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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 104. Köln, 16. September 1848.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 104. Köln, Samstag den 16. September. 1848.

Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.

Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich.

Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.

Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Die Krisis. - Die 27ger) Berlin. (Beckerath scheitert. - Hartmann. - Militärrevolte in Potsdam und Nauen. - Petition aus dem Ravensbergischen.) Wien (Rede Kossuths. - Reichstag - Finanzplan.) Koblenz. (Die 27ger.) Gr. H. Posen. (Preußische Richter) Breslau. (Truppenverstärkung. - Volksversammlung) Ratibor. (Der Aufstand in Hultschin.) Neisse. (Bauerntumulte.) Schweidnitz. (Neuwahl für Berlin.) Prov Sachsen (Ausbrüche des Volksunwillens. - Bureaukratie. - Kanzelredner.) Dessau. (Die Gültigkeit der Landtagsbeschlüsse.) Hamburg (Preuß. Soldaten arretirt, vom Volk befreit.) Schleswig-Holstein. (Wrangel. - Bonin. - Die Landesversammlung) Prag (Unteroffiziersversammlung.)

Schweiz. Zürich. (Die Kloster Einsiedel und St. Urban.)

Italien. (Der Kampf in Messina. Weitere Vorfälle. - Livorno. - Genua ruhig. - Geldnoth in Venedig). Modena. (Theilnahme hoher Häupter für den Herzog.)

Polen. Lemberg. (Divernicki angekommen.)

Franz. Republik. Paris. (Die Parteien in der Provinz. - Die Maurer. - Unruhen in St. Maur. - Dupra. - Kandidaturen. - Preßprozesse. - Nationalversammlung.)

Großbritannien. London. (Russell als Zeuge citirt. - Vergiftungsmanie in Esser).

Ungarn. Essegg. (Die Offiziere wegen ihrer Gesinnung befragt). Kronstadt. (Ausweisung der Walachen).

Türkei. Konstantinopel. (Ibrahim Pascha erwartet. - Die Cholera in Smyrna).

Deutschland.
** Köln, 15. September.

Die Ministerkrisis ist abermals in ein neues Stadium getreten.

Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
* Köln, 15. Sept.

Wir erhalten heute eine Nachricht aus Bonn, die sehr geeignet ist den allgemeinen Verdacht des Volkes, als seien noch verkleidete 27ger in der Stadt, zu bestätigen. Ein Bürger, der am 13. d. M. mit dem Dampfboot rheinabwärts fuhr, traf auf demselben einen Unteroffizier und vier Mann vom Musketier-Bataillon des 27. Regiments (von Wetzlar nach Köln bestimmt.) Er erzählt: "Ich mußte mit eigenen Augen sehen, wie die Soldaten mit dem Rücken eines Messers die deutsche Kokarde, welche aus einer Art Porzellan besteht, unter großem Gelächter an der Mütze entzweischlugen. Einigen der Passagiere, welche dieses rügten, gab man lachend zur Antwort: "Unsre Offiziere trogen se nichte, so brochen wir se ooch nichte zu trogen." Diese Soldaten durften später, in Köln angekommen, die Stadt mit der Uniform des 27. Regiments nicht betreten, sondern wurden an der Brücke durch Polizeimannschaft zurückgewiesen. Als ich aber Nachmittags durch die Stadt ging, sah ich dieselben Soldaten, deren Personen ich genau kannte, in der Uniform des 16. Regiments durch die Stadt marschiren.

103 Berlin, 14. Sept.

Hr. Beckerath ist gestern Abend hier angekommen und schon wird heute mit Gewißheit erzählt, daß er es für unmöglich hält das neue Ministerium zu bilden. Er soll diese Erklärung dem Könige schon überreicht haben. - Die Gründe werden sehr verschieden angegeben. Einige wollen behaupten, daß die vom Minister-Präsidenten Auerswald veröffentlichte Erklärung des Königs in den Augen des Hrn. Beckerath ein unüberwindliches Hinderniß sei. Andere behaupten dagegen, daß dies weniger der Fall sei, als die Ablehnung mehrerer Abgeordneten, sowohl von der rechten Seite als vom Centrum, auf die Aufforderung des Hrn. Beckerath mit ihm ins Ministerium zu treten. Hr. v. Beckerath soll es für unerläßlich halten, die Majorität des neuen Ministeriums auf ein Bündniß der rechten Seite und des Centrums zu gründen. Aber alle Abgeordneten dieser Partei, bei denen er gestern Abend und heute anfragte, waren weit entfernt, in dies Bündniß einzuwilligen und ins Ministerium einzutreten, weil sie befürchten, bei der Neuwahl, welche eine Ernennung als Minister nothwendig macht, von ihren Wählern nicht wieder gewählt zu werden. Das Gesetz über die sofortige Neuwahl der Abgeordneten, welche ein Staatsamt oder eine Beförderung annehmen, beweist sich also hier schon höchst vortheilhaft, indem die Mitglieder der Rechten, welche schon größtentheils Mißtrauensvoten von ihren Wählern erhielten, gewiß sind, ihre Stellen in der Volksvertretung zu verlieren. Für die morgende Sitzung der Vereinbarer-Versammlung ist noch auf eine leere Ministerbank zu rechnen. Dessenungeachtet werden morgen doch mehrere Anträge berathen werden; der Abgeordnete Hartmann, ein Mitglied der Rechten, welche sich in der letzten Sitzung weigerte, auch nur das Geringste in Abwesenheit der Minister zu berathen, hat den schleunigen Antrag vor der morgenden Tagesordnung gestellt:

Die Versammlung wolle beschließen:

daß fortan wöchentlich vier Tage ausschließlich zur Berathung des (in den Kommissionen soweit vorbereiteten) Verfassungsentwurfes bestimmt; alle übrigen Anträge, Interpellationen und Gesetze aber ein für alle Mal auf zwei andere, im voraus zu bestimmende Tage jeder Woche verwiesen werden.

Ganz Berlin ist heute von der erstaunenswerthen Nachricht überrascht, daß sich gestern das erste und zweite Garderegiment in Potsdam gegen die Willkürmaßregeln ihrer Offiziere offen empört und daß es dabei bis zum Barrikadenbauen gekommen ist. Der Hauptgrund kam von einer Dankadresse, die dem Abgeordneten Stein und der Vereinbarer-Versammlung den Dank der Garde für den Beschluß vom 7. d. M. aussprach und welche schon über 700 Unterschriften zählte, als sie vom Obersten des ersten Garderegiments gestern Vormittag konfiscirt wurde. Hierzu kam noch die Erbitterung des größten Theils der Garde, weil unter dem kleinern Theil, welcher am 18. März in Berlin gekämpft hätte, dieser Tage eine Geldbelohnung vertheilt wurde. Man drang in dieselben, das empfangene Blutgeld zurückzugeben und da dies auch wirklich vielseitig geschah, so fanden sich die Offiziere dadurch sehr beleidigt. - Als nun gestern Morgen nach Confiscirung der Dankadresse an den Abg. Stein eine große Aufregung entstand, ließ der Kommandirende die zwei Garderegimenter ausrücken und hielt ihnen mit eindringlicher preußischer Kürze eine Anrede. Dies erregte aber neuen Unwillen, da kündigte er ihnen an, daß sie zur Strafe einige Tage im Freien bivouaquiren müßten. Dem widersetzten sich die Garden offen, indem sie sagten, nach Annahme des Steinschen Antrages hätten sie nicht mehr nothwendig, sich solchen Befehlen zu unterwerfen. Die Offiziere hielten es fürs angemessenste nach der Stadt zurückzukehren und hier wurden später einige sogenannte Rädelsführer eingesperrt. Jetzt zogen viele Hunderte von den Garden vor die Wache und verlangten die Herausgabe der Gefangenen. Das Volk von Potsdam gesellte sich diesem Verlangen zu, und als man ein anderes Bataillon schickte, um diese zu vertreiben, baute man Barrikaden. Sie, die Garde bauet Barrikaden, vier an der Zahl, läßt den Abg. Stein, die ganze Linke, die Nationalversammlung und die Berliner hoch leben, und das zum Angriff kommandirte Bataillon, welches gleichfalls mit Lebehochs empfangen wird, verweigert jeden Einschritt gegen ihre Brüder, wie man sich ausdrückte. Unter solchen Umständen war nichts weiter zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Offiziere beruhigten die Soldaten und versprachen ihnen Alles mögliche, um nur die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Der König fuhr sogleich nach Charlottenburg, die Prinzen Karl und Adalbert sollen heute Morgen hier angekommen sein.

Auch in Nauen, einem nahen Städtchen, wo eine Abtheilung der Garde-Kürassiere in Garnison liegt, ist vergangenen Sonntag eine Scene vorgefallen, welche von dem veranderten Geist, der in der Garde herrscht, Zeugniß gibt. Es fand das Aerndtefest statt und die Bürger hatten sich die Trompeter des Regiments für die Ballmusik engagirt. Dies mißfiel den Offizieren und der Oberst befahl plötzlich, die Trompeter sollten sich in ihr Quartier begeben. Die Bürger weigerten sich dieselben zu entlassen, da sie für den ganzen Abend bezahlt seien. Da rückt eine Abtheilung Kürassiere heran und als die Bürger fest auf ihrer gerechten Sache bestehen, befiehlt der Offizier zum Einhauen. Aber die Kürassiere steckten ruhig ihre Degen wieder ein und einstimmig verweigerten sie auf ruhige Mitbürger einzuhauen. Das thaten die Garde-Kürassiere, welche in der Märzwoche manche Insulten hier begingen.

Die Bevölkerung der Grafschaft Ravensberg hat eine mit 1878 Unterschriften versehene Adresse an die Vereinbarer-Versammlung abgesandt, worin verlangt wird, folgende Einrichtungen zu treffen:

1) Die Errichtung von Hypothekenbanken zu Gunsten des Grundbesitzes.

2) Die Aufhebung sämmtlicher Feudallasten ohne alle Entschädigung.

3) Die Umwandlung des bisherigen Steuersystems, Aufhebung sämmtlicher direkten und indirekten Steuern, und Ersetzung derselben durch eine einzige progressive Einkommensteuer.

4) Einführung einer, auf wahrhaft volksthümlicher Grundlage, auf der der Selbstverwaltung der Gemeinden und gleicher Berechtigung aller großjährigen Gemeindemitglieder beruhenden Gemeindeordnung.

5) Regelung der Verhältnisse der Heuerlinge. (Arbeiter der Gutsbesitzer.)

Schließlich hoffen die Unterschriebenen, daß in der neu zu schaffenden Verfassung der Grundsatz der Volkssouveränetät überall anerkannt werden wird.

* Wien, 10. September.

Reichstagssitzung. Tagesordnung: Bericht über die eingegangenen Petitionen.

Abg. Borrosch. Wünscht zu wissen, warum in der gestrigen Gesetzes-Proklamation über die Aufhebung der Feudallasten das Wort "Reichstagsbeschluß" gegen die ausdrückliche Erklärung des Ministeriums nicht zu finden sei. Will dem Ministerium zwei Tage lassen, um darüber nachzudenken.

[Feuilleton]
Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski.

(Fortsetzung.)

Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitter böse Feinde in Menge. Nichts schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu stehn. Nun ich älter werde, begreife ich allmählig, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen mag, ja, ich glaube an Vater Göthe's Worte und sinnend schaue ich hinaus in die Zukunft.

Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den Weibern!

Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Haß der Weiber! Kränkt mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern; hetzt mir alle Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit - es wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! - O, ein Weib kann entsetzlich sein.

Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fuße den Boden stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn sie erröthet bis über den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und lächen, wenn sie groß, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir höhnisch die blendenden Zähne zu zeigen. Ja lachen magst du für einen Augenblick, für einen Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich erreicht, wo sie mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein Herz aus der ruchlosen Brust reißt und das blutrothe Herz hell-jubelnd in die Luft wirft und es wieder auffängt wie einen Ball, ja Ball mit deinem Herzen spielt, bis es gebrochen und verblutet ist dein armes blutrothes Herz ...

Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau gehaßt zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es haßte ihn eine Frau, die früher einmal schön und jung gewesen.

Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar 1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankerotten Genossen der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie den Ruhm unseres Helden in München ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K. und General R. wetteiferten in Erfindung der mährchenhaftesten Aventüren. Ein Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet, als die beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.

Weit vor den Gasconnaden der beiden sinnreichen Herolde, flog indeß unserm Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Inpertinenz, von Indiskretion und Essconterie vorher, daß sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen war, unsern Helden weder zu sehen, noch zu empfangen. Die Geschichte mit der Gräfin S., die Jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien aussetzen müsse, und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters entgegen. Endlich erschien er, schön wie immer.

"Zierlich saß ihm Rock und Höschen,
Doch noch zierlicher die Binde. - "

Beau Brummel, der Dandy König Georg's IV., tändelte nicht koketter durch das Drawing-room seines Herrn, als Hr. v. Schnapphahnski durch die Wiener Gassen. Aber ach, vergebens war alle Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst ließ er alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verschoß er Schuß auf Schuß; aber er schoß keine Bresche in die Wiener Gesellschaft.

Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H ... nahm sich zuletzt aus Mitleid seiner an und vielleicht hätte der große Credit dieses Mannes ihn "durchgesetzt", wenn sich nicht plötzlich wieder eine andere Jugendsünde unseres Helden, ganz im Style seines Abentheuers mit Carlotten, auf eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte.

Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das Wiener Leben ein, und berührt so weltbekannte Personen, daß wir uns, um nicht indiskret zu werden, lieber aller Ausschmückungen enthalten wollen, um uns rein an die vorliegenden von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstücke zu halten.

Prahlend hatte nemlich einst Herr von Schnapphanski bei seinem Aufenthalt in Paris einigen Freunden das Portrait der Fürstin ..., der Gemahlin jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor Kurzem die Geschicke so vieler Völker in seinen Händen hatte, und der vielleicht in diesem Augenblicke mit dem alten Usurier der Tuilerien auf dem Schachbret jenes Spielchen wieder aufnimmt, was er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor.

Herr von Schnapphanski rühmte sich, daß er in der Gunst dieser Dame gestanden habe.

"Die Fürstin, hinlänglich blasirt darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst rühmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden, daß ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte." - Ich führe diese Passage wörtlich aus den vorliegenden Manuscripten an, da sie von zu köstlicher Naivetät ist, als daß auch nur ein Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hörner von unserm Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine "Gegenleistung" von ihm erhalten hat!

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 104. Köln, Samstag den 16. September. 1848.

Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.

Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich.

Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.

Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Die Krisis. ‒ Die 27ger) Berlin. (Beckerath scheitert. ‒ Hartmann. ‒ Militärrevolte in Potsdam und Nauen. ‒ Petition aus dem Ravensbergischen.) Wien (Rede Kossuths. ‒ Reichstag ‒ Finanzplan.) Koblenz. (Die 27ger.) Gr. H. Posen. (Preußische Richter) Breslau. (Truppenverstärkung. ‒ Volksversammlung) Ratibor. (Der Aufstand in Hultschin.) Neisse. (Bauerntumulte.) Schweidnitz. (Neuwahl für Berlin.) Prov Sachsen (Ausbrüche des Volksunwillens. ‒ Bureaukratie. ‒ Kanzelredner.) Dessau. (Die Gültigkeit der Landtagsbeschlüsse.) Hamburg (Preuß. Soldaten arretirt, vom Volk befreit.) Schleswig-Holstein. (Wrangel. ‒ Bonin. ‒ Die Landesversammlung) Prag (Unteroffiziersversammlung.)

Schweiz. Zürich. (Die Kloster Einsiedel und St. Urban.)

Italien. (Der Kampf in Messina. Weitere Vorfälle. ‒ Livorno. ‒ Genua ruhig. ‒ Geldnoth in Venedig). Modena. (Theilnahme hoher Häupter für den Herzog.)

Polen. Lemberg. (Divernicki angekommen.)

Franz. Republik. Paris. (Die Parteien in der Provinz. ‒ Die Maurer. ‒ Unruhen in St. Maur. ‒ Dupra. ‒ Kandidaturen. ‒ Preßprozesse. ‒ Nationalversammlung.)

Großbritannien. London. (Russell als Zeuge citirt. ‒ Vergiftungsmanie in Esser).

Ungarn. Essegg. (Die Offiziere wegen ihrer Gesinnung befragt). Kronstadt. (Ausweisung der Walachen).

Türkei. Konstantinopel. (Ibrahim Pascha erwartet. ‒ Die Cholera in Smyrna).

Deutschland.
** Köln, 15. September.

Die Ministerkrisis ist abermals in ein neues Stadium getreten.

Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
* Köln, 15. Sept.

Wir erhalten heute eine Nachricht aus Bonn, die sehr geeignet ist den allgemeinen Verdacht des Volkes, als seien noch verkleidete 27ger in der Stadt, zu bestätigen. Ein Bürger, der am 13. d. M. mit dem Dampfboot rheinabwärts fuhr, traf auf demselben einen Unteroffizier und vier Mann vom Musketier-Bataillon des 27. Regiments (von Wetzlar nach Köln bestimmt.) Er erzählt: „Ich mußte mit eigenen Augen sehen, wie die Soldaten mit dem Rücken eines Messers die deutsche Kokarde, welche aus einer Art Porzellan besteht, unter großem Gelächter an der Mütze entzweischlugen. Einigen der Passagiere, welche dieses rügten, gab man lachend zur Antwort: „Unsre Offiziere trogen se nichte, so brochen wir se ooch nichte zu trogen.“ Diese Soldaten durften später, in Köln angekommen, die Stadt mit der Uniform des 27. Regiments nicht betreten, sondern wurden an der Brücke durch Polizeimannschaft zurückgewiesen. Als ich aber Nachmittags durch die Stadt ging, sah ich dieselben Soldaten, deren Personen ich genau kannte, in der Uniform des 16. Regiments durch die Stadt marschiren.

103 Berlin, 14. Sept.

Hr. Beckerath ist gestern Abend hier angekommen und schon wird heute mit Gewißheit erzählt, daß er es für unmöglich hält das neue Ministerium zu bilden. Er soll diese Erklärung dem Könige schon überreicht haben. ‒ Die Gründe werden sehr verschieden angegeben. Einige wollen behaupten, daß die vom Minister-Präsidenten Auerswald veröffentlichte Erklärung des Königs in den Augen des Hrn. Beckerath ein unüberwindliches Hinderniß sei. Andere behaupten dagegen, daß dies weniger der Fall sei, als die Ablehnung mehrerer Abgeordneten, sowohl von der rechten Seite als vom Centrum, auf die Aufforderung des Hrn. Beckerath mit ihm ins Ministerium zu treten. Hr. v. Beckerath soll es für unerläßlich halten, die Majorität des neuen Ministeriums auf ein Bündniß der rechten Seite und des Centrums zu gründen. Aber alle Abgeordneten dieser Partei, bei denen er gestern Abend und heute anfragte, waren weit entfernt, in dies Bündniß einzuwilligen und ins Ministerium einzutreten, weil sie befürchten, bei der Neuwahl, welche eine Ernennung als Minister nothwendig macht, von ihren Wählern nicht wieder gewählt zu werden. Das Gesetz über die sofortige Neuwahl der Abgeordneten, welche ein Staatsamt oder eine Beförderung annehmen, beweist sich also hier schon höchst vortheilhaft, indem die Mitglieder der Rechten, welche schon größtentheils Mißtrauensvoten von ihren Wählern erhielten, gewiß sind, ihre Stellen in der Volksvertretung zu verlieren. Für die morgende Sitzung der Vereinbarer-Versammlung ist noch auf eine leere Ministerbank zu rechnen. Dessenungeachtet werden morgen doch mehrere Anträge berathen werden; der Abgeordnete Hartmann, ein Mitglied der Rechten, welche sich in der letzten Sitzung weigerte, auch nur das Geringste in Abwesenheit der Minister zu berathen, hat den schleunigen Antrag vor der morgenden Tagesordnung gestellt:

Die Versammlung wolle beschließen:

daß fortan wöchentlich vier Tage ausschließlich zur Berathung des (in den Kommissionen soweit vorbereiteten) Verfassungsentwurfes bestimmt; alle übrigen Anträge, Interpellationen und Gesetze aber ein für alle Mal auf zwei andere, im voraus zu bestimmende Tage jeder Woche verwiesen werden.

Ganz Berlin ist heute von der erstaunenswerthen Nachricht überrascht, daß sich gestern das erste und zweite Garderegiment in Potsdam gegen die Willkürmaßregeln ihrer Offiziere offen empört und daß es dabei bis zum Barrikadenbauen gekommen ist. Der Hauptgrund kam von einer Dankadresse, die dem Abgeordneten Stein und der Vereinbarer-Versammlung den Dank der Garde für den Beschluß vom 7. d. M. aussprach und welche schon über 700 Unterschriften zählte, als sie vom Obersten des ersten Garderegiments gestern Vormittag konfiscirt wurde. Hierzu kam noch die Erbitterung des größten Theils der Garde, weil unter dem kleinern Theil, welcher am 18. März in Berlin gekämpft hätte, dieser Tage eine Geldbelohnung vertheilt wurde. Man drang in dieselben, das empfangene Blutgeld zurückzugeben und da dies auch wirklich vielseitig geschah, so fanden sich die Offiziere dadurch sehr beleidigt. ‒ Als nun gestern Morgen nach Confiscirung der Dankadresse an den Abg. Stein eine große Aufregung entstand, ließ der Kommandirende die zwei Garderegimenter ausrücken und hielt ihnen mit eindringlicher preußischer Kürze eine Anrede. Dies erregte aber neuen Unwillen, da kündigte er ihnen an, daß sie zur Strafe einige Tage im Freien bivouaquiren müßten. Dem widersetzten sich die Garden offen, indem sie sagten, nach Annahme des Steinschen Antrages hätten sie nicht mehr nothwendig, sich solchen Befehlen zu unterwerfen. Die Offiziere hielten es fürs angemessenste nach der Stadt zurückzukehren und hier wurden später einige sogenannte Rädelsführer eingesperrt. Jetzt zogen viele Hunderte von den Garden vor die Wache und verlangten die Herausgabe der Gefangenen. Das Volk von Potsdam gesellte sich diesem Verlangen zu, und als man ein anderes Bataillon schickte, um diese zu vertreiben, baute man Barrikaden. Sie, die Garde bauet Barrikaden, vier an der Zahl, läßt den Abg. Stein, die ganze Linke, die Nationalversammlung und die Berliner hoch leben, und das zum Angriff kommandirte Bataillon, welches gleichfalls mit Lebehochs empfangen wird, verweigert jeden Einschritt gegen ihre Brüder, wie man sich ausdrückte. Unter solchen Umständen war nichts weiter zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Offiziere beruhigten die Soldaten und versprachen ihnen Alles mögliche, um nur die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Der König fuhr sogleich nach Charlottenburg, die Prinzen Karl und Adalbert sollen heute Morgen hier angekommen sein.

Auch in Nauen, einem nahen Städtchen, wo eine Abtheilung der Garde-Kürassiere in Garnison liegt, ist vergangenen Sonntag eine Scene vorgefallen, welche von dem veranderten Geist, der in der Garde herrscht, Zeugniß gibt. Es fand das Aerndtefest statt und die Bürger hatten sich die Trompeter des Regiments für die Ballmusik engagirt. Dies mißfiel den Offizieren und der Oberst befahl plötzlich, die Trompeter sollten sich in ihr Quartier begeben. Die Bürger weigerten sich dieselben zu entlassen, da sie für den ganzen Abend bezahlt seien. Da rückt eine Abtheilung Kürassiere heran und als die Bürger fest auf ihrer gerechten Sache bestehen, befiehlt der Offizier zum Einhauen. Aber die Kürassiere steckten ruhig ihre Degen wieder ein und einstimmig verweigerten sie auf ruhige Mitbürger einzuhauen. Das thaten die Garde-Kürassiere, welche in der Märzwoche manche Insulten hier begingen.

Die Bevölkerung der Grafschaft Ravensberg hat eine mit 1878 Unterschriften versehene Adresse an die Vereinbarer-Versammlung abgesandt, worin verlangt wird, folgende Einrichtungen zu treffen:

1) Die Errichtung von Hypothekenbanken zu Gunsten des Grundbesitzes.

2) Die Aufhebung sämmtlicher Feudallasten ohne alle Entschädigung.

3) Die Umwandlung des bisherigen Steuersystems, Aufhebung sämmtlicher direkten und indirekten Steuern, und Ersetzung derselben durch eine einzige progressive Einkommensteuer.

4) Einführung einer, auf wahrhaft volksthümlicher Grundlage, auf der der Selbstverwaltung der Gemeinden und gleicher Berechtigung aller großjährigen Gemeindemitglieder beruhenden Gemeindeordnung.

5) Regelung der Verhältnisse der Heuerlinge. (Arbeiter der Gutsbesitzer.)

Schließlich hoffen die Unterschriebenen, daß in der neu zu schaffenden Verfassung der Grundsatz der Volkssouveränetät überall anerkannt werden wird.

* Wien, 10. September.

Reichstagssitzung. Tagesordnung: Bericht über die eingegangenen Petitionen.

Abg. Borrosch. Wünscht zu wissen, warum in der gestrigen Gesetzes-Proklamation über die Aufhebung der Feudallasten das Wort „Reichstagsbeschluß“ gegen die ausdrückliche Erklärung des Ministeriums nicht zu finden sei. Will dem Ministerium zwei Tage lassen, um darüber nachzudenken.

[Feuilleton]
Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski.

(Fortsetzung.)

Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitter böse Feinde in Menge. Nichts schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu stehn. Nun ich älter werde, begreife ich allmählig, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen mag, ja, ich glaube an Vater Göthe's Worte und sinnend schaue ich hinaus in die Zukunft.

Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den Weibern!

Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Haß der Weiber! Kränkt mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern; hetzt mir alle Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit ‒ es wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! ‒ O, ein Weib kann entsetzlich sein.

Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fuße den Boden stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn sie erröthet bis über den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und lächen, wenn sie groß, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir höhnisch die blendenden Zähne zu zeigen. Ja lachen magst du für einen Augenblick, für einen Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich erreicht, wo sie mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein Herz aus der ruchlosen Brust reißt und das blutrothe Herz hell-jubelnd in die Luft wirft und es wieder auffängt wie einen Ball, ja Ball mit deinem Herzen spielt, bis es gebrochen und verblutet ist dein armes blutrothes Herz …

Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau gehaßt zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es haßte ihn eine Frau, die früher einmal schön und jung gewesen.

Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar 1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankerotten Genossen der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie den Ruhm unseres Helden in München ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K. und General R. wetteiferten in Erfindung der mährchenhaftesten Aventüren. Ein Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet, als die beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.

Weit vor den Gasconnaden der beiden sinnreichen Herolde, flog indeß unserm Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Inpertinenz, von Indiskretion und Essconterie vorher, daß sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen war, unsern Helden weder zu sehen, noch zu empfangen. Die Geschichte mit der Gräfin S., die Jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien aussetzen müsse, und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters entgegen. Endlich erschien er, schön wie immer.

„Zierlich saß ihm Rock und Höschen,
Doch noch zierlicher die Binde. ‒ “

Beau Brummel, der Dandy König Georg's IV., tändelte nicht koketter durch das Drawing-room seines Herrn, als Hr. v. Schnapphahnski durch die Wiener Gassen. Aber ach, vergebens war alle Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst ließ er alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verschoß er Schuß auf Schuß; aber er schoß keine Bresche in die Wiener Gesellschaft.

Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H … nahm sich zuletzt aus Mitleid seiner an und vielleicht hätte der große Credit dieses Mannes ihn „durchgesetzt“, wenn sich nicht plötzlich wieder eine andere Jugendsünde unseres Helden, ganz im Style seines Abentheuers mit Carlotten, auf eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte.

Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das Wiener Leben ein, und berührt so weltbekannte Personen, daß wir uns, um nicht indiskret zu werden, lieber aller Ausschmückungen enthalten wollen, um uns rein an die vorliegenden von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstücke zu halten.

Prahlend hatte nemlich einst Herr von Schnapphanski bei seinem Aufenthalt in Paris einigen Freunden das Portrait der Fürstin …, der Gemahlin jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor Kurzem die Geschicke so vieler Völker in seinen Händen hatte, und der vielleicht in diesem Augenblicke mit dem alten Usurier der Tuilerien auf dem Schachbret jenes Spielchen wieder aufnimmt, was er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor.

Herr von Schnapphanski rühmte sich, daß er in der Gunst dieser Dame gestanden habe.

„Die Fürstin, hinlänglich blasirt darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst rühmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden, daß ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte.“ ‒ Ich führe diese Passage wörtlich aus den vorliegenden Manuscripten an, da sie von zu köstlicher Naivetät ist, als daß auch nur ein Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hörner von unserm Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine „Gegenleistung“ von ihm erhalten hat!

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        <p>Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle      Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an. </p>
        <p>Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg,      und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für      England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die      resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich. </p>
        <p><hi rendition="#g">Abonnementspreis</hi> in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen      übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr 6 Pf. <hi rendition="#g">Inserate:</hi> die vierspaltige      Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf. </p>
        <p>Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste      Verbreitung. </p>
      </div>
      <div n="1">
        <head>Uebersicht.</head>
        <p><hi rendition="#g">Deutschland.</hi> Köln. (Die Krisis. &#x2012; Die 27ger) Berlin. (Beckerath      scheitert. &#x2012; Hartmann. &#x2012; <hi rendition="#g">Militärrevolte in Potsdam und Nauen.</hi> &#x2012;      Petition aus dem Ravensbergischen.) Wien (<hi rendition="#g">Rede Kossuths.</hi> &#x2012; Reichstag &#x2012;      Finanzplan.) Koblenz. (Die 27ger.) Gr. H. Posen. (Preußische Richter) Breslau.      (Truppenverstärkung. &#x2012; Volksversammlung) Ratibor. (Der Aufstand in Hultschin.) Neisse.      (Bauerntumulte.) Schweidnitz. (Neuwahl für Berlin.) Prov Sachsen (Ausbrüche des Volksunwillens.      &#x2012; Bureaukratie. &#x2012; Kanzelredner.) Dessau. (Die Gültigkeit der Landtagsbeschlüsse.) Hamburg      (Preuß. Soldaten arretirt, vom Volk befreit.) Schleswig-Holstein. (Wrangel. &#x2012; Bonin. &#x2012; Die      Landesversammlung) Prag (Unteroffiziersversammlung.) </p>
        <p><hi rendition="#g">Schweiz.</hi> Zürich. (Die Kloster Einsiedel und St. Urban.) </p>
        <p><hi rendition="#g">Italien.</hi> (Der Kampf in Messina. Weitere Vorfälle. &#x2012; Livorno. &#x2012; Genua      ruhig. &#x2012; Geldnoth in Venedig). Modena. (Theilnahme hoher Häupter für den Herzog.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Polen.</hi> Lemberg. (Divernicki angekommen.) </p>
        <p><hi rendition="#g">Franz. Republik.</hi> Paris. (Die Parteien in der Provinz. &#x2012; Die Maurer. &#x2012;      Unruhen in St. Maur. &#x2012; Dupra. &#x2012; Kandidaturen. &#x2012; Preßprozesse. &#x2012; Nationalversammlung.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Großbritannien.</hi> London. (Russell als Zeuge citirt. &#x2012; Vergiftungsmanie      in Esser).</p>
        <p><hi rendition="#g">Ungarn.</hi> Essegg. (Die Offiziere wegen ihrer Gesinnung befragt).      Kronstadt. (Ausweisung der Walachen).</p>
        <p><hi rendition="#g">Türkei.</hi> Konstantinopel. (Ibrahim Pascha erwartet. &#x2012; Die Cholera in      Smyrna).</p>
      </div>
      <div n="1">
        <head>Deutschland.</head>
        <div xml:id="ar104_001_c" type="jArticle">
          <note type="editorial">Edition: <bibl>Karl Marx: Die Krisis. In: MEGA<hi rendition="#sup">2</hi> I/7. S. 695.</bibl>                </note>
          <head><bibl><author>**</author></bibl><hi rendition="#b">Köln</hi>, 15. <choice><abbr>Sept.</abbr><expan>September</expan></choice>.</head>
          <p>Die Ministerkrisis ist abermals in ein neues Stadium getreten.</p>
          <gap reason="copyright"/>
        </div>
        <div xml:id="ar104_002" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Köln, 15. Sept.</head>
          <p>Wir erhalten heute eine Nachricht aus Bonn, die sehr geeignet ist den allgemeinen Verdacht       des Volkes, als seien noch verkleidete 27ger in der Stadt, zu bestätigen. Ein Bürger, der am       13. d. M. mit dem Dampfboot rheinabwärts fuhr, traf auf demselben einen Unteroffizier und vier       Mann vom Musketier-Bataillon des 27. Regiments (von Wetzlar nach Köln bestimmt.) Er erzählt:       &#x201E;Ich mußte mit eigenen Augen sehen, wie die Soldaten mit dem Rücken eines Messers die deutsche       Kokarde, welche aus einer Art Porzellan besteht, <hi rendition="#g">unter großem        Gelächter</hi> an der Mütze <hi rendition="#g">entzweischlugen.</hi> Einigen der Passagiere,       welche dieses rügten, gab man lachend zur Antwort: &#x201E;<hi rendition="#g">Unsre Offiziere trogen        se nichte, so brochen wir se ooch nichte zu trogen.</hi>&#x201C; Diese Soldaten durften später, in       Köln angekommen, die Stadt mit der Uniform des 27. Regiments nicht betreten, sondern wurden an       der Brücke durch Polizeimannschaft zurückgewiesen. Als ich aber Nachmittags durch die Stadt       ging, sah ich <hi rendition="#g">dieselben Soldaten,</hi> deren Personen ich genau kannte, <hi rendition="#g">in der Uniform des 16. Regiments durch die Stadt marschiren.</hi> </p>
        </div>
        <div xml:id="ar104_003" type="jArticle">
          <head><bibl><author>103</author></bibl> Berlin, 14. Sept.</head>
          <p>Hr. Beckerath ist gestern Abend hier angekommen und schon wird heute mit Gewißheit erzählt,       daß er es für unmöglich hält das neue Ministerium zu bilden. Er soll diese Erklärung dem       Könige schon überreicht haben. &#x2012; Die Gründe werden sehr verschieden angegeben. Einige wollen       behaupten, daß die vom Minister-Präsidenten Auerswald veröffentlichte Erklärung des Königs in       den Augen des Hrn. Beckerath ein unüberwindliches Hinderniß sei. Andere behaupten dagegen, daß       dies weniger der Fall sei, als die Ablehnung mehrerer Abgeordneten, sowohl von der rechten       Seite als vom Centrum, auf die Aufforderung des Hrn. Beckerath mit ihm ins Ministerium zu       treten. Hr. v. Beckerath soll es für unerläßlich halten, die Majorität des neuen Ministeriums       auf ein Bündniß der rechten Seite und des Centrums zu gründen. Aber alle Abgeordneten dieser       Partei, bei denen er gestern Abend und heute anfragte, waren weit entfernt, in dies Bündniß       einzuwilligen und ins Ministerium einzutreten, weil sie befürchten, bei der Neuwahl, welche       eine Ernennung als Minister nothwendig macht, von ihren Wählern nicht wieder gewählt zu       werden. Das Gesetz über die sofortige Neuwahl der Abgeordneten, welche ein Staatsamt oder eine       Beförderung annehmen, beweist sich also hier schon höchst vortheilhaft, indem die Mitglieder       der Rechten, welche schon größtentheils Mißtrauensvoten von ihren Wählern erhielten, gewiß       sind, ihre Stellen in der Volksvertretung zu verlieren. Für die morgende Sitzung der       Vereinbarer-Versammlung ist noch auf eine leere Ministerbank zu rechnen. Dessenungeachtet       werden morgen doch mehrere Anträge berathen werden; der Abgeordnete Hartmann, ein Mitglied der       Rechten, welche sich in der letzten Sitzung weigerte, auch nur das Geringste in Abwesenheit       der Minister zu berathen, hat den schleunigen Antrag vor der morgenden Tagesordnung       gestellt:</p>
          <p>Die Versammlung wolle beschließen: </p>
          <p>daß fortan wöchentlich vier Tage ausschließlich zur Berathung des (in den Kommissionen       soweit vorbereiteten) Verfassungsentwurfes bestimmt; alle übrigen Anträge, Interpellationen       und Gesetze aber ein für alle Mal auf zwei andere, im voraus zu bestimmende Tage jeder Woche       verwiesen werden. </p>
          <p>Ganz Berlin ist heute von der erstaunenswerthen Nachricht überrascht, daß sich gestern das <hi rendition="#g">erste und zweite Garderegiment</hi> in Potsdam gegen die Willkürmaßregeln       ihrer Offiziere <hi rendition="#g">offen empört</hi> und daß es dabei bis zum Barrikadenbauen       gekommen ist. Der Hauptgrund kam von einer Dankadresse, die dem Abgeordneten Stein und der       Vereinbarer-Versammlung den Dank der Garde für den Beschluß vom 7. d. M. aussprach und welche       schon über 700 Unterschriften zählte, als sie vom Obersten des ersten Garderegiments gestern       Vormittag konfiscirt wurde. Hierzu kam noch die Erbitterung des größten Theils der Garde, weil       unter dem kleinern Theil, welcher am 18. März in Berlin gekämpft hätte, dieser Tage eine       Geldbelohnung vertheilt wurde. Man drang in dieselben, das empfangene <hi rendition="#g">Blutgeld</hi> zurückzugeben und da dies auch wirklich vielseitig geschah, so fanden sich die       Offiziere dadurch sehr beleidigt. &#x2012; Als nun gestern Morgen nach Confiscirung der Dankadresse       an den Abg. Stein eine große Aufregung entstand, ließ der Kommandirende die zwei       Garderegimenter ausrücken und hielt ihnen mit eindringlicher preußischer Kürze eine Anrede.       Dies erregte aber neuen Unwillen, da kündigte er ihnen an, daß sie zur Strafe einige Tage im       Freien bivouaquiren müßten. Dem widersetzten sich die Garden offen, indem sie sagten, nach       Annahme des Steinschen Antrages hätten sie nicht mehr nothwendig, sich solchen Befehlen zu       unterwerfen. Die Offiziere hielten es fürs angemessenste nach der Stadt zurückzukehren und       hier wurden später einige sogenannte Rädelsführer eingesperrt. Jetzt zogen viele Hunderte von       den Garden vor die Wache und verlangten die Herausgabe der Gefangenen. Das Volk von Potsdam       gesellte sich diesem Verlangen zu, und als man ein anderes Bataillon schickte, um diese zu       vertreiben, baute man <hi rendition="#g">Barrikaden.</hi> Sie, <hi rendition="#g">die Garde        bauet Barrikaden,</hi> vier an der Zahl, läßt den Abg. Stein, die ganze Linke, die       Nationalversammlung und die Berliner hoch leben, und das zum Angriff kommandirte Bataillon,       welches gleichfalls mit Lebehochs empfangen wird, verweigert jeden Einschritt gegen ihre       Brüder, wie man sich ausdrückte. Unter solchen Umständen war nichts weiter zu thun, als gute       Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Offiziere beruhigten die Soldaten und versprachen ihnen       Alles mögliche, um nur die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Der König fuhr sogleich nach       Charlottenburg, die Prinzen Karl und Adalbert sollen heute Morgen hier angekommen sein. </p>
          <p>Auch in <hi rendition="#g">Nauen,</hi> einem nahen Städtchen, wo eine Abtheilung der       Garde-Kürassiere in Garnison liegt, ist vergangenen Sonntag eine Scene vorgefallen, welche von       dem veranderten Geist, der in der Garde herrscht, Zeugniß gibt. Es fand das Aerndtefest statt       und die Bürger hatten sich die Trompeter des Regiments für die Ballmusik engagirt. Dies       mißfiel den Offizieren und der Oberst befahl plötzlich, die Trompeter sollten sich in ihr       Quartier begeben. Die Bürger weigerten sich dieselben zu entlassen, da sie für den ganzen       Abend bezahlt seien. Da rückt eine Abtheilung Kürassiere heran und als die Bürger fest auf       ihrer gerechten Sache bestehen, befiehlt der Offizier zum Einhauen. Aber die Kürassiere       steckten ruhig ihre Degen wieder ein und einstimmig verweigerten sie auf ruhige Mitbürger       einzuhauen. Das thaten die Garde-Kürassiere, welche in der Märzwoche manche Insulten hier       begingen. </p>
          <p>Die Bevölkerung der Grafschaft Ravensberg hat eine mit 1878 Unterschriften versehene Adresse       an die Vereinbarer-Versammlung abgesandt, worin verlangt wird, folgende Einrichtungen zu       treffen:</p>
          <p>1) Die Errichtung von Hypothekenbanken zu Gunsten des Grundbesitzes.</p>
          <p>2) Die Aufhebung sämmtlicher Feudallasten ohne alle Entschädigung. </p>
          <p>3) Die Umwandlung des bisherigen Steuersystems, Aufhebung sämmtlicher direkten und       indirekten Steuern, und Ersetzung derselben durch eine einzige progressive       Einkommensteuer.</p>
          <p>4) Einführung einer, auf wahrhaft volksthümlicher Grundlage, auf der der Selbstverwaltung       der Gemeinden und gleicher Berechtigung aller großjährigen Gemeindemitglieder beruhenden       Gemeindeordnung. </p>
          <p>5) Regelung der Verhältnisse der Heuerlinge. (Arbeiter der Gutsbesitzer.)</p>
          <p>Schließlich hoffen die Unterschriebenen, daß in der neu zu schaffenden Verfassung der <hi rendition="#g">Grundsatz der Volkssouveränetät</hi> überall anerkannt werden wird.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar104_004" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Wien, 10. September. </head>
          <p><hi rendition="#g">Reichstagssitzung.</hi> Tagesordnung: Bericht über die eingegangenen       Petitionen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Abg. Borrosch.</hi> Wünscht zu wissen, warum in der gestrigen       Gesetzes-Proklamation über die Aufhebung der Feudallasten das Wort &#x201E;Reichstagsbeschluß&#x201C; gegen       die ausdrückliche Erklärung des Ministeriums nicht zu finden sei. Will dem Ministerium zwei       Tage lassen, um darüber nachzudenken.</p>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>[Feuilleton]</head>
        <div xml:id="ar104_005" type="jArticle">
          <head>Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski.</head>
          <p>
            <ref type="link">(Fortsetzung.)</ref>
          </p>
          <p>Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitter böse Feinde in Menge. Nichts schien mir       langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu stehn. Nun ich älter werde, begreife       ich allmählig, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen mag, ja, ich glaube an Vater Göthe's Worte       und sinnend schaue ich hinaus in die Zukunft.</p>
          <p>Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den Weibern! </p>
          <p>Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Haß der Weiber! Kränkt mich mit       falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern; hetzt mir alle Windhunde der Literatur       auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit &#x2012; es wird mir einerlei sein; nur bringt mich       nicht um die Liebe der Weiber! &#x2012; O, ein Weib kann entsetzlich sein.</p>
          <p>Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird dich verderben.       Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fuße den Boden stampft; lachen, wenn sie die       Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn sie erröthet bis über den Busen; lachen,       wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich       verflucht und verdammt, und lächen, wenn sie groß, schlank und gebieterisch sich erhebt, um       dir höhnisch die blendenden Zähne zu zeigen. Ja lachen magst du für einen Augenblick, für       einen Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich erreicht, wo sie       mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein Herz aus der ruchlosen Brust       reißt und das blutrothe Herz hell-jubelnd in die Luft wirft und es wieder auffängt wie einen       Ball, ja Ball mit deinem Herzen spielt, bis es gebrochen und verblutet ist dein armes       blutrothes Herz &#x2026;</p>
          <p>Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau gehaßt zu       werden, was aber noch weit schlimmer war: es haßte ihn eine Frau, die früher einmal schön und       jung <hi rendition="#g">gewesen.</hi> </p>
          <p>Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar 1840. Voran eilten       ihm wieder Graf K. und General R., die bankerotten Genossen der spanischen Kriege, um ihrem       Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie den Ruhm unseres Helden in München       ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden       wieder in Bewegung gesetzt. Graf K. und General R. wetteiferten in Erfindung der       mährchenhaftesten Aventüren. Ein Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche       angedichtet, als die beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker.</p>
          <p>Weit vor den Gasconnaden der beiden sinnreichen Herolde, flog indeß unserm Ritter ein       solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Inpertinenz, von Indiskretion und Essconterie vorher,       daß sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft       gebildet hatte, die fest entschlossen war, unsern Helden weder zu sehen, noch zu empfangen.       Die Geschichte mit der Gräfin S., die Jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen       Abneigung bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich       aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien aussetzen müsse,       und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters entgegen. Endlich erschien er,       schön wie immer.</p>
          <p rendition="#et">&#x201E;Zierlich saß ihm Rock und Höschen,<lb/>
Doch noch zierlicher die Binde. &#x2012;       &#x201C;</p>
          <p>Beau Brummel, der Dandy König Georg's IV., tändelte nicht koketter durch das Drawing-room       seines Herrn, als Hr. v. Schnapphahnski durch die Wiener Gassen. Aber ach, vergebens war alle       Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst ließ er alle Minen springen. Das ganze Pulver       seiner Frechheit verschoß er Schuß auf Schuß; aber er schoß keine Bresche in die Wiener       Gesellschaft.</p>
          <p>Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H &#x2026; nahm sich zuletzt aus Mitleid       seiner an und vielleicht hätte der große Credit dieses Mannes ihn &#x201E;durchgesetzt&#x201C;, wenn sich       nicht plötzlich wieder eine andere Jugendsünde unseres Helden, ganz im Style seines       Abentheuers mit Carlotten, auf eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte.</p>
          <p>Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das Wiener Leben ein,       und berührt so weltbekannte Personen, daß wir uns, um nicht indiskret zu werden, lieber aller       Ausschmückungen enthalten wollen, um uns rein an die vorliegenden von sehr guter Hand       geschriebenen Aktenstücke zu halten. </p>
          <p>Prahlend hatte nemlich einst Herr von Schnapphanski bei seinem Aufenthalt in Paris einigen       Freunden das Portrait der Fürstin &#x2026;, der Gemahlin jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor       Kurzem die Geschicke so vieler Völker in seinen Händen hatte, und der vielleicht in diesem       Augenblicke mit dem alten Usurier der Tuilerien auf dem Schachbret jenes Spielchen wieder       aufnimmt, was er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor.</p>
          <p>Herr von Schnapphanski rühmte sich, daß er in der Gunst dieser Dame gestanden habe.</p>
          <p>&#x201E;Die Fürstin, hinlänglich blasirt darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst rühmte, wo diese       wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden, daß ihr Ruf leide, wo sie keine <hi rendition="#g">Gegenleistung</hi> erhalten hatte.&#x201C; &#x2012; Ich führe diese Passage wörtlich aus       den vorliegenden Manuscripten an, da sie von zu köstlicher Naivetät ist, als daß auch nur ein       Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur       deswegen keine Hörner von unserm Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine &#x201E;Gegenleistung&#x201C; von       ihm erhalten hat!</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0517/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 104. Köln, Samstag den 16. September. 1848. Bestellungen für das nächste Quartal, Oktober bis Dezember, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an. Für Frankreich übernehmen Abonnements Hr. G. A. Alexander, Nr. 28 Brandgasse in Straßburg, und Nr. 23 Rue Notre-Dame de Nazareth in Paris, so wie das königl. Ober-Postamt in Aachen; für England die Herren J. J. Ewer et Comp. 72 Newgate-Street in London; für Belgien und Holland die resp. königl. Brief-Postämter und das Postbureau in Lüttich. Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 1 Thlr. 24 Sgr 6 Pf. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf. Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung. Uebersicht. Deutschland. Köln. (Die Krisis. ‒ Die 27ger) Berlin. (Beckerath scheitert. ‒ Hartmann. ‒ Militärrevolte in Potsdam und Nauen. ‒ Petition aus dem Ravensbergischen.) Wien (Rede Kossuths. ‒ Reichstag ‒ Finanzplan.) Koblenz. (Die 27ger.) Gr. H. Posen. (Preußische Richter) Breslau. (Truppenverstärkung. ‒ Volksversammlung) Ratibor. (Der Aufstand in Hultschin.) Neisse. (Bauerntumulte.) Schweidnitz. (Neuwahl für Berlin.) Prov Sachsen (Ausbrüche des Volksunwillens. ‒ Bureaukratie. ‒ Kanzelredner.) Dessau. (Die Gültigkeit der Landtagsbeschlüsse.) Hamburg (Preuß. Soldaten arretirt, vom Volk befreit.) Schleswig-Holstein. (Wrangel. ‒ Bonin. ‒ Die Landesversammlung) Prag (Unteroffiziersversammlung.) Schweiz. Zürich. (Die Kloster Einsiedel und St. Urban.) Italien. (Der Kampf in Messina. Weitere Vorfälle. ‒ Livorno. ‒ Genua ruhig. ‒ Geldnoth in Venedig). Modena. (Theilnahme hoher Häupter für den Herzog.) Polen. Lemberg. (Divernicki angekommen.) Franz. Republik. Paris. (Die Parteien in der Provinz. ‒ Die Maurer. ‒ Unruhen in St. Maur. ‒ Dupra. ‒ Kandidaturen. ‒ Preßprozesse. ‒ Nationalversammlung.) Großbritannien. London. (Russell als Zeuge citirt. ‒ Vergiftungsmanie in Esser). Ungarn. Essegg. (Die Offiziere wegen ihrer Gesinnung befragt). Kronstadt. (Ausweisung der Walachen). Türkei. Konstantinopel. (Ibrahim Pascha erwartet. ‒ Die Cholera in Smyrna). Deutschland. ** Köln, 15. Sept.. Die Ministerkrisis ist abermals in ein neues Stadium getreten. _ * Köln, 15. Sept. Wir erhalten heute eine Nachricht aus Bonn, die sehr geeignet ist den allgemeinen Verdacht des Volkes, als seien noch verkleidete 27ger in der Stadt, zu bestätigen. Ein Bürger, der am 13. d. M. mit dem Dampfboot rheinabwärts fuhr, traf auf demselben einen Unteroffizier und vier Mann vom Musketier-Bataillon des 27. Regiments (von Wetzlar nach Köln bestimmt.) Er erzählt: „Ich mußte mit eigenen Augen sehen, wie die Soldaten mit dem Rücken eines Messers die deutsche Kokarde, welche aus einer Art Porzellan besteht, unter großem Gelächter an der Mütze entzweischlugen. Einigen der Passagiere, welche dieses rügten, gab man lachend zur Antwort: „Unsre Offiziere trogen se nichte, so brochen wir se ooch nichte zu trogen.“ Diese Soldaten durften später, in Köln angekommen, die Stadt mit der Uniform des 27. Regiments nicht betreten, sondern wurden an der Brücke durch Polizeimannschaft zurückgewiesen. Als ich aber Nachmittags durch die Stadt ging, sah ich dieselben Soldaten, deren Personen ich genau kannte, in der Uniform des 16. Regiments durch die Stadt marschiren. 103 Berlin, 14. Sept. Hr. Beckerath ist gestern Abend hier angekommen und schon wird heute mit Gewißheit erzählt, daß er es für unmöglich hält das neue Ministerium zu bilden. Er soll diese Erklärung dem Könige schon überreicht haben. ‒ Die Gründe werden sehr verschieden angegeben. Einige wollen behaupten, daß die vom Minister-Präsidenten Auerswald veröffentlichte Erklärung des Königs in den Augen des Hrn. Beckerath ein unüberwindliches Hinderniß sei. Andere behaupten dagegen, daß dies weniger der Fall sei, als die Ablehnung mehrerer Abgeordneten, sowohl von der rechten Seite als vom Centrum, auf die Aufforderung des Hrn. Beckerath mit ihm ins Ministerium zu treten. Hr. v. Beckerath soll es für unerläßlich halten, die Majorität des neuen Ministeriums auf ein Bündniß der rechten Seite und des Centrums zu gründen. Aber alle Abgeordneten dieser Partei, bei denen er gestern Abend und heute anfragte, waren weit entfernt, in dies Bündniß einzuwilligen und ins Ministerium einzutreten, weil sie befürchten, bei der Neuwahl, welche eine Ernennung als Minister nothwendig macht, von ihren Wählern nicht wieder gewählt zu werden. Das Gesetz über die sofortige Neuwahl der Abgeordneten, welche ein Staatsamt oder eine Beförderung annehmen, beweist sich also hier schon höchst vortheilhaft, indem die Mitglieder der Rechten, welche schon größtentheils Mißtrauensvoten von ihren Wählern erhielten, gewiß sind, ihre Stellen in der Volksvertretung zu verlieren. Für die morgende Sitzung der Vereinbarer-Versammlung ist noch auf eine leere Ministerbank zu rechnen. Dessenungeachtet werden morgen doch mehrere Anträge berathen werden; der Abgeordnete Hartmann, ein Mitglied der Rechten, welche sich in der letzten Sitzung weigerte, auch nur das Geringste in Abwesenheit der Minister zu berathen, hat den schleunigen Antrag vor der morgenden Tagesordnung gestellt: Die Versammlung wolle beschließen: daß fortan wöchentlich vier Tage ausschließlich zur Berathung des (in den Kommissionen soweit vorbereiteten) Verfassungsentwurfes bestimmt; alle übrigen Anträge, Interpellationen und Gesetze aber ein für alle Mal auf zwei andere, im voraus zu bestimmende Tage jeder Woche verwiesen werden. Ganz Berlin ist heute von der erstaunenswerthen Nachricht überrascht, daß sich gestern das erste und zweite Garderegiment in Potsdam gegen die Willkürmaßregeln ihrer Offiziere offen empört und daß es dabei bis zum Barrikadenbauen gekommen ist. Der Hauptgrund kam von einer Dankadresse, die dem Abgeordneten Stein und der Vereinbarer-Versammlung den Dank der Garde für den Beschluß vom 7. d. M. aussprach und welche schon über 700 Unterschriften zählte, als sie vom Obersten des ersten Garderegiments gestern Vormittag konfiscirt wurde. Hierzu kam noch die Erbitterung des größten Theils der Garde, weil unter dem kleinern Theil, welcher am 18. März in Berlin gekämpft hätte, dieser Tage eine Geldbelohnung vertheilt wurde. Man drang in dieselben, das empfangene Blutgeld zurückzugeben und da dies auch wirklich vielseitig geschah, so fanden sich die Offiziere dadurch sehr beleidigt. ‒ Als nun gestern Morgen nach Confiscirung der Dankadresse an den Abg. Stein eine große Aufregung entstand, ließ der Kommandirende die zwei Garderegimenter ausrücken und hielt ihnen mit eindringlicher preußischer Kürze eine Anrede. Dies erregte aber neuen Unwillen, da kündigte er ihnen an, daß sie zur Strafe einige Tage im Freien bivouaquiren müßten. Dem widersetzten sich die Garden offen, indem sie sagten, nach Annahme des Steinschen Antrages hätten sie nicht mehr nothwendig, sich solchen Befehlen zu unterwerfen. Die Offiziere hielten es fürs angemessenste nach der Stadt zurückzukehren und hier wurden später einige sogenannte Rädelsführer eingesperrt. Jetzt zogen viele Hunderte von den Garden vor die Wache und verlangten die Herausgabe der Gefangenen. Das Volk von Potsdam gesellte sich diesem Verlangen zu, und als man ein anderes Bataillon schickte, um diese zu vertreiben, baute man Barrikaden. Sie, die Garde bauet Barrikaden, vier an der Zahl, läßt den Abg. Stein, die ganze Linke, die Nationalversammlung und die Berliner hoch leben, und das zum Angriff kommandirte Bataillon, welches gleichfalls mit Lebehochs empfangen wird, verweigert jeden Einschritt gegen ihre Brüder, wie man sich ausdrückte. Unter solchen Umständen war nichts weiter zu thun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Offiziere beruhigten die Soldaten und versprachen ihnen Alles mögliche, um nur die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Der König fuhr sogleich nach Charlottenburg, die Prinzen Karl und Adalbert sollen heute Morgen hier angekommen sein. Auch in Nauen, einem nahen Städtchen, wo eine Abtheilung der Garde-Kürassiere in Garnison liegt, ist vergangenen Sonntag eine Scene vorgefallen, welche von dem veranderten Geist, der in der Garde herrscht, Zeugniß gibt. Es fand das Aerndtefest statt und die Bürger hatten sich die Trompeter des Regiments für die Ballmusik engagirt. Dies mißfiel den Offizieren und der Oberst befahl plötzlich, die Trompeter sollten sich in ihr Quartier begeben. Die Bürger weigerten sich dieselben zu entlassen, da sie für den ganzen Abend bezahlt seien. Da rückt eine Abtheilung Kürassiere heran und als die Bürger fest auf ihrer gerechten Sache bestehen, befiehlt der Offizier zum Einhauen. Aber die Kürassiere steckten ruhig ihre Degen wieder ein und einstimmig verweigerten sie auf ruhige Mitbürger einzuhauen. Das thaten die Garde-Kürassiere, welche in der Märzwoche manche Insulten hier begingen. Die Bevölkerung der Grafschaft Ravensberg hat eine mit 1878 Unterschriften versehene Adresse an die Vereinbarer-Versammlung abgesandt, worin verlangt wird, folgende Einrichtungen zu treffen: 1) Die Errichtung von Hypothekenbanken zu Gunsten des Grundbesitzes. 2) Die Aufhebung sämmtlicher Feudallasten ohne alle Entschädigung. 3) Die Umwandlung des bisherigen Steuersystems, Aufhebung sämmtlicher direkten und indirekten Steuern, und Ersetzung derselben durch eine einzige progressive Einkommensteuer. 4) Einführung einer, auf wahrhaft volksthümlicher Grundlage, auf der der Selbstverwaltung der Gemeinden und gleicher Berechtigung aller großjährigen Gemeindemitglieder beruhenden Gemeindeordnung. 5) Regelung der Verhältnisse der Heuerlinge. (Arbeiter der Gutsbesitzer.) Schließlich hoffen die Unterschriebenen, daß in der neu zu schaffenden Verfassung der Grundsatz der Volkssouveränetät überall anerkannt werden wird. * Wien, 10. September. Reichstagssitzung. Tagesordnung: Bericht über die eingegangenen Petitionen. Abg. Borrosch. Wünscht zu wissen, warum in der gestrigen Gesetzes-Proklamation über die Aufhebung der Feudallasten das Wort „Reichstagsbeschluß“ gegen die ausdrückliche Erklärung des Ministeriums nicht zu finden sei. Will dem Ministerium zwei Tage lassen, um darüber nachzudenken. [Feuilleton] Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski. (Fortsetzung.) Ich habe mir oft im Leben Feinde gewünscht, bitter böse Feinde in Menge. Nichts schien mir langweiliger, als mit der ganzen Welt auf gutem Fuße zu stehn. Nun ich älter werde, begreife ich allmählig, daß mein Wunsch in Erfüllung gehen mag, ja, ich glaube an Vater Göthe's Worte und sinnend schaue ich hinaus in die Zukunft. Was wird sie bringen? Wer wird mein Feind sein? Schütze mich Gott vor den Weibern! Ja, ihr unsterblichen Götter, beschützt mich vor dem Haß der Weiber! Kränkt mich mit falschen Freunden, plagt mich mit tobenden Gläubigern; hetzt mir alle Windhunde der Literatur auf den Leib und alle Erzengel der Gerechtigkeit ‒ es wird mir einerlei sein; nur bringt mich nicht um die Liebe der Weiber! ‒ O, ein Weib kann entsetzlich sein. Wehe, wenn eine schöne Frau dir Rache geschworen! Du bist verloren; sie wird dich verderben. Lachen magst du, wenn sie mit dem kleinen Fuße den Boden stampft; lachen, wenn sie die Lilienfinger zu zorniger Faust ballt; lachen, wenn sie erröthet bis über den Busen; lachen, wenn ihre Augen Schmerz und Erbitterung funkeln; lachen, wenn sie gebrochnen Lautes dich verflucht und verdammt, und lächen, wenn sie groß, schlank und gebieterisch sich erhebt, um dir höhnisch die blendenden Zähne zu zeigen. Ja lachen magst du für einen Augenblick, für einen Monat, für ein Jahr; aber kommen wird endlich der Tag, wo ihr Zorn dich erreicht, wo sie mit grausamen Händen dein zitterndes Herz packt, wo sie dein Herz aus der ruchlosen Brust reißt und das blutrothe Herz hell-jubelnd in die Luft wirft und es wieder auffängt wie einen Ball, ja Ball mit deinem Herzen spielt, bis es gebrochen und verblutet ist dein armes blutrothes Herz … Herr von Schnapphahnski hatte nicht das Glück, von einer schönen jungen Frau gehaßt zu werden, was aber noch weit schlimmer war: es haßte ihn eine Frau, die früher einmal schön und jung gewesen. Von München hatte sich unser Ritter nach Wien gewandt. Es war im Februar 1840. Voran eilten ihm wieder Graf K. und General R., die bankerotten Genossen der spanischen Kriege, um ihrem Herrn und Meister den Weg zu bereiten. Wenn sie den Ruhm unseres Helden in München ausgeflüstert hatten, so suchten sie ihn in Wien auszuposaunen. Alle Springfedern wurden wieder in Bewegung gesetzt. Graf K. und General R. wetteiferten in Erfindung der mährchenhaftesten Aventüren. Ein Louvet hat seinem Chevalier keine interessanteren Streiche angedichtet, als die beiden Landsknechte des Don Carlos unserem trefflichen Junker. Weit vor den Gasconnaden der beiden sinnreichen Herolde, flog indeß unserm Ritter ein solcher Ruf von Unausstehlichkeit und Inpertinenz, von Indiskretion und Essconterie vorher, daß sich schon längst, ehe er in Wien eintraf, eine wahre Ligue in der Wiener Gesellschaft gebildet hatte, die fest entschlossen war, unsern Helden weder zu sehen, noch zu empfangen. Die Geschichte mit der Gräfin S., die Jedermann bekannt war, trug viel zu dieser allgemeinen Abneigung bei. Man fragte sich erstaunt, wie es ein Edelmann noch wagen könne, öffentlich aufzutreten, wenn er sich jeden Augenblick den Stöcken der gräflichen Lakaien aussetzen müsse, und mit stillem Hohngelächter sah man der Ankunft des Ritters entgegen. Endlich erschien er, schön wie immer. „Zierlich saß ihm Rock und Höschen, Doch noch zierlicher die Binde. ‒ “ Beau Brummel, der Dandy König Georg's IV., tändelte nicht koketter durch das Drawing-room seines Herrn, als Hr. v. Schnapphahnski durch die Wiener Gassen. Aber ach, vergebens war alle Liebenswürdigkeit unseres Ritters. Umsonst ließ er alle Minen springen. Das ganze Pulver seiner Frechheit verschoß er Schuß auf Schuß; aber er schoß keine Bresche in die Wiener Gesellschaft. Ein einziger Mann, ein Löwe der Wiener Salons, Fürst H … nahm sich zuletzt aus Mitleid seiner an und vielleicht hätte der große Credit dieses Mannes ihn „durchgesetzt“, wenn sich nicht plötzlich wieder eine andere Jugendsünde unseres Helden, ganz im Style seines Abentheuers mit Carlotten, auf eine schreckliche Weise an ihm gerächt hätte. Die kleine Historie, die wir jetzt erzählen werden, greift so tief in das Wiener Leben ein, und berührt so weltbekannte Personen, daß wir uns, um nicht indiskret zu werden, lieber aller Ausschmückungen enthalten wollen, um uns rein an die vorliegenden von sehr guter Hand geschriebenen Aktenstücke zu halten. Prahlend hatte nemlich einst Herr von Schnapphanski bei seinem Aufenthalt in Paris einigen Freunden das Portrait der Fürstin …, der Gemahlin jenes Mannes, vorgezeigt, der noch bis vor Kurzem die Geschicke so vieler Völker in seinen Händen hatte, und der vielleicht in diesem Augenblicke mit dem alten Usurier der Tuilerien auf dem Schachbret jenes Spielchen wieder aufnimmt, was er auf dem Felde der Politik jüngst so schmählich verlor. Herr von Schnapphanski rühmte sich, daß er in der Gunst dieser Dame gestanden habe. „Die Fürstin, hinlänglich blasirt darüber, wenn man sich ihrer Liebesgunst rühmte, wo diese wirklich gespendet wurde, wollte es gleichwohl nicht dulden, daß ihr Ruf leide, wo sie keine Gegenleistung erhalten hatte.“ ‒ Ich führe diese Passage wörtlich aus den vorliegenden Manuscripten an, da sie von zu köstlicher Naivetät ist, als daß auch nur ein Jota daran verändert werden dürfte. Wohl zu merken: die Fürstin will ihrem Gemahle nur deswegen keine Hörner von unserm Ritter aufgesetzt wissen, weil sie keine „Gegenleistung“ von ihm erhalten hat!

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 104. Köln, 16. September 1848, S. 0517. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz104_1848/1>, abgerufen am 22.09.2019.