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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 107. Köln, 20. September 1848.

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[Deutschland]

[Fortsetzung] Frauen verübt worden Sie hat nur dem dynastischen Interesse gedient, ein Interesse, das jetzt nur mehr durch Standrecht und Blut zu erhalten ist.

Latour, die Hand in der Tasche: Die geehrten Redner hätten sich darauf beschränken sollen, ihr Gefühl zu fragen; sie Alle müssen damit einverstanden sein, daß unsere mit Lorbeeren gespickte (!) Armee bei der Rückkehr in die Heimath von Frau und Kind, Bruder und Freund mit Jauchzen begrüßt werde. Es handelt sich hier nicht darum, die politischen Verhältnisse zu erörtern, es handelt sich blos um die Verdienste der Armee.

Füster. Das demokratische Prinzip ist Lebensprinzip des Reichstags; aus ihm mögen und dürfen sich nur alle Funktionen des Reichstags entwickeln. Der italienische Krieg ist ein trauriges Erbstück des Absolutismus; denken Sie an die 500 Szegedin gehaltenen Gefangenen! Wenn Sie ein Dankesvotum aussprechen, so treten Sie das demokratische Prinzip mit Füßen; Sie gerathen in Widerspruch mit Ihrer Entstehung und in Kollision mit dem, was Sie sind.

Borrosch: Mit meinen Feinden weiß ich fertig zu werden, Gott hüte mich vor meinen Freunden! Ich bin entrustet über Lasser's Beschuldigungen; doch die Linke muß sich allezeit gefallen lassen, linkisch angegriffen zu werden. Er vertheidigt die Journalisten-Bank, zu der man hier nicht reden dürfe, weil sie schweigen müsse. - Wer von dem Reichstag ein Dankesvotum begehrt, appellirt nicht an sein Gefühl, sondern an seinen parlamentarischen Verstand; die Armee muß sich dies gefallen lassen, sie muß sich überhaupt an konstitutionelles Leben gewöhnen. Das Ministerium wurde nicht verfehlen, den Dank als Vertrauensvotum für die italienischen Angelegenheiten zu interpretiren. Die Armee kennt noch immer keinen andern, als den Fahneneid des Absolutismus (Schallender Beifall.) Sie muß erst jeder Verdächtigung enthoben werden, als könnte sie ein blindes Werkzeug wider die Freiheit bleiben.

Der Präsident will die Sitzung auf Morgen vertagen, als Latour auf die Tribüne tritt.

Latour. Schon vor einer Stunde habe ich mittheilen wollen, daß die Stadt in großer Aufregung ist und ein Aufstand sich vorbereitet. Man will von der Aula aus nicht nur das Ministerium, sondern auch den Reichstag stürzen und sprengen. Die National-Garde rückt nicht aus, ich sehe mich genöthigt, Militär einrücken zu lassen. (Furchtbarer Lärm, der Präsident ersucht die Abgeordneten auf ihre Plätze zu gehen)

Löhner: Ich trage darauf an, daß der Reichstag sich für parmanet erkläre.

Es geschieht.

Latour (auf der Tribüne) liest einige Anzeigen über das Treiben der Aula und über das Nichtausrücken der Nationalgarde ab. Es ergibt sich aber auf Befragen mehrer Abgeordneten, daß diese Anzeigen keineswegs vom Ober-Kommando der Garde gekommen, sondern daß es nur anonyme Briefe sind. (Erstaunen, Latour verspricht nahere Berichte)

Präsident. Der Abgeordnete Goldmark ist der nächste eingeschriebene Redner.

Goldmark redet über die italienische Dankadresse. Viele Abgeordnete entfernen sich. Unterbrechung

Bach erklärt nach einer halben Stunde, der Abgeordnete Füster sei mit andern im Ministerium gewesen und habe die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses beantragt, sei aber von dem Ministerium abgwiesen worden. (Beifall.)

Sierakowski beantragt, daß das Militär nur auf Requisition des Reichstags erscheinen dürfe; daß der Sicherheitsausschuß wieder herzustellen sei, daß die Oberkommandanten der Nationalgarde und Legion vor dem Hause zu erscheinen hätten, um Auskunft zu geben

Peutscher. Ich komme so eben von der Aula; es ist keine Silbe von den Absichten wahr, die der Kriegsminister ihr angedichtet; er hat uns wollen ins Bockshorn jagen; wir müssen seine Angaben für eine Lüge erklären.

Bach Es scheint ein Mißverständniß obzuwalten.

Jonak [Bohemien]. Die Gründe der Permanenz haben also aufgehört; ich trage auf ihre Aufhebung an; das Ministerium mag seine Feuerprobe bestehen; es sind keine neuen Sicherheitsorgane nöthig.

Schuselka für die Permanenz; Rieger fordert das Ministerium zur Erklärung auf.

Bach. Wir haben keine anderen Berichte mehr erhalten, Schuselka's Besorgnisse sind also ungegründet. Wir werden streng und gewissenhaft verfahren. Klagt zum Schluß über die fortwährenden Angriffe der Presse.

Paul.

Wir haben Offiziere gesagt, die Mediziner hätten gedruckte Zettel vertheilt, auf welchen die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangt werde.

Klaudi und Tropau für die Permanenz bis zu neuen Berichten.

Borrosch. Ich glaube nicht an die anarchischen Absichten einer Partei, aber ich glaube daran, daß die Reaktion uns auch im parlamentarischen Kampfe umringeln will.

Schuselka protestirt gegen Witzreißen in so ernstem Augenblicke.

Borrosch. Sollte die Reaktion so einfältig sein, nicht zu wissen, daß ein Gewaltstreich mit einem Blutbad in allen Provinzen beantwortet würde?

Löhner für Permanenz, sonst Abstimmen durch Namensaufruf.

Ein Abgeordneter bringt eine Proklamation und übergibt sie dem Präsidenten.

Präsident liest: Bürger Wiens! Nur eins kann uns retten, die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses u. s. w.

Jude Mayer. Nur außerordentliche Umstände lassen eine Permanenz zu.

Schwarzer. Das Militär erscheint nur auf ausdrucklichen Befehl der Nationalgarde.

Rieger.Dann müssen wir beisammen bleiben.

Es ist 4 Uhr. Vertagung auf 1/2 Stunde.

Hornbostel. Handelsminister. Die Stadt ist ruhig; die Garde ist gut. Ob die Ruhe wieder hergestellt wird, weiß ich nicht.

Eine Adresse des Ausschusses der Studenten Wiens langt an und wird verlesen:

Der Ausschuß setzt zur Vermeidung von Verdächtigungen den Sachverhalt über die Vorgänge auf der Universität auseinander. Die Aula sei seit einigen Wochen für's Volk geschlossen gewesen und nur zu Studentenversammlungen geöffnet worden, die dort Beschlüsse gefaßt habe. Die Akademie habe dagegen protestirt. Sie habe die Anschuldigung des Kriegsministers so eben vernommen und gebe die Versicherung, daß sie keine Störung bezwecke, jedoch laut die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangen müsse. Die Adresse schließt mit der Versicherung, daß die akademische Legion den Reichstag mit ihrem Leben schützen wurde. (Allgemeiner Beifall).

Schuselka: Der Kriegsminister ist aufzufordern, woher ihm die anonymen Zettel zugegangen seien, durch welche die akademische Legion verdächtigt worden?

Brauner: Mir genügt die Erklärung des Ministers nicht; die Permanenz dauere fort.

Rieger: Schicken wir eine Deputation an die abwesenden Minister. (Oho! Nein!)

Außer Schwarzer und Hornbostel ist nämlich seit Stunden kein anderer Minister mehr anwesend. Mit Stadion ist Furst Lubomirski Arm in Arm abgegangen.

Hornbostel: Wenn der Reichstag will, daß die Minister erscheinen, so werde ich sie rufen.

Pause. Wiedereröffnung 5 1/4 Uhr.

Hornbostel: Auf dem Hof hat vor dem Kriegsministerialgebäude eben ein Zusammenstoß stattgefunden. Garden und Akademiker, den bewußten Zettel auf den Czatos, sind dorthin gekommen und haben einen Angriff gewagt. Es scheint, man will den Sicherheitsausschuß mit Gewalt durchsetzen. Die Minister werden erscheinen, sobald es möglich ist.

Um 5 3/4 Uhr.

Minister Schwarzer: Vor einer halben Stunde drang ein Hause von 30 bis 40 Individuen, Zettel auf den Hüten, über den Hof durch das Carree der Nationalgarde; einige wurden verhaftet. Darauf erschien ein Trupp von 500 Bewaffneten, denen 400 andere folgten; alle mit den Zetteln. Sie stellten sich dem Kriegsgebäude gegenüber auf. Der Ministerrath erließ eine Aufforderung zur Abnahme des revolutionairen Abzeichens. (Zischen).

Schwarzer(mit barscher Gemeinheit): Ja, es kann nur ein revolutionaires Zeichen genannt werden. Maßregeln zur Entwaffnung sind getroffen. Selbst der Oberkommandant der Nationalgarde hatte das Zeichen aufgesteckt Es ist möglich, daß ein Konflikt entsteht.

Löhner: Ich beantrage, daß der Minister diesen Bericht schriftlich deponire. Sind alle bewaffnet gewesen?

Schwarzer: Beide Schaaren waren bewaffnet; die Minister können nicht erscheinen.

Der Antrag Löhners wird unterstützt.

Präsident: Sollen weitere Mittheilungen abgewartet werden.

Angenommen.

Mayer: Wir müssen mit Namensaufruf abstimmen, ob der Sicherheitsausschuß, wie es Sierakowski beantragt, wieder erstehen soll.

Sierakowski giebt eine Geschichte des Sicherheitsausschusses und schildert sein gutes Wirken.

Doliak (Beohmien): Der Sicherheitsausschuß war eine Behörde der Unordnung; [von allen Seiten: Nein, nein!] er hat die guten Behörden gestört. [Oh! Oh!] In den Provinzen herrschte wegen seiner Anmaßung nur eine Stimme, daß er aufgelöst werden müsse. [Oh! Oh! Zischen]

Es ist 7 Uhr. Der Reichstag sendet eine Deputation in die Aula und eine an den Kriegsminister zum Zurückziehen des Militairs.

Acht Uhr.

Hornbostel: Es hat sich nicht bestätigt, daß Barrikaden gebaut werden; nur in der Wollzeile sind Versuche dazu gemacht worden.

Goldmark [aus der Aula kommend]: Je näher der Universität, um so mehr Menschen; die Nationalgarde schließt sich der Universität immer mehr an. Ich wurde mit Jubel empfangen. Man hat keine republikanische Bewegung vor. Das Militair zieht theilweise ab. Wegen des Militair nur wollte man Barrikaden bauen, um die Universität zu schützen und die Auflosung der akademischen Legion zu verhindern.

Lotzel: Ich komme vom Kriegsministerium. Das Militair wird sich allmählig zurückziehen.

Schwarzer: Die Ordnung ist gestört worden, aber den Ministern ist der Gedanke fern, durch Militair die Freiheit zu beeinträchtigen. Zu rasches Zurückziehen würde aber zu falschen Annahmen verleiten. Auch die Nationalgarde müsse sich zurückziehen. Die Bewegung ist angelegt worden. [Von dem Ministerium.]

Goldmark: Wir haben also lauter falsche Angaben erhalten; das Ministerium hat noch gar nichts klar gemacht. Wir haben beschlossen, daß das Militair sich sogleich entferne; unser Beschluß muß Wort für Wort ausgeführt werden; kein strategisches Zurückziehen dürfen wir dulden. Es sind noch Grenadire eingerückt. Smolka's Antrag auf Entfernung des Militairs muß ganz vollstreckt werden.

Pinka [Bohemien]: Es wird auch sogleich zurückgezogen.

Ein Bauer: Der Stephansplatz ist noch voll von Militair.

Lotzel: Der Kriegsminister hat den Befehl zum Zurückziehen des Militairs vor unsern Augen erlassen.

Pause 8 3/4 Uhr. Die Kommission kommt aus der Aula zurück.

Borrosch: Auf dem Stephansplatz standen Militairmassen; sie gaben uns ein Geleite, das wir ablehnten, um kein Mißverständniß zu veranlassen. Auf der Aula wurden wir mit Jubel empfangen. Die Aula hat Vertrauen zum Reichstag, sie will die Ruhe aufrecht erhalten [Bravo. Applaus], sollte der Reichstag auch ihren Wünschen in Betreff des Sicherheitsausschusses nicht entsprechen. [Allgemeiner Beifall].

Schuselka: Die Aula hat auch Forderungen; sie will den Sicherheitsausschuß; sie will, daß die Verdächtiger vom Reichstag in Anklage versetzt werden.

Borrosch: Wir haben erklärt, daß der alte Sicherheitsausschuß nicht wieder herstellbar sei, daß aber einer aus dem Reichstag erstehen würde.

Rieger: Das konnten wir nicht im Namen des Reichstags erklären.

Borrosch: Ein Gemeinderath mit dem Vertrauen des Volks existirt in diesem Augenblicke nicht; die Polizeigewalt ist doch wahrlich keine Behörde, die Vertrauen hat! Hätten wir eine Sicherheitsbehörde, dann würden keine Zettel ohne Unterschriften uns zukommen.

Es ist 9 Uhr. Eine Pause tritt ein.

Wien, 13. Septbr.

Der gegenwärtige Minister der öffentlichen Arbeiten hat, durchdrungen von der Wichtigkeit der größeren Ausdehnung der telegraphischen Linien, sich in einem amtlichen Artikel der Wiener Zeitung dd. 4. August d. J. Nro. 214 über die Fortsetzung derselben in südlicher Richtung von Cilli bis Triest, dann mit Rücksicht auf das Lombardisch-Venetianische Königreich vorläufig bis Görz ausgesprochen, und diese auch bereits in Angriff nehmen lassen.

Seither ist auch die Ausdehnung der nördlichen Linie vorläufig bis Oderberg beschlossen, eine zweite Drahtspannung in nördlicher und südlicher Richtung, wegen Trennung der Eisenbahn-Dienst- von der Staats-Correspondenz, endlich die Concentration der nördlichen und südlichen Telegraphenlinie, durch eine unterirdische Leitung sowohl in dem Ministerium des Innern, als auch in einem Appartement nächst des Reichstags-Saales eingeleitet. Durch letztere Maßregel wird es ermöglicht, während den Reichstagssitzungen selbst Mittheilungen nach und von entfernten Orten machen und empfangen zu können. Nicht minder steht die Absicht fest, nach und nach nicht nur durch größere Entwicklung und Ausdehnung der Staats-Telegraphie nach allen Hauptrichtungen der Monarchie ein großartiges telegraphisches Netz heranzubilden, und die vorschreitenden Linien zur Beförderung von Staats-Depeschen, sondern auch zur Privat-Correspondenz sowohl im Interesse des Staates, als in jenem des Publikums zu benützen, folglich diese Anstalt vollkommen gemeinnützig zu machen, wie sie bereits namentlich in Amerika, in England und im Norden Deutschlands benützt wird. Durch die Fortsetzung bis Oderberg und Breslau wird die telegraphische Verbindung mit Paris demnächst ins Leben gerufen werden können.

(Wien. Z.)
61 Wien, 14. September.

Die Stadt hat heute wieder ihr gewöhnliches Ansehen. Nachdem gegen 10 Uhr gestern Abend die Deputation, welche der Reichstag an den Kriegsminister gesendet hatte, um die Ausführung des Beschlusses, - Zurückziehen des Militärs - zu überwachen, wieder zurückgekehrt war und das wirklich erfolgte Abziehen der Soldateska gemeldet hatte, wurde die Permanenz um 10 1/2 Uhr aufgehoben.

Einen Augenblick schien es, als breche der Sturm in der That los. Meines Erachtens würde der Sieg schließlich auf der Seite des Volkes gewesen sein. Die Nationalgarde der Vorstädte, als sie das Militär erblickte, entschied sich immer mehr für die Universität; aber man hatte sie fern davon aufgestellt, während um die Universität in der nächsten Nähe nur Militär und die Nationalgarde der Stadt standen.

Soviel steht fest, die Latour's, Bach's und ihre Handlanger hatten schlimme Nachrichten aus Ungarn erhalten, wo das Ministerium bis auf Koffuth und Szemern nach dem Wiedereintreffen der Wiener Deputation abgedankt hat, um erstern mit der Allgewalt der Diktatur auszustatten. Sie wollten hier einen raschen Sieg feiern, um alle ihre Kräfte gegen Ungarn wenden und nach dessen Besiegung Italien's wegen den Franzosen gegenüber den Kopf in den Nacken werfen zu können; denn eine andere Bedeutung hat die Annahme der Mediation Frankreich's nicht, als Zeitgewinn.

Koffuth bildete sich aus Mezaros, Pazmandi, Ryari und Peronyi ein neues Ministerium und erklärte der Gutheißung des Palatins nicht zu bedürfen. Er ließ sich vom Hause sofort das Banknoten-Emissionsgesetz mit 61 Millionen, das Rekrutirungsgesetz zu einer rein magyarischen Armee, die Schadloshaltung für aufgehobene Fendallasten u. s. w. bestätigen.

Dem Palatin Stephan war von den Verfügungen des Hauses Anzeige gemacht worden; er soll der Deputation geantwortet haben, daß er die Gesetze kenne und beobachte; er sehe in der Bestätigung vorstehender Gesetze durch das Haus, sowie darin, daß man, ohne ihn zu fragen, Minister ernannt habe, ein Mißtrauen, welches allein ihn nöthigen könnte, sein geliebtes, angebetetes Vaterland zu verlassen; er erklärt, daß das Haus, solange es sich innerhalb der Gränzen der Gesetzlichkeit bewege, eine feste Stütze an ihm haben werde, darüber hinaus aber durchaus nicht. Diese Antwort erregte im Hause allgemeine Mißstimmung und ein nicht enden wollendes Elgen für Koffuth.

* Wien, 14. Septbr.

Man schreibt aus Pesth: Im Pallast ist die Contre-Revolution ausgebrochen. Als sich in der jüngsten Reichstagssitzung Koffuth eben zum Sprechen anschickte, zeigte Bathyany dem Hause an, daß er vom Erzherzog mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sei. Die Linke nahm die Nachricht mit lautem Zischen, die Rechte mit Stillschweigen auf; nur aus dem Centrum erhob sich ein matter Beifallsversuch. Somit ist Koffuth gestürzt! In einigen Tagen wird der Sturm im Volke losbrechen.

Der Erzherzog Stephan hat außerdem die Annahme der ungarischen Banknoten verboten.

Wien, 14. September.

Jellachich hat nach authentischen Nachrichten die ungarischen Gränzen bereits überschritten und ist mit einer verhältnißmäßig sehr geringen Streitmacht - circa 6000 Mann - in das Zalader-Comitat eingebrochen. - Bei Abgang des Couriers, der diese Nachricht überbrachte, war es bereits zwischen den croatischen und ungarischen Truppen zum Kampf gekommen, dessen Ausgang jedoch noch nicht bekannt ist.

* Wien, 14. Sept.

In der neuesten Nr. der "Constitution" finden wir eine Erklärung eines Garden der Legion, woraus hervorgeht, daß die Vorfälle am 13. ein Komplot der Hofpartei waren, und u. A. ein verrätherisches Niedermetzeln der Legion bezweckten. Nachmittags um 4 Uhr erschien der Oberkommandant Streffleur am Universitätsplatz, steckte unaufgefordert einen Zettel für Einsetzung des Sicherheitsausschusses auf den Hut, und ermunterte die Legion ein Gleiches zu thun. Diese Zettel waren den Soldaten als Abzeichen der "Republikaner" denunzirt! Dann gab Streffleur einer Abtheilung von 200 Akkademikern den Befehl, mit einer andern Bürger-Kompagnie, welche die Zettel bereits an den Hüten trug, nach dem Judenplatz zu marschiren. Sie stellten sich dem Befehl gemäß mitten auf dem Platz auf und jetzt wurde der Platz auf einmal ringsherum durch Militär abgesperrt.

"Offiziere dieser Garden eilten an uns heran und verlangten, daß wir die Waffen ablegen. Ich bemerkte, daß bei unserm Erscheinen am Platze vom Militär und von einem Theile der Garden die Gewehren vor unsern Augen geladen worden und daß unterdessen alle Garden von uns zurückgewichen waren, uns als [Fortsetzung]

[Feuilleton]

[Fortsetzung] Armer Schnapphahnski! Theuerer Mann, Du gehst mit einem heroischen Entschluß um!

"Und würfst Du die Krone selber hinein,
Und spräch'st: wer mir holet die Kron',
Der soll sie tragen und König sein -
Mich gelüstete nicht nach dem theuern Lohn!"

Ja, armer Schnapphahnski.

Unsere Herzogin ist niemand Anders als die Herzogin von S., die jüngste Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines "talentvollen" Königs, mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie sich dutzt. Die Herzogin heirathete den Prince de D., den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten, der gerade so viel Eide brach, als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Manne und zog zu eben dem alten Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältniß hatte, und machte in seinem Hause die Honneurs u. s. w. Da ihr indeß die Anwesenheit des Fürsten D. in Paris lästig war, so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben, daß er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden bis in's Schaamloseste gehenden Lebenswandels. Mit allen Kutschern und Domestiken stand sie in dem traulichsten Centralverhältniß. Ja, der Flug ihrer raffinirten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, daß ihr unter Karl X. der Hof verboten wurde.

Bemerken muß ich noch, daß die Herzogin beim Einrücken der Alliirten in Paris, dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und frohlockend über den Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben.

Charakteristisch für die Weise, in der die Herzogin ihre Liebschaften betrieb, ist der folgende Zug, den wir wörtlich aus den uns vorliegenden Papieren wiedergeben. "Einst war sie in V.," heißt es, "einem Schlosse des alten T. Es war sehr wenig Besuch da und schlechterdings nichts acceptables, außer einem dicken, ältlichen Herrn, der ihr entschieden mißfiel."

Indeß - faute de mieux - entschloß sie sich, seine Bewerbungen reussiren zu lassen. Nachdem sie sich hinlänglich verständigt haben, fragt der dicke Begünstigte, ob er Nachts zu ihr kommen dürfe - - Sie schlägt ihm dies ab und verspricht, zu ihm auf sein Zimmer kommen zu wollen, was sie auch thut... Die Nacht verstreicht so glücklich wie möglich; aber auch dem Glücklichsten schlägt endlich seine Stunde, und als es an's Scheiden geht, fühlt sich der dicke Herr gedrungen, ihr nicht nur für ihre Hingebung, sondern namentlich dafür den tiefgefühlten Dank auszusprechen, daß sie dieselbe so weit getrieben hat, auf sein Zimmer zu kommen, statt ihn auf das ihrige kommen zu lassen. Mit einer enormen Naivetät entgegnete da die Herzogin auf den überfließenden Dank des Dicken: Pas de quoi! Sie habe gehört, daß dicke Leute, auf dem Kulminationspunkt der Glückseligkeit mitunter vom Schlage getroffen würden, und da habe sie, apres tout, doch lieber gewollt, daß dies auf seinem Zimmer passire - - auf dem ihrigen wäre es fatal gewesen." Meine Leser werden sich davon überzeugen, daß wir es mit einer geistreichen Dame zu thun haben.

Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlt sie sich einst Mutter werden. Es schien eine Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen. Und doch war sein Name für dasselbe nothwendig. Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschließt sie sich kurz; sie faßt ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne Weiteres läßt sie sich daher auf sein Zimmer führen. Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemanns-Phrasen Luft zu machen.

Das eine Wort gibt das andre und bald sind sie im besten Zuge sich recht gemüthlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger und länger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes; da ist eine Stunde herum und die Herzogin springt plötzlich auf indem sie erklärt, daß sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle sie ihm indeß noch sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei - der ehrenwerthe Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist interessanter als das Bekenntniß einer schönen Seele. Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und theilt ihm leise flüsternd mit, daß sie sich Mutter fühle - - sie habe getrennt von ihm gelebt, jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm gewesen zu sein. Ihr sei geholfen.

Adieu mon ami!

"Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiß nicht wie dir geschah." -

Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette auch nicht im Geringsten etwas Böses gethan zu haben. Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich und hell klang ihr glückliches Lachen.

"Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde war eine Tochter, die später den Grafen C. heirathete. Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80,000 Franken Revenne. Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing." -

Auf das Gerücht hin, daß die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski.

(Fortsetzung folgt.)

[Deutschland]

[Fortsetzung] Frauen verübt worden Sie hat nur dem dynastischen Interesse gedient, ein Interesse, das jetzt nur mehr durch Standrecht und Blut zu erhalten ist.

Latour, die Hand in der Tasche: Die geehrten Redner hätten sich darauf beschränken sollen, ihr Gefühl zu fragen; sie Alle müssen damit einverstanden sein, daß unsere mit Lorbeeren gespickte (!) Armee bei der Rückkehr in die Heimath von Frau und Kind, Bruder und Freund mit Jauchzen begrüßt werde. Es handelt sich hier nicht darum, die politischen Verhältnisse zu erörtern, es handelt sich blos um die Verdienste der Armee.

Füster. Das demokratische Prinzip ist Lebensprinzip des Reichstags; aus ihm mögen und dürfen sich nur alle Funktionen des Reichstags entwickeln. Der italienische Krieg ist ein trauriges Erbstück des Absolutismus; denken Sie an die 500 Szegedin gehaltenen Gefangenen! Wenn Sie ein Dankesvotum aussprechen, so treten Sie das demokratische Prinzip mit Füßen; Sie gerathen in Widerspruch mit Ihrer Entstehung und in Kollision mit dem, was Sie sind.

Borrosch: Mit meinen Feinden weiß ich fertig zu werden, Gott hüte mich vor meinen Freunden! Ich bin entrustet über Lasser's Beschuldigungen; doch die Linke muß sich allezeit gefallen lassen, linkisch angegriffen zu werden. Er vertheidigt die Journalisten-Bank, zu der man hier nicht reden dürfe, weil sie schweigen müsse. ‒ Wer von dem Reichstag ein Dankesvotum begehrt, appellirt nicht an sein Gefühl, sondern an seinen parlamentarischen Verstand; die Armee muß sich dies gefallen lassen, sie muß sich überhaupt an konstitutionelles Leben gewöhnen. Das Ministerium wurde nicht verfehlen, den Dank als Vertrauensvotum für die italienischen Angelegenheiten zu interpretiren. Die Armee kennt noch immer keinen andern, als den Fahneneid des Absolutismus (Schallender Beifall.) Sie muß erst jeder Verdächtigung enthoben werden, als könnte sie ein blindes Werkzeug wider die Freiheit bleiben.

Der Präsident will die Sitzung auf Morgen vertagen, als Latour auf die Tribüne tritt.

Latour. Schon vor einer Stunde habe ich mittheilen wollen, daß die Stadt in großer Aufregung ist und ein Aufstand sich vorbereitet. Man will von der Aula aus nicht nur das Ministerium, sondern auch den Reichstag stürzen und sprengen. Die National-Garde rückt nicht aus, ich sehe mich genöthigt, Militär einrücken zu lassen. (Furchtbarer Lärm, der Präsident ersucht die Abgeordneten auf ihre Plätze zu gehen)

Löhner: Ich trage darauf an, daß der Reichstag sich für parmanet erkläre.

Es geschieht.

Latour (auf der Tribüne) liest einige Anzeigen über das Treiben der Aula und über das Nichtausrücken der Nationalgarde ab. Es ergibt sich aber auf Befragen mehrer Abgeordneten, daß diese Anzeigen keineswegs vom Ober-Kommando der Garde gekommen, sondern daß es nur anonyme Briefe sind. (Erstaunen, Latour verspricht nahere Berichte)

Präsident. Der Abgeordnete Goldmark ist der nächste eingeschriebene Redner.

Goldmark redet über die italienische Dankadresse. Viele Abgeordnete entfernen sich. Unterbrechung

Bach erklärt nach einer halben Stunde, der Abgeordnete Füster sei mit andern im Ministerium gewesen und habe die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses beantragt, sei aber von dem Ministerium abgwiesen worden. (Beifall.)

Sierakowski beantragt, daß das Militär nur auf Requisition des Reichstags erscheinen dürfe; daß der Sicherheitsausschuß wieder herzustellen sei, daß die Oberkommandanten der Nationalgarde und Legion vor dem Hause zu erscheinen hätten, um Auskunft zu geben

Peutscher. Ich komme so eben von der Aula; es ist keine Silbe von den Absichten wahr, die der Kriegsminister ihr angedichtet; er hat uns wollen ins Bockshorn jagen; wir müssen seine Angaben für eine Lüge erklären.

Bach Es scheint ein Mißverständniß obzuwalten.

Jonak [Bohemien]. Die Gründe der Permanenz haben also aufgehört; ich trage auf ihre Aufhebung an; das Ministerium mag seine Feuerprobe bestehen; es sind keine neuen Sicherheitsorgane nöthig.

Schuselka für die Permanenz; Rieger fordert das Ministerium zur Erklärung auf.

Bach. Wir haben keine anderen Berichte mehr erhalten, Schuselka's Besorgnisse sind also ungegründet. Wir werden streng und gewissenhaft verfahren. Klagt zum Schluß über die fortwährenden Angriffe der Presse.

Paul.

Wir haben Offiziere gesagt, die Mediziner hätten gedruckte Zettel vertheilt, auf welchen die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangt werde.

Klaudi und Tropau für die Permanenz bis zu neuen Berichten.

Borrosch. Ich glaube nicht an die anarchischen Absichten einer Partei, aber ich glaube daran, daß die Reaktion uns auch im parlamentarischen Kampfe umringeln will.

Schuselka protestirt gegen Witzreißen in so ernstem Augenblicke.

Borrosch. Sollte die Reaktion so einfältig sein, nicht zu wissen, daß ein Gewaltstreich mit einem Blutbad in allen Provinzen beantwortet würde?

Löhner für Permanenz, sonst Abstimmen durch Namensaufruf.

Ein Abgeordneter bringt eine Proklamation und übergibt sie dem Präsidenten.

Präsident liest: Bürger Wiens! Nur eins kann uns retten, die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses u. s. w.

Jude Mayer. Nur außerordentliche Umstände lassen eine Permanenz zu.

Schwarzer. Das Militär erscheint nur auf ausdrucklichen Befehl der Nationalgarde.

Rieger.Dann müssen wir beisammen bleiben.

Es ist 4 Uhr. Vertagung auf 1/2 Stunde.

Hornbostel. Handelsminister. Die Stadt ist ruhig; die Garde ist gut. Ob die Ruhe wieder hergestellt wird, weiß ich nicht.

Eine Adresse des Ausschusses der Studenten Wiens langt an und wird verlesen:

Der Ausschuß setzt zur Vermeidung von Verdächtigungen den Sachverhalt über die Vorgänge auf der Universität auseinander. Die Aula sei seit einigen Wochen für's Volk geschlossen gewesen und nur zu Studentenversammlungen geöffnet worden, die dort Beschlüsse gefaßt habe. Die Akademie habe dagegen protestirt. Sie habe die Anschuldigung des Kriegsministers so eben vernommen und gebe die Versicherung, daß sie keine Störung bezwecke, jedoch laut die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangen müsse. Die Adresse schließt mit der Versicherung, daß die akademische Legion den Reichstag mit ihrem Leben schützen wurde. (Allgemeiner Beifall).

Schuselka: Der Kriegsminister ist aufzufordern, woher ihm die anonymen Zettel zugegangen seien, durch welche die akademische Legion verdächtigt worden?

Brauner: Mir genügt die Erklärung des Ministers nicht; die Permanenz dauere fort.

Rieger: Schicken wir eine Deputation an die abwesenden Minister. (Oho! Nein!)

Außer Schwarzer und Hornbostel ist nämlich seit Stunden kein anderer Minister mehr anwesend. Mit Stadion ist Furst Lubomirski Arm in Arm abgegangen.

Hornbostel: Wenn der Reichstag will, daß die Minister erscheinen, so werde ich sie rufen.

Pause. Wiedereröffnung 5 1/4 Uhr.

Hornbostel: Auf dem Hof hat vor dem Kriegsministerialgebäude eben ein Zusammenstoß stattgefunden. Garden und Akademiker, den bewußten Zettel auf den Czatos, sind dorthin gekommen und haben einen Angriff gewagt. Es scheint, man will den Sicherheitsausschuß mit Gewalt durchsetzen. Die Minister werden erscheinen, sobald es möglich ist.

Um 5 3/4 Uhr.

Minister Schwarzer: Vor einer halben Stunde drang ein Hause von 30 bis 40 Individuen, Zettel auf den Hüten, über den Hof durch das Carree der Nationalgarde; einige wurden verhaftet. Darauf erschien ein Trupp von 500 Bewaffneten, denen 400 andere folgten; alle mit den Zetteln. Sie stellten sich dem Kriegsgebäude gegenüber auf. Der Ministerrath erließ eine Aufforderung zur Abnahme des revolutionairen Abzeichens. (Zischen).

Schwarzer(mit barscher Gemeinheit): Ja, es kann nur ein revolutionaires Zeichen genannt werden. Maßregeln zur Entwaffnung sind getroffen. Selbst der Oberkommandant der Nationalgarde hatte das Zeichen aufgesteckt Es ist möglich, daß ein Konflikt entsteht.

Löhner: Ich beantrage, daß der Minister diesen Bericht schriftlich deponire. Sind alle bewaffnet gewesen?

Schwarzer: Beide Schaaren waren bewaffnet; die Minister können nicht erscheinen.

Der Antrag Löhners wird unterstützt.

Präsident: Sollen weitere Mittheilungen abgewartet werden.

Angenommen.

Mayer: Wir müssen mit Namensaufruf abstimmen, ob der Sicherheitsausschuß, wie es Sierakowski beantragt, wieder erstehen soll.

Sierakowski giebt eine Geschichte des Sicherheitsausschusses und schildert sein gutes Wirken.

Doliak (Beohmien): Der Sicherheitsausschuß war eine Behörde der Unordnung; [von allen Seiten: Nein, nein!] er hat die guten Behörden gestört. [Oh! Oh!] In den Provinzen herrschte wegen seiner Anmaßung nur eine Stimme, daß er aufgelöst werden müsse. [Oh! Oh! Zischen]

Es ist 7 Uhr. Der Reichstag sendet eine Deputation in die Aula und eine an den Kriegsminister zum Zurückziehen des Militairs.

Acht Uhr.

Hornbostel: Es hat sich nicht bestätigt, daß Barrikaden gebaut werden; nur in der Wollzeile sind Versuche dazu gemacht worden.

Goldmark [aus der Aula kommend]: Je näher der Universität, um so mehr Menschen; die Nationalgarde schließt sich der Universität immer mehr an. Ich wurde mit Jubel empfangen. Man hat keine republikanische Bewegung vor. Das Militair zieht theilweise ab. Wegen des Militair nur wollte man Barrikaden bauen, um die Universität zu schützen und die Auflosung der akademischen Legion zu verhindern.

Lotzel: Ich komme vom Kriegsministerium. Das Militair wird sich allmählig zurückziehen.

Schwarzer: Die Ordnung ist gestört worden, aber den Ministern ist der Gedanke fern, durch Militair die Freiheit zu beeinträchtigen. Zu rasches Zurückziehen würde aber zu falschen Annahmen verleiten. Auch die Nationalgarde müsse sich zurückziehen. Die Bewegung ist angelegt worden. [Von dem Ministerium.]

Goldmark: Wir haben also lauter falsche Angaben erhalten; das Ministerium hat noch gar nichts klar gemacht. Wir haben beschlossen, daß das Militair sich sogleich entferne; unser Beschluß muß Wort für Wort ausgeführt werden; kein strategisches Zurückziehen dürfen wir dulden. Es sind noch Grenadire eingerückt. Smolka's Antrag auf Entfernung des Militairs muß ganz vollstreckt werden.

Pinka [Bohemien]: Es wird auch sogleich zurückgezogen.

Ein Bauer: Der Stephansplatz ist noch voll von Militair.

Lotzel: Der Kriegsminister hat den Befehl zum Zurückziehen des Militairs vor unsern Augen erlassen.

Pause 8 3/4 Uhr. Die Kommission kommt aus der Aula zurück.

Borrosch: Auf dem Stephansplatz standen Militairmassen; sie gaben uns ein Geleite, das wir ablehnten, um kein Mißverständniß zu veranlassen. Auf der Aula wurden wir mit Jubel empfangen. Die Aula hat Vertrauen zum Reichstag, sie will die Ruhe aufrecht erhalten [Bravo. Applaus], sollte der Reichstag auch ihren Wünschen in Betreff des Sicherheitsausschusses nicht entsprechen. [Allgemeiner Beifall].

Schuselka: Die Aula hat auch Forderungen; sie will den Sicherheitsausschuß; sie will, daß die Verdächtiger vom Reichstag in Anklage versetzt werden.

Borrosch: Wir haben erklärt, daß der alte Sicherheitsausschuß nicht wieder herstellbar sei, daß aber einer aus dem Reichstag erstehen würde.

Rieger: Das konnten wir nicht im Namen des Reichstags erklären.

Borrosch: Ein Gemeinderath mit dem Vertrauen des Volks existirt in diesem Augenblicke nicht; die Polizeigewalt ist doch wahrlich keine Behörde, die Vertrauen hat! Hätten wir eine Sicherheitsbehörde, dann würden keine Zettel ohne Unterschriften uns zukommen.

Es ist 9 Uhr. Eine Pause tritt ein.

Wien, 13. Septbr.

Der gegenwärtige Minister der öffentlichen Arbeiten hat, durchdrungen von der Wichtigkeit der größeren Ausdehnung der telegraphischen Linien, sich in einem amtlichen Artikel der Wiener Zeitung dd. 4. August d. J. Nro. 214 über die Fortsetzung derselben in südlicher Richtung von Cilli bis Triest, dann mit Rücksicht auf das Lombardisch-Venetianische Königreich vorläufig bis Görz ausgesprochen, und diese auch bereits in Angriff nehmen lassen.

Seither ist auch die Ausdehnung der nördlichen Linie vorläufig bis Oderberg beschlossen, eine zweite Drahtspannung in nördlicher und südlicher Richtung, wegen Trennung der Eisenbahn-Dienst- von der Staats-Correspondenz, endlich die Concentration der nördlichen und südlichen Telegraphenlinie, durch eine unterirdische Leitung sowohl in dem Ministerium des Innern, als auch in einem Appartement nächst des Reichstags-Saales eingeleitet. Durch letztere Maßregel wird es ermöglicht, während den Reichstagssitzungen selbst Mittheilungen nach und von entfernten Orten machen und empfangen zu können. Nicht minder steht die Absicht fest, nach und nach nicht nur durch größere Entwicklung und Ausdehnung der Staats-Telegraphie nach allen Hauptrichtungen der Monarchie ein großartiges telegraphisches Netz heranzubilden, und die vorschreitenden Linien zur Beförderung von Staats-Depeschen, sondern auch zur Privat-Correspondenz sowohl im Interesse des Staates, als in jenem des Publikums zu benützen, folglich diese Anstalt vollkommen gemeinnützig zu machen, wie sie bereits namentlich in Amerika, in England und im Norden Deutschlands benützt wird. Durch die Fortsetzung bis Oderberg und Breslau wird die telegraphische Verbindung mit Paris demnächst ins Leben gerufen werden können.

(Wien. Z.)
61 Wien, 14. September.

Die Stadt hat heute wieder ihr gewöhnliches Ansehen. Nachdem gegen 10 Uhr gestern Abend die Deputation, welche der Reichstag an den Kriegsminister gesendet hatte, um die Ausführung des Beschlusses, ‒ Zurückziehen des Militärs ‒ zu überwachen, wieder zurückgekehrt war und das wirklich erfolgte Abziehen der Soldateska gemeldet hatte, wurde die Permanenz um 10 1/2 Uhr aufgehoben.

Einen Augenblick schien es, als breche der Sturm in der That los. Meines Erachtens würde der Sieg schließlich auf der Seite des Volkes gewesen sein. Die Nationalgarde der Vorstädte, als sie das Militär erblickte, entschied sich immer mehr für die Universität; aber man hatte sie fern davon aufgestellt, während um die Universität in der nächsten Nähe nur Militär und die Nationalgarde der Stadt standen.

Soviel steht fest, die Latour's, Bach's und ihre Handlanger hatten schlimme Nachrichten aus Ungarn erhalten, wo das Ministerium bis auf Koffuth und Szemern nach dem Wiedereintreffen der Wiener Deputation abgedankt hat, um erstern mit der Allgewalt der Diktatur auszustatten. Sie wollten hier einen raschen Sieg feiern, um alle ihre Kräfte gegen Ungarn wenden und nach dessen Besiegung Italien's wegen den Franzosen gegenüber den Kopf in den Nacken werfen zu können; denn eine andere Bedeutung hat die Annahme der Mediation Frankreich's nicht, als Zeitgewinn.

Koffuth bildete sich aus Mezaros, Pazmandi, Ryari und Peronyi ein neues Ministerium und erklärte der Gutheißung des Palatins nicht zu bedürfen. Er ließ sich vom Hause sofort das Banknoten-Emissionsgesetz mit 61 Millionen, das Rekrutirungsgesetz zu einer rein magyarischen Armee, die Schadloshaltung für aufgehobene Fendallasten u. s. w. bestätigen.

Dem Palatin Stephan war von den Verfügungen des Hauses Anzeige gemacht worden; er soll der Deputation geantwortet haben, daß er die Gesetze kenne und beobachte; er sehe in der Bestätigung vorstehender Gesetze durch das Haus, sowie darin, daß man, ohne ihn zu fragen, Minister ernannt habe, ein Mißtrauen, welches allein ihn nöthigen könnte, sein geliebtes, angebetetes Vaterland zu verlassen; er erklärt, daß das Haus, solange es sich innerhalb der Gränzen der Gesetzlichkeit bewege, eine feste Stütze an ihm haben werde, darüber hinaus aber durchaus nicht. Diese Antwort erregte im Hause allgemeine Mißstimmung und ein nicht enden wollendes Elgen für Koffuth.

* Wien, 14. Septbr.

Man schreibt aus Pesth: Im Pallast ist die Contre-Revolution ausgebrochen. Als sich in der jüngsten Reichstagssitzung Koffuth eben zum Sprechen anschickte, zeigte Bathyany dem Hause an, daß er vom Erzherzog mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sei. Die Linke nahm die Nachricht mit lautem Zischen, die Rechte mit Stillschweigen auf; nur aus dem Centrum erhob sich ein matter Beifallsversuch. Somit ist Koffuth gestürzt! In einigen Tagen wird der Sturm im Volke losbrechen.

Der Erzherzog Stephan hat außerdem die Annahme der ungarischen Banknoten verboten.

Wien, 14. September.

Jellachich hat nach authentischen Nachrichten die ungarischen Gränzen bereits überschritten und ist mit einer verhältnißmäßig sehr geringen Streitmacht ‒ circa 6000 Mann ‒ in das Zalader-Comitat eingebrochen. ‒ Bei Abgang des Couriers, der diese Nachricht überbrachte, war es bereits zwischen den croatischen und ungarischen Truppen zum Kampf gekommen, dessen Ausgang jedoch noch nicht bekannt ist.

* Wien, 14. Sept.

In der neuesten Nr. der „Constitution“ finden wir eine Erklärung eines Garden der Legion, woraus hervorgeht, daß die Vorfälle am 13. ein Komplot der Hofpartei waren, und u. A. ein verrätherisches Niedermetzeln der Legion bezweckten. Nachmittags um 4 Uhr erschien der Oberkommandant Streffleur am Universitätsplatz, steckte unaufgefordert einen Zettel für Einsetzung des Sicherheitsausschusses auf den Hut, und ermunterte die Legion ein Gleiches zu thun. Diese Zettel waren den Soldaten als Abzeichen der „Republikaner“ denunzirt! Dann gab Streffleur einer Abtheilung von 200 Akkademikern den Befehl, mit einer andern Bürger-Kompagnie, welche die Zettel bereits an den Hüten trug, nach dem Judenplatz zu marschiren. Sie stellten sich dem Befehl gemäß mitten auf dem Platz auf und jetzt wurde der Platz auf einmal ringsherum durch Militär abgesperrt.

„Offiziere dieser Garden eilten an uns heran und verlangten, daß wir die Waffen ablegen. Ich bemerkte, daß bei unserm Erscheinen am Platze vom Militär und von einem Theile der Garden die Gewehren vor unsern Augen geladen worden und daß unterdessen alle Garden von uns zurückgewichen waren, uns als [Fortsetzung]

[Feuilleton]

[Fortsetzung] Armer Schnapphahnski! Theuerer Mann, Du gehst mit einem heroischen Entschluß um!

„Und würfst Du die Krone selber hinein,
Und spräch'st: wer mir holet die Kron',
Der soll sie tragen und König sein ‒
Mich gelüstete nicht nach dem theuern Lohn!“

Ja, armer Schnapphahnski.

Unsere Herzogin ist niemand Anders als die Herzogin von S., die jüngste Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines „talentvollen“ Königs, mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie sich dutzt. Die Herzogin heirathete den Prince de D., den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten, der gerade so viel Eide brach, als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Manne und zog zu eben dem alten Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältniß hatte, und machte in seinem Hause die Honneurs u. s. w. Da ihr indeß die Anwesenheit des Fürsten D. in Paris lästig war, so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben, daß er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden bis in's Schaamloseste gehenden Lebenswandels. Mit allen Kutschern und Domestiken stand sie in dem traulichsten Centralverhältniß. Ja, der Flug ihrer raffinirten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, daß ihr unter Karl X. der Hof verboten wurde.

Bemerken muß ich noch, daß die Herzogin beim Einrücken der Alliirten in Paris, dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und frohlockend über den Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben.

Charakteristisch für die Weise, in der die Herzogin ihre Liebschaften betrieb, ist der folgende Zug, den wir wörtlich aus den uns vorliegenden Papieren wiedergeben. „Einst war sie in V.,“ heißt es, „einem Schlosse des alten T. Es war sehr wenig Besuch da und schlechterdings nichts acceptables, außer einem dicken, ältlichen Herrn, der ihr entschieden mißfiel.“

Indeß ‒ faute de mieux ‒ entschloß sie sich, seine Bewerbungen reussiren zu lassen. Nachdem sie sich hinlänglich verständigt haben, fragt der dicke Begünstigte, ob er Nachts zu ihr kommen dürfe ‒ ‒ Sie schlägt ihm dies ab und verspricht, zu ihm auf sein Zimmer kommen zu wollen, was sie auch thut… Die Nacht verstreicht so glücklich wie möglich; aber auch dem Glücklichsten schlägt endlich seine Stunde, und als es an's Scheiden geht, fühlt sich der dicke Herr gedrungen, ihr nicht nur für ihre Hingebung, sondern namentlich dafür den tiefgefühlten Dank auszusprechen, daß sie dieselbe so weit getrieben hat, auf sein Zimmer zu kommen, statt ihn auf das ihrige kommen zu lassen. Mit einer enormen Naivetät entgegnete da die Herzogin auf den überfließenden Dank des Dicken: Pas de quoi! Sie habe gehört, daß dicke Leute, auf dem Kulminationspunkt der Glückseligkeit mitunter vom Schlage getroffen würden, und da habe sie, après tout, doch lieber gewollt, daß dies auf seinem Zimmer passire ‒ ‒ auf dem ihrigen wäre es fatal gewesen.“ Meine Leser werden sich davon überzeugen, daß wir es mit einer geistreichen Dame zu thun haben.

Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlt sie sich einst Mutter werden. Es schien eine Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen. Und doch war sein Name für dasselbe nothwendig. Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschließt sie sich kurz; sie faßt ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne Weiteres läßt sie sich daher auf sein Zimmer führen. Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemanns-Phrasen Luft zu machen.

Das eine Wort gibt das andre und bald sind sie im besten Zuge sich recht gemüthlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger und länger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes; da ist eine Stunde herum und die Herzogin springt plötzlich auf indem sie erklärt, daß sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle sie ihm indeß noch sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei ‒ der ehrenwerthe Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist interessanter als das Bekenntniß einer schönen Seele. Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und theilt ihm leise flüsternd mit, daß sie sich Mutter fühle ‒ ‒ sie habe getrennt von ihm gelebt, jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm gewesen zu sein. Ihr sei geholfen.

Adieu mon ami!

„Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiß nicht wie dir geschah.“ ‒

Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette auch nicht im Geringsten etwas Böses gethan zu haben. Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich und hell klang ihr glückliches Lachen.

„Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde war eine Tochter, die später den Grafen C. heirathete. Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80,000 Franken Revenne. Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing.“ ‒

Auf das Gerücht hin, daß die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski.

(Fortsetzung folgt.)

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        <head>[Deutschland]</head>
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          <p><ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref> Frauen verübt worden Sie hat nur dem dynastischen       Interesse gedient, ein Interesse, das jetzt nur mehr durch Standrecht und Blut zu erhalten       ist.</p>
          <p><hi rendition="#g">Latour,</hi> die Hand in der Tasche: Die geehrten Redner hätten sich       darauf beschränken sollen, ihr Gefühl zu fragen; sie Alle müssen damit einverstanden sein, daß       unsere mit Lorbeeren gespickte (!) Armee bei der Rückkehr in die Heimath von Frau und Kind,       Bruder und Freund mit Jauchzen begrüßt werde. Es handelt sich hier nicht darum, die       politischen Verhältnisse zu erörtern, es handelt sich blos um die Verdienste der Armee.</p>
          <p><hi rendition="#g">Füster</hi>. Das demokratische Prinzip ist Lebensprinzip des Reichstags;       aus ihm mögen und dürfen sich nur alle Funktionen des Reichstags entwickeln. Der italienische       Krieg ist ein trauriges Erbstück des Absolutismus; denken Sie an die 500 Szegedin gehaltenen       Gefangenen! Wenn Sie ein Dankesvotum aussprechen, so treten Sie das demokratische Prinzip mit       Füßen; Sie gerathen in Widerspruch mit Ihrer Entstehung und in Kollision mit dem, was Sie       sind.</p>
          <p><hi rendition="#g">Borrosch:</hi> Mit meinen Feinden weiß ich fertig zu werden, Gott hüte       mich vor meinen Freunden! Ich bin entrustet über Lasser's Beschuldigungen; doch die Linke muß       sich allezeit gefallen lassen, linkisch angegriffen zu werden. Er vertheidigt die       Journalisten-Bank, zu der man hier nicht reden dürfe, weil sie schweigen müsse. &#x2012; Wer von dem       Reichstag ein Dankesvotum begehrt, appellirt nicht an sein Gefühl, sondern an seinen       parlamentarischen Verstand; die Armee muß sich dies gefallen lassen, sie muß sich überhaupt an       konstitutionelles Leben gewöhnen. Das Ministerium wurde nicht verfehlen, den Dank als       Vertrauensvotum für die italienischen Angelegenheiten zu interpretiren. Die Armee kennt noch       immer keinen andern, als den Fahneneid des Absolutismus (Schallender Beifall.) Sie muß erst       jeder Verdächtigung enthoben werden, als könnte sie ein blindes Werkzeug wider die Freiheit       bleiben.</p>
          <p>Der Präsident will die Sitzung auf Morgen vertagen, als Latour auf die Tribüne tritt.</p>
          <p><hi rendition="#g">Latour.</hi> Schon vor einer Stunde habe ich mittheilen wollen, daß die       Stadt in großer Aufregung ist und ein Aufstand sich vorbereitet. Man will von der Aula aus       nicht nur das Ministerium, sondern auch den Reichstag stürzen und sprengen. Die National-Garde       rückt nicht aus, ich sehe mich genöthigt, Militär einrücken zu lassen. (Furchtbarer Lärm, der       Präsident ersucht die Abgeordneten auf ihre Plätze zu gehen) </p>
          <p><hi rendition="#g">Löhner:</hi> Ich trage darauf an, daß der Reichstag sich für parmanet       erkläre.</p>
          <p>Es geschieht.</p>
          <p><hi rendition="#g">Latour</hi> (auf der Tribüne) liest einige Anzeigen über das Treiben der       Aula und über das Nichtausrücken der Nationalgarde ab. Es ergibt sich aber auf Befragen mehrer       Abgeordneten, daß diese Anzeigen keineswegs vom Ober-Kommando der Garde gekommen, sondern daß       es nur anonyme Briefe sind. (Erstaunen, Latour verspricht nahere Berichte)</p>
          <p>Präsident. Der Abgeordnete Goldmark ist der nächste eingeschriebene Redner.</p>
          <p><hi rendition="#g">Goldmark</hi> redet über die italienische Dankadresse. Viele Abgeordnete       entfernen sich. Unterbrechung </p>
          <p><hi rendition="#g">Bach</hi> erklärt nach einer halben Stunde, der Abgeordnete Füster sei       mit andern im Ministerium gewesen und habe die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses       beantragt, sei aber von dem Ministerium abgwiesen worden. (Beifall.)</p>
          <p><hi rendition="#g">Sierakowski</hi> beantragt, daß das Militär nur auf Requisition des       Reichstags erscheinen dürfe; daß der Sicherheitsausschuß wieder herzustellen sei, daß die       Oberkommandanten der Nationalgarde und Legion vor dem Hause zu erscheinen hätten, um Auskunft       zu geben </p>
          <p><hi rendition="#g">Peutscher.</hi> Ich komme so eben von der Aula; es ist keine Silbe von       den Absichten wahr, die der Kriegsminister ihr angedichtet; er hat uns wollen ins Bockshorn       jagen; wir müssen seine Angaben für eine Lüge erklären.</p>
          <p><hi rendition="#g">Bach</hi> Es scheint ein Mißverständniß obzuwalten.</p>
          <p><hi rendition="#g">Jonak</hi> [Bohemien]. Die Gründe der Permanenz haben also aufgehört; ich       trage auf ihre Aufhebung an; das Ministerium mag seine Feuerprobe bestehen; es sind keine       neuen Sicherheitsorgane nöthig.</p>
          <p><hi rendition="#g">Schuselka</hi> für die Permanenz; <hi rendition="#g">Rieger</hi> fordert       das Ministerium zur Erklärung auf.</p>
          <p><hi rendition="#g">Bach.</hi> Wir haben keine anderen Berichte mehr erhalten, Schuselka's       Besorgnisse sind also ungegründet. Wir werden streng und gewissenhaft verfahren. Klagt zum       Schluß über die fortwährenden Angriffe der Presse. </p>
          <p> <hi rendition="#g">Paul.</hi> </p>
          <p>Wir haben Offiziere gesagt, die Mediziner hätten gedruckte Zettel vertheilt, auf welchen die       Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangt werde.</p>
          <p><hi rendition="#g">Klaudi</hi> und <hi rendition="#g">Tropau</hi> für die Permanenz bis zu       neuen Berichten.</p>
          <p><hi rendition="#g">Borrosch.</hi> Ich glaube nicht an die anarchischen Absichten einer       Partei, aber ich glaube daran, daß die Reaktion uns auch im parlamentarischen Kampfe umringeln       will.</p>
          <p><hi rendition="#g">Schuselka</hi> protestirt gegen Witzreißen in so ernstem Augenblicke. </p>
          <p><hi rendition="#g">Borrosch.</hi> Sollte die Reaktion so einfältig sein, nicht zu wissen,       daß ein Gewaltstreich mit einem Blutbad in allen Provinzen beantwortet würde? </p>
          <p><hi rendition="#g">Löhner</hi> für Permanenz, sonst Abstimmen durch Namensaufruf.</p>
          <p>Ein Abgeordneter bringt eine Proklamation und übergibt sie dem Präsidenten.</p>
          <p><hi rendition="#g">Präsident</hi> liest: Bürger Wiens! Nur eins kann uns retten, die       Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses u. s. w.</p>
          <p>Jude <hi rendition="#g">Mayer.</hi> Nur außerordentliche Umstände lassen eine Permanenz zu. </p>
          <p><hi rendition="#g">Schwarzer.</hi> Das Militär erscheint nur auf ausdrucklichen Befehl der       Nationalgarde.</p>
          <p><hi rendition="#g">Rieger.</hi>Dann müssen wir beisammen bleiben.</p>
          <p rendition="#et">Es ist 4 Uhr. Vertagung auf 1/2 Stunde.</p>
          <p><hi rendition="#g">Hornbostel.</hi> Handelsminister. Die Stadt ist ruhig; die Garde ist gut.       Ob die Ruhe wieder hergestellt wird, weiß ich nicht.</p>
          <p>Eine Adresse des Ausschusses der Studenten Wiens langt an und wird verlesen:</p>
          <p>Der Ausschuß setzt zur Vermeidung von Verdächtigungen den Sachverhalt über die Vorgänge auf       der Universität auseinander. Die Aula sei seit einigen Wochen für's Volk geschlossen gewesen       und nur zu Studentenversammlungen geöffnet worden, die dort Beschlüsse gefaßt habe. Die       Akademie habe dagegen protestirt. Sie habe die Anschuldigung des Kriegsministers so eben       vernommen und gebe die Versicherung, daß sie keine Störung bezwecke, jedoch laut die       Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangen müsse. Die Adresse schließt mit der       Versicherung, daß die akademische Legion den Reichstag mit ihrem Leben schützen wurde.       (Allgemeiner Beifall). </p>
          <p><hi rendition="#g">Schuselka:</hi> Der Kriegsminister ist aufzufordern, woher ihm die       anonymen Zettel zugegangen seien, durch welche die akademische Legion verdächtigt worden? </p>
          <p><hi rendition="#g">Brauner:</hi> Mir genügt die Erklärung des Ministers nicht; die Permanenz       dauere fort.</p>
          <p><hi rendition="#g">Rieger:</hi> Schicken wir eine Deputation an die abwesenden Minister.       (Oho! Nein!) </p>
          <p> Außer Schwarzer und Hornbostel ist nämlich seit Stunden kein anderer Minister mehr       anwesend. Mit Stadion ist Furst Lubomirski Arm in Arm abgegangen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Hornbostel:</hi> Wenn der Reichstag will, daß die Minister erscheinen, so       werde ich sie rufen.</p>
          <p>Pause. Wiedereröffnung 5 1/4 Uhr.</p>
          <p><hi rendition="#g">Hornbostel:</hi> Auf dem Hof hat vor dem Kriegsministerialgebäude eben       ein Zusammenstoß stattgefunden. Garden und Akademiker, den bewußten Zettel auf den Czatos,       sind dorthin gekommen und haben einen Angriff gewagt. Es scheint, man will den       Sicherheitsausschuß mit Gewalt durchsetzen. Die Minister werden erscheinen, sobald es möglich       ist. </p>
          <p>Um 5 3/4 Uhr.</p>
          <p>Minister <hi rendition="#g">Schwarzer:</hi> Vor einer halben Stunde drang ein Hause von 30       bis 40 Individuen, Zettel auf den Hüten, über den Hof durch das Carree der Nationalgarde;       einige wurden verhaftet. Darauf erschien ein Trupp von 500 Bewaffneten, denen 400 andere       folgten; alle mit den Zetteln. Sie stellten sich dem Kriegsgebäude gegenüber auf. Der       Ministerrath erließ eine Aufforderung zur Abnahme des revolutionairen Abzeichens.       (Zischen).</p>
          <p><hi rendition="#g">Schwarzer</hi>(mit barscher Gemeinheit): Ja, es kann nur ein       revolutionaires Zeichen genannt werden. Maßregeln zur Entwaffnung sind getroffen. Selbst der       Oberkommandant der Nationalgarde hatte das Zeichen aufgesteckt Es ist möglich, daß ein       Konflikt entsteht. </p>
          <p><hi rendition="#g">Löhner:</hi> Ich beantrage, daß der Minister diesen Bericht schriftlich       deponire. Sind alle bewaffnet gewesen?</p>
          <p><hi rendition="#g">Schwarzer:</hi> Beide Schaaren waren bewaffnet; die Minister können nicht       erscheinen. </p>
          <p>Der Antrag Löhners wird unterstützt.</p>
          <p><hi rendition="#g">Präsident:</hi> Sollen weitere Mittheilungen abgewartet werden. </p>
          <p>Angenommen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Mayer:</hi> Wir müssen mit Namensaufruf abstimmen, ob der       Sicherheitsausschuß, wie es Sierakowski beantragt, wieder erstehen soll. </p>
          <p><hi rendition="#g">Sierakowski</hi> giebt eine Geschichte des Sicherheitsausschusses und       schildert sein gutes Wirken.</p>
          <p><hi rendition="#g">Doliak</hi> (Beohmien): Der Sicherheitsausschuß war eine Behörde der       Unordnung; [von allen Seiten: Nein, nein!] er hat die guten Behörden gestört. [Oh! Oh!] In den       Provinzen herrschte wegen seiner Anmaßung nur eine Stimme, daß er aufgelöst werden müsse. [Oh!       Oh! Zischen] </p>
          <p>Es ist 7 Uhr. Der Reichstag sendet eine Deputation in die Aula und eine an den       Kriegsminister zum Zurückziehen des Militairs. </p>
          <p>Acht Uhr.</p>
          <p><hi rendition="#g">Hornbostel:</hi> Es hat sich nicht bestätigt, daß Barrikaden gebaut       werden; nur in der Wollzeile sind Versuche dazu gemacht worden. </p>
          <p><hi rendition="#g">Goldmark</hi> [aus der Aula kommend]: Je näher der Universität, um so       mehr Menschen; die Nationalgarde schließt sich der Universität immer mehr an. Ich wurde mit       Jubel empfangen. Man hat keine republikanische Bewegung vor. Das Militair zieht theilweise ab.       Wegen des Militair nur wollte man Barrikaden bauen, um die Universität zu schützen und die       Auflosung der akademischen Legion zu verhindern.</p>
          <p><hi rendition="#g">Lotzel:</hi> Ich komme vom Kriegsministerium. Das Militair wird sich       allmählig zurückziehen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Schwarzer:</hi> Die Ordnung ist gestört worden, aber den Ministern ist       der Gedanke fern, durch Militair die Freiheit zu beeinträchtigen. Zu rasches Zurückziehen       würde aber zu falschen Annahmen verleiten. Auch die Nationalgarde müsse sich zurückziehen. Die       Bewegung ist angelegt worden. [Von dem Ministerium.]</p>
          <p><hi rendition="#g">Goldmark:</hi> Wir haben also lauter falsche Angaben erhalten; das       Ministerium hat noch gar nichts klar gemacht. Wir haben beschlossen, daß das Militair sich       sogleich entferne; unser Beschluß muß Wort für Wort ausgeführt werden; kein strategisches       Zurückziehen dürfen wir dulden. Es sind noch Grenadire eingerückt. Smolka's Antrag auf       Entfernung des Militairs muß ganz vollstreckt werden. </p>
          <p><hi rendition="#g">Pinka</hi> [Bohemien]: Es wird auch sogleich zurückgezogen. </p>
          <p><hi rendition="#g">Ein Bauer:</hi> Der Stephansplatz ist noch voll von Militair.</p>
          <p><hi rendition="#g">Lotzel:</hi> Der Kriegsminister hat den Befehl zum Zurückziehen des       Militairs vor unsern Augen erlassen. </p>
          <p>Pause 8 3/4 Uhr. Die Kommission kommt aus der Aula zurück. </p>
          <p><hi rendition="#g">Borrosch:</hi> Auf dem Stephansplatz standen Militairmassen; sie gaben       uns ein Geleite, das wir ablehnten, um kein Mißverständniß zu veranlassen. Auf der Aula wurden       wir mit Jubel empfangen. Die Aula hat Vertrauen zum Reichstag, sie will die Ruhe aufrecht       erhalten [Bravo. Applaus], sollte der Reichstag auch ihren Wünschen in Betreff des       Sicherheitsausschusses nicht entsprechen. [Allgemeiner Beifall]. </p>
          <p><hi rendition="#g">Schuselka:</hi> Die Aula hat auch Forderungen; sie will den       Sicherheitsausschuß; sie will, daß die Verdächtiger vom Reichstag in Anklage versetzt werden. </p>
          <p><hi rendition="#g"> Borrosch:</hi> Wir haben erklärt, daß der alte Sicherheitsausschuß nicht       wieder herstellbar sei, daß aber einer aus dem Reichstag erstehen würde. </p>
          <p><hi rendition="#g">Rieger:</hi> Das konnten wir nicht im Namen des Reichstags erklären.</p>
          <p><hi rendition="#g">Borrosch:</hi> Ein Gemeinderath mit dem Vertrauen des Volks existirt in       diesem Augenblicke nicht; die Polizeigewalt ist doch wahrlich keine Behörde, die Vertrauen       hat! Hätten wir eine Sicherheitsbehörde, dann würden keine Zettel ohne Unterschriften uns       zukommen. </p>
          <p>Es ist 9 Uhr. Eine Pause tritt ein. </p>
        </div>
        <div xml:id="ar107_007" type="jArticle">
          <head>Wien, 13. Septbr.</head>
          <p>Der gegenwärtige Minister der öffentlichen Arbeiten hat, durchdrungen von der Wichtigkeit       der größeren Ausdehnung der telegraphischen Linien, sich in einem amtlichen Artikel der Wiener       Zeitung dd. 4. August d. J. Nro. 214 über die Fortsetzung derselben in südlicher Richtung von       Cilli bis Triest, dann mit Rücksicht auf das Lombardisch-Venetianische Königreich vorläufig       bis Görz ausgesprochen, und diese auch bereits in Angriff nehmen lassen.</p>
          <p>Seither ist auch die Ausdehnung der nördlichen Linie vorläufig bis Oderberg beschlossen,       eine zweite Drahtspannung in nördlicher und südlicher Richtung, wegen Trennung der       Eisenbahn-Dienst- von der Staats-Correspondenz, endlich die Concentration der nördlichen und       südlichen Telegraphenlinie, durch eine unterirdische Leitung sowohl in dem Ministerium des       Innern, als auch in einem Appartement nächst des Reichstags-Saales eingeleitet. Durch letztere       Maßregel wird es ermöglicht, während den Reichstagssitzungen selbst Mittheilungen nach und von       entfernten Orten machen und empfangen zu können. Nicht minder steht die Absicht fest, nach und       nach nicht nur durch größere Entwicklung und Ausdehnung der Staats-Telegraphie nach allen       Hauptrichtungen der Monarchie ein großartiges telegraphisches Netz heranzubilden, und die       vorschreitenden Linien zur Beförderung von Staats-Depeschen, sondern auch zur <hi rendition="#g">Privat-Correspondenz</hi> sowohl im Interesse des Staates, als in jenem des       Publikums zu benützen, folglich diese Anstalt vollkommen gemeinnützig zu machen, wie sie       bereits namentlich in Amerika, in England und im Norden Deutschlands benützt wird. Durch die       Fortsetzung bis Oderberg und Breslau wird die <hi rendition="#g">telegraphische Verbindung mit        Paris</hi> demnächst ins Leben gerufen werden können. </p>
          <bibl>(Wien. Z.)</bibl>
        </div>
        <div xml:id="ar107_008" type="jArticle">
          <head><bibl><author>61</author></bibl> Wien, 14. September.</head>
          <p>Die Stadt hat heute wieder ihr gewöhnliches Ansehen. Nachdem gegen 10 Uhr gestern Abend die       Deputation, welche der Reichstag an den Kriegsminister gesendet hatte, um die Ausführung des       Beschlusses, &#x2012; Zurückziehen des Militärs &#x2012; zu überwachen, wieder zurückgekehrt war und das       wirklich erfolgte Abziehen der Soldateska gemeldet hatte, wurde die Permanenz um 10 1/2 Uhr       aufgehoben. </p>
          <p>Einen Augenblick schien es, als breche der Sturm in der That los. Meines Erachtens würde der       Sieg schließlich auf der Seite des Volkes gewesen sein. Die Nationalgarde der Vorstädte, als       sie das Militär erblickte, entschied sich immer mehr für die Universität; aber man hatte sie       fern davon aufgestellt, während um die Universität in der nächsten Nähe nur Militär und die       Nationalgarde der Stadt standen. </p>
          <p>Soviel steht fest, die Latour's, Bach's und ihre Handlanger hatten schlimme Nachrichten aus       Ungarn erhalten, wo das Ministerium bis auf Koffuth und Szemern nach dem Wiedereintreffen der       Wiener Deputation abgedankt hat, um erstern mit der Allgewalt der Diktatur auszustatten. Sie       wollten hier einen raschen Sieg feiern, um alle ihre Kräfte gegen Ungarn wenden und nach       dessen Besiegung Italien's wegen den Franzosen gegenüber den Kopf in den Nacken werfen zu       können; denn eine andere Bedeutung hat die Annahme der Mediation Frankreich's nicht, als       Zeitgewinn.</p>
          <p>Koffuth bildete sich aus Mezaros, Pazmandi, Ryari und Peronyi ein neues Ministerium und       erklärte der Gutheißung des Palatins nicht zu bedürfen. Er ließ sich vom Hause sofort das       Banknoten-Emissionsgesetz mit 61 Millionen, das Rekrutirungsgesetz zu einer rein magyarischen       Armee, die Schadloshaltung für aufgehobene Fendallasten u. s. w. bestätigen. </p>
          <p>Dem Palatin Stephan war von den Verfügungen des Hauses Anzeige gemacht worden; er soll der       Deputation geantwortet haben, daß er die Gesetze kenne und beobachte; er sehe in der       Bestätigung vorstehender Gesetze durch das Haus, sowie darin, daß man, ohne ihn zu fragen,       Minister ernannt habe, ein Mißtrauen, welches allein ihn nöthigen könnte, sein geliebtes,       angebetetes Vaterland zu verlassen; er erklärt, daß das Haus, solange es sich innerhalb der       Gränzen der Gesetzlichkeit bewege, eine feste Stütze an ihm haben werde, darüber hinaus aber       durchaus nicht. Diese Antwort erregte im Hause allgemeine Mißstimmung und ein nicht enden       wollendes Elgen für Koffuth. </p>
        </div>
        <div xml:id="ar107_009" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Wien, 14. Septbr.</head>
          <p>Man schreibt aus Pesth: Im Pallast ist die Contre-Revolution ausgebrochen. Als sich in der       jüngsten Reichstagssitzung Koffuth eben zum Sprechen anschickte, zeigte Bathyany dem Hause an,       daß er vom Erzherzog mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sei. Die Linke nahm       die Nachricht mit lautem Zischen, die Rechte mit Stillschweigen auf; nur aus dem Centrum erhob       sich ein matter Beifallsversuch. Somit ist Koffuth gestürzt! In einigen Tagen wird der Sturm       im Volke losbrechen.</p>
          <p>Der Erzherzog Stephan hat außerdem die Annahme der ungarischen Banknoten verboten. </p>
        </div>
        <div xml:id="ar107_010" type="jArticle">
          <head>Wien, 14. September.</head>
          <p>Jellachich hat nach authentischen Nachrichten die ungarischen Gränzen bereits überschritten       und ist mit einer verhältnißmäßig sehr geringen Streitmacht &#x2012; circa 6000 Mann &#x2012; in das       Zalader-Comitat eingebrochen. &#x2012; Bei Abgang des Couriers, der diese Nachricht überbrachte, war       es bereits zwischen den croatischen und ungarischen Truppen zum Kampf gekommen, dessen Ausgang       jedoch noch nicht bekannt ist. </p>
        </div>
        <div xml:id="ar107_011" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Wien, 14. Sept.</head>
          <p>In der neuesten Nr. der &#x201E;Constitution&#x201C; finden wir eine Erklärung eines Garden der Legion,       woraus hervorgeht, daß die Vorfälle am 13. ein <hi rendition="#g">Komplot der Hofpartei</hi> waren, und u. A. ein verrätherisches Niedermetzeln der Legion bezweckten. Nachmittags um 4 Uhr       erschien der Oberkommandant Streffleur am Universitätsplatz, steckte unaufgefordert einen       Zettel für Einsetzung des Sicherheitsausschusses auf den Hut, und ermunterte die Legion ein       Gleiches zu thun. Diese Zettel waren den Soldaten als Abzeichen der &#x201E;Republikaner&#x201C; denunzirt!       Dann gab Streffleur einer Abtheilung von 200 Akkademikern den Befehl, mit einer andern       Bürger-Kompagnie, welche die Zettel bereits an den Hüten trug, nach dem Judenplatz zu       marschiren. Sie stellten sich dem Befehl gemäß mitten auf dem Platz auf und jetzt wurde der       Platz auf einmal ringsherum durch Militär abgesperrt.</p>
          <p>&#x201E;Offiziere dieser Garden eilten an uns heran und verlangten, daß wir die Waffen ablegen. Ich       bemerkte, daß bei unserm Erscheinen am Platze vom Militär und von einem Theile der Garden die       Gewehren vor unsern Augen geladen worden und daß unterdessen alle Garden von uns       zurückgewichen waren, uns als <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>                </p>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>[Feuilleton]</head>
        <div xml:id="ar107_012" type="jArticle">
          <p><ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref> Armer Schnapphahnski! Theuerer Mann, Du gehst mit       einem heroischen Entschluß um! </p>
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            <l>&#x201E;Und würfst Du die Krone selber hinein,</l><lb/>
            <l>Und spräch'st: wer mir holet       die Kron',</l><lb/>
            <l>Der soll sie tragen und König sein &#x2012; </l><lb/>
            <l>Mich gelüstete nicht nach dem       theuern Lohn!&#x201C;</l><lb/>
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          <p>Ja, armer Schnapphahnski. </p>
          <p>Unsere Herzogin ist niemand Anders als die Herzogin von S., die jüngste Tochter des Herzogs       von K., die Gespielin eines &#x201E;talentvollen&#x201C; Königs, mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie       sich dutzt. Die Herzogin heirathete den Prince de D., den Neffen jenes berüchtigten       Diplomaten, der gerade so viel Eide brach, als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie       sich aber, zwar nicht auf gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Manne und zog zu       eben dem alten Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältniß       hatte, und machte in seinem Hause die Honneurs u. s. w. Da ihr indeß die Anwesenheit des       Fürsten D. in Paris lästig war, so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben, daß       er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies geschehen, zog unsere Heldin mit       T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt       aber wegen ihres ausschweifenden bis in's Schaamloseste gehenden Lebenswandels. Mit allen       Kutschern und Domestiken stand sie in dem traulichsten Centralverhältniß. Ja, der Flug ihrer       raffinirten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, daß ihr       unter Karl X. der Hof verboten wurde.</p>
          <p>Bemerken muß ich noch, daß die Herzogin beim Einrücken der Alliirten in Paris, dem ersten       Kosaken hinten aufs Pferd sprang und frohlockend über den Sturz Napoleons, die ganze Parade       der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und       ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben. </p>
          <p>Charakteristisch für die Weise, in der die Herzogin ihre Liebschaften betrieb, ist der       folgende Zug, den wir wörtlich aus den uns vorliegenden Papieren wiedergeben. &#x201E;Einst war sie       in V.,&#x201C; heißt es, &#x201E;einem Schlosse des alten T. Es war sehr wenig Besuch da und schlechterdings       nichts acceptables, außer einem dicken, ältlichen Herrn, der ihr entschieden mißfiel.&#x201C;</p>
          <p>Indeß &#x2012; faute de mieux &#x2012; entschloß sie sich, seine Bewerbungen reussiren zu lassen. Nachdem       sie sich hinlänglich verständigt haben, fragt der dicke Begünstigte, ob er Nachts zu ihr       kommen dürfe &#x2012; &#x2012; Sie schlägt ihm dies ab und verspricht, <hi rendition="#g">zu ihm</hi> auf       sein Zimmer kommen zu wollen, was sie auch thut&#x2026; Die Nacht verstreicht so glücklich wie       möglich; aber auch dem Glücklichsten schlägt endlich seine Stunde, und als es an's Scheiden       geht, fühlt sich der dicke Herr gedrungen, ihr nicht nur für ihre Hingebung, sondern       namentlich dafür den tiefgefühlten Dank auszusprechen, daß sie dieselbe so weit getrieben hat,       auf sein Zimmer zu kommen, statt ihn auf das ihrige kommen zu lassen. Mit einer enormen       Naivetät entgegnete da die Herzogin auf den überfließenden Dank des Dicken: Pas de quoi! Sie       habe gehört, daß dicke Leute, auf dem Kulminationspunkt der Glückseligkeit mitunter vom       Schlage getroffen würden, und da habe sie, après tout, doch lieber gewollt, daß dies auf       seinem Zimmer passire &#x2012; &#x2012; auf dem ihrigen wäre es fatal gewesen.&#x201C; Meine Leser werden sich       davon überzeugen, daß wir es mit einer geistreichen Dame zu thun haben.</p>
          <p>Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlt sie sich einst Mutter werden. Es schien eine       Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen. Und doch war sein       Name für dasselbe nothwendig. Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt       sich hin und her, zuletzt entschließt sie sich kurz; sie faßt ein Herz und reist zu ihrem       Gemahle. Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne Weiteres läßt       sie sich daher auf sein Zimmer führen. Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich       zurück, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über       den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemanns-Phrasen Luft       zu machen.</p>
          <p>Das eine Wort gibt das andre und bald sind sie im besten Zuge sich recht gemüthlich zu       zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu       strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger und länger wird. Mit jeder Minute wachsen       die Hörner des zärtlichen Mannes; da ist eine Stunde herum und die Herzogin springt plötzlich       auf indem sie erklärt, daß sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle       sie ihm indeß noch sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei &#x2012; der ehrenwerthe Gatte       erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist interessanter als das Bekenntniß       einer schönen Seele. Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes       und theilt ihm leise flüsternd mit, daß sie sich Mutter fühle &#x2012; &#x2012; sie habe getrennt von ihm       gelebt, jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm       gewesen zu sein. Ihr sei geholfen.</p>
          <p>Adieu mon ami! </p>
          <p>&#x201E;Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiß nicht wie dir geschah.&#x201C; &#x2012; </p>
          <p>Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette auch nicht im       Geringsten etwas Böses gethan zu haben. Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich       und hell klang ihr glückliches Lachen.</p>
          <p>&#x201E;Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde war eine Tochter, die später den       Grafen C. heirathete. Der alte T. <hi rendition="#g">hielt</hi> sich für den Vater dieser       Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80,000 Franken Revenne. <hi rendition="#g">Sein ganzes übriges Vermögen</hi> vermachte er der Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun       selbst zu bezahlen anfing.&#x201C; &#x2012; </p>
          <p>Auf das Gerücht hin, daß die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski. </p>
          <p>
            <ref type="link">(Fortsetzung folgt.)</ref>
          </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0532/0002] [Deutschland] [Fortsetzung] Frauen verübt worden Sie hat nur dem dynastischen Interesse gedient, ein Interesse, das jetzt nur mehr durch Standrecht und Blut zu erhalten ist. Latour, die Hand in der Tasche: Die geehrten Redner hätten sich darauf beschränken sollen, ihr Gefühl zu fragen; sie Alle müssen damit einverstanden sein, daß unsere mit Lorbeeren gespickte (!) Armee bei der Rückkehr in die Heimath von Frau und Kind, Bruder und Freund mit Jauchzen begrüßt werde. Es handelt sich hier nicht darum, die politischen Verhältnisse zu erörtern, es handelt sich blos um die Verdienste der Armee. Füster. Das demokratische Prinzip ist Lebensprinzip des Reichstags; aus ihm mögen und dürfen sich nur alle Funktionen des Reichstags entwickeln. Der italienische Krieg ist ein trauriges Erbstück des Absolutismus; denken Sie an die 500 Szegedin gehaltenen Gefangenen! Wenn Sie ein Dankesvotum aussprechen, so treten Sie das demokratische Prinzip mit Füßen; Sie gerathen in Widerspruch mit Ihrer Entstehung und in Kollision mit dem, was Sie sind. Borrosch: Mit meinen Feinden weiß ich fertig zu werden, Gott hüte mich vor meinen Freunden! Ich bin entrustet über Lasser's Beschuldigungen; doch die Linke muß sich allezeit gefallen lassen, linkisch angegriffen zu werden. Er vertheidigt die Journalisten-Bank, zu der man hier nicht reden dürfe, weil sie schweigen müsse. ‒ Wer von dem Reichstag ein Dankesvotum begehrt, appellirt nicht an sein Gefühl, sondern an seinen parlamentarischen Verstand; die Armee muß sich dies gefallen lassen, sie muß sich überhaupt an konstitutionelles Leben gewöhnen. Das Ministerium wurde nicht verfehlen, den Dank als Vertrauensvotum für die italienischen Angelegenheiten zu interpretiren. Die Armee kennt noch immer keinen andern, als den Fahneneid des Absolutismus (Schallender Beifall.) Sie muß erst jeder Verdächtigung enthoben werden, als könnte sie ein blindes Werkzeug wider die Freiheit bleiben. Der Präsident will die Sitzung auf Morgen vertagen, als Latour auf die Tribüne tritt. Latour. Schon vor einer Stunde habe ich mittheilen wollen, daß die Stadt in großer Aufregung ist und ein Aufstand sich vorbereitet. Man will von der Aula aus nicht nur das Ministerium, sondern auch den Reichstag stürzen und sprengen. Die National-Garde rückt nicht aus, ich sehe mich genöthigt, Militär einrücken zu lassen. (Furchtbarer Lärm, der Präsident ersucht die Abgeordneten auf ihre Plätze zu gehen) Löhner: Ich trage darauf an, daß der Reichstag sich für parmanet erkläre. Es geschieht. Latour (auf der Tribüne) liest einige Anzeigen über das Treiben der Aula und über das Nichtausrücken der Nationalgarde ab. Es ergibt sich aber auf Befragen mehrer Abgeordneten, daß diese Anzeigen keineswegs vom Ober-Kommando der Garde gekommen, sondern daß es nur anonyme Briefe sind. (Erstaunen, Latour verspricht nahere Berichte) Präsident. Der Abgeordnete Goldmark ist der nächste eingeschriebene Redner. Goldmark redet über die italienische Dankadresse. Viele Abgeordnete entfernen sich. Unterbrechung Bach erklärt nach einer halben Stunde, der Abgeordnete Füster sei mit andern im Ministerium gewesen und habe die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses beantragt, sei aber von dem Ministerium abgwiesen worden. (Beifall.) Sierakowski beantragt, daß das Militär nur auf Requisition des Reichstags erscheinen dürfe; daß der Sicherheitsausschuß wieder herzustellen sei, daß die Oberkommandanten der Nationalgarde und Legion vor dem Hause zu erscheinen hätten, um Auskunft zu geben Peutscher. Ich komme so eben von der Aula; es ist keine Silbe von den Absichten wahr, die der Kriegsminister ihr angedichtet; er hat uns wollen ins Bockshorn jagen; wir müssen seine Angaben für eine Lüge erklären. Bach Es scheint ein Mißverständniß obzuwalten. Jonak [Bohemien]. Die Gründe der Permanenz haben also aufgehört; ich trage auf ihre Aufhebung an; das Ministerium mag seine Feuerprobe bestehen; es sind keine neuen Sicherheitsorgane nöthig. Schuselka für die Permanenz; Rieger fordert das Ministerium zur Erklärung auf. Bach. Wir haben keine anderen Berichte mehr erhalten, Schuselka's Besorgnisse sind also ungegründet. Wir werden streng und gewissenhaft verfahren. Klagt zum Schluß über die fortwährenden Angriffe der Presse. Paul. Wir haben Offiziere gesagt, die Mediziner hätten gedruckte Zettel vertheilt, auf welchen die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangt werde. Klaudi und Tropau für die Permanenz bis zu neuen Berichten. Borrosch. Ich glaube nicht an die anarchischen Absichten einer Partei, aber ich glaube daran, daß die Reaktion uns auch im parlamentarischen Kampfe umringeln will. Schuselka protestirt gegen Witzreißen in so ernstem Augenblicke. Borrosch. Sollte die Reaktion so einfältig sein, nicht zu wissen, daß ein Gewaltstreich mit einem Blutbad in allen Provinzen beantwortet würde? Löhner für Permanenz, sonst Abstimmen durch Namensaufruf. Ein Abgeordneter bringt eine Proklamation und übergibt sie dem Präsidenten. Präsident liest: Bürger Wiens! Nur eins kann uns retten, die Wiederherstellung des Sicherheitsausschusses u. s. w. Jude Mayer. Nur außerordentliche Umstände lassen eine Permanenz zu. Schwarzer. Das Militär erscheint nur auf ausdrucklichen Befehl der Nationalgarde. Rieger.Dann müssen wir beisammen bleiben. Es ist 4 Uhr. Vertagung auf 1/2 Stunde. Hornbostel. Handelsminister. Die Stadt ist ruhig; die Garde ist gut. Ob die Ruhe wieder hergestellt wird, weiß ich nicht. Eine Adresse des Ausschusses der Studenten Wiens langt an und wird verlesen: Der Ausschuß setzt zur Vermeidung von Verdächtigungen den Sachverhalt über die Vorgänge auf der Universität auseinander. Die Aula sei seit einigen Wochen für's Volk geschlossen gewesen und nur zu Studentenversammlungen geöffnet worden, die dort Beschlüsse gefaßt habe. Die Akademie habe dagegen protestirt. Sie habe die Anschuldigung des Kriegsministers so eben vernommen und gebe die Versicherung, daß sie keine Störung bezwecke, jedoch laut die Herstellung des Sicherheitsausschusses verlangen müsse. Die Adresse schließt mit der Versicherung, daß die akademische Legion den Reichstag mit ihrem Leben schützen wurde. (Allgemeiner Beifall). Schuselka: Der Kriegsminister ist aufzufordern, woher ihm die anonymen Zettel zugegangen seien, durch welche die akademische Legion verdächtigt worden? Brauner: Mir genügt die Erklärung des Ministers nicht; die Permanenz dauere fort. Rieger: Schicken wir eine Deputation an die abwesenden Minister. (Oho! Nein!) Außer Schwarzer und Hornbostel ist nämlich seit Stunden kein anderer Minister mehr anwesend. Mit Stadion ist Furst Lubomirski Arm in Arm abgegangen. Hornbostel: Wenn der Reichstag will, daß die Minister erscheinen, so werde ich sie rufen. Pause. Wiedereröffnung 5 1/4 Uhr. Hornbostel: Auf dem Hof hat vor dem Kriegsministerialgebäude eben ein Zusammenstoß stattgefunden. Garden und Akademiker, den bewußten Zettel auf den Czatos, sind dorthin gekommen und haben einen Angriff gewagt. Es scheint, man will den Sicherheitsausschuß mit Gewalt durchsetzen. Die Minister werden erscheinen, sobald es möglich ist. Um 5 3/4 Uhr. Minister Schwarzer: Vor einer halben Stunde drang ein Hause von 30 bis 40 Individuen, Zettel auf den Hüten, über den Hof durch das Carree der Nationalgarde; einige wurden verhaftet. Darauf erschien ein Trupp von 500 Bewaffneten, denen 400 andere folgten; alle mit den Zetteln. Sie stellten sich dem Kriegsgebäude gegenüber auf. Der Ministerrath erließ eine Aufforderung zur Abnahme des revolutionairen Abzeichens. (Zischen). Schwarzer(mit barscher Gemeinheit): Ja, es kann nur ein revolutionaires Zeichen genannt werden. Maßregeln zur Entwaffnung sind getroffen. Selbst der Oberkommandant der Nationalgarde hatte das Zeichen aufgesteckt Es ist möglich, daß ein Konflikt entsteht. Löhner: Ich beantrage, daß der Minister diesen Bericht schriftlich deponire. Sind alle bewaffnet gewesen? Schwarzer: Beide Schaaren waren bewaffnet; die Minister können nicht erscheinen. Der Antrag Löhners wird unterstützt. Präsident: Sollen weitere Mittheilungen abgewartet werden. Angenommen. Mayer: Wir müssen mit Namensaufruf abstimmen, ob der Sicherheitsausschuß, wie es Sierakowski beantragt, wieder erstehen soll. Sierakowski giebt eine Geschichte des Sicherheitsausschusses und schildert sein gutes Wirken. Doliak (Beohmien): Der Sicherheitsausschuß war eine Behörde der Unordnung; [von allen Seiten: Nein, nein!] er hat die guten Behörden gestört. [Oh! Oh!] In den Provinzen herrschte wegen seiner Anmaßung nur eine Stimme, daß er aufgelöst werden müsse. [Oh! Oh! Zischen] Es ist 7 Uhr. Der Reichstag sendet eine Deputation in die Aula und eine an den Kriegsminister zum Zurückziehen des Militairs. Acht Uhr. Hornbostel: Es hat sich nicht bestätigt, daß Barrikaden gebaut werden; nur in der Wollzeile sind Versuche dazu gemacht worden. Goldmark [aus der Aula kommend]: Je näher der Universität, um so mehr Menschen; die Nationalgarde schließt sich der Universität immer mehr an. Ich wurde mit Jubel empfangen. Man hat keine republikanische Bewegung vor. Das Militair zieht theilweise ab. Wegen des Militair nur wollte man Barrikaden bauen, um die Universität zu schützen und die Auflosung der akademischen Legion zu verhindern. Lotzel: Ich komme vom Kriegsministerium. Das Militair wird sich allmählig zurückziehen. Schwarzer: Die Ordnung ist gestört worden, aber den Ministern ist der Gedanke fern, durch Militair die Freiheit zu beeinträchtigen. Zu rasches Zurückziehen würde aber zu falschen Annahmen verleiten. Auch die Nationalgarde müsse sich zurückziehen. Die Bewegung ist angelegt worden. [Von dem Ministerium.] Goldmark: Wir haben also lauter falsche Angaben erhalten; das Ministerium hat noch gar nichts klar gemacht. Wir haben beschlossen, daß das Militair sich sogleich entferne; unser Beschluß muß Wort für Wort ausgeführt werden; kein strategisches Zurückziehen dürfen wir dulden. Es sind noch Grenadire eingerückt. Smolka's Antrag auf Entfernung des Militairs muß ganz vollstreckt werden. Pinka [Bohemien]: Es wird auch sogleich zurückgezogen. Ein Bauer: Der Stephansplatz ist noch voll von Militair. Lotzel: Der Kriegsminister hat den Befehl zum Zurückziehen des Militairs vor unsern Augen erlassen. Pause 8 3/4 Uhr. Die Kommission kommt aus der Aula zurück. Borrosch: Auf dem Stephansplatz standen Militairmassen; sie gaben uns ein Geleite, das wir ablehnten, um kein Mißverständniß zu veranlassen. Auf der Aula wurden wir mit Jubel empfangen. Die Aula hat Vertrauen zum Reichstag, sie will die Ruhe aufrecht erhalten [Bravo. Applaus], sollte der Reichstag auch ihren Wünschen in Betreff des Sicherheitsausschusses nicht entsprechen. [Allgemeiner Beifall]. Schuselka: Die Aula hat auch Forderungen; sie will den Sicherheitsausschuß; sie will, daß die Verdächtiger vom Reichstag in Anklage versetzt werden. Borrosch: Wir haben erklärt, daß der alte Sicherheitsausschuß nicht wieder herstellbar sei, daß aber einer aus dem Reichstag erstehen würde. Rieger: Das konnten wir nicht im Namen des Reichstags erklären. Borrosch: Ein Gemeinderath mit dem Vertrauen des Volks existirt in diesem Augenblicke nicht; die Polizeigewalt ist doch wahrlich keine Behörde, die Vertrauen hat! Hätten wir eine Sicherheitsbehörde, dann würden keine Zettel ohne Unterschriften uns zukommen. Es ist 9 Uhr. Eine Pause tritt ein. Wien, 13. Septbr. Der gegenwärtige Minister der öffentlichen Arbeiten hat, durchdrungen von der Wichtigkeit der größeren Ausdehnung der telegraphischen Linien, sich in einem amtlichen Artikel der Wiener Zeitung dd. 4. August d. J. Nro. 214 über die Fortsetzung derselben in südlicher Richtung von Cilli bis Triest, dann mit Rücksicht auf das Lombardisch-Venetianische Königreich vorläufig bis Görz ausgesprochen, und diese auch bereits in Angriff nehmen lassen. Seither ist auch die Ausdehnung der nördlichen Linie vorläufig bis Oderberg beschlossen, eine zweite Drahtspannung in nördlicher und südlicher Richtung, wegen Trennung der Eisenbahn-Dienst- von der Staats-Correspondenz, endlich die Concentration der nördlichen und südlichen Telegraphenlinie, durch eine unterirdische Leitung sowohl in dem Ministerium des Innern, als auch in einem Appartement nächst des Reichstags-Saales eingeleitet. Durch letztere Maßregel wird es ermöglicht, während den Reichstagssitzungen selbst Mittheilungen nach und von entfernten Orten machen und empfangen zu können. Nicht minder steht die Absicht fest, nach und nach nicht nur durch größere Entwicklung und Ausdehnung der Staats-Telegraphie nach allen Hauptrichtungen der Monarchie ein großartiges telegraphisches Netz heranzubilden, und die vorschreitenden Linien zur Beförderung von Staats-Depeschen, sondern auch zur Privat-Correspondenz sowohl im Interesse des Staates, als in jenem des Publikums zu benützen, folglich diese Anstalt vollkommen gemeinnützig zu machen, wie sie bereits namentlich in Amerika, in England und im Norden Deutschlands benützt wird. Durch die Fortsetzung bis Oderberg und Breslau wird die telegraphische Verbindung mit Paris demnächst ins Leben gerufen werden können. (Wien. Z.) 61 Wien, 14. September. Die Stadt hat heute wieder ihr gewöhnliches Ansehen. Nachdem gegen 10 Uhr gestern Abend die Deputation, welche der Reichstag an den Kriegsminister gesendet hatte, um die Ausführung des Beschlusses, ‒ Zurückziehen des Militärs ‒ zu überwachen, wieder zurückgekehrt war und das wirklich erfolgte Abziehen der Soldateska gemeldet hatte, wurde die Permanenz um 10 1/2 Uhr aufgehoben. Einen Augenblick schien es, als breche der Sturm in der That los. Meines Erachtens würde der Sieg schließlich auf der Seite des Volkes gewesen sein. Die Nationalgarde der Vorstädte, als sie das Militär erblickte, entschied sich immer mehr für die Universität; aber man hatte sie fern davon aufgestellt, während um die Universität in der nächsten Nähe nur Militär und die Nationalgarde der Stadt standen. Soviel steht fest, die Latour's, Bach's und ihre Handlanger hatten schlimme Nachrichten aus Ungarn erhalten, wo das Ministerium bis auf Koffuth und Szemern nach dem Wiedereintreffen der Wiener Deputation abgedankt hat, um erstern mit der Allgewalt der Diktatur auszustatten. Sie wollten hier einen raschen Sieg feiern, um alle ihre Kräfte gegen Ungarn wenden und nach dessen Besiegung Italien's wegen den Franzosen gegenüber den Kopf in den Nacken werfen zu können; denn eine andere Bedeutung hat die Annahme der Mediation Frankreich's nicht, als Zeitgewinn. Koffuth bildete sich aus Mezaros, Pazmandi, Ryari und Peronyi ein neues Ministerium und erklärte der Gutheißung des Palatins nicht zu bedürfen. Er ließ sich vom Hause sofort das Banknoten-Emissionsgesetz mit 61 Millionen, das Rekrutirungsgesetz zu einer rein magyarischen Armee, die Schadloshaltung für aufgehobene Fendallasten u. s. w. bestätigen. Dem Palatin Stephan war von den Verfügungen des Hauses Anzeige gemacht worden; er soll der Deputation geantwortet haben, daß er die Gesetze kenne und beobachte; er sehe in der Bestätigung vorstehender Gesetze durch das Haus, sowie darin, daß man, ohne ihn zu fragen, Minister ernannt habe, ein Mißtrauen, welches allein ihn nöthigen könnte, sein geliebtes, angebetetes Vaterland zu verlassen; er erklärt, daß das Haus, solange es sich innerhalb der Gränzen der Gesetzlichkeit bewege, eine feste Stütze an ihm haben werde, darüber hinaus aber durchaus nicht. Diese Antwort erregte im Hause allgemeine Mißstimmung und ein nicht enden wollendes Elgen für Koffuth. * Wien, 14. Septbr. Man schreibt aus Pesth: Im Pallast ist die Contre-Revolution ausgebrochen. Als sich in der jüngsten Reichstagssitzung Koffuth eben zum Sprechen anschickte, zeigte Bathyany dem Hause an, daß er vom Erzherzog mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt sei. Die Linke nahm die Nachricht mit lautem Zischen, die Rechte mit Stillschweigen auf; nur aus dem Centrum erhob sich ein matter Beifallsversuch. Somit ist Koffuth gestürzt! In einigen Tagen wird der Sturm im Volke losbrechen. Der Erzherzog Stephan hat außerdem die Annahme der ungarischen Banknoten verboten. Wien, 14. September. Jellachich hat nach authentischen Nachrichten die ungarischen Gränzen bereits überschritten und ist mit einer verhältnißmäßig sehr geringen Streitmacht ‒ circa 6000 Mann ‒ in das Zalader-Comitat eingebrochen. ‒ Bei Abgang des Couriers, der diese Nachricht überbrachte, war es bereits zwischen den croatischen und ungarischen Truppen zum Kampf gekommen, dessen Ausgang jedoch noch nicht bekannt ist. * Wien, 14. Sept. In der neuesten Nr. der „Constitution“ finden wir eine Erklärung eines Garden der Legion, woraus hervorgeht, daß die Vorfälle am 13. ein Komplot der Hofpartei waren, und u. A. ein verrätherisches Niedermetzeln der Legion bezweckten. Nachmittags um 4 Uhr erschien der Oberkommandant Streffleur am Universitätsplatz, steckte unaufgefordert einen Zettel für Einsetzung des Sicherheitsausschusses auf den Hut, und ermunterte die Legion ein Gleiches zu thun. Diese Zettel waren den Soldaten als Abzeichen der „Republikaner“ denunzirt! Dann gab Streffleur einer Abtheilung von 200 Akkademikern den Befehl, mit einer andern Bürger-Kompagnie, welche die Zettel bereits an den Hüten trug, nach dem Judenplatz zu marschiren. Sie stellten sich dem Befehl gemäß mitten auf dem Platz auf und jetzt wurde der Platz auf einmal ringsherum durch Militär abgesperrt. „Offiziere dieser Garden eilten an uns heran und verlangten, daß wir die Waffen ablegen. Ich bemerkte, daß bei unserm Erscheinen am Platze vom Militär und von einem Theile der Garden die Gewehren vor unsern Augen geladen worden und daß unterdessen alle Garden von uns zurückgewichen waren, uns als [Fortsetzung] [Feuilleton] [Fortsetzung] Armer Schnapphahnski! Theuerer Mann, Du gehst mit einem heroischen Entschluß um! „Und würfst Du die Krone selber hinein, Und spräch'st: wer mir holet die Kron', Der soll sie tragen und König sein ‒ Mich gelüstete nicht nach dem theuern Lohn!“ Ja, armer Schnapphahnski. Unsere Herzogin ist niemand Anders als die Herzogin von S., die jüngste Tochter des Herzogs von K., die Gespielin eines „talentvollen“ Königs, mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie sich dutzt. Die Herzogin heirathete den Prince de D., den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten, der gerade so viel Eide brach, als er Eide schwur. Nach einigen Jahren trennte sie sich aber, zwar nicht auf gerichtlichem Wege, von ihrem jetzt noch lebenden Manne und zog zu eben dem alten Fuchs, den wir in diesem Augenblick erwähnten, mit dem sie ein Verhältniß hatte, und machte in seinem Hause die Honneurs u. s. w. Da ihr indeß die Anwesenheit des Fürsten D. in Paris lästig war, so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben, daß er sich sofort entferne und nach Florenz gehe. Nachdem dies geschehen, zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum, bekannt wegen ihres Verstandes, unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden bis in's Schaamloseste gehenden Lebenswandels. Mit allen Kutschern und Domestiken stand sie in dem traulichsten Centralverhältniß. Ja, der Flug ihrer raffinirten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust, daß ihr unter Karl X. der Hof verboten wurde. Bemerken muß ich noch, daß die Herzogin beim Einrücken der Alliirten in Paris, dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und frohlockend über den Sturz Napoleons, die ganze Parade der Truppen mitmachte. Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben. Charakteristisch für die Weise, in der die Herzogin ihre Liebschaften betrieb, ist der folgende Zug, den wir wörtlich aus den uns vorliegenden Papieren wiedergeben. „Einst war sie in V.,“ heißt es, „einem Schlosse des alten T. Es war sehr wenig Besuch da und schlechterdings nichts acceptables, außer einem dicken, ältlichen Herrn, der ihr entschieden mißfiel.“ Indeß ‒ faute de mieux ‒ entschloß sie sich, seine Bewerbungen reussiren zu lassen. Nachdem sie sich hinlänglich verständigt haben, fragt der dicke Begünstigte, ob er Nachts zu ihr kommen dürfe ‒ ‒ Sie schlägt ihm dies ab und verspricht, zu ihm auf sein Zimmer kommen zu wollen, was sie auch thut… Die Nacht verstreicht so glücklich wie möglich; aber auch dem Glücklichsten schlägt endlich seine Stunde, und als es an's Scheiden geht, fühlt sich der dicke Herr gedrungen, ihr nicht nur für ihre Hingebung, sondern namentlich dafür den tiefgefühlten Dank auszusprechen, daß sie dieselbe so weit getrieben hat, auf sein Zimmer zu kommen, statt ihn auf das ihrige kommen zu lassen. Mit einer enormen Naivetät entgegnete da die Herzogin auf den überfließenden Dank des Dicken: Pas de quoi! Sie habe gehört, daß dicke Leute, auf dem Kulminationspunkt der Glückseligkeit mitunter vom Schlage getroffen würden, und da habe sie, après tout, doch lieber gewollt, daß dies auf seinem Zimmer passire ‒ ‒ auf dem ihrigen wäre es fatal gewesen.“ Meine Leser werden sich davon überzeugen, daß wir es mit einer geistreichen Dame zu thun haben. Schon lange getrennt von ihrem Manne, fühlt sie sich einst Mutter werden. Es schien eine Unmöglichkeit, das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen. Und doch war sein Name für dasselbe nothwendig. Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit; sie besinnt sich hin und her, zuletzt entschließt sie sich kurz; sie faßt ein Herz und reist zu ihrem Gemahle. Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden; er ist nicht zu Hause. Ohne Weiteres läßt sie sich daher auf sein Zimmer führen. Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemanns-Phrasen Luft zu machen. Das eine Wort gibt das andre und bald sind sie im besten Zuge sich recht gemüthlich zu zanken. Der holde Gatte merkt gar nicht, daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt, während sein eigenes immer länger und länger wird. Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes; da ist eine Stunde herum und die Herzogin springt plötzlich auf indem sie erklärt, daß sie jetzt gehen werde. Vor ihrer Abreise, setzt sie hinzu, wolle sie ihm indeß noch sagen, welches der Grund ihres Besuches gewesen sei ‒ der ehrenwerthe Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren. Nichts ist interessanter als das Bekenntniß einer schönen Seele. Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und theilt ihm leise flüsternd mit, daß sie sich Mutter fühle ‒ ‒ sie habe getrennt von ihm gelebt, jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen, eine Stunde in der Nacht bei ihm gewesen zu sein. Ihr sei geholfen. Adieu mon ami! „Den Seinen schenkt's der Herr im Traum. Weiß nicht wie dir geschah.“ ‒ Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette auch nicht im Geringsten etwas Böses gethan zu haben. Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich und hell klang ihr glückliches Lachen. „Das Kind, für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde war eine Tochter, die später den Grafen C. heirathete. Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80,000 Franken Revenne. Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der Herzogin, die, so glänzend bezahlt, nun selbst zu bezahlen anfing.“ ‒ Auf das Gerücht hin, daß die Herzogin bezahle: erscheint Schnapphahnski. (Fortsetzung folgt.)

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 107. Köln, 20. September 1848, S. 0532. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz107_1848/2>, abgerufen am 13.11.2019.