gemäß handeln.

Plönnies: Wir vertreten in diesem Augenblick die Nationalversammlung und werden den Platz, den sie uns anvertraut hat, nicht verlassen.

Ein Constabler-Offizier vortretend: Im Namen des Gesetzes, ich fordere Sie auf, den Anordnungen der Behörde Folge zu geben. Der Belagerungszustand ist ausgesprochen, die Versammlung ist ungesetzlich.

Präsident: Wir vertreten hier das Gesetz und Ihre Forderung ist ungesetzlich.

Oberst: Dann werde ich das Lokal mit Soldaten besetzen.

Präsident: Wenn Sie es wagen, in das Lokal der Nationalversammlung einzutreten, ohne daß Sie Erlaubniß dazu haben, wenn Sie mit militärischer Gewalt hier eindringen, dann werden Sie es zu verantworten haben.

Oberst (verlegen). Ich muß meinem Auftrage nachkommen.

Plönnies (zum Bureau gewendet): Ich muß die Herren Schriftführer bitten, Akt zu nehmen von dieser Handlung.

Der Oberst kommandirt: Kehrt!

Beim Hinausgehen tritt einer von den Schützen an ihn heran: „Mein Herr, wir müssen Protest einlegen gegen diese schwere Verletzung des Hausrechts.“ Ein Sekretär formulirt diesen Protest. Der Oberst mit seinen Soldaten verläßt das Haus. Die Straßen und das Sitzungslokal werden mit Soldaten gesperrt. Es sind immer mehr Soldaten, an 3000 Mann, herangezogen; alle Zugänge füllen sich.

Der Oberst: „Meine Herren, wenn sie nicht auseinandergehen werde ich Waffengewalt anwenden müssen.“

Die Soldaten beantworten dies mit einem schallenden Gelächter, sie drückten den Bürgern die Hände, machten ihnen bereitwillig Platz und sagten mit der größten Freundlichkeit: „Wir schlagen uns nicht!“ Zum Beweise der Brüderlichkeit wurden die Flaschen aus den Reihen der Soldaten zu den Bürgern und umgekehrt herüber gereicht. Man trinkt sich gegenseitig zu. Das Regiment, welches besonders freundlich hervortrat, war das 12.

Während dessen war zu Wrangel geschickt worden. Von ihm kam ein Oberst v. Blücher zurück, der einzige, der sich barsch benommen hat. Er forderte den Präsidenten Plönnies auf, sofort den Saal zu verlassen.

Oberst Sommerfeld bemerkte, wenn die Herren blos als Deputirte privatim hier anwesend sind, so soll Ihnen nichts geschehen.

Plönnies: Nein, wir sind hier Bevollmächtigte der Nationalversammlung, wir werden nur der Gewalt weichen.

Blücher: Nun, so werden wir die Gewalt anwenden.

Hierauf ergreifen den Vicepräsidenten Plönnies 2 Konstabler an beiden Armen und schleppen ihn durch den Saal und die Vorsäle zur Treppe hinunter.

Am Ausgange stand ein greiser Schütze. Er schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu dem Obersten Blücher: „Es ist traurig, daß ein Nachkomme des großen Blücher, der dem Vaterlande so viele treue Dienste geleistet, sich zu solchen Ungesetzlichkeiten und zu solchen Verletzungen des friedlichen Hausrechtes gebrauchen läßt.“

14 Berlin, 14. Nov.

Von Potsdam dunkle Gerüchte. Auf den König soll geschossen worden sein. Er ist von Sanssouci nach Potsdam ins Schloß gezogen. Man spricht von Barrikaden. Das Militär aus unserer Umgegend ist theilweis mit der Eisenbahn nach Potsdam gefahren. — Eine Deputation von Halberstadt berichtet, daß die Kreisregierung der Nationalversammlung die Landwehr zur Verfügung stelle, auch hatten sich drei Eskadronen Cürassiere für die Nationalversammlung erklärt. Im Mansfeldischen allgemeiner Aufstand.

Seit dem Abend ziehen die Patrouillen in breiten Zügen durch die Straßen, vielleicht um leichter zu einem Conflikt mit dem Volke zu kommen. Aber das Berliner Volk thut der Kamarilla den Gefallen nicht.

Potsdam, 11. November.

Heute hatte eine Magdeburger Deputation vor der Kirchthüre eine Unterredung mit dem Könige. Sie hatte vergeblich um Audienz gebeten. Auch hier wollte der König die Adresse nicht entgegennehmen, die sie mitbrachte.

Der Sprecher der Deputation: „Es ist eine Zustimmungsadresse.“ Der König nimmt sie, entfaltet sie, und wendet sich unwillig zu dem Sprecher mit den Worten: Es ist ja nicht das, was sie mir gesagt haben.

Der Sprecher: Majestät, es ist Gesinnung von 3/4 der Stadt Magdeburg.

Der König: Wissen Sie, die Stadt Magdeburg hat mir Treue geschworen, und ich habe sie ihres Eides noch nicht entbunden.

Der Sprecher: Majestät, wir haben die Abgeordneten gewählt zur Vereinbarung der Verfassung, und wir werden an der Versammlung festhalten.

Der König: Die Stadt Magdeburg wird sich meine allerhöchste Ungnade zuziehn.

Ein Mitglied der Deputation: „Majestät, Ihre Allerhöchste Ungnade kann uns nix nutzen, wir wollen unser Recht.

Bei diesen Worten wandte sich Se. Majestät zur Thür der Kirche.

Stettin, 15. November.

Das gute Recht der Nationalversammlung, die Sache der Demokratie in der edelsten Bedeutung hat in Stettin einen überaus schönen Sieg errungen. Nachdem der konstitutionelle Klub im Bunde mit den verschiedenen Vereinen der Stadt schon in der Nacht vom Donnerstag zum Freitage für die National-Versammlung sich erklärt und an der Spitze der Bewegung gegen die Anmaßungen der falschen Rathgeber der Krone sich gestellt hatte, wuchs die Begeisterung für die schmählich behandelten Vertreter des Volkes von Stunde zu Stunde, bis heute

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          <p><pb facs="#f0002" n="0754"/>
und Gebrüder Frowein, Gebrüder Schniewind, J. C. Haarhaus Söhne, Brüning et Comp.</p>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Aus dem Kreise Mülheim, 15. Nov.</head>
          <p>Fast aus jedem Orte des Kreises gehen Proteste mit zahlreichen Unterschriften zur Nationalversammlung nach Berlin ab; sie drücken derselben für ihre männliche Haltung den tiefsten Dank aus und versprechen ihr, alle Mittel aufzubieten, ihren Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Tausende der entschlossensten und kräftigsten Männer stehen bereit, auf das erste Signal, das in Köln oder anderwärts gegeben wird, für das höchste irdische Gut, die Freiheit, in den Kampf zu gehen, darin zu siegen oder zu sterben. Es war dies von unserm Kreise nicht anders zu erwarten.</p>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Emmerich, 15. Nov.</head>
          <p>Gestern Abend versammelte sich eine große Menge der Einwohner vor dem Hause des Landtags-Deputirten <hi rendition="#g">Lensing</hi> und brachte ihm eine Katzenmusik. Eine Fortsetzung derselben soll heute und morgen erfolgen.</p>
          <p>Auch sind bereits Mißtrauens-Adressen gegen das Benehmen des <hi rendition="#g">Lensing</hi> in Umlauf.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar145_009" type="jArticle">
          <head><bibl><author>14</author></bibl> Dortmund, 15. Nov.</head>
          <p>Die gleichsam in Marmor gemeißelten Grundzüge Ihrer jüngsten Leitartikel beginnen auch für Ihr liebes Dortmund Wahrheiten zu werden. Auch hier hat sich die liberale Bourgeoisie (vertreten durch den konstitutionellen Klub) mit dem demokratischen Volksverein verbunden, um in einer zahlreich besuchten &#x201E;Urwählerversammlung&#x201C; eine beistimmende Adresse an die Nationalversammlung debattiren und beschließen zu lassen. Die Adresse ist &#x2014; die nachträglichen eingerechnet &#x2014; mit nahe an 600 Unterschriften bedeckt. Die Debatten in der Versammlung gewannen dadurch sehr an Lebendigkeit, daß auf der Rednerbühne stets ein Revolutionär einem Contrerevolutionär (oder ein Wühler einem Heuler) folgte, und daß die Heuler ein glänzendes, in diesem Grade hier noch nie dagewesenes Fiasko machten. Es ist im Hinblick auf die märkische &#x201E;angestammte Treue&#x201C; gewiß ein bemerkenswerthes Ereigniß, wenn unsere früher blindverehrten Popen und Mandarinen in öffentlichen Versammlungen mit einem kräftigen: &#x201E;'runter mit dem Kerl!&#x201C; begrüßt werden. &#x2014; Dagegen hat gestern der sogenannte konstitutionelle Bürgerverein (heulende Reaktionäre pur sang) eine servile Loyalitätsadresse nach Berlin geschickt, welche nur dadurch Unterschriften erlangen konnte, daß sie heimlicherweise von Haus zu Haus geschickt wurde. Während bei Ihnen in Köln sich alle politischen Vereine der Adresse Ihrer Volksversammlung anschlossen, hat unser Bürgerverein, welcher früher dem Bürgerverein in Köln gläubige Verehrung zollte und ihm Gehorsam schwur, endlich seine rechte Couleur herausgekehrt und bewiesen, daß er nichts als eine bande noire konstitutioneller Heuchler und Charlatane ist.</p>
          <p>Der Volksverein, welcher in letzter Zeit so zahlreich besucht wurde, daß das Lokal nicht mehr zureichte, wird jetzt wöchentlich zwei Versammlungen im größten Lokale der Stadt halten. Man muß das Eisen schmieden solange es warm ist. Wenn über dem vielen Reden und Schreiben nur das Handeln nicht vergessen wird.</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>43</author></bibl> Bielefeld, 15. Nov.</head>
          <p>Schon vor einigen Tagen sind Adressen vom demokratischen Vereine, von mehreren Gewerken der Stadt und von vielen Landgemeinden der Umgegend an die Nationalversammlung abgegangen, worin die vollste Anerkennung der Versammlung und der feste Willen der Unterzeichner ausgesprochen sind, die Vertreter des Volkes nöthigenfalls mit Waffengewalt zu schützen. Die Aufregung in Westfalen ist ungeheuer, wie wir aus allen Theilen der Provinz vernehmen. Es bedarf nur eines Aufrufes der Nationalversammlung, um die Gährung in offenen Kampf zu verwandeln. Die Steuerverweigerung hat schon hier und dort begonnen, sie wird allgemein werden, wenn die Nationalversammlung endlich beschließt, diese Maßregel zu dekretiren. Die niederträchtige Ermordung <hi rendition="#g">Robert Blum's</hi> in Wien erfüllt die Gemüther mit der furchbarsten Wuth. Wir gehen jedenfalls einer schrecklichen Zeit entgegen, da jetzt auch der &#x201E;besonnenste&#x201C; Mann zu begreifen beginnt, daß wir nur durch eine Schreckensherrschaft zur Freiheit gelangen können.</p>
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          <head>Magdeburg.</head>
          <p><hi rendition="#g">Mitbürger Soldaten</hi>! Wir, versammelte Bürger Magdeburg's, seiner Vor- und Mitstädte, so wie Buckau's richten an Euch, aus dem Herzen zum Herzen, das Wort. Wir sind allesammt Brüder, wir sind allesammt Söhne desselben Vaterlandes, unser Wohl ist Euer Wohl, Eure Ehre unsre Ehre, unsre Freiheit, Eure Freiheit, unser Recht Euer Recht! Bevor Ihr in's Heer eingetreten, waret Ihr Bürger, wenn Ihr nach wenigen Monden austretet, werdet Ihr Burger sein, und &#x2014; ja, <hi rendition="#g">während Ihr im Heere stehet, seid Ihr auch Bürger</hi>. Es gibt keinen Unterschied zwischen Volk und Heer, sie sind Eins; kommt Weh und Schmach über das Volk, sind sie auch über das Heer gekommen.</p>
          <p>Darum rufen wir Euch zu: <hi rendition="#g">keinen Zusammenstoß, keinen Kampf zwischen Heer und Volk!</hi> Wir öffnen Euch die Arme, Soldaten, denn wir sind Eure Väter und Brüder, Eure Mütter und Schwestern sind unsre Frauen und Schwestern!</p>
          <p>Sollte der Soldat seinen Arm hergeben zur Unterdrückung der Volksfreiheit, zur Ueberwältigung der Nationalversammlung, so hat er die Waffe gegen die eigene Vrust, gegen die Brust seines Baters und Bruders, seiner Mutter und Schwester gezückt!</p>
          <p><hi rendition="#g">Mitbürger Soldaten,</hi> vergesset das nicht, erwäget es wohl, Ihr seid des <hi rendition="#g">Vaterlandes,</hi> dieses hat sein heiliges Anrecht auf Euch, erinnert Euch, Ihr habet auch dem Vaterlande den Eid geschworen! Das Vaterland ist das Höchste auf Erden! &#x2014; Dazu bieten wir Euch die Bruderhand!</p>
          <p>Magdeburg, den 12. November 1848.</p>
          <p><hi rendition="#g">Die Bürgerversammlung von Magdeburg</hi>&#x201C;</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>20</author></bibl> Berlin, 13. November.</head>
          <p>Noch immer keine Entscheidung! Die Nacht ist ruhig und ohne Konflikt vorübergegangen. Die Proklamation des Belagerungszustandes weit entfernt die Berliner zu schrecken, hat vielmehr einen ganz entgegengesetzten, einen heitern Eindruck aufs Volk gemacht. Es betrachtet ihn als ein komisches Ding, macht seine Witze drüber, kehrt sich aber nicht im Mindesten dran. Wo vor dem Belagerungszustande 5 Leute zusammenstanden, da stehen heut 50; man trägt Waffen, druckt und verkauft Flugschriften trotz Wrangel und seinem Belagerungszustande. Allerdings ziehen Militär-Patrouillen durch die Straßen; aber entweder werden sie verhöhnt oder mit Vivats vom Volke begleitet. Das Militär fraternisirt gleichsam mit dem Volke und wenn auch heut schon einzelne kleine Konflikte vorkamen, bei denen sich die Soldaten nicht gerade aufs feinste benahmen, so zeigten doch andere Fälle, wie schwankend die Soldaten im Gehorsam gegen ihre Offiziere sind. Gemeine, die von Offizieren zum Abreißen von Plakaten kommandirt waren, haben sich dessen geweigert. Die Offiziere waren genöthigt es selbst zu thun; das Volk machte dann immer die Gegendemonstration, daß es alle königl. Plakate von den Ecken riß. Auf dem Dönhoffsplatze, wo zum Einschreiten gegen Gruppen kommandirt wurde, machten die Soldaten &#x201E;Gewehr bei Fuß.&#x201C; Kurz, Wrangel wird ausgelacht, Belagerungszustand klingt wie eine Fabel. Man ist fröhlichen Muthes auf den Augenblick des Kampfes gefaßt. Man glaubte allgemein, daß er in der vergangenen Nacht ausbrechen wurde, bei Gelegenheit der Sprengung der Vereinb-Versammlung. &#x2014; Da diese ausblieb, so war kein naherer Anlaß zum Kampfe da. Uebrigens wird eifrig Munition bereitet, im Falle es zum Straßenkampfe kommen sollte. Bis zu diesem Augenblicke, 2 Uhr Mittags hat sich noch Nichts weiter ereignet. Man sprach zwar, daß bereits in einigen Stadttheilen die Entwaffnung gewaltsam vorgenommen würde; doch erwies sich dies bald als ungegründet. Dagegen sind, wie man mit Bestimmtheit versichert, bewaffnete Zuzüge von Frankfurt, Magdeburg und Stettin an den letzten Stationen vor Berlin von dem dort aufgestellten Militär entwaffnet worden. &#x2014; So eben erscheint eine neue Aufforderung des Polizeipräsidiums zur Abgabe der Waffen, wozu eine Frist bis Morgen Nachmittag 5 Uhr festgestellt ist. Was dann erfolgt, kann sich Jeder denken. Bis jetzt sind übrigens kaum 50 Gewehre abgeliefert.</p>
          <p><hi rendition="#g">4 Uhr Nachmittags</hi>. Die Menschenmaße auf dem Schloßplatze, der Königsstraße, am Zeughause wird bedeutender, als sie seit langer Zeit dort war. Der Belagerungszustand bringt Leben in die &#x201E;verödete&#x201C; Stadt. An der neuen Wache machen die Soldaten Marschübungen, wobei sie die Menschenmaße unter deren Gelächter vor sich her treiben.</p>
          <p><hi rendition="#g">5 Uhr</hi>. Das längsterwartete ist geschehen; das Schützenhaus wurde so eben von Militär besetzt. Im Saale angekommen fanden die Soldaten nur noch den permanenten Ausschuß der Vereinbarer-Versammlung, den Vizepräsidenten von Plönnies und drei Schriftfuhrer. Der kommandirende Offizier forderte die Abgeordneten auf den Saal zu verlassen; der Präsident befahl dasselbe dem Offizier und seiner Mannschaft. Noch langem Hin- und Herreden wurden 3 Mann beordert die Deputirten gewaltsam aus dem Saale zu bringen und da diese sich weigerten, so führte eine ganze Sektion Militär den Befehl aus. Mit Widerwillen, ja Entrustung gehorchten die Soldaten diesem Befehle; das merkte man ihnen wohl an. &#x2014; Unten wurden die auf diese Weise vertriebenen Deputirten mit Hurrah's vom Volke empfangen und fortgeleitet.</p>
          <p>Die Vereinbarer-Versammlung hat leider noch immer nicht den Muth der Krone gegenüber ihren letzten Trumpf, die Steuerverweigerung, auszuspielen. Wer weiß, ob sie morgen noch die Gelegenheit dazu finden wird.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar145_013" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Berlin, 14. Nov.</head>
          <p>Die <hi rendition="#g">Galgenzeitung</hi> &#x201E;mit Gott für König und Vaterland&#x201C;, bringt folgende Notizen:</p>
          <p>In Folge der Ausdehnung des Belagerungszustandes auf zwei Meilen in der Runde von Berlin, werden die Fremden von der ersten Station dieses Umkreises ab nur gegen besondere Legitimationskarten nach Berlin weiter befördert.</p>
          <p>Wir hören, daß noch heute von Seiten des bevollmächtigten Abgeordneten der Reichscentralgewalt in Frankfurt, Herrn Bassermann, die Erklärung der Centralgewalt veröffentlicht werden wird, wodurch die volle Uebereinstimmung derselben mit den Maßregeln der preußischen Regierung proklamirt wird.</p>
          <p>Der frühere Minister, Abgeordneter <hi rendition="#g">Gierke,</hi> der sich der Oppositionspartei angeschlossen, hat in der Versammlung gestern von der Tribüne behauptet, <hi rendition="#g">die treue Stadt Stettin habe sich gegen die Regierung erklärt</hi>.</p>
          <p>Ein Beweis von der Frechheit, mit welcher einige Führer die Autorität des Gesetzes verhöhnen, gab ein gestern Abend verbreitetes Plakat des durch sein Benehmen bereits vielfach bekannten Kammergerichts-Assessor Wache, unterzeichnet mit seinem Namen, in welchem er die Bestimmungen des Belagerungszustandes verhöhnt. Die Polizei hat demnach sofort in der Buchdruckerei von W. Fähndrich und Komp., aus der dieses Machwerk hervorgegangen, den noch ubrigen Vorrath saisiren und die Druckerei schließen lassen; indeß waren schon vorher mehrere 1000 Exemplare fortgeschafft und wurden am Schloß (das Militär halt sich streng innerhalb der gesperrten Gitterthuren) und an andern Orten angeschlagen und verkauft. &#x2014; Wir hören, daß auch Herr Wache verhaftet ist.</p>
          <p>Die Gymnasien sind gestern, vorläufig für 2 Tage, geschlossen worden.</p>
          <p>Dieselbige &#x201E;<hi rendition="#g">Galgenzeitung</hi>&#x201C; mit dem eisernen Kreuze bringt folgende zwei Notizen:</p>
          <p>Die Nachricht von dem Standrecht über Robert Blum und der sofortigen Vollziehung des Urtheils an demselben scheint einen sehr bedeutenden Eindruck zu machen.</p>
          <p>Die meisten bisherigen Fuhrer der demokratischen Partei und des souveränen Berliner Volks halten sich sehr zurückgezogen und lassen sich nirgends blicken. Mehrere sollen sogar sich bereits entfernt haben.</p>
          <p>Wir hören so eben, daß der Abgeordnete Schramm, als er gestern gegen Abend aufreizende Proklamationen an die Soldaten vertheilte, von denselben sofort festgenommen und zur Haft gebracht worden.</p>
          <p>Die beiden Notizen widersprechen sich. Der Tod des Deputirten <hi rendition="#g">Blum</hi> hat den Deputirten <hi rendition="#g">Schramm</hi> nicht abgehalten, dem &#x201E;Standrecht&#x201C; zu verfallen.</p>
          <p>Aus beiden direkt aufeinanderfolgenden Notizen sieht man nur, wie die Männer vom Landwehrkreuze in Windischgrätz, dem Mordhund, ihr Ideal ubertroffen finden.</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Berlin, 14. Nov.</head>
          <p>Es ist zu ernstlichen Konflikten gekommen. Zu Konflikten zwischen dem Militär und den Plakaten! Die Offiziere sind wüthend darüber, daß man ihnen überall scherzend aus dem Wege geht und daß man die Soldaten bei ihrem Heranrücken stets mit freundlichem Nicken und mit lautem Hurrah empfängt. Aus Zorn, daß es zu keinem Krawall kommen will, rennen die hungrigen Eisenfresser daher mit den Säbeln in die Bäume oder an die Straßenecken, um die Anschlagzettel niederzumetzeln, die wehrlosen Annoncen, die in der Manier eines Wache, eines Buddelmeier den großen Wrangel so köstlich verhöhnen. In der That, die Soldateska entwaffnet nicht das Volk durch den Belagerungszustand, sondern das Volk entwaffnet die Soldaten durch seine Liebenswürdigkeit. Ein wahrer Guerillakrieg wird in unsern Straßen geführt; ein Krieg mit freundlichen Worten, mit höflichen Grußen und heitern Späßen. Es ist, als löste sich der ganze Ernst der jüngsten Vorfälle in den harmlosesten Scherz auf, und wenn nicht fortwährend die Bajonnette blitzten und die Patrouillen in verdächtigen Massen durch die Straßen marschirten, so sollte man fast glauben, daß es mit dem Belagerungszustand wirklich nicht so schlimm gemeint sei.</p>
          <p>Amusant war es, wie sich, gleich nachdem unter wirbelndem Trommelschlag das Wrangel'sche Martialgesetz verkündet worden war, durch die Schloßgitter hindurch das Volk mit dem Militär unterhielt. In großen Haufen hatte man sich herangedrängt und zum großen Aerger der Offiziere wollte Niemand zu einer ernstlichen Störung Veranlassung geben.</p>
          <p>Auf dem Dönhofsplatze weigerten sich die Soldaten sogar, auf Befehl ihres Lieutenants das Bajonet zu fällen, um eine Gruppe eifrig schwatzender Leute zu zerstreuen. Nur ein einziger Mann gehorchte, die andern machten aber Gewehr bei Fuß und zornesroth kommandirte der Offizier zum Rückzug. Die Soldaten des Kaiser Franz- und Alexander-Garderegiments zeigten sich nicht weniger volksfreundlich. Sie sollten Feuer geben, aber das Kommando war vergebens und mit lautem Jubel stob die Menge auseinander, um ihren Freunden Platz zu machen. Ein ähnlicher Vorfall geschah vor der Universität, wo das Militär schon auf einige Studenten angeschlagen hatte, aber verschämt die Arme sinken ließ, als die Studenten arglos in die Hände klatschten und in lautes Bravorufen ausbrachen.</p>
          <p>In wahrhaft fabelhafter Weise verhöhnt man so die Wrangelschen Maßregeln, und wenn nicht in den nächsten Tagen irgend ein trauriger Vorfall dazwischen kommt, so haben wir alle Aussicht, den gesunden Menschenverstand über die Bosheit der Kamarilla triumphiren zu sehen.</p>
          <p>Doch jetzt zu dem Gewaltstreich gegen die Abgeordneten des Volkes!</p>
          <p>Gegen <gap reason="illegible"/> Uhr heute Nachmittags, ungefähr eine Stunde nach Suspension der Sitzung, gelangte die Nachricht in den Sitzungssaal: das Militär rückte gegen das Schützenhaus heran. In der That sieht man von den Fenstern aus die ganze Straße von Soldaten besetzt; die Truppenmassen häufen sich. Der Vicepräsident <hi rendition="#g">Plönnies</hi> und die Schriftführer nehmen an ihrem Tische Platz, die Papiere werden bei Seite geschafft; ein Oberst und mehrere Offiziere, begleitet von einem Trupp Soldaten, treten in das Lokal. Einige von der Schützengilde vertreten ihnen den Weg.</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst:</hi> Wo sind hier die Herren, die zu der gewesenen Nationalversammlung gehören?</p>
          <p>Die Schützen führen sie aus dem Vorzimmer in den Sitzungssaal selbst.</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst</hi> zu Plönnies gewandt: Die Herren gehören zur Nationalversammlung?</p>
          <p><hi rendition="#g">Plönnies:</hi> Die Versammlung hat in diesem Augenblick keine Sitzung, ist aber vertreten durch ihr Bureau. Ich habe als Vicepräsident mit den Schriftführern die Aufgabe, alle Deputationen zu empfangen, was wollen Sie?</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst:</hi> Ich bin der Oberst Sommerfeld und habe vom Staatsministerium den Auftrag, den Herren, die zur Nationalversammlung gehörten, oder noch gehören, ich weiß das nicht zu sagen, daß sie dies Haus verlassen müssen.</p>
          <p>Der Präsident <hi rendition="#g">Plönnies:</hi> Wenn Sie Gewalt anwenden wollen, dann versuchen Sie's. Anders werden wir hier nicht fortgehen.</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst:</hi> Sie bereiten Sich und uns eine unangenehme Situation; wir können das nicht beurtheilen und müssen unserm Auftrage gemäß handeln.</p>
          <p><hi rendition="#g">Plönnies:</hi> Wir vertreten in diesem Augenblick die Nationalversammlung und werden den Platz, den sie uns anvertraut hat, nicht verlassen.</p>
          <p>Ein <hi rendition="#g">Constabler-Offizier</hi> vortretend: Im Namen des Gesetzes, ich fordere Sie auf, den Anordnungen der Behörde Folge zu geben. Der Belagerungszustand ist ausgesprochen, die Versammlung ist ungesetzlich.</p>
          <p><hi rendition="#g">Präsident:</hi> Wir vertreten hier das Gesetz und Ihre Forderung ist ungesetzlich.</p>
          <p><hi rendition="#g">Oberst:</hi> Dann werde ich das Lokal mit Soldaten besetzen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Präsident:</hi> Wenn Sie es wagen, in das Lokal der Nationalversammlung einzutreten, ohne daß Sie Erlaubniß dazu haben, wenn Sie mit militärischer Gewalt hier eindringen, dann werden Sie es zu verantworten haben.</p>
          <p><hi rendition="#g">Oberst</hi> (verlegen). Ich muß meinem Auftrage nachkommen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Plönnies</hi> (zum Bureau gewendet): Ich muß die Herren Schriftführer bitten, Akt zu nehmen von dieser Handlung.</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst</hi> kommandirt: Kehrt!</p>
          <p>Beim Hinausgehen tritt einer von den Schützen an ihn heran: &#x201E;Mein Herr, wir müssen Protest einlegen gegen diese schwere Verletzung des Hausrechts.&#x201C; Ein Sekretär formulirt diesen Protest. Der Oberst mit seinen Soldaten verläßt das Haus. Die Straßen und das Sitzungslokal werden mit Soldaten gesperrt. Es sind immer mehr Soldaten, an 3000 Mann, herangezogen; alle Zugänge füllen sich.</p>
          <p>Der <hi rendition="#g">Oberst:</hi> &#x201E;Meine Herren, wenn sie nicht auseinandergehen werde ich Waffengewalt anwenden müssen.&#x201C;</p>
          <p>Die Soldaten beantworten dies mit einem schallenden Gelächter, sie drückten den Bürgern die Hände, machten ihnen bereitwillig Platz und sagten mit der größten Freundlichkeit: &#x201E;Wir schlagen uns nicht!&#x201C; Zum Beweise der Brüderlichkeit wurden die Flaschen aus den Reihen der Soldaten zu den Bürgern und umgekehrt herüber gereicht. Man trinkt sich gegenseitig zu. Das Regiment, welches besonders freundlich hervortrat, war das 12.</p>
          <p>Während dessen war zu Wrangel geschickt worden. Von ihm kam ein Oberst v. <hi rendition="#g">Blücher</hi> zurück, der einzige, der sich barsch benommen hat. Er forderte den Präsidenten Plönnies auf, sofort den Saal zu verlassen.</p>
          <p>Oberst <hi rendition="#g">Sommerfeld</hi> bemerkte, wenn die Herren blos als Deputirte privatim hier anwesend sind, so soll Ihnen nichts geschehen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Plönnies:</hi> Nein, wir sind hier Bevollmächtigte der Nationalversammlung, wir werden nur der Gewalt weichen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Blücher:</hi> Nun, so werden wir die Gewalt anwenden.</p>
          <p>Hierauf ergreifen den Vicepräsidenten Plönnies 2 Konstabler an beiden Armen und schleppen ihn durch den Saal und die Vorsäle zur Treppe hinunter.</p>
          <p>Am Ausgange stand ein greiser Schütze. Er schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu dem Obersten Blücher: &#x201E;Es ist traurig, daß ein Nachkomme des großen Blücher, der dem Vaterlande so viele treue Dienste geleistet, sich zu solchen Ungesetzlichkeiten und zu solchen Verletzungen des friedlichen Hausrechtes gebrauchen läßt.&#x201C;</p>
        </div>
        <div xml:id="ar145_015" type="jArticle">
          <head><bibl><author>14</author></bibl> Berlin, 14. Nov.</head>
          <p> Von Potsdam dunkle Gerüchte. Auf <hi rendition="#g">den König soll geschossen worden sein</hi>. Er ist von Sanssouci nach Potsdam ins Schloß gezogen. Man spricht von Barrikaden. Das Militär aus unserer Umgegend ist theilweis mit der Eisenbahn nach Potsdam gefahren. &#x2014; Eine Deputation von Halberstadt berichtet, daß die Kreisregierung der Nationalversammlung die Landwehr zur Verfügung stelle, <hi rendition="#g">auch hatten sich drei Eskadronen Cürassiere für die Nationalversammlung erklärt</hi>. Im Mansfeldischen allgemeiner Aufstand.</p>
          <p>Seit dem Abend ziehen die Patrouillen in breiten Zügen durch die Straßen, vielleicht um leichter zu einem Conflikt mit dem Volke zu kommen. Aber das Berliner Volk thut der Kamarilla den Gefallen nicht.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar145_016" type="jArticle">
          <head>Potsdam, 11. November.</head>
          <p>Heute hatte eine Magdeburger Deputation vor der Kirchthüre eine Unterredung mit dem Könige. Sie hatte vergeblich um Audienz gebeten. Auch hier wollte der König die Adresse nicht entgegennehmen, die sie mitbrachte.</p>
          <p>Der Sprecher der Deputation: &#x201E;Es ist eine Zustimmungsadresse.&#x201C; Der König nimmt sie, entfaltet sie, und wendet sich unwillig zu dem Sprecher mit den Worten: Es ist ja nicht das, was sie mir gesagt haben.</p>
          <p><hi rendition="#g">Der Sprecher:</hi> Majestät, es ist Gesinnung von 3/4 der Stadt Magdeburg.</p>
          <p><hi rendition="#g">Der König:</hi> Wissen Sie, die Stadt Magdeburg hat mir Treue geschworen, und ich habe sie ihres Eides noch nicht entbunden.</p>
          <p><hi rendition="#g">Der Sprecher:</hi> Majestät, wir haben die Abgeordneten gewählt zur Vereinbarung der Verfassung, und wir werden an der Versammlung festhalten.</p>
          <p><hi rendition="#g">Der König:</hi> Die Stadt Magdeburg wird sich meine allerhöchste Ungnade zuziehn.</p>
          <p><hi rendition="#g">Ein Mitglied der Deputation: &#x201E;Majestät, Ihre Allerhöchste Ungnade kann uns nix nutzen, wir wollen unser Recht.</hi>&#x201C;</p>
          <p>Bei diesen Worten wandte sich Se. Majestät zur Thür der Kirche.</p>
        </div>
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          <head>Stettin, 15. November.</head>
          <p>Das gute Recht der Nationalversammlung, die Sache der Demokratie in der edelsten Bedeutung hat in Stettin einen überaus schönen Sieg errungen. Nachdem der konstitutionelle Klub im Bunde mit den verschiedenen Vereinen der Stadt schon in der Nacht vom Donnerstag zum Freitage für die National-Versammlung sich erklärt und an der Spitze der Bewegung gegen die Anmaßungen der falschen Rathgeber der Krone sich gestellt hatte, wuchs die Begeisterung für die schmählich behandelten Vertreter des Volkes von Stunde zu Stunde, bis heute
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[0754/0002] und Gebrüder Frowein, Gebrüder Schniewind, J. C. Haarhaus Söhne, Brüning et Comp. * Aus dem Kreise Mülheim, 15. Nov. Fast aus jedem Orte des Kreises gehen Proteste mit zahlreichen Unterschriften zur Nationalversammlung nach Berlin ab; sie drücken derselben für ihre männliche Haltung den tiefsten Dank aus und versprechen ihr, alle Mittel aufzubieten, ihren Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Tausende der entschlossensten und kräftigsten Männer stehen bereit, auf das erste Signal, das in Köln oder anderwärts gegeben wird, für das höchste irdische Gut, die Freiheit, in den Kampf zu gehen, darin zu siegen oder zu sterben. Es war dies von unserm Kreise nicht anders zu erwarten. * Emmerich, 15. Nov. Gestern Abend versammelte sich eine große Menge der Einwohner vor dem Hause des Landtags-Deputirten Lensing und brachte ihm eine Katzenmusik. Eine Fortsetzung derselben soll heute und morgen erfolgen. Auch sind bereits Mißtrauens-Adressen gegen das Benehmen des Lensing in Umlauf. 14 Dortmund, 15. Nov. Die gleichsam in Marmor gemeißelten Grundzüge Ihrer jüngsten Leitartikel beginnen auch für Ihr liebes Dortmund Wahrheiten zu werden. Auch hier hat sich die liberale Bourgeoisie (vertreten durch den konstitutionellen Klub) mit dem demokratischen Volksverein verbunden, um in einer zahlreich besuchten „Urwählerversammlung“ eine beistimmende Adresse an die Nationalversammlung debattiren und beschließen zu lassen. Die Adresse ist — die nachträglichen eingerechnet — mit nahe an 600 Unterschriften bedeckt. Die Debatten in der Versammlung gewannen dadurch sehr an Lebendigkeit, daß auf der Rednerbühne stets ein Revolutionär einem Contrerevolutionär (oder ein Wühler einem Heuler) folgte, und daß die Heuler ein glänzendes, in diesem Grade hier noch nie dagewesenes Fiasko machten. Es ist im Hinblick auf die märkische „angestammte Treue“ gewiß ein bemerkenswerthes Ereigniß, wenn unsere früher blindverehrten Popen und Mandarinen in öffentlichen Versammlungen mit einem kräftigen: „'runter mit dem Kerl!“ begrüßt werden. — Dagegen hat gestern der sogenannte konstitutionelle Bürgerverein (heulende Reaktionäre pur sang) eine servile Loyalitätsadresse nach Berlin geschickt, welche nur dadurch Unterschriften erlangen konnte, daß sie heimlicherweise von Haus zu Haus geschickt wurde. Während bei Ihnen in Köln sich alle politischen Vereine der Adresse Ihrer Volksversammlung anschlossen, hat unser Bürgerverein, welcher früher dem Bürgerverein in Köln gläubige Verehrung zollte und ihm Gehorsam schwur, endlich seine rechte Couleur herausgekehrt und bewiesen, daß er nichts als eine bande noire konstitutioneller Heuchler und Charlatane ist. Der Volksverein, welcher in letzter Zeit so zahlreich besucht wurde, daß das Lokal nicht mehr zureichte, wird jetzt wöchentlich zwei Versammlungen im größten Lokale der Stadt halten. Man muß das Eisen schmieden solange es warm ist. Wenn über dem vielen Reden und Schreiben nur das Handeln nicht vergessen wird. 43 Bielefeld, 15. Nov. Schon vor einigen Tagen sind Adressen vom demokratischen Vereine, von mehreren Gewerken der Stadt und von vielen Landgemeinden der Umgegend an die Nationalversammlung abgegangen, worin die vollste Anerkennung der Versammlung und der feste Willen der Unterzeichner ausgesprochen sind, die Vertreter des Volkes nöthigenfalls mit Waffengewalt zu schützen. Die Aufregung in Westfalen ist ungeheuer, wie wir aus allen Theilen der Provinz vernehmen. Es bedarf nur eines Aufrufes der Nationalversammlung, um die Gährung in offenen Kampf zu verwandeln. Die Steuerverweigerung hat schon hier und dort begonnen, sie wird allgemein werden, wenn die Nationalversammlung endlich beschließt, diese Maßregel zu dekretiren. Die niederträchtige Ermordung Robert Blum's in Wien erfüllt die Gemüther mit der furchbarsten Wuth. Wir gehen jedenfalls einer schrecklichen Zeit entgegen, da jetzt auch der „besonnenste“ Mann zu begreifen beginnt, daß wir nur durch eine Schreckensherrschaft zur Freiheit gelangen können. Magdeburg. Mitbürger Soldaten! Wir, versammelte Bürger Magdeburg's, seiner Vor- und Mitstädte, so wie Buckau's richten an Euch, aus dem Herzen zum Herzen, das Wort. Wir sind allesammt Brüder, wir sind allesammt Söhne desselben Vaterlandes, unser Wohl ist Euer Wohl, Eure Ehre unsre Ehre, unsre Freiheit, Eure Freiheit, unser Recht Euer Recht! Bevor Ihr in's Heer eingetreten, waret Ihr Bürger, wenn Ihr nach wenigen Monden austretet, werdet Ihr Burger sein, und — ja, während Ihr im Heere stehet, seid Ihr auch Bürger. Es gibt keinen Unterschied zwischen Volk und Heer, sie sind Eins; kommt Weh und Schmach über das Volk, sind sie auch über das Heer gekommen. Darum rufen wir Euch zu: keinen Zusammenstoß, keinen Kampf zwischen Heer und Volk! Wir öffnen Euch die Arme, Soldaten, denn wir sind Eure Väter und Brüder, Eure Mütter und Schwestern sind unsre Frauen und Schwestern! Sollte der Soldat seinen Arm hergeben zur Unterdrückung der Volksfreiheit, zur Ueberwältigung der Nationalversammlung, so hat er die Waffe gegen die eigene Vrust, gegen die Brust seines Baters und Bruders, seiner Mutter und Schwester gezückt! Mitbürger Soldaten, vergesset das nicht, erwäget es wohl, Ihr seid des Vaterlandes, dieses hat sein heiliges Anrecht auf Euch, erinnert Euch, Ihr habet auch dem Vaterlande den Eid geschworen! Das Vaterland ist das Höchste auf Erden! — Dazu bieten wir Euch die Bruderhand! Magdeburg, den 12. November 1848. Die Bürgerversammlung von Magdeburg“ 20 Berlin, 13. November. Noch immer keine Entscheidung! Die Nacht ist ruhig und ohne Konflikt vorübergegangen. Die Proklamation des Belagerungszustandes weit entfernt die Berliner zu schrecken, hat vielmehr einen ganz entgegengesetzten, einen heitern Eindruck aufs Volk gemacht. Es betrachtet ihn als ein komisches Ding, macht seine Witze drüber, kehrt sich aber nicht im Mindesten dran. Wo vor dem Belagerungszustande 5 Leute zusammenstanden, da stehen heut 50; man trägt Waffen, druckt und verkauft Flugschriften trotz Wrangel und seinem Belagerungszustande. Allerdings ziehen Militär-Patrouillen durch die Straßen; aber entweder werden sie verhöhnt oder mit Vivats vom Volke begleitet. Das Militär fraternisirt gleichsam mit dem Volke und wenn auch heut schon einzelne kleine Konflikte vorkamen, bei denen sich die Soldaten nicht gerade aufs feinste benahmen, so zeigten doch andere Fälle, wie schwankend die Soldaten im Gehorsam gegen ihre Offiziere sind. Gemeine, die von Offizieren zum Abreißen von Plakaten kommandirt waren, haben sich dessen geweigert. Die Offiziere waren genöthigt es selbst zu thun; das Volk machte dann immer die Gegendemonstration, daß es alle königl. Plakate von den Ecken riß. Auf dem Dönhoffsplatze, wo zum Einschreiten gegen Gruppen kommandirt wurde, machten die Soldaten „Gewehr bei Fuß.“ Kurz, Wrangel wird ausgelacht, Belagerungszustand klingt wie eine Fabel. Man ist fröhlichen Muthes auf den Augenblick des Kampfes gefaßt. Man glaubte allgemein, daß er in der vergangenen Nacht ausbrechen wurde, bei Gelegenheit der Sprengung der Vereinb-Versammlung. — Da diese ausblieb, so war kein naherer Anlaß zum Kampfe da. Uebrigens wird eifrig Munition bereitet, im Falle es zum Straßenkampfe kommen sollte. Bis zu diesem Augenblicke, 2 Uhr Mittags hat sich noch Nichts weiter ereignet. Man sprach zwar, daß bereits in einigen Stadttheilen die Entwaffnung gewaltsam vorgenommen würde; doch erwies sich dies bald als ungegründet. Dagegen sind, wie man mit Bestimmtheit versichert, bewaffnete Zuzüge von Frankfurt, Magdeburg und Stettin an den letzten Stationen vor Berlin von dem dort aufgestellten Militär entwaffnet worden. — So eben erscheint eine neue Aufforderung des Polizeipräsidiums zur Abgabe der Waffen, wozu eine Frist bis Morgen Nachmittag 5 Uhr festgestellt ist. Was dann erfolgt, kann sich Jeder denken. Bis jetzt sind übrigens kaum 50 Gewehre abgeliefert. 4 Uhr Nachmittags. Die Menschenmaße auf dem Schloßplatze, der Königsstraße, am Zeughause wird bedeutender, als sie seit langer Zeit dort war. Der Belagerungszustand bringt Leben in die „verödete“ Stadt. An der neuen Wache machen die Soldaten Marschübungen, wobei sie die Menschenmaße unter deren Gelächter vor sich her treiben. 5 Uhr. Das längsterwartete ist geschehen; das Schützenhaus wurde so eben von Militär besetzt. Im Saale angekommen fanden die Soldaten nur noch den permanenten Ausschuß der Vereinbarer-Versammlung, den Vizepräsidenten von Plönnies und drei Schriftfuhrer. Der kommandirende Offizier forderte die Abgeordneten auf den Saal zu verlassen; der Präsident befahl dasselbe dem Offizier und seiner Mannschaft. Noch langem Hin- und Herreden wurden 3 Mann beordert die Deputirten gewaltsam aus dem Saale zu bringen und da diese sich weigerten, so führte eine ganze Sektion Militär den Befehl aus. Mit Widerwillen, ja Entrustung gehorchten die Soldaten diesem Befehle; das merkte man ihnen wohl an. — Unten wurden die auf diese Weise vertriebenen Deputirten mit Hurrah's vom Volke empfangen und fortgeleitet. Die Vereinbarer-Versammlung hat leider noch immer nicht den Muth der Krone gegenüber ihren letzten Trumpf, die Steuerverweigerung, auszuspielen. Wer weiß, ob sie morgen noch die Gelegenheit dazu finden wird. * Berlin, 14. Nov. Die Galgenzeitung „mit Gott für König und Vaterland“, bringt folgende Notizen: In Folge der Ausdehnung des Belagerungszustandes auf zwei Meilen in der Runde von Berlin, werden die Fremden von der ersten Station dieses Umkreises ab nur gegen besondere Legitimationskarten nach Berlin weiter befördert. Wir hören, daß noch heute von Seiten des bevollmächtigten Abgeordneten der Reichscentralgewalt in Frankfurt, Herrn Bassermann, die Erklärung der Centralgewalt veröffentlicht werden wird, wodurch die volle Uebereinstimmung derselben mit den Maßregeln der preußischen Regierung proklamirt wird. Der frühere Minister, Abgeordneter Gierke, der sich der Oppositionspartei angeschlossen, hat in der Versammlung gestern von der Tribüne behauptet, die treue Stadt Stettin habe sich gegen die Regierung erklärt. Ein Beweis von der Frechheit, mit welcher einige Führer die Autorität des Gesetzes verhöhnen, gab ein gestern Abend verbreitetes Plakat des durch sein Benehmen bereits vielfach bekannten Kammergerichts-Assessor Wache, unterzeichnet mit seinem Namen, in welchem er die Bestimmungen des Belagerungszustandes verhöhnt. Die Polizei hat demnach sofort in der Buchdruckerei von W. Fähndrich und Komp., aus der dieses Machwerk hervorgegangen, den noch ubrigen Vorrath saisiren und die Druckerei schließen lassen; indeß waren schon vorher mehrere 1000 Exemplare fortgeschafft und wurden am Schloß (das Militär halt sich streng innerhalb der gesperrten Gitterthuren) und an andern Orten angeschlagen und verkauft. — Wir hören, daß auch Herr Wache verhaftet ist. Die Gymnasien sind gestern, vorläufig für 2 Tage, geschlossen worden. Dieselbige „Galgenzeitung“ mit dem eisernen Kreuze bringt folgende zwei Notizen: Die Nachricht von dem Standrecht über Robert Blum und der sofortigen Vollziehung des Urtheils an demselben scheint einen sehr bedeutenden Eindruck zu machen. Die meisten bisherigen Fuhrer der demokratischen Partei und des souveränen Berliner Volks halten sich sehr zurückgezogen und lassen sich nirgends blicken. Mehrere sollen sogar sich bereits entfernt haben. Wir hören so eben, daß der Abgeordnete Schramm, als er gestern gegen Abend aufreizende Proklamationen an die Soldaten vertheilte, von denselben sofort festgenommen und zur Haft gebracht worden. Die beiden Notizen widersprechen sich. Der Tod des Deputirten Blum hat den Deputirten Schramm nicht abgehalten, dem „Standrecht“ zu verfallen. Aus beiden direkt aufeinanderfolgenden Notizen sieht man nur, wie die Männer vom Landwehrkreuze in Windischgrätz, dem Mordhund, ihr Ideal ubertroffen finden. * Berlin, 14. Nov. Es ist zu ernstlichen Konflikten gekommen. Zu Konflikten zwischen dem Militär und den Plakaten! Die Offiziere sind wüthend darüber, daß man ihnen überall scherzend aus dem Wege geht und daß man die Soldaten bei ihrem Heranrücken stets mit freundlichem Nicken und mit lautem Hurrah empfängt. Aus Zorn, daß es zu keinem Krawall kommen will, rennen die hungrigen Eisenfresser daher mit den Säbeln in die Bäume oder an die Straßenecken, um die Anschlagzettel niederzumetzeln, die wehrlosen Annoncen, die in der Manier eines Wache, eines Buddelmeier den großen Wrangel so köstlich verhöhnen. In der That, die Soldateska entwaffnet nicht das Volk durch den Belagerungszustand, sondern das Volk entwaffnet die Soldaten durch seine Liebenswürdigkeit. Ein wahrer Guerillakrieg wird in unsern Straßen geführt; ein Krieg mit freundlichen Worten, mit höflichen Grußen und heitern Späßen. Es ist, als löste sich der ganze Ernst der jüngsten Vorfälle in den harmlosesten Scherz auf, und wenn nicht fortwährend die Bajonnette blitzten und die Patrouillen in verdächtigen Massen durch die Straßen marschirten, so sollte man fast glauben, daß es mit dem Belagerungszustand wirklich nicht so schlimm gemeint sei. Amusant war es, wie sich, gleich nachdem unter wirbelndem Trommelschlag das Wrangel'sche Martialgesetz verkündet worden war, durch die Schloßgitter hindurch das Volk mit dem Militär unterhielt. In großen Haufen hatte man sich herangedrängt und zum großen Aerger der Offiziere wollte Niemand zu einer ernstlichen Störung Veranlassung geben. Auf dem Dönhofsplatze weigerten sich die Soldaten sogar, auf Befehl ihres Lieutenants das Bajonet zu fällen, um eine Gruppe eifrig schwatzender Leute zu zerstreuen. Nur ein einziger Mann gehorchte, die andern machten aber Gewehr bei Fuß und zornesroth kommandirte der Offizier zum Rückzug. Die Soldaten des Kaiser Franz- und Alexander-Garderegiments zeigten sich nicht weniger volksfreundlich. Sie sollten Feuer geben, aber das Kommando war vergebens und mit lautem Jubel stob die Menge auseinander, um ihren Freunden Platz zu machen. Ein ähnlicher Vorfall geschah vor der Universität, wo das Militär schon auf einige Studenten angeschlagen hatte, aber verschämt die Arme sinken ließ, als die Studenten arglos in die Hände klatschten und in lautes Bravorufen ausbrachen. In wahrhaft fabelhafter Weise verhöhnt man so die Wrangelschen Maßregeln, und wenn nicht in den nächsten Tagen irgend ein trauriger Vorfall dazwischen kommt, so haben wir alle Aussicht, den gesunden Menschenverstand über die Bosheit der Kamarilla triumphiren zu sehen. Doch jetzt zu dem Gewaltstreich gegen die Abgeordneten des Volkes! Gegen _ Uhr heute Nachmittags, ungefähr eine Stunde nach Suspension der Sitzung, gelangte die Nachricht in den Sitzungssaal: das Militär rückte gegen das Schützenhaus heran. In der That sieht man von den Fenstern aus die ganze Straße von Soldaten besetzt; die Truppenmassen häufen sich. Der Vicepräsident Plönnies und die Schriftführer nehmen an ihrem Tische Platz, die Papiere werden bei Seite geschafft; ein Oberst und mehrere Offiziere, begleitet von einem Trupp Soldaten, treten in das Lokal. Einige von der Schützengilde vertreten ihnen den Weg. Der Oberst: Wo sind hier die Herren, die zu der gewesenen Nationalversammlung gehören? Die Schützen führen sie aus dem Vorzimmer in den Sitzungssaal selbst. Der Oberst zu Plönnies gewandt: Die Herren gehören zur Nationalversammlung? Plönnies: Die Versammlung hat in diesem Augenblick keine Sitzung, ist aber vertreten durch ihr Bureau. Ich habe als Vicepräsident mit den Schriftführern die Aufgabe, alle Deputationen zu empfangen, was wollen Sie? Der Oberst: Ich bin der Oberst Sommerfeld und habe vom Staatsministerium den Auftrag, den Herren, die zur Nationalversammlung gehörten, oder noch gehören, ich weiß das nicht zu sagen, daß sie dies Haus verlassen müssen. Der Präsident Plönnies: Wenn Sie Gewalt anwenden wollen, dann versuchen Sie's. Anders werden wir hier nicht fortgehen. Der Oberst: Sie bereiten Sich und uns eine unangenehme Situation; wir können das nicht beurtheilen und müssen unserm Auftrage gemäß handeln. Plönnies: Wir vertreten in diesem Augenblick die Nationalversammlung und werden den Platz, den sie uns anvertraut hat, nicht verlassen. Ein Constabler-Offizier vortretend: Im Namen des Gesetzes, ich fordere Sie auf, den Anordnungen der Behörde Folge zu geben. Der Belagerungszustand ist ausgesprochen, die Versammlung ist ungesetzlich. Präsident: Wir vertreten hier das Gesetz und Ihre Forderung ist ungesetzlich. Oberst: Dann werde ich das Lokal mit Soldaten besetzen. Präsident: Wenn Sie es wagen, in das Lokal der Nationalversammlung einzutreten, ohne daß Sie Erlaubniß dazu haben, wenn Sie mit militärischer Gewalt hier eindringen, dann werden Sie es zu verantworten haben. Oberst (verlegen). Ich muß meinem Auftrage nachkommen. Plönnies (zum Bureau gewendet): Ich muß die Herren Schriftführer bitten, Akt zu nehmen von dieser Handlung. Der Oberst kommandirt: Kehrt! Beim Hinausgehen tritt einer von den Schützen an ihn heran: „Mein Herr, wir müssen Protest einlegen gegen diese schwere Verletzung des Hausrechts.“ Ein Sekretär formulirt diesen Protest. Der Oberst mit seinen Soldaten verläßt das Haus. Die Straßen und das Sitzungslokal werden mit Soldaten gesperrt. Es sind immer mehr Soldaten, an 3000 Mann, herangezogen; alle Zugänge füllen sich. Der Oberst: „Meine Herren, wenn sie nicht auseinandergehen werde ich Waffengewalt anwenden müssen.“ Die Soldaten beantworten dies mit einem schallenden Gelächter, sie drückten den Bürgern die Hände, machten ihnen bereitwillig Platz und sagten mit der größten Freundlichkeit: „Wir schlagen uns nicht!“ Zum Beweise der Brüderlichkeit wurden die Flaschen aus den Reihen der Soldaten zu den Bürgern und umgekehrt herüber gereicht. Man trinkt sich gegenseitig zu. Das Regiment, welches besonders freundlich hervortrat, war das 12. Während dessen war zu Wrangel geschickt worden. Von ihm kam ein Oberst v. Blücher zurück, der einzige, der sich barsch benommen hat. Er forderte den Präsidenten Plönnies auf, sofort den Saal zu verlassen. Oberst Sommerfeld bemerkte, wenn die Herren blos als Deputirte privatim hier anwesend sind, so soll Ihnen nichts geschehen. Plönnies: Nein, wir sind hier Bevollmächtigte der Nationalversammlung, wir werden nur der Gewalt weichen. Blücher: Nun, so werden wir die Gewalt anwenden. Hierauf ergreifen den Vicepräsidenten Plönnies 2 Konstabler an beiden Armen und schleppen ihn durch den Saal und die Vorsäle zur Treppe hinunter. Am Ausgange stand ein greiser Schütze. Er schüttelte bedenklich den Kopf und sagte zu dem Obersten Blücher: „Es ist traurig, daß ein Nachkomme des großen Blücher, der dem Vaterlande so viele treue Dienste geleistet, sich zu solchen Ungesetzlichkeiten und zu solchen Verletzungen des friedlichen Hausrechtes gebrauchen läßt.“ 14 Berlin, 14. Nov. Von Potsdam dunkle Gerüchte. Auf den König soll geschossen worden sein. Er ist von Sanssouci nach Potsdam ins Schloß gezogen. Man spricht von Barrikaden. Das Militär aus unserer Umgegend ist theilweis mit der Eisenbahn nach Potsdam gefahren. — Eine Deputation von Halberstadt berichtet, daß die Kreisregierung der Nationalversammlung die Landwehr zur Verfügung stelle, auch hatten sich drei Eskadronen Cürassiere für die Nationalversammlung erklärt. Im Mansfeldischen allgemeiner Aufstand. Seit dem Abend ziehen die Patrouillen in breiten Zügen durch die Straßen, vielleicht um leichter zu einem Conflikt mit dem Volke zu kommen. Aber das Berliner Volk thut der Kamarilla den Gefallen nicht. Potsdam, 11. November. Heute hatte eine Magdeburger Deputation vor der Kirchthüre eine Unterredung mit dem Könige. Sie hatte vergeblich um Audienz gebeten. Auch hier wollte der König die Adresse nicht entgegennehmen, die sie mitbrachte. Der Sprecher der Deputation: „Es ist eine Zustimmungsadresse.“ Der König nimmt sie, entfaltet sie, und wendet sich unwillig zu dem Sprecher mit den Worten: Es ist ja nicht das, was sie mir gesagt haben. Der Sprecher: Majestät, es ist Gesinnung von 3/4 der Stadt Magdeburg. Der König: Wissen Sie, die Stadt Magdeburg hat mir Treue geschworen, und ich habe sie ihres Eides noch nicht entbunden. Der Sprecher: Majestät, wir haben die Abgeordneten gewählt zur Vereinbarung der Verfassung, und wir werden an der Versammlung festhalten. Der König: Die Stadt Magdeburg wird sich meine allerhöchste Ungnade zuziehn. Ein Mitglied der Deputation: „Majestät, Ihre Allerhöchste Ungnade kann uns nix nutzen, wir wollen unser Recht.“ Bei diesen Worten wandte sich Se. Majestät zur Thür der Kirche. Stettin, 15. November. Das gute Recht der Nationalversammlung, die Sache der Demokratie in der edelsten Bedeutung hat in Stettin einen überaus schönen Sieg errungen. Nachdem der konstitutionelle Klub im Bunde mit den verschiedenen Vereinen der Stadt schon in der Nacht vom Donnerstag zum Freitage für die National-Versammlung sich erklärt und an der Spitze der Bewegung gegen die Anmaßungen der falschen Rathgeber der Krone sich gestellt hatte, wuchs die Begeisterung für die schmählich behandelten Vertreter des Volkes von Stunde zu Stunde, bis heute

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Marx-Engels-Gesamtausgabe: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-20T13:08:10Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 145. Köln, 17. November 1848, S. 0754. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz145_1848/2>, abgerufen am 16.09.2019.