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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 111. Köln, 24. September 1848.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No. 111. Köln, Sonntag den 24. September. 1848.

Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.

Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich.

Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr. 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.

Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Ministerium der Contre-Revolution) Berlin. (Vereinbarungsversammlung. - Agitation v. Berg's. - Ausweisung der Polen. - Rede Wrangels. - Ein Steckbrief.) Charlottenburg. (Wrangels Hauptquartier.) Frankfurt. (Steckbriefe. - Erklärungen über den Tod Lichnowsky. - Abg. Schmidt.) Erfurt. (Militär-Agitationen.) Darmstadt. (Weivig.) Stuttgart. (Volksversammlung. - Bürgerwehr.) Wien. (Windischgrätz in Schönbrunn. - Jellachich.)

Ungarn. Pesth. (Reichstagssitzung. - Verräthereien in der Armee.) Vom Kriegsschauplatz. (Vorrücken der Slaven.)

Italien. Sizilien. (L'Alba. - Filangieri.) Mailand. (Radetzky.)

Polen. Krakau. (Demokratische Wochenschrift. - Deputation.)

Französische Republik. Paris. (Louis Bonaparte. - Nationalversammlung.)

Genua. (Anleihe. - Die Flüchtlinge.)

Großbritannien Dublin. (Verfolgungen.) London. (Handels-Nachrichten. - Der dänische Waffenstillstand.)

Spanien. Madrid. (Verhaftungen.)

Deutschland.
* Köln, 23. Sept.

Der Preuß. Staatsanzeiger enthält folgende denkwürdige amtliche Bekanntmachung:

Ich habe den Ministerpräsidenten v. Auerswald, so wie die Staatsminister Hansemann, Frhr v. Schreckenstein, Milde, Märcker, Gierke und Kühlwetter, ihrem Antrage gemäß, von ihren bisherigen Aemtern entbunden, und zugleich: 1. den General der Infanterie v. Pfuel zum Ministerpräsidenten und Kriegsminister, 2. den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Eichmann, zum Minister des Innern, und 3. den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, v. Bonin, zum Finanzminister ernannt. 4. Die Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten habe ich dem wirklichen Geh. Rath Grafen v. Dönhoff, jedoch auf seinen Wunsch nur interimistisch übertragen. 5. Das Ministerium der landwirthschaftlichen Angelegenheiten wird vorläufig von dem Minister des Innern, und 6. das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten vorlaufig von dem Finanzminister mit verwaltet werden. 7. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Justizministeriums habe ich, bis zur Wiederbesetzung dieses Ministeriums, den Unter-Staatssekretär Müller beauftragt. Mein gegenwärtiger Erlaß ist durch die Gesetzsammlung zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

Bellevue, den 21. Sept. 1848.

(gez.) Friedrich Wilhelm.

(contras. v. Pfuel.

An das Staatsministerium.

Frankfurt, 20. Sept.

Aus den bisher gepflogenen amtlichen Erhebungen läßt sich vorläufig Nachfolgendes über die stattgehabte Ermordung des Generals v. Auerswald und des Fürsten Lichnowsky mittheilen, welches als Berichtigung der in dem gestrigen Frankfurter Journal enthaltenen Angaben dienen mag: Nachdem Beide auf einem Spazierritt in der Gärtnerei vor den Verfolgungen einer großen Anzahl Bewaffneter, von deren Seite mehrere Schüsse erfolgt und auf sie abgefeuert worden waren, in dem an die Bornheimer Heide gränzenden Garten des Kunstgärtners Schmitt sich zu retten gesucht und in der dortigen Gartenbehausung (General Auerswald in einer Boden-Kammer, Fürst Lichnowsky in dem Keller) sich versteckt gehabt, drangen jene Bewaffneten in den Garten ein, wo ein Theil zuvörderst die beiden Pferde der Versteckten fortführten, die Uebrigen aber die Schmitt'sche Behausung auf das genaueste durchsuchten. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es ihnen, zuerst den General Auerswald und eine kleine Viertelstunde nachher auch den Fürsten Lichnowsky in ihrem Verstecke aufzufinden. General Auerswald wurde unter fortwährenden Mißhandlungen durch Schlagen mit Knitteln und Stoßen mit Gewehrkolben aus der Schmitt'schen Behausung nach der hintern Ausgangsthüre des Schmitt'schen Gartens geschleppt, dort durch einen Kolbenstoß auf die Brust in den, neben dem Garten hinziehenden Graben geworfen und nun durch einen Flintenschuß getödtet. Fürst Lichnowsky wurde gleich nach seinem Auffinden auf dem nämlichen Wege aus dem Schmitt'schen Garten gebracht, jedoch noch eine Strecke von etwa 350 Schritten in der Richtung nach Bornheim in der Pappelallee fortgeführt und alsdann durch mehrere Flintenschüsse zu Boden gestreckt. An einen Kampf oder auch nur irgend eine Vertheidigung von Seiten des Fürsten Lichnowsky und des Generals v. Auerswald war unter den angegebenen Umständen nicht zu denken, und zwar, was insbesondere den General v. Auerswald betrifft, umsoweniger, als diesem schon vor seiner Ankunft in dem Schmitt'schen Garten durch einen Steinwurf der eine Arm gelähmt worden war.

(Fr. J.)
Frankfurt, 20. Sept.

(Eingesendet.) An den Häusern der Herrn Hahn und Zacheis in der Bleichstraße war eine Barrikade errichtet. An ihr entspann sich am Nachmittage des 18. d. ein harter Kampf, in welchem ein preußischer Hauptmann fiel und ein Lieutenant verwundet wurde. Nachdem die Soldaten die Barrikade genommen, drangen sie in die bezeichneten Häuser ein, aus denen kein Schuß gefallen und welche von keinem Insurgenten betreten worden waren. Nur Ein Zeuge findet sich, welcher behauptet, es sei daraus geschossen worden. In welcher Weise das Militär in diesen Häusern, und besonders in dem des Hrn. Zacheis gewirthschaftet, davon - so rathen wir Jedem - möge man durch den Augenschein sich überzeugen lassen. Hr. Hahn war während des Kampfes und der Demolirung seines Hauses abwesend gewesen; als er zurückgekehrt und das Vorgefallene sieht, bietet er die Nachbaren auf, ihm die noch stehende Barrikade wegräumen zu helfen, damit sie während der bevorstehenden Nacht nicht Veranlassung werde zu noch ärgerer Beschädigung seines Eigenthums. Bereitwillig legte man mit ihm zugleich Hand an, die Barrikade wegzuräumen. Da ruft ihm der in der Nähe mit seinem Piquet aufgestellte preußische Lieutenant die Worte zu: "Ich verbiete Ihnen, die Barrikade wegzuräumen!" Hr. Hahn will auf dies ihm absurd erscheinende Gebot nicht achten, wird darum verhaftet und nach der Hauptwache gebracht. Vergeblich wendet Hr. Hahn sich an einen der Herren Senatoren, um sich Freilassung und Genugthuung zu erwirken; er wird von diesem an die "Kriegsbehörde" verwiesen und einstweilen in den Kerker abgeführt. Von hier aus verlangt er, vor den kommandirenden General Nobili geführt zu werden; es geschieht, und nachdem der General mit dem Bürgermeister den Fall besprochen, wird Hr. Hahn sofort in Freiheit gesetzt nach der Bitte dieser Herren, "nicht agitiren" zu wollen. - Und in der That, die Verbreitung der Thatsache, daß ein angesehener Bürger Frankfurts einzig deshalb verhaftet worden war, weil er Anstalten getroffen, eine Barrikade wegzuräumen, in der Verbreitung einer solchen Thatsache liegt eine gewichtige Agitation; denn diese Thatsache ist mehr, als irgend Etwas geeignet, das unthätige Zusehen aller Behörden bedenklich zu finden, welches dieselben während des größtentheils muthwilligen Aufwerfens der Barrikaden zu beobachten beliebt.

Franz Schmidt, Abgeordneter von Löwenberg.

* Frankfurt, 20. Septbr.

Vom hiesigen Polizeigericht wurden durch Steckbriefe von gestern datirt folgende Personen wegen Theilnahme am Aufstande vom 18. d. verfolgt: Germain Metternich, aus Mainz; Eßelen, aus Hamm und Arnold Reinach, von hier.

103 Berlin, 21. Sept.

Nach Eröffnung der heutigen Vereinbarungssitzung theilt der Präsident ein Schreiben mit, wonach der General v. Pfuel (von Höllenstein) mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt ist und dieselbe bereits beendet hat. In dem Schreiben zeigt Hr. Pfuel (von Höllenstein) an, daß er erst morgen in der Sitzung mit dem neugebildeten Ministerium erscheinen werde. Die Versammlung nahm die Nachricht mit tiefem Schweigen an.

Der Abgeordnete Bloem (Düsseldorf) stellt in Betreff der Frankfurter Ereignisse folgenden Antrag: "Die Versammlung wolle ihren höchsten Unwillen über die in Frankfurt die Nationalversammlung betroffenen Ereignisse ausdrücken, so wie, daß die Versammlung jede Störung, jede rohe Gewalt verabscheut und daß die Regierung ersucht werde, der deutschen Centralgewalt mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zur Unterdrückung solcher Gewaltthaten beizustehen." Dieser Antrag wird morgen diskutirt werden; er fand nur von der Rechten Unterstützung.

Der Abgeordnete Kirchmann verliest folgende Interpellation an den neuen Kriegsminister:

1) Ob der General Wrangel durch eine königliche Kabinetsordre zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken ernannt sei und wer dieselbe kontrasignirt habe?

2) Ob der General Wrangel besondere Instruktionen empfangen?

3) Welche Gründe eine solche Maßregel veranlaßt haben?

4) Ob und warum Berlin mit einer außergewöhnlichen und sehr bedeutenden Truppenmasse belagert und umzogen ist?

5) Ob sich der Herr Kriegsminister mit diesen eben verlesenen Maßregeln einverstanden erklärt?

Diese Interpellation wird von der Linken und dem Centrum einstimmig unterstützt und wird morgen diskutirt werden. Der Abg. Wenger zeigt an, daß er, in Folge seiner früher angekündigten Interpellation, vom Ministerium dieser Tage die Anzeige erhalten, daß dasselbe 80,000 Rthlr. zur Ausführung von Arbeiten in der Provinz Ostpreußen bestimmt habe, um den brodlosen Arbeitern Nahrung zu verschaffen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen.

Verschiedene Gerüchte sind über die vom neuen Ministerium zu erwartenden Vorlagen verbreitet. Die Abgeordneten aller Parteien sind versammelt, um sich für alle möglichen Fälle zu einigen.

Die Komites der demokratischen Klubs haben einen permanenten Ausschuß gewählt, welcher sich mit der demokratischen Partei der Abgeordneten in Verbindung gesetzt und nöthigenfalls die Volksbewegung leiten wird.

Die Polizei ist in große Thätigkeit versetzt; sie sucht Berlin von allen, ihrer Ansicht nach revolutionären Elementen zu säubern. Die sich hier aufhaltenden polnischen Flüchtlinge haben Befehl erhalten noch heute Berlin zu verlassen. - Der bekannte auch aus Frankreich verwiesene und gegenwärtig sich hier aufhal- [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Der Kornhandel in Köln. I.

Die Getreidehändler sind Sozialisten, aber Sozialisten ganz eigener Natur. Auch sie wähnen, für das allgemeine Wohl zu wirken durch Herbeischaffung der unentbehrlichsten Lebensmittel in Zeiten der Noth. Wir haben gesehen, wie sozialistisch sie vor zwei Jahren verfuhren, als sie Köln mit Getreide überschwemmten, nachdem sie vorher Monate lang das Getreide lediglich auf dem Papier figuriren ließen, und es dem Volke so lange vorzuenthalten gewußt, bis der Preis den höchsten der Höhenpunkte erreicht hatte. Wie dieses geschah werden wir später erläutern, wenn wir speziell auf die Lieferungsgeschichte zu sprechen kommen. So viel steht fest, daß die Getreidesozialisten die gefährlichsten aller rothen Republikaner sind; denn sie allein erfreuen sich der Freiheit im ausgedehntesten Sinne: Freiheit des Handels, des Schachers, des Wuchers. Die Freiheit der Konkurrenz, hat das gefährlichste aller Monopole geschaffen, das Getreidemonopol.

Die Betheiligung des Kapitals an dem Getreidehandel hat hier in Köln namentlich die sonderbarsten Folgen gehabt. In Folge der Käufe auf Termin haben sich eine Masse von Leuten in den Getreidehandel geworfen, und auf die anschaulichste Weise die Macht des Kredits, des Kapitals dargethan. Wir werden daher vorläufig die Art dieser Verkäufe im Allgemeinen auseinandersetzen, und dann, wenn wir die Einwirkung derselben auf die Beziehungen und den Preis besprochen, speziell auf die einzelnen Fälle eingehen.

Bei der Aussicht auf eine Misernte werfen sich die verschiedensten Arten von Kapitalisten auf den Getreidehandel. Es liegt dies in der Natur des Handels und der Spekulation überhaupt. Die Beziehungen müssen aus den Ländern gemacht werden, wo die Ernte gut gerathen ist; um das bezogene Getreide herbeizuschaffen, verstreicht immer eine gewisse Zeit; daher die Lieferungsscheine, wie sie im Handel gang und gäbe sind, den Schein einer Begründung haben. Bin ich Besitzer eines Kapitals, z. B. eines Hauses, so habe ich Kredit, so ist mir dadurch die Möglichkeit gegeben, Getreide einzukaufen. Durch den Kaufs-Abschluß bin ich schon Inhaber des Getreides, noch ehe das Getreide an Ort und Stelle ist. Mein Haus drückt die Möglichkeit, die Fähigkeit aus, Getreide besitzen zu können, der Kaufschein bescheinigt diese Fähigkeit. Der Kaufschein ist bereits die Verwandlung des Hauses in Getreide. Die Kapitals-Obligationen werden in Getreide-Obligationen mit bestimmter Zahlungszeit verwandelt und erhalten den Cours eines Wechsels. Im gewöhnlichen Geschäftsgange hält essehr schwer, ein Haus z. B. in den Cours zu bringen, es mobil, gangbar zu machen. Ja, wenn ich Hausbesitzer meinen ganzen Hauswerth in Zucker reduziren wollte, so würde nicht leicht ein Zuckerfabrikant darauf eingehen. Wenn ich nachher nun aus dem Zucker wieder mein Haus darstellen soll, so möchte wohl ein Theil des Hauses bei dieser Transsubstantiation zusammenschmelzen. Komme ich aber und kaufe Korn, so wird mir dieses mit der größten Leichtigkeit verabreicht - im Lieferungsscheine. Bei der jetzigen Lage des Handels aber verwandelt der Spekulant nicht allein sein Haus, sondern das Vierfache seines Hauswerthes, d. h. seinen Kredit, in - Getreide.

Diese Verwandlungen, diese fiktiven Metamorphosen gehen lediglich auf dem Papiere vor; das einzige Nichtfiktive, das Reelle darin ist der Gewinn, der mir bei dieser Reduktion zu Theil wird: das Agio. Es fallen mir so zu sagen einige Körner ab, für die Verwandlung des Hauses in Korn, für die Fähigkeit, welche mein Haus besaß, sich in Getreide umwandeln zu können, für den Kredit der meiner Person inhärirte, und in Folge dessen ich als Mann dastand, der Getreide kaufen kann, es formell gekauft habe, und nun die Ablieferung desselben oder wenigstens die Differenzzahlung zwischen dem Ankaufspreise und dem heutigen Preise verlange. Diese Differenzzahlung kommt mir um so eher zu, als gerade durch diese Einmischung in den Kornhandel, durch die Theilnahme des Kredits die Erhöhung zu Stande kam. Die Preiserhöhung ist die Folge aller partiellen Einmischungen, mit einem Worte, der Cirkulirung der Lieferungsscheine. Dieselben 500 Malter cirkulirten durch die Hände von 10, 20 und mehr Spekulanten, und jeder Spekulant, ehe er sie aus Händen gibt, fordert seinen Preis, seinen Gewinn dafür, daß er sie in Händen halten, daß er Getreide nicht verkaufen konnte, dafür, daß er einen Kredit wirklich hatte, oder simuliren konnte. Die Spekulanten akkapariren das Getreide nicht mehr wirklich; sie akkapariren es auf dem Papiere und fordern einen Preis dafür.

Es tritt natürlich eine Periode ein, wo die letzten Käufer aufhören Verkäufer zu werden, wo das in der Luft, auf dem Wege oder auf dem Papiere gehaltene Korn durch seine Ueberfülle sich nicht mehr in diesen Schranken halten läßt und wie der Wind aus Aeolus Höhle herausgezogen kommt.

Dann tritt der Sturm, das Ungewitter ein, wie wir es vor 2 Jahren geseh'n haben. Die Halfensgeschichte wird ein besonderes Kapitel in unserer Geschichte machen.

Statt des Hauses als Kapital hätten wir ebenso gut jedes andere Kapital nehmen können: das Kapital, insofern es sich aus den Hypothekengeldern ziehen läßt, das Agiotagekapital aus der Börse, aus den Staatsschuldscheinen, die anvertrauten Depositengelder. Alle diese Gelder verwandeln sich in Getreide bei der Aussicht auf eine Mißernte, und diese Verwandlung geht eben durch die Lieferungsgeschäfte, durch das Ankaufen von Getreide auf Terminzeit vor sich: das heißt, wie wir oben gesagt, der Besitzer von Kapitalsobligationen wird Besitzer von Getreideobligationen. Der Inhaber von Kapital hätte z. B. große Mühe, wirk- [Fortsetzung]

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No. 111. Köln, Sonntag den 24. September. 1848.

Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.

Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich.

Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr. 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.

Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Ministerium der Contre-Revolution) Berlin. (Vereinbarungsversammlung. ‒ Agitation v. Berg's. ‒ Ausweisung der Polen. ‒ Rede Wrangels. ‒ Ein Steckbrief.) Charlottenburg. (Wrangels Hauptquartier.) Frankfurt. (Steckbriefe. ‒ Erklärungen über den Tod Lichnowsky. ‒ Abg. Schmidt.) Erfurt. (Militär-Agitationen.) Darmstadt. (Weivig.) Stuttgart. (Volksversammlung. ‒ Bürgerwehr.) Wien. (Windischgrätz in Schönbrunn. ‒ Jellachich.)

Ungarn. Pesth. (Reichstagssitzung. ‒ Verräthereien in der Armee.) Vom Kriegsschauplatz. (Vorrücken der Slaven.)

Italien. Sizilien. (L'Alba. ‒ Filangieri.) Mailand. (Radetzky.)

Polen. Krakau. (Demokratische Wochenschrift. ‒ Deputation.)

Französische Republik. Paris. (Louis Bonaparte. ‒ Nationalversammlung.)

Genua. (Anleihe. ‒ Die Flüchtlinge.)

Großbritannien Dublin. (Verfolgungen.) London. (Handels-Nachrichten. ‒ Der dänische Waffenstillstand.)

Spanien. Madrid. (Verhaftungen.)

Deutschland.
* Köln, 23. Sept.

Der Preuß. Staatsanzeiger enthält folgende denkwürdige amtliche Bekanntmachung:

Ich habe den Ministerpräsidenten v. Auerswald, so wie die Staatsminister Hansemann, Frhr v. Schreckenstein, Milde, Märcker, Gierke und Kühlwetter, ihrem Antrage gemäß, von ihren bisherigen Aemtern entbunden, und zugleich: 1. den General der Infanterie v. Pfuel zum Ministerpräsidenten und Kriegsminister, 2. den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Eichmann, zum Minister des Innern, und 3. den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, v. Bonin, zum Finanzminister ernannt. 4. Die Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten habe ich dem wirklichen Geh. Rath Grafen v. Dönhoff, jedoch auf seinen Wunsch nur interimistisch übertragen. 5. Das Ministerium der landwirthschaftlichen Angelegenheiten wird vorläufig von dem Minister des Innern, und 6. das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten vorlaufig von dem Finanzminister mit verwaltet werden. 7. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Justizministeriums habe ich, bis zur Wiederbesetzung dieses Ministeriums, den Unter-Staatssekretär Müller beauftragt. Mein gegenwärtiger Erlaß ist durch die Gesetzsammlung zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

Bellevue, den 21. Sept. 1848.

(gez.) Friedrich Wilhelm.

(contras. v. Pfuel.

An das Staatsministerium.

Frankfurt, 20. Sept.

Aus den bisher gepflogenen amtlichen Erhebungen läßt sich vorläufig Nachfolgendes über die stattgehabte Ermordung des Generals v. Auerswald und des Fürsten Lichnowsky mittheilen, welches als Berichtigung der in dem gestrigen Frankfurter Journal enthaltenen Angaben dienen mag: Nachdem Beide auf einem Spazierritt in der Gärtnerei vor den Verfolgungen einer großen Anzahl Bewaffneter, von deren Seite mehrere Schüsse erfolgt und auf sie abgefeuert worden waren, in dem an die Bornheimer Heide gränzenden Garten des Kunstgärtners Schmitt sich zu retten gesucht und in der dortigen Gartenbehausung (General Auerswald in einer Boden-Kammer, Fürst Lichnowsky in dem Keller) sich versteckt gehabt, drangen jene Bewaffneten in den Garten ein, wo ein Theil zuvörderst die beiden Pferde der Versteckten fortführten, die Uebrigen aber die Schmitt'sche Behausung auf das genaueste durchsuchten. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es ihnen, zuerst den General Auerswald und eine kleine Viertelstunde nachher auch den Fürsten Lichnowsky in ihrem Verstecke aufzufinden. General Auerswald wurde unter fortwährenden Mißhandlungen durch Schlagen mit Knitteln und Stoßen mit Gewehrkolben aus der Schmitt'schen Behausung nach der hintern Ausgangsthüre des Schmitt'schen Gartens geschleppt, dort durch einen Kolbenstoß auf die Brust in den, neben dem Garten hinziehenden Graben geworfen und nun durch einen Flintenschuß getödtet. Fürst Lichnowsky wurde gleich nach seinem Auffinden auf dem nämlichen Wege aus dem Schmitt'schen Garten gebracht, jedoch noch eine Strecke von etwa 350 Schritten in der Richtung nach Bornheim in der Pappelallee fortgeführt und alsdann durch mehrere Flintenschüsse zu Boden gestreckt. An einen Kampf oder auch nur irgend eine Vertheidigung von Seiten des Fürsten Lichnowsky und des Generals v. Auerswald war unter den angegebenen Umständen nicht zu denken, und zwar, was insbesondere den General v. Auerswald betrifft, umsoweniger, als diesem schon vor seiner Ankunft in dem Schmitt'schen Garten durch einen Steinwurf der eine Arm gelähmt worden war.

(Fr. J.)
Frankfurt, 20. Sept.

(Eingesendet.) An den Häusern der Herrn Hahn und Zacheis in der Bleichstraße war eine Barrikade errichtet. An ihr entspann sich am Nachmittage des 18. d. ein harter Kampf, in welchem ein preußischer Hauptmann fiel und ein Lieutenant verwundet wurde. Nachdem die Soldaten die Barrikade genommen, drangen sie in die bezeichneten Häuser ein, aus denen kein Schuß gefallen und welche von keinem Insurgenten betreten worden waren. Nur Ein Zeuge findet sich, welcher behauptet, es sei daraus geschossen worden. In welcher Weise das Militär in diesen Häusern, und besonders in dem des Hrn. Zacheis gewirthschaftet, davon ‒ so rathen wir Jedem ‒ möge man durch den Augenschein sich überzeugen lassen. Hr. Hahn war während des Kampfes und der Demolirung seines Hauses abwesend gewesen; als er zurückgekehrt und das Vorgefallene sieht, bietet er die Nachbaren auf, ihm die noch stehende Barrikade wegräumen zu helfen, damit sie während der bevorstehenden Nacht nicht Veranlassung werde zu noch ärgerer Beschädigung seines Eigenthums. Bereitwillig legte man mit ihm zugleich Hand an, die Barrikade wegzuräumen. Da ruft ihm der in der Nähe mit seinem Piquet aufgestellte preußische Lieutenant die Worte zu: „Ich verbiete Ihnen, die Barrikade wegzuräumen!“ Hr. Hahn will auf dies ihm absurd erscheinende Gebot nicht achten, wird darum verhaftet und nach der Hauptwache gebracht. Vergeblich wendet Hr. Hahn sich an einen der Herren Senatoren, um sich Freilassung und Genugthuung zu erwirken; er wird von diesem an die „Kriegsbehörde“ verwiesen und einstweilen in den Kerker abgeführt. Von hier aus verlangt er, vor den kommandirenden General Nobili geführt zu werden; es geschieht, und nachdem der General mit dem Bürgermeister den Fall besprochen, wird Hr. Hahn sofort in Freiheit gesetzt nach der Bitte dieser Herren, „nicht agitiren“ zu wollen. ‒ Und in der That, die Verbreitung der Thatsache, daß ein angesehener Bürger Frankfurts einzig deshalb verhaftet worden war, weil er Anstalten getroffen, eine Barrikade wegzuräumen, in der Verbreitung einer solchen Thatsache liegt eine gewichtige Agitation; denn diese Thatsache ist mehr, als irgend Etwas geeignet, das unthätige Zusehen aller Behörden bedenklich zu finden, welches dieselben während des größtentheils muthwilligen Aufwerfens der Barrikaden zu beobachten beliebt.

Franz Schmidt, Abgeordneter von Löwenberg.

* Frankfurt, 20. Septbr.

Vom hiesigen Polizeigericht wurden durch Steckbriefe von gestern datirt folgende Personen wegen Theilnahme am Aufstande vom 18. d. verfolgt: Germain Metternich, aus Mainz; Eßelen, aus Hamm und Arnold Reinach, von hier.

103 Berlin, 21. Sept.

Nach Eröffnung der heutigen Vereinbarungssitzung theilt der Präsident ein Schreiben mit, wonach der General v. Pfuel (von Höllenstein) mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt ist und dieselbe bereits beendet hat. In dem Schreiben zeigt Hr. Pfuel (von Höllenstein) an, daß er erst morgen in der Sitzung mit dem neugebildeten Ministerium erscheinen werde. Die Versammlung nahm die Nachricht mit tiefem Schweigen an.

Der Abgeordnete Bloem (Düsseldorf) stellt in Betreff der Frankfurter Ereignisse folgenden Antrag: „Die Versammlung wolle ihren höchsten Unwillen über die in Frankfurt die Nationalversammlung betroffenen Ereignisse ausdrücken, so wie, daß die Versammlung jede Störung, jede rohe Gewalt verabscheut und daß die Regierung ersucht werde, der deutschen Centralgewalt mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zur Unterdrückung solcher Gewaltthaten beizustehen.“ Dieser Antrag wird morgen diskutirt werden; er fand nur von der Rechten Unterstützung.

Der Abgeordnete Kirchmann verliest folgende Interpellation an den neuen Kriegsminister:

1) Ob der General Wrangel durch eine königliche Kabinetsordre zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken ernannt sei und wer dieselbe kontrasignirt habe?

2) Ob der General Wrangel besondere Instruktionen empfangen?

3) Welche Gründe eine solche Maßregel veranlaßt haben?

4) Ob und warum Berlin mit einer außergewöhnlichen und sehr bedeutenden Truppenmasse belagert und umzogen ist?

5) Ob sich der Herr Kriegsminister mit diesen eben verlesenen Maßregeln einverstanden erklärt?

Diese Interpellation wird von der Linken und dem Centrum einstimmig unterstützt und wird morgen diskutirt werden. Der Abg. Wenger zeigt an, daß er, in Folge seiner früher angekündigten Interpellation, vom Ministerium dieser Tage die Anzeige erhalten, daß dasselbe 80,000 Rthlr. zur Ausführung von Arbeiten in der Provinz Ostpreußen bestimmt habe, um den brodlosen Arbeitern Nahrung zu verschaffen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen.

Verschiedene Gerüchte sind über die vom neuen Ministerium zu erwartenden Vorlagen verbreitet. Die Abgeordneten aller Parteien sind versammelt, um sich für alle möglichen Fälle zu einigen.

Die Komites der demokratischen Klubs haben einen permanenten Ausschuß gewählt, welcher sich mit der demokratischen Partei der Abgeordneten in Verbindung gesetzt und nöthigenfalls die Volksbewegung leiten wird.

Die Polizei ist in große Thätigkeit versetzt; sie sucht Berlin von allen, ihrer Ansicht nach revolutionären Elementen zu säubern. Die sich hier aufhaltenden polnischen Flüchtlinge haben Befehl erhalten noch heute Berlin zu verlassen. ‒ Der bekannte auch aus Frankreich verwiesene und gegenwärtig sich hier aufhal- [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Der Kornhandel in Köln. I.

Die Getreidehändler sind Sozialisten, aber Sozialisten ganz eigener Natur. Auch sie wähnen, für das allgemeine Wohl zu wirken durch Herbeischaffung der unentbehrlichsten Lebensmittel in Zeiten der Noth. Wir haben gesehen, wie sozialistisch sie vor zwei Jahren verfuhren, als sie Köln mit Getreide überschwemmten, nachdem sie vorher Monate lang das Getreide lediglich auf dem Papier figuriren ließen, und es dem Volke so lange vorzuenthalten gewußt, bis der Preis den höchsten der Höhenpunkte erreicht hatte. Wie dieses geschah werden wir später erläutern, wenn wir speziell auf die Lieferungsgeschichte zu sprechen kommen. So viel steht fest, daß die Getreidesozialisten die gefährlichsten aller rothen Republikaner sind; denn sie allein erfreuen sich der Freiheit im ausgedehntesten Sinne: Freiheit des Handels, des Schachers, des Wuchers. Die Freiheit der Konkurrenz, hat das gefährlichste aller Monopole geschaffen, das Getreidemonopol.

Die Betheiligung des Kapitals an dem Getreidehandel hat hier in Köln namentlich die sonderbarsten Folgen gehabt. In Folge der Käufe auf Termin haben sich eine Masse von Leuten in den Getreidehandel geworfen, und auf die anschaulichste Weise die Macht des Kredits, des Kapitals dargethan. Wir werden daher vorläufig die Art dieser Verkäufe im Allgemeinen auseinandersetzen, und dann, wenn wir die Einwirkung derselben auf die Beziehungen und den Preis besprochen, speziell auf die einzelnen Fälle eingehen.

Bei der Aussicht auf eine Misernte werfen sich die verschiedensten Arten von Kapitalisten auf den Getreidehandel. Es liegt dies in der Natur des Handels und der Spekulation überhaupt. Die Beziehungen müssen aus den Ländern gemacht werden, wo die Ernte gut gerathen ist; um das bezogene Getreide herbeizuschaffen, verstreicht immer eine gewisse Zeit; daher die Lieferungsscheine, wie sie im Handel gang und gäbe sind, den Schein einer Begründung haben. Bin ich Besitzer eines Kapitals, z. B. eines Hauses, so habe ich Kredit, so ist mir dadurch die Möglichkeit gegeben, Getreide einzukaufen. Durch den Kaufs-Abschluß bin ich schon Inhaber des Getreides, noch ehe das Getreide an Ort und Stelle ist. Mein Haus drückt die Möglichkeit, die Fähigkeit aus, Getreide besitzen zu können, der Kaufschein bescheinigt diese Fähigkeit. Der Kaufschein ist bereits die Verwandlung des Hauses in Getreide. Die Kapitals-Obligationen werden in Getreide-Obligationen mit bestimmter Zahlungszeit verwandelt und erhalten den Cours eines Wechsels. Im gewöhnlichen Geschäftsgange hält essehr schwer, ein Haus z. B. in den Cours zu bringen, es mobil, gangbar zu machen. Ja, wenn ich Hausbesitzer meinen ganzen Hauswerth in Zucker reduziren wollte, so würde nicht leicht ein Zuckerfabrikant darauf eingehen. Wenn ich nachher nun aus dem Zucker wieder mein Haus darstellen soll, so möchte wohl ein Theil des Hauses bei dieser Transsubstantiation zusammenschmelzen. Komme ich aber und kaufe Korn, so wird mir dieses mit der größten Leichtigkeit verabreicht ‒ im Lieferungsscheine. Bei der jetzigen Lage des Handels aber verwandelt der Spekulant nicht allein sein Haus, sondern das Vierfache seines Hauswerthes, d. h. seinen Kredit, in ‒ Getreide.

Diese Verwandlungen, diese fiktiven Metamorphosen gehen lediglich auf dem Papiere vor; das einzige Nichtfiktive, das Reelle darin ist der Gewinn, der mir bei dieser Reduktion zu Theil wird: das Agio. Es fallen mir so zu sagen einige Körner ab, für die Verwandlung des Hauses in Korn, für die Fähigkeit, welche mein Haus besaß, sich in Getreide umwandeln zu können, für den Kredit der meiner Person inhärirte, und in Folge dessen ich als Mann dastand, der Getreide kaufen kann, es formell gekauft habe, und nun die Ablieferung desselben oder wenigstens die Differenzzahlung zwischen dem Ankaufspreise und dem heutigen Preise verlange. Diese Differenzzahlung kommt mir um so eher zu, als gerade durch diese Einmischung in den Kornhandel, durch die Theilnahme des Kredits die Erhöhung zu Stande kam. Die Preiserhöhung ist die Folge aller partiellen Einmischungen, mit einem Worte, der Cirkulirung der Lieferungsscheine. Dieselben 500 Malter cirkulirten durch die Hände von 10, 20 und mehr Spekulanten, und jeder Spekulant, ehe er sie aus Händen gibt, fordert seinen Preis, seinen Gewinn dafür, daß er sie in Händen halten, daß er Getreide nicht verkaufen konnte, dafür, daß er einen Kredit wirklich hatte, oder simuliren konnte. Die Spekulanten akkapariren das Getreide nicht mehr wirklich; sie akkapariren es auf dem Papiere und fordern einen Preis dafür.

Es tritt natürlich eine Periode ein, wo die letzten Käufer aufhören Verkäufer zu werden, wo das in der Luft, auf dem Wege oder auf dem Papiere gehaltene Korn durch seine Ueberfülle sich nicht mehr in diesen Schranken halten läßt und wie der Wind aus Aeolus Höhle herausgezogen kommt.

Dann tritt der Sturm, das Ungewitter ein, wie wir es vor 2 Jahren geseh'n haben. Die Halfensgeschichte wird ein besonderes Kapitel in unserer Geschichte machen.

Statt des Hauses als Kapital hätten wir ebenso gut jedes andere Kapital nehmen können: das Kapital, insofern es sich aus den Hypothekengeldern ziehen läßt, das Agiotagekapital aus der Börse, aus den Staatsschuldscheinen, die anvertrauten Depositengelder. Alle diese Gelder verwandeln sich in Getreide bei der Aussicht auf eine Mißernte, und diese Verwandlung geht eben durch die Lieferungsgeschäfte, durch das Ankaufen von Getreide auf Terminzeit vor sich: das heißt, wie wir oben gesagt, der Besitzer von Kapitalsobligationen wird Besitzer von Getreideobligationen. Der Inhaber von Kapital hätte z. B. große Mühe, wirk- [Fortsetzung]

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        <p>Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle      Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.</p>
        <p>Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg,      und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für      England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die      resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich.</p>
        <p><hi rendition="#g">Abonnementspreis</hi> in Köln vierteljährlich 1Thlr. 15 Sgr., in allen      übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr. 6 Pf. <hi rendition="#g">Inserate:</hi> die vierspaltige      Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.</p>
        <p>Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste      Verbreitung.</p>
      </div>
      <div n="1">
        <head>Uebersicht.</head>
        <p><hi rendition="#g">Deutschland.</hi> Köln. (Ministerium der Contre-Revolution) Berlin.      (Vereinbarungsversammlung. &#x2012; Agitation v. Berg's. &#x2012; Ausweisung der Polen. &#x2012; Rede Wrangels. &#x2012;      Ein Steckbrief.) Charlottenburg. (Wrangels Hauptquartier.) Frankfurt. (Steckbriefe. &#x2012;      Erklärungen über den Tod Lichnowsky. &#x2012; Abg. Schmidt.) Erfurt. (Militär-Agitationen.) Darmstadt.      (Weivig.) Stuttgart. (Volksversammlung. &#x2012; Bürgerwehr.) Wien. (Windischgrätz in Schönbrunn. &#x2012;      Jellachich.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Ungarn.</hi> Pesth. (Reichstagssitzung. &#x2012; Verräthereien in der Armee.) Vom      Kriegsschauplatz. (Vorrücken der Slaven.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Italien.</hi> Sizilien. (L'Alba. &#x2012; Filangieri.) Mailand. (Radetzky.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Polen.</hi> Krakau. (Demokratische Wochenschrift. &#x2012; Deputation.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Französische Republik.</hi> Paris. (Louis Bonaparte. &#x2012;      Nationalversammlung.)</p>
        <p>Genua. (Anleihe. &#x2012; Die Flüchtlinge.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Großbritannien</hi> Dublin. (Verfolgungen.) London. (Handels-Nachrichten.      &#x2012; Der dänische Waffenstillstand.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Spanien.</hi> Madrid. (Verhaftungen.)</p>
      </div>
      <div n="1">
        <head>Deutschland.</head>
        <div xml:id="ar111_001" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Köln, 23. Sept.</head>
          <p>Der Preuß. Staatsanzeiger enthält folgende denkwürdige amtliche Bekanntmachung:</p>
          <p>Ich habe den Ministerpräsidenten v. Auerswald, so wie die Staatsminister Hansemann, Frhr v.       Schreckenstein, Milde, Märcker, Gierke und Kühlwetter, ihrem Antrage gemäß, von ihren       bisherigen Aemtern entbunden, und zugleich: 1. den General der Infanterie v. Pfuel zum       Ministerpräsidenten und Kriegsminister, 2. den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Eichmann, zum       Minister des Innern, und 3. den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, v. Bonin, zum       Finanzminister ernannt. 4. Die Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten habe       ich dem wirklichen Geh. Rath Grafen v. Dönhoff, jedoch auf seinen Wunsch nur interimistisch       übertragen. 5. Das Ministerium der landwirthschaftlichen Angelegenheiten wird vorläufig von       dem Minister des Innern, und 6. das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten       vorlaufig von dem Finanzminister mit verwaltet werden. 7. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte       des Justizministeriums habe ich, bis zur Wiederbesetzung dieses Ministeriums, den       Unter-Staatssekretär Müller beauftragt. Mein gegenwärtiger Erlaß ist durch die Gesetzsammlung       zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.</p>
          <p>Bellevue, den 21. Sept. 1848.</p>
          <p>(gez.) <hi rendition="#g">Friedrich Wilhelm.</hi> </p>
          <p>(contras. v. Pfuel.</p>
          <p>An das Staatsministerium.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_002" type="jArticle">
          <head>Frankfurt, 20. Sept.</head>
          <p>Aus den bisher gepflogenen amtlichen Erhebungen läßt sich vorläufig Nachfolgendes über die       stattgehabte Ermordung des Generals v. <hi rendition="#g">Auerswald</hi> und des Fürsten <hi rendition="#g">Lichnowsky</hi> mittheilen, welches als Berichtigung der in dem gestrigen       Frankfurter Journal enthaltenen Angaben dienen mag: Nachdem Beide auf einem Spazierritt in der       Gärtnerei vor den Verfolgungen einer großen Anzahl Bewaffneter, von deren Seite mehrere       Schüsse erfolgt und auf sie abgefeuert worden waren, in dem an die Bornheimer Heide gränzenden       Garten des Kunstgärtners <hi rendition="#g">Schmitt</hi> sich zu retten gesucht und in der       dortigen Gartenbehausung (General Auerswald in einer Boden-Kammer, Fürst Lichnowsky in dem       Keller) sich versteckt gehabt, drangen jene Bewaffneten in den Garten ein, wo ein Theil       zuvörderst die beiden Pferde der Versteckten fortführten, die Uebrigen aber die Schmitt'sche       Behausung auf das genaueste durchsuchten. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es ihnen,       zuerst den General Auerswald und eine kleine Viertelstunde nachher auch den Fürsten Lichnowsky       in ihrem Verstecke aufzufinden. General Auerswald wurde unter fortwährenden Mißhandlungen       durch Schlagen mit Knitteln und Stoßen mit Gewehrkolben aus der Schmitt'schen Behausung nach       der hintern Ausgangsthüre des Schmitt'schen Gartens geschleppt, dort durch einen Kolbenstoß       auf die Brust in den, neben dem Garten hinziehenden Graben geworfen und nun durch einen       Flintenschuß getödtet. Fürst Lichnowsky wurde gleich nach seinem Auffinden auf dem nämlichen       Wege aus dem Schmitt'schen Garten gebracht, jedoch noch eine Strecke von etwa 350 Schritten in       der Richtung nach Bornheim in der Pappelallee fortgeführt und alsdann durch mehrere       Flintenschüsse zu Boden gestreckt. An einen Kampf oder auch nur irgend eine Vertheidigung von       Seiten des Fürsten Lichnowsky und des Generals v. Auerswald war unter den angegebenen       Umständen nicht zu denken, und zwar, was insbesondere den General v. Auerswald betrifft,       umsoweniger, als diesem schon vor seiner Ankunft in dem Schmitt'schen Garten durch einen       Steinwurf der eine Arm gelähmt worden war.</p>
          <bibl>(Fr. J.)</bibl>
        </div>
        <div xml:id="ar111_003" type="jArticle">
          <head>Frankfurt, 20. Sept.</head>
          <p>(Eingesendet.) An den Häusern der Herrn Hahn und Zacheis in der Bleichstraße war eine       Barrikade errichtet. An ihr entspann sich am Nachmittage des 18. d. ein harter Kampf, in       welchem ein preußischer Hauptmann fiel und ein Lieutenant verwundet wurde. Nachdem die       Soldaten die Barrikade genommen, drangen sie in die bezeichneten Häuser ein, aus denen <hi rendition="#g">kein</hi> Schuß gefallen und welche von <hi rendition="#g">keinem        Insurgenten</hi> betreten worden waren. Nur <hi rendition="#g">Ein</hi> Zeuge findet sich,       welcher behauptet, es sei daraus geschossen worden. In welcher Weise das Militär in diesen       Häusern, und besonders in dem des Hrn. Zacheis gewirthschaftet, davon &#x2012; so rathen wir Jedem &#x2012;       möge man durch den Augenschein sich überzeugen lassen. Hr. Hahn war während des Kampfes und       der Demolirung seines Hauses abwesend gewesen; als er zurückgekehrt und das Vorgefallene       sieht, bietet er die Nachbaren auf, ihm die noch stehende Barrikade wegräumen zu helfen, damit       sie während der bevorstehenden Nacht nicht Veranlassung werde zu noch ärgerer Beschädigung       seines Eigenthums. Bereitwillig legte man mit ihm zugleich Hand an, die Barrikade wegzuräumen.       Da ruft ihm der in der Nähe mit seinem Piquet aufgestellte preußische Lieutenant die Worte zu: <hi rendition="#g">&#x201E;Ich verbiete Ihnen, die Barrikade wegzuräumen!&#x201C;</hi> Hr. Hahn will auf       dies ihm absurd erscheinende Gebot nicht achten, wird darum verhaftet und nach der Hauptwache       gebracht. Vergeblich wendet Hr. Hahn sich an einen der Herren Senatoren, um sich Freilassung       und Genugthuung zu erwirken; er wird von diesem an die &#x201E;Kriegsbehörde&#x201C; verwiesen und       einstweilen in den Kerker abgeführt. Von hier aus verlangt er, vor den kommandirenden General       Nobili geführt zu werden; es geschieht, und nachdem der General mit dem Bürgermeister den Fall       besprochen, wird Hr. Hahn sofort in Freiheit gesetzt nach der Bitte dieser Herren, <hi rendition="#g">&#x201E;nicht agitiren&#x201C;</hi> zu wollen. &#x2012; Und in der That, die Verbreitung der       Thatsache, daß ein angesehener Bürger Frankfurts <hi rendition="#g">einzig deshalb</hi> verhaftet worden war, weil er Anstalten getroffen, <hi rendition="#g">eine Barrikade        wegzuräumen,</hi> in der Verbreitung einer solchen Thatsache liegt eine gewichtige Agitation;       denn diese Thatsache ist mehr, als irgend Etwas geeignet, das unthätige Zusehen aller Behörden       bedenklich zu finden, welches dieselben während des größtentheils muthwilligen Aufwerfens der       Barrikaden zu beobachten beliebt.</p>
          <p><hi rendition="#g">Franz Schmidt,</hi> Abgeordneter von Löwenberg.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_004" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Frankfurt, 20. Septbr.</head>
          <p>Vom hiesigen Polizeigericht wurden durch Steckbriefe von gestern datirt folgende Personen       wegen Theilnahme am Aufstande vom 18. d. verfolgt: Germain Metternich, aus Mainz; Eßelen, aus       Hamm und Arnold Reinach, von hier.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_005" type="jArticle">
          <head><bibl><author>103</author></bibl> Berlin, 21. Sept.</head>
          <p>Nach Eröffnung der heutigen Vereinbarungssitzung theilt der Präsident ein Schreiben mit,       wonach der General v. <hi rendition="#g">Pfuel</hi> (von Höllenstein) mit der Bildung des       neuen Ministeriums beauftragt ist und dieselbe bereits beendet hat. In dem Schreiben zeigt Hr.       Pfuel (von Höllenstein) an, daß er erst morgen in der Sitzung mit dem neugebildeten       Ministerium erscheinen werde. Die Versammlung nahm die Nachricht mit tiefem Schweigen an.</p>
          <p>Der Abgeordnete <hi rendition="#g">Bloem</hi> (Düsseldorf) stellt in Betreff der Frankfurter       Ereignisse folgenden Antrag: &#x201E;Die Versammlung wolle ihren höchsten Unwillen über die in       Frankfurt die Nationalversammlung betroffenen Ereignisse ausdrücken, so wie, daß die       Versammlung jede Störung, jede rohe Gewalt verabscheut und daß die Regierung ersucht werde,       der deutschen Centralgewalt mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zur Unterdrückung solcher       Gewaltthaten beizustehen.&#x201C; Dieser Antrag wird morgen diskutirt werden; er fand nur von der       Rechten Unterstützung.</p>
          <p>Der Abgeordnete <hi rendition="#g">Kirchmann</hi> verliest folgende Interpellation an den       neuen Kriegsminister:</p>
          <p>1) Ob der General Wrangel durch eine königliche Kabinetsordre zum Oberbefehlshaber der       Truppen in den Marken ernannt sei und wer dieselbe kontrasignirt habe?</p>
          <p>2) Ob der General Wrangel besondere Instruktionen empfangen?</p>
          <p>3) Welche Gründe eine solche Maßregel veranlaßt haben?</p>
          <p>4) Ob und warum Berlin mit einer außergewöhnlichen und sehr bedeutenden Truppenmasse       belagert und umzogen ist?</p>
          <p>5) Ob sich der Herr Kriegsminister mit diesen eben verlesenen Maßregeln einverstanden       erklärt?</p>
          <p>Diese Interpellation wird von der Linken und dem Centrum einstimmig unterstützt und wird       morgen diskutirt werden. Der Abg. <hi rendition="#g">Wenger</hi> zeigt an, daß er, in Folge       seiner früher angekündigten Interpellation, vom Ministerium dieser Tage die Anzeige erhalten,       daß dasselbe 80,000 Rthlr. zur Ausführung von Arbeiten in der Provinz Ostpreußen bestimmt       habe, um den brodlosen Arbeitern Nahrung zu verschaffen. Hierauf wird die Sitzung       geschlossen.</p>
          <p>Verschiedene Gerüchte sind über die vom neuen Ministerium zu erwartenden Vorlagen       verbreitet. Die Abgeordneten aller Parteien sind versammelt, um sich für alle möglichen Fälle       zu einigen.</p>
          <p>Die Komites der demokratischen Klubs haben einen permanenten Ausschuß gewählt, welcher sich       mit der demokratischen Partei der Abgeordneten in Verbindung gesetzt und nöthigenfalls die       Volksbewegung leiten wird.</p>
          <p>Die Polizei ist in große Thätigkeit versetzt; sie sucht Berlin von allen, ihrer Ansicht nach       revolutionären Elementen zu säubern. Die sich hier aufhaltenden polnischen Flüchtlinge haben       Befehl erhalten <hi rendition="#g">noch heute Berlin zu verlassen.</hi> &#x2012; Der bekannte auch       aus Frankreich verwiesene und gegenwärtig sich hier aufhal- <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>                </p>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>[Feuilleton]</head>
        <div xml:id="ar111_006" type="jArticle">
          <head>Der Kornhandel in Köln. I.</head>
          <p>Die Getreidehändler sind Sozialisten, aber Sozialisten ganz eigener Natur. Auch sie wähnen,       für das allgemeine Wohl zu wirken durch Herbeischaffung der unentbehrlichsten Lebensmittel in       Zeiten der Noth. Wir haben gesehen, wie sozialistisch sie vor zwei Jahren verfuhren, als sie       Köln mit Getreide überschwemmten, nachdem sie vorher Monate lang das Getreide lediglich auf       dem Papier figuriren ließen, und es dem Volke so lange vorzuenthalten gewußt, bis der Preis       den höchsten der Höhenpunkte erreicht hatte. Wie dieses geschah werden wir später erläutern,       wenn wir speziell auf die Lieferungsgeschichte zu sprechen kommen. So viel steht fest, daß die       Getreidesozialisten die gefährlichsten aller rothen Republikaner sind; denn sie allein       erfreuen sich der Freiheit im ausgedehntesten Sinne: Freiheit des Handels, des Schachers, des       Wuchers. Die Freiheit der Konkurrenz, hat das gefährlichste aller Monopole geschaffen, das       Getreidemonopol.</p>
          <p>Die Betheiligung des Kapitals an dem Getreidehandel hat hier in Köln namentlich die       sonderbarsten Folgen gehabt. In Folge der Käufe auf Termin haben sich eine Masse von Leuten in       den Getreidehandel geworfen, und auf die anschaulichste Weise die Macht des Kredits, des       Kapitals dargethan. Wir werden daher vorläufig die Art dieser Verkäufe im Allgemeinen       auseinandersetzen, und dann, wenn wir die Einwirkung derselben auf die Beziehungen und den       Preis besprochen, speziell auf die einzelnen Fälle eingehen.</p>
          <p>Bei der Aussicht auf eine Misernte werfen sich die verschiedensten Arten von Kapitalisten       auf den Getreidehandel. Es liegt dies in der Natur des Handels und der Spekulation überhaupt.       Die Beziehungen müssen aus den Ländern gemacht werden, wo die Ernte gut gerathen ist; um das       bezogene Getreide herbeizuschaffen, verstreicht immer eine gewisse Zeit; daher die       Lieferungsscheine, wie sie im Handel gang und gäbe sind, den Schein einer Begründung haben.       Bin ich Besitzer eines Kapitals, z. B. eines Hauses, so habe ich Kredit, so ist mir dadurch       die Möglichkeit gegeben, Getreide einzukaufen. Durch den Kaufs-Abschluß bin ich schon Inhaber       des Getreides, noch ehe das Getreide an Ort und Stelle ist. Mein Haus drückt die Möglichkeit,       die Fähigkeit aus, Getreide besitzen zu können, der Kaufschein bescheinigt diese Fähigkeit.       Der Kaufschein ist bereits die Verwandlung des Hauses in Getreide. Die Kapitals-Obligationen       werden in Getreide-Obligationen mit bestimmter Zahlungszeit verwandelt und erhalten den Cours       eines Wechsels. Im gewöhnlichen Geschäftsgange hält essehr schwer, ein Haus z. B. in den Cours       zu bringen, es mobil, gangbar zu machen. Ja, wenn ich Hausbesitzer meinen ganzen Hauswerth in       Zucker reduziren wollte, so würde nicht leicht ein Zuckerfabrikant darauf eingehen. Wenn ich       nachher nun aus dem Zucker wieder mein Haus darstellen soll, so möchte wohl ein Theil des       Hauses bei dieser Transsubstantiation zusammenschmelzen. Komme ich aber und kaufe Korn, so       wird mir dieses mit der größten Leichtigkeit verabreicht &#x2012; im Lieferungsscheine. Bei der       jetzigen Lage des Handels aber verwandelt der Spekulant nicht allein sein Haus, sondern das       Vierfache seines Hauswerthes, d. h. seinen Kredit, in &#x2012; Getreide.</p>
          <p>Diese Verwandlungen, diese fiktiven Metamorphosen gehen lediglich auf dem Papiere vor; das       einzige Nichtfiktive, das Reelle darin ist der Gewinn, der mir bei dieser Reduktion zu Theil       wird: das Agio. Es fallen mir so zu sagen einige Körner ab, für die Verwandlung des Hauses in       Korn, für die Fähigkeit, welche mein Haus besaß, sich in Getreide umwandeln zu können, für den       Kredit der meiner Person inhärirte, und in Folge dessen ich als Mann dastand, der Getreide       kaufen kann, es formell gekauft habe, und nun die Ablieferung desselben oder wenigstens die       Differenzzahlung zwischen dem Ankaufspreise und dem heutigen Preise verlange. Diese       Differenzzahlung kommt mir um so eher zu, als gerade durch diese Einmischung in den       Kornhandel, durch die Theilnahme des Kredits die Erhöhung zu Stande kam. Die Preiserhöhung ist       die Folge aller partiellen Einmischungen, mit einem Worte, der Cirkulirung der       Lieferungsscheine. Dieselben 500 <hi rendition="#g">Malter</hi> cirkulirten durch die Hände       von 10, 20 und mehr Spekulanten, und jeder Spekulant, ehe er sie aus Händen gibt, fordert       seinen Preis, seinen Gewinn dafür, daß er sie in Händen halten, daß er Getreide <hi rendition="#g">nicht</hi> verkaufen konnte, dafür, daß er einen Kredit wirklich hatte, oder       simuliren konnte. Die Spekulanten akkapariren das Getreide nicht mehr wirklich; sie       akkapariren es auf dem Papiere und fordern einen Preis dafür.</p>
          <p>Es tritt natürlich eine Periode ein, wo die letzten Käufer aufhören Verkäufer zu werden, wo       das in der Luft, auf dem Wege oder auf dem Papiere gehaltene Korn durch seine Ueberfülle sich       nicht mehr in diesen Schranken halten läßt und wie der Wind aus Aeolus Höhle herausgezogen       kommt.</p>
          <p>Dann tritt der Sturm, das Ungewitter ein, wie wir es vor 2 Jahren geseh'n haben. Die       Halfensgeschichte wird ein besonderes Kapitel in unserer Geschichte machen.</p>
          <p>Statt des Hauses als Kapital hätten wir ebenso gut jedes andere Kapital nehmen können: das       Kapital, insofern es sich aus den Hypothekengeldern ziehen läßt, das Agiotagekapital aus der       Börse, aus den Staatsschuldscheinen, die anvertrauten Depositengelder. Alle diese Gelder       verwandeln sich in Getreide bei der Aussicht auf eine Mißernte, und diese Verwandlung geht       eben durch die Lieferungsgeschäfte, durch das Ankaufen von Getreide auf Terminzeit vor sich:       das heißt, wie wir oben gesagt, der Besitzer von Kapitalsobligationen wird Besitzer von       Getreideobligationen. Der Inhaber von Kapital hätte z. B. große Mühe, wirk- <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>                </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0549/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No. 111. Köln, Sonntag den 24. September. 1848. Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an. Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich. Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr. 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf. Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung. Uebersicht. Deutschland. Köln. (Ministerium der Contre-Revolution) Berlin. (Vereinbarungsversammlung. ‒ Agitation v. Berg's. ‒ Ausweisung der Polen. ‒ Rede Wrangels. ‒ Ein Steckbrief.) Charlottenburg. (Wrangels Hauptquartier.) Frankfurt. (Steckbriefe. ‒ Erklärungen über den Tod Lichnowsky. ‒ Abg. Schmidt.) Erfurt. (Militär-Agitationen.) Darmstadt. (Weivig.) Stuttgart. (Volksversammlung. ‒ Bürgerwehr.) Wien. (Windischgrätz in Schönbrunn. ‒ Jellachich.) Ungarn. Pesth. (Reichstagssitzung. ‒ Verräthereien in der Armee.) Vom Kriegsschauplatz. (Vorrücken der Slaven.) Italien. Sizilien. (L'Alba. ‒ Filangieri.) Mailand. (Radetzky.) Polen. Krakau. (Demokratische Wochenschrift. ‒ Deputation.) Französische Republik. Paris. (Louis Bonaparte. ‒ Nationalversammlung.) Genua. (Anleihe. ‒ Die Flüchtlinge.) Großbritannien Dublin. (Verfolgungen.) London. (Handels-Nachrichten. ‒ Der dänische Waffenstillstand.) Spanien. Madrid. (Verhaftungen.) Deutschland. * Köln, 23. Sept. Der Preuß. Staatsanzeiger enthält folgende denkwürdige amtliche Bekanntmachung: Ich habe den Ministerpräsidenten v. Auerswald, so wie die Staatsminister Hansemann, Frhr v. Schreckenstein, Milde, Märcker, Gierke und Kühlwetter, ihrem Antrage gemäß, von ihren bisherigen Aemtern entbunden, und zugleich: 1. den General der Infanterie v. Pfuel zum Ministerpräsidenten und Kriegsminister, 2. den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Eichmann, zum Minister des Innern, und 3. den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, v. Bonin, zum Finanzminister ernannt. 4. Die Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten habe ich dem wirklichen Geh. Rath Grafen v. Dönhoff, jedoch auf seinen Wunsch nur interimistisch übertragen. 5. Das Ministerium der landwirthschaftlichen Angelegenheiten wird vorläufig von dem Minister des Innern, und 6. das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten vorlaufig von dem Finanzminister mit verwaltet werden. 7. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Justizministeriums habe ich, bis zur Wiederbesetzung dieses Ministeriums, den Unter-Staatssekretär Müller beauftragt. Mein gegenwärtiger Erlaß ist durch die Gesetzsammlung zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Bellevue, den 21. Sept. 1848. (gez.) Friedrich Wilhelm. (contras. v. Pfuel. An das Staatsministerium. Frankfurt, 20. Sept. Aus den bisher gepflogenen amtlichen Erhebungen läßt sich vorläufig Nachfolgendes über die stattgehabte Ermordung des Generals v. Auerswald und des Fürsten Lichnowsky mittheilen, welches als Berichtigung der in dem gestrigen Frankfurter Journal enthaltenen Angaben dienen mag: Nachdem Beide auf einem Spazierritt in der Gärtnerei vor den Verfolgungen einer großen Anzahl Bewaffneter, von deren Seite mehrere Schüsse erfolgt und auf sie abgefeuert worden waren, in dem an die Bornheimer Heide gränzenden Garten des Kunstgärtners Schmitt sich zu retten gesucht und in der dortigen Gartenbehausung (General Auerswald in einer Boden-Kammer, Fürst Lichnowsky in dem Keller) sich versteckt gehabt, drangen jene Bewaffneten in den Garten ein, wo ein Theil zuvörderst die beiden Pferde der Versteckten fortführten, die Uebrigen aber die Schmitt'sche Behausung auf das genaueste durchsuchten. Nach etwa einer Viertelstunde gelang es ihnen, zuerst den General Auerswald und eine kleine Viertelstunde nachher auch den Fürsten Lichnowsky in ihrem Verstecke aufzufinden. General Auerswald wurde unter fortwährenden Mißhandlungen durch Schlagen mit Knitteln und Stoßen mit Gewehrkolben aus der Schmitt'schen Behausung nach der hintern Ausgangsthüre des Schmitt'schen Gartens geschleppt, dort durch einen Kolbenstoß auf die Brust in den, neben dem Garten hinziehenden Graben geworfen und nun durch einen Flintenschuß getödtet. Fürst Lichnowsky wurde gleich nach seinem Auffinden auf dem nämlichen Wege aus dem Schmitt'schen Garten gebracht, jedoch noch eine Strecke von etwa 350 Schritten in der Richtung nach Bornheim in der Pappelallee fortgeführt und alsdann durch mehrere Flintenschüsse zu Boden gestreckt. An einen Kampf oder auch nur irgend eine Vertheidigung von Seiten des Fürsten Lichnowsky und des Generals v. Auerswald war unter den angegebenen Umständen nicht zu denken, und zwar, was insbesondere den General v. Auerswald betrifft, umsoweniger, als diesem schon vor seiner Ankunft in dem Schmitt'schen Garten durch einen Steinwurf der eine Arm gelähmt worden war. (Fr. J.) Frankfurt, 20. Sept. (Eingesendet.) An den Häusern der Herrn Hahn und Zacheis in der Bleichstraße war eine Barrikade errichtet. An ihr entspann sich am Nachmittage des 18. d. ein harter Kampf, in welchem ein preußischer Hauptmann fiel und ein Lieutenant verwundet wurde. Nachdem die Soldaten die Barrikade genommen, drangen sie in die bezeichneten Häuser ein, aus denen kein Schuß gefallen und welche von keinem Insurgenten betreten worden waren. Nur Ein Zeuge findet sich, welcher behauptet, es sei daraus geschossen worden. In welcher Weise das Militär in diesen Häusern, und besonders in dem des Hrn. Zacheis gewirthschaftet, davon ‒ so rathen wir Jedem ‒ möge man durch den Augenschein sich überzeugen lassen. Hr. Hahn war während des Kampfes und der Demolirung seines Hauses abwesend gewesen; als er zurückgekehrt und das Vorgefallene sieht, bietet er die Nachbaren auf, ihm die noch stehende Barrikade wegräumen zu helfen, damit sie während der bevorstehenden Nacht nicht Veranlassung werde zu noch ärgerer Beschädigung seines Eigenthums. Bereitwillig legte man mit ihm zugleich Hand an, die Barrikade wegzuräumen. Da ruft ihm der in der Nähe mit seinem Piquet aufgestellte preußische Lieutenant die Worte zu: „Ich verbiete Ihnen, die Barrikade wegzuräumen!“ Hr. Hahn will auf dies ihm absurd erscheinende Gebot nicht achten, wird darum verhaftet und nach der Hauptwache gebracht. Vergeblich wendet Hr. Hahn sich an einen der Herren Senatoren, um sich Freilassung und Genugthuung zu erwirken; er wird von diesem an die „Kriegsbehörde“ verwiesen und einstweilen in den Kerker abgeführt. Von hier aus verlangt er, vor den kommandirenden General Nobili geführt zu werden; es geschieht, und nachdem der General mit dem Bürgermeister den Fall besprochen, wird Hr. Hahn sofort in Freiheit gesetzt nach der Bitte dieser Herren, „nicht agitiren“ zu wollen. ‒ Und in der That, die Verbreitung der Thatsache, daß ein angesehener Bürger Frankfurts einzig deshalb verhaftet worden war, weil er Anstalten getroffen, eine Barrikade wegzuräumen, in der Verbreitung einer solchen Thatsache liegt eine gewichtige Agitation; denn diese Thatsache ist mehr, als irgend Etwas geeignet, das unthätige Zusehen aller Behörden bedenklich zu finden, welches dieselben während des größtentheils muthwilligen Aufwerfens der Barrikaden zu beobachten beliebt. Franz Schmidt, Abgeordneter von Löwenberg. * Frankfurt, 20. Septbr. Vom hiesigen Polizeigericht wurden durch Steckbriefe von gestern datirt folgende Personen wegen Theilnahme am Aufstande vom 18. d. verfolgt: Germain Metternich, aus Mainz; Eßelen, aus Hamm und Arnold Reinach, von hier. 103 Berlin, 21. Sept. Nach Eröffnung der heutigen Vereinbarungssitzung theilt der Präsident ein Schreiben mit, wonach der General v. Pfuel (von Höllenstein) mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt ist und dieselbe bereits beendet hat. In dem Schreiben zeigt Hr. Pfuel (von Höllenstein) an, daß er erst morgen in der Sitzung mit dem neugebildeten Ministerium erscheinen werde. Die Versammlung nahm die Nachricht mit tiefem Schweigen an. Der Abgeordnete Bloem (Düsseldorf) stellt in Betreff der Frankfurter Ereignisse folgenden Antrag: „Die Versammlung wolle ihren höchsten Unwillen über die in Frankfurt die Nationalversammlung betroffenen Ereignisse ausdrücken, so wie, daß die Versammlung jede Störung, jede rohe Gewalt verabscheut und daß die Regierung ersucht werde, der deutschen Centralgewalt mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zur Unterdrückung solcher Gewaltthaten beizustehen.“ Dieser Antrag wird morgen diskutirt werden; er fand nur von der Rechten Unterstützung. Der Abgeordnete Kirchmann verliest folgende Interpellation an den neuen Kriegsminister: 1) Ob der General Wrangel durch eine königliche Kabinetsordre zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken ernannt sei und wer dieselbe kontrasignirt habe? 2) Ob der General Wrangel besondere Instruktionen empfangen? 3) Welche Gründe eine solche Maßregel veranlaßt haben? 4) Ob und warum Berlin mit einer außergewöhnlichen und sehr bedeutenden Truppenmasse belagert und umzogen ist? 5) Ob sich der Herr Kriegsminister mit diesen eben verlesenen Maßregeln einverstanden erklärt? Diese Interpellation wird von der Linken und dem Centrum einstimmig unterstützt und wird morgen diskutirt werden. Der Abg. Wenger zeigt an, daß er, in Folge seiner früher angekündigten Interpellation, vom Ministerium dieser Tage die Anzeige erhalten, daß dasselbe 80,000 Rthlr. zur Ausführung von Arbeiten in der Provinz Ostpreußen bestimmt habe, um den brodlosen Arbeitern Nahrung zu verschaffen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Verschiedene Gerüchte sind über die vom neuen Ministerium zu erwartenden Vorlagen verbreitet. Die Abgeordneten aller Parteien sind versammelt, um sich für alle möglichen Fälle zu einigen. Die Komites der demokratischen Klubs haben einen permanenten Ausschuß gewählt, welcher sich mit der demokratischen Partei der Abgeordneten in Verbindung gesetzt und nöthigenfalls die Volksbewegung leiten wird. Die Polizei ist in große Thätigkeit versetzt; sie sucht Berlin von allen, ihrer Ansicht nach revolutionären Elementen zu säubern. Die sich hier aufhaltenden polnischen Flüchtlinge haben Befehl erhalten noch heute Berlin zu verlassen. ‒ Der bekannte auch aus Frankreich verwiesene und gegenwärtig sich hier aufhal- [Fortsetzung] [Feuilleton] Der Kornhandel in Köln. I.Die Getreidehändler sind Sozialisten, aber Sozialisten ganz eigener Natur. Auch sie wähnen, für das allgemeine Wohl zu wirken durch Herbeischaffung der unentbehrlichsten Lebensmittel in Zeiten der Noth. Wir haben gesehen, wie sozialistisch sie vor zwei Jahren verfuhren, als sie Köln mit Getreide überschwemmten, nachdem sie vorher Monate lang das Getreide lediglich auf dem Papier figuriren ließen, und es dem Volke so lange vorzuenthalten gewußt, bis der Preis den höchsten der Höhenpunkte erreicht hatte. Wie dieses geschah werden wir später erläutern, wenn wir speziell auf die Lieferungsgeschichte zu sprechen kommen. So viel steht fest, daß die Getreidesozialisten die gefährlichsten aller rothen Republikaner sind; denn sie allein erfreuen sich der Freiheit im ausgedehntesten Sinne: Freiheit des Handels, des Schachers, des Wuchers. Die Freiheit der Konkurrenz, hat das gefährlichste aller Monopole geschaffen, das Getreidemonopol. Die Betheiligung des Kapitals an dem Getreidehandel hat hier in Köln namentlich die sonderbarsten Folgen gehabt. In Folge der Käufe auf Termin haben sich eine Masse von Leuten in den Getreidehandel geworfen, und auf die anschaulichste Weise die Macht des Kredits, des Kapitals dargethan. Wir werden daher vorläufig die Art dieser Verkäufe im Allgemeinen auseinandersetzen, und dann, wenn wir die Einwirkung derselben auf die Beziehungen und den Preis besprochen, speziell auf die einzelnen Fälle eingehen. Bei der Aussicht auf eine Misernte werfen sich die verschiedensten Arten von Kapitalisten auf den Getreidehandel. Es liegt dies in der Natur des Handels und der Spekulation überhaupt. Die Beziehungen müssen aus den Ländern gemacht werden, wo die Ernte gut gerathen ist; um das bezogene Getreide herbeizuschaffen, verstreicht immer eine gewisse Zeit; daher die Lieferungsscheine, wie sie im Handel gang und gäbe sind, den Schein einer Begründung haben. Bin ich Besitzer eines Kapitals, z. B. eines Hauses, so habe ich Kredit, so ist mir dadurch die Möglichkeit gegeben, Getreide einzukaufen. Durch den Kaufs-Abschluß bin ich schon Inhaber des Getreides, noch ehe das Getreide an Ort und Stelle ist. Mein Haus drückt die Möglichkeit, die Fähigkeit aus, Getreide besitzen zu können, der Kaufschein bescheinigt diese Fähigkeit. Der Kaufschein ist bereits die Verwandlung des Hauses in Getreide. Die Kapitals-Obligationen werden in Getreide-Obligationen mit bestimmter Zahlungszeit verwandelt und erhalten den Cours eines Wechsels. Im gewöhnlichen Geschäftsgange hält essehr schwer, ein Haus z. B. in den Cours zu bringen, es mobil, gangbar zu machen. Ja, wenn ich Hausbesitzer meinen ganzen Hauswerth in Zucker reduziren wollte, so würde nicht leicht ein Zuckerfabrikant darauf eingehen. Wenn ich nachher nun aus dem Zucker wieder mein Haus darstellen soll, so möchte wohl ein Theil des Hauses bei dieser Transsubstantiation zusammenschmelzen. Komme ich aber und kaufe Korn, so wird mir dieses mit der größten Leichtigkeit verabreicht ‒ im Lieferungsscheine. Bei der jetzigen Lage des Handels aber verwandelt der Spekulant nicht allein sein Haus, sondern das Vierfache seines Hauswerthes, d. h. seinen Kredit, in ‒ Getreide. Diese Verwandlungen, diese fiktiven Metamorphosen gehen lediglich auf dem Papiere vor; das einzige Nichtfiktive, das Reelle darin ist der Gewinn, der mir bei dieser Reduktion zu Theil wird: das Agio. Es fallen mir so zu sagen einige Körner ab, für die Verwandlung des Hauses in Korn, für die Fähigkeit, welche mein Haus besaß, sich in Getreide umwandeln zu können, für den Kredit der meiner Person inhärirte, und in Folge dessen ich als Mann dastand, der Getreide kaufen kann, es formell gekauft habe, und nun die Ablieferung desselben oder wenigstens die Differenzzahlung zwischen dem Ankaufspreise und dem heutigen Preise verlange. Diese Differenzzahlung kommt mir um so eher zu, als gerade durch diese Einmischung in den Kornhandel, durch die Theilnahme des Kredits die Erhöhung zu Stande kam. Die Preiserhöhung ist die Folge aller partiellen Einmischungen, mit einem Worte, der Cirkulirung der Lieferungsscheine. Dieselben 500 Malter cirkulirten durch die Hände von 10, 20 und mehr Spekulanten, und jeder Spekulant, ehe er sie aus Händen gibt, fordert seinen Preis, seinen Gewinn dafür, daß er sie in Händen halten, daß er Getreide nicht verkaufen konnte, dafür, daß er einen Kredit wirklich hatte, oder simuliren konnte. Die Spekulanten akkapariren das Getreide nicht mehr wirklich; sie akkapariren es auf dem Papiere und fordern einen Preis dafür. Es tritt natürlich eine Periode ein, wo die letzten Käufer aufhören Verkäufer zu werden, wo das in der Luft, auf dem Wege oder auf dem Papiere gehaltene Korn durch seine Ueberfülle sich nicht mehr in diesen Schranken halten läßt und wie der Wind aus Aeolus Höhle herausgezogen kommt. Dann tritt der Sturm, das Ungewitter ein, wie wir es vor 2 Jahren geseh'n haben. Die Halfensgeschichte wird ein besonderes Kapitel in unserer Geschichte machen. Statt des Hauses als Kapital hätten wir ebenso gut jedes andere Kapital nehmen können: das Kapital, insofern es sich aus den Hypothekengeldern ziehen läßt, das Agiotagekapital aus der Börse, aus den Staatsschuldscheinen, die anvertrauten Depositengelder. Alle diese Gelder verwandeln sich in Getreide bei der Aussicht auf eine Mißernte, und diese Verwandlung geht eben durch die Lieferungsgeschäfte, durch das Ankaufen von Getreide auf Terminzeit vor sich: das heißt, wie wir oben gesagt, der Besitzer von Kapitalsobligationen wird Besitzer von Getreideobligationen. Der Inhaber von Kapital hätte z. B. große Mühe, wirk- [Fortsetzung]

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 111. Köln, 24. September 1848, S. 0549. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz111_1848/1>, abgerufen am 18.10.2019.