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Mährisches Tagblatt. Nr. 71, Olmütz, 29.03.1886.

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"Mährische Tagblatt"
mit der illustr. Wochenbeilag
"Illustrirt. Sonntagsblatt"
erscheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich
Ausgabe 2 Uhr Nachmittags
im Administrations-Locale
Niederring Nr. 41 neu
ober den Fleischbänken.


Abounement für Olmütz
Ganzjährig fl. 10.--
Halbjährig " 5.--
Vierteljährig " 2.50
Monatlich " --.90

Zustellung ins Haus monat-
lich 10 Kreuzer.

Auswärts durch die Post
Ganzjährig fl. 14.--
Halbjährig " 7.--
Vierteljährig " 3.50

Einzelne Nummer 5 Kreuzer.


[Spaltenumbruch]
Mährisches
Tagblatt.

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Insertionsgebühre
die 4mal gespaltene Petitzeik
oder deren Raum 6 Kreuzer




Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge:
Heinrich Schalek, Annon-
cen-E[x]ped. in Wien, I., Woll-
zeile Nr. 1. Haasenstein &
Vogler
in Wien, Prag, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M[.]
Hamburg, Basel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien Rud.
Mosse
in Wien, München u.
Berlin, G. L. Daube u. Co.
(lg. Knoll,
Wien, I., Singer-
straße 11 a, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner's Annoncen-
bureau in Hamburg, sowie
sämmtl. conc. Insertions-Bu-
reaux des In- u. Auslandes.




Manuscripte werden nicht
zurückgestellt.




Nr. 71. Olmütz, Montag, den 29. März 1886. 7. Jahrgang



[Spaltenumbruch]
Die anarchistischen Anruhen in
Belgien.


Wahre Schreckensnachrichten, welche das In-
teresse an der bulgarischen Frage, der irischen
Reform und der Ministercrisis in London für
den Moment in den Hintergrund drängen, sind
gestern aus Belgien eingetroffen; die Arbeiter-Un-
ruhen breiten sich immer weiter aus und die Anar-
chisten, die unversöhnlichen Feinde alles Bestehen-
den, sind es, welche die Ereignisse leiten, deren
Mittelpunct jetzt Charleroi geworden ist.
Die Umstürzler schwingen die Brandfackel und di-
rigiren das Zerstörungswerk mit steigender Wuth.
Die genannte Stadt scheint sich in der größten
Gefahr befunden zu haben, da endlich der Mi-
nisterrath in Brüssel beschloß, den geängstigten
Einwohnern von Charleroi Truppen zu Hilfe zu
schicken. Ursprünglich sollte die Garnison der Re-
sidenz nicht geschwächt werden, allein angesichts
der Catastrophe, von welcher Charleroi bedroht
war, mußte man schleunigst für Hilfe sorgen. In-
zwischen häufen die fanatischen Rotten, welche der
Sache der ehrlichen Arbeiter schweren Schaden
zufügen, Greuel auf Greuel; nach den Meldnn-
gen der eingetroffenen officiellen Depeschen wur-
den in der Umgegend von Charleroi fünf
Schlösser und acht große Glasfa-
briken niedergebrannt,
nachdem sie vor-
her geplündert worden waren; da wird also ein
Krieg gegen das Eigenthum geführt, und daß in
diesem Kriege die Vertheidiger keine Schonung
gegen die Angreifer mehr üben, ist das nächste
[Spaltenumbruch] blutige Resultat der schauerlichen Vorgänge, bei
denen der Anarchimus zeigt, wessen er fähig ist.

Heute und gestern sind uns über die Unruhen
in Belgien folgende Origl.-Telramme zugekommen:

Die Zugänge zum
Rathhause sind abgesperrt. Chasseurs a cheval
beobachten an den Höhen von Montiguy aus die
Bewegungen der Strikenden. Bei Mambourg
stehen Chasseurs und Eclaireurs. Die Brücken,
der Dammübergang und der Bahnhof werden
von Truppen überwacht. Zahlreiche Verhastungen
sind erfolgt. Die Bevölkerung bleibt in den Woh-
nungen. Abends versuchten Strikende die Mauer
eines Hüttenwerkes zu übersteigen. Die Truppen
gaben Feuer, worauf die Strikenden zurückgingen,
indem sie die Drohung ausstießen, in größerer
Zahl wiederzukommen.

In Folge der An-
wesenheit der Truppen ist die Lage
beruhigter.
General Vandersmissen erließ
eine Proclamation, in welcher er für den Fall
erneuter Unruhen strenges Einschreiten ankündigt.

Vormittags. Die
Nacht ist hier verhältnißmäßig ruhig verlaufen.
Die Truppen besetzten die Anhöhen, die Bürger-
garde die Brücken. Die Strikenden, die sich gestern
innerhalb der Stadt befanden, werden nicht
hinausgelassen. Es finden zahlreiche Verhaftungen
statt. Auch von auswärts werden zahlreiche Ge-
fangene eingeliefert. In der Nacht wurde in der
Richtung von Chatelet, Farciennes und Frame-
ries Gewehrfeuer gehört. Gegen Mitternacht
wurde von Louviere Hilfe angerufen, wo Hütten
und Kohlenwerke geplündert wurden, in Folge
dessen wurden 500 Mann Truppen dahin abge-
[Spaltenumbruch] sendet. General Vandersmissen läßt die Truppen
concentrische Bewegungen ausführen, um die
Strikenden in den verschiedenen Gemeinden des
Kohlenreviers von Charleroi einzuschließen. In
Roux, Farciennes und Chatelineau fanden erneute
Zusammenstöße statt, wobei mehrere Personen
getödtet und verwundet wurden. Neue Truppen-
verstärkungen passiren Charleroi und werden nach
Mons und Louviere dirigirt.




Reichsrath.
Sitzung des Abgeordnetenhauses vom
27. März.


Präsident Dr. Smolka eröffnet die Sitzung
um 10 Uhr 15 Minuten.

Auf der Ministerbank: Graf Taaffe,
Ziemialkowski, Prazak, Pußwald.

Im Einlaufe befinden sich zwei Petitionen
aus dem Gablonzer Bezirke gegen das Land-
sturmgesetz. Auf Antrag des Abgeordneten Bendel
welcher hervorhebt, daß die Petitionen zahlreiche
Unterschriften aufweisen, trotzdem die Versamm-
lungen verboten wurden, in denen über diese
Petitionen berathen werden sollte, werden die-
selben dem stenographischen Protocolle beigelegt.

Abg. Strache (zu einer thatsächlichen
Berichtigung) erklärt, zwei Aeußerungen in der
gestrigen Rede des Minister-Präsidenten richtig-
stellen zu müssen. Derselbe habe ihm (Redner)
eine Aeußerung zugeschoben, welche ein Bedauern
über die Anstellung so vieler Cavaliere enthält.




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Ein geistliches Original.

(Original-Feuilleton des "Mährischen Tagblattes.")

In den nachfolgenden Zeilen wollen wir
eine kurze Biographie und Characteristik eines
vor einiger Zeit verstorbenen Geistlichen geben,
der ein Olmützer war und den Anspruch auf die
Bezeichnung "Original" erwarb. Der Zufall
setzte uns in den Besitz eines Stoßes Maculatur,
welche, halb verbrannt und zerrissen, dennoch ge-
nügendes Material zur Abfassung dieser Studie
bot. Da aber möglicherweise noch Verwandte des
Verstorbenen leben, so wollen wir, um nicht der
Außerachtlassung des de mortuis nil nisi bene
geziehen zu werden, ihn bloß mit Pater Franz J.
und die Orts- sowie sonstigen Namen mit Buch-
staben oder Punkten bezeichnen.

Pater Franz war um das Jahr 1810 ge-
boren, absolvirte seine Gymnasialstudien in Ol-
mütz und trat 1837 ebendaselbst in das Alumnat
ein. Da das fürsterzbischl. Seminacgebäude zum
hl. Michael noch nicht soweit hergestellt war, um
alle Theologen aufnehmen zu können, so wurde
durch den damaligen Erzbischof Maximilian Josef
Freiherrn v. Somerau-Beckh eine Seminariums-
Filiale begründet; zu den hier untergebrachten
Externisten gehörte auch Franz J.

Mit großer Accuratesse verzeichnete er die
Vorschriften, welche sie einzuhalten hatten; aus
[Spaltenumbruch] denselben ist hervorzuheben, daß diese Externisten
ein Handstipendium pr. 80 fl. C. M. für das Jahr
bekamen und daß ihnen gestattet war, von 11--12
Uhr Vorm. sowie von 6--7 Uhr Abends Privat-
unterricht zu ertheilen; nicht uninteressant ist auch
folgender Passus: "§ 15. Da das Tabakrauchen
für Candidaten des geistlichen Standes und
ihren künftigen Beruf ebenso unanständig, als
auch insgemein der Gesundheit schädlich ist, so
wird, wer dieser ungebührlichen Gewohnheit nicht
entsagen will, unausbleiblich aus dem Hause und
zugleich aus der Diöcese entlassen."

Wenn sich auch annehmen läßt, daß unser
junger Theologe mit Frömmigkeit und Pflichtge-
fühl seine Obliegenheiten erfüllte, so scheint ihm
doch eine Fülle von Lebensfreudigkeit innegewohnt
zu haben; wir finden nämlich, angeschlossen an
die weitläufigen Alumnatsvorschriften, sowie die
Tagesordnung voll Beten, Betrachtung und
Schweigen auch Aufzeichnungen von verschiedenen
Gedichten, so z. B. eines unter dem Titel "Das
Lied vor der Ehe," dessen Anfang lautet: "Jüng-
ling, willst du dich verbinden -- O so frag' zuvor
dein Herz -- Ler'n der Liebe Werth empfin-
den -- Mann zu sein ist mehr als Scherz. --
Holdes Lächeln, süßes Küssen -- Ist noch keine
Zärtlichkeit -- Der muß mehr von Liebe wissen,
-- Der sich einer Gattin weiht;" und später
kommt die Strophe: "Drück' das Mädchen, das
du liebst -- An dein Herz und kose -- Weh dir
aber, wenn du brichst -- Ihrer Unschuld Rose.
-- Spiel ein Spielchen, weil das Spiel --
Zei[t]vertreib gewähret -- Spiele aber nicht zu
[Spaltenumbruch] viel -- Was den Beutel leeret." Man sieht,
Franz verstand sich, wenn auch theoretisch, auf
die Liebe, war aber sicher der Mann, der das
rechte Maß schätzte; der Schluß dieses langen
Poems lautet nämlich: "Liebe, tanze, trink' und
spiel' -- Jede Lust ist göttlich: -- Treib es aber
nicht zu viel -- Das Zuviel ist schädlich." --
Den Gesang liebte er ohne Zweifel auch, denn
er notirte sich Julius Mosens "Zu Warschau
schwuren", -- Wie ich bin verwichen -- Zu mein
Dirndl geschlichen" -- "Im Wald und auf der
Haide", -- woran sich unmittelbar ein weitläu-
figer Beichtspiegel schließt.

Nebst Anecdoten, wie jene bekannte, wo einer
"Pech und Schwefel" nicht aussprechen kann und
Studentenliedern finden sich Gebete, sowie eine
Rede, welche bei einem Namensfeste Herr Adam
Suchanek an den Director Ritter von Unkrechts-
berg hielt.

Unser Candidat hatte nunmehr seine Studien
hinter sich und kam 1840 als Cooperator nach
Str. Mit jener Genauigkeit, die wir schon her-
vorgehoben und die ihn in seinem Leben nicht
verlassen hat, führt er auch hier seine Aufzeich-
nungen; freilich sind dieselben, ebenso wie sein
Leben in dem kleinen Orte, der weit von jedem
Verkehre lag, höchst eintönig; so erfahren wir,
wie es am 21. November 1840 mit seiner Gar-
derobe bestellt war; nebst der Kleidung, die er
trug, besaß er damals: Ein Primizkleid, welches
aus einem schwarzen Frack, ditto Beinkleidern
und ditto Weste bestand; einen neuen kirschfar-
bigen Rock, eine schwarze Weste von schwerem


[Spaltenumbruch]

„Mähriſche Tagblatt“
mit der illuſtr. Wochenbeilag
„Illuſtrirt. Sonntagsblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich
Ausgabe 2 Uhr Nachmittags
im Adminiſtrations-Locale
Niederring Nr. 41 neu
ober den Fleiſchbänken.


Abounement für Olmütz
Ganzjährig fl. 10.—
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Vierteljährig „ 2.50
Monatlich „ —.90

Zuſtellung ins Haus monat-
lich 10 Kreuzer.

Auswärts durch die Poſt
Ganzjährig fl. 14.—
Halbjährig „ 7.—
Vierteljährig „ 3.50

Einzelne Nummer 5 Kreuzer.


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Mähriſches
Tagblatt.

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Inſertionsgebühre
die 4mal geſpaltene Petitzeik
oder deren Raum 6 Kreuzer




Außerhalb Olmütz überneh-
men Inſertions-Aufträge:
Heinrich Schalek, Annon-
cen-E[x]ped. in Wien, I., Woll-
zeile Nr. 1. Haasenstein &
Vogler
in Wien, Prag, Buda-
peſt, Berlin, Frankfurt a. M[.]
Hamburg, Baſel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien Rud.
Mosse
in Wien, München u.
Berlin, G. L. Daube u. Co.
(lg. Knoll,
Wien, I., Singer-
ſtraße 11 a, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner’s Annoncen-
bureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl. conc. Inſertions-Bu-
reaux des In- u. Auslandes.




Manuſcripte werden nicht
zurückgeſtellt.




Nr. 71. Olmütz, Montag, den 29. März 1886. 7. Jahrgang



[Spaltenumbruch]
Die anarchiſtiſchen Anruhen in
Belgien.


Wahre Schreckensnachrichten, welche das In-
tereſſe an der bulgariſchen Frage, der iriſchen
Reform und der Miniſtercriſis in London für
den Moment in den Hintergrund drängen, ſind
geſtern aus Belgien eingetroffen; die Arbeiter-Un-
ruhen breiten ſich immer weiter aus und die Anar-
chiſten, die unverſöhnlichen Feinde alles Beſtehen-
den, ſind es, welche die Ereigniſſe leiten, deren
Mittelpunct jetzt Charleroi geworden iſt.
Die Umſtürzler ſchwingen die Brandfackel und di-
rigiren das Zerſtörungswerk mit ſteigender Wuth.
Die genannte Stadt ſcheint ſich in der größten
Gefahr befunden zu haben, da endlich der Mi-
niſterrath in Brüſſel beſchloß, den geängſtigten
Einwohnern von Charleroi Truppen zu Hilfe zu
ſchicken. Urſprünglich ſollte die Garniſon der Re-
ſidenz nicht geſchwächt werden, allein angeſichts
der Cataſtrophe, von welcher Charleroi bedroht
war, mußte man ſchleunigſt für Hilfe ſorgen. In-
zwiſchen häufen die fanatiſchen Rotten, welche der
Sache der ehrlichen Arbeiter ſchweren Schaden
zufügen, Greuel auf Greuel; nach den Meldnn-
gen der eingetroffenen officiellen Depeſchen wur-
den in der Umgegend von Charleroi fünf
Schlöſſer und acht große Glasfa-
briken niedergebrannt,
nachdem ſie vor-
her geplündert worden waren; da wird alſo ein
Krieg gegen das Eigenthum geführt, und daß in
dieſem Kriege die Vertheidiger keine Schonung
gegen die Angreifer mehr üben, iſt das nächſte
[Spaltenumbruch] blutige Reſultat der ſchauerlichen Vorgänge, bei
denen der Anarchimus zeigt, weſſen er fähig iſt.

Heute und geſtern ſind uns über die Unruhen
in Belgien folgende Origl.-Telramme zugekommen:

Die Zugänge zum
Rathhauſe ſind abgeſperrt. Chaſſeurs a cheval
beobachten an den Höhen von Montiguy aus die
Bewegungen der Strikenden. Bei Mambourg
ſtehen Chaſſeurs und Eclaireurs. Die Brücken,
der Dammübergang und der Bahnhof werden
von Truppen überwacht. Zahlreiche Verhaſtungen
ſind erfolgt. Die Bevölkerung bleibt in den Woh-
nungen. Abends verſuchten Strikende die Mauer
eines Hüttenwerkes zu überſteigen. Die Truppen
gaben Feuer, worauf die Strikenden zurückgingen,
indem ſie die Drohung ausſtießen, in größerer
Zahl wiederzukommen.

In Folge der An-
weſenheit der Truppen iſt die Lage
beruhigter.
General Vandersmiſſen erließ
eine Proclamation, in welcher er für den Fall
erneuter Unruhen ſtrenges Einſchreiten ankündigt.

Vormittags. Die
Nacht iſt hier verhältnißmäßig ruhig verlaufen.
Die Truppen beſetzten die Anhöhen, die Bürger-
garde die Brücken. Die Strikenden, die ſich geſtern
innerhalb der Stadt befanden, werden nicht
hinausgelaſſen. Es finden zahlreiche Verhaftungen
ſtatt. Auch von auswärts werden zahlreiche Ge-
fangene eingeliefert. In der Nacht wurde in der
Richtung von Chatelet, Farciennes und Frame-
ries Gewehrfeuer gehört. Gegen Mitternacht
wurde von Louviere Hilfe angerufen, wo Hütten
und Kohlenwerke geplündert wurden, in Folge
deſſen wurden 500 Mann Truppen dahin abge-
[Spaltenumbruch] ſendet. General Vandersmiſſen läßt die Truppen
concentriſche Bewegungen ausführen, um die
Strikenden in den verſchiedenen Gemeinden des
Kohlenreviers von Charleroi einzuſchließen. In
Roux, Farciennes und Chatelineau fanden erneute
Zuſammenſtöße ſtatt, wobei mehrere Perſonen
getödtet und verwundet wurden. Neue Truppen-
verſtärkungen paſſiren Charleroi und werden nach
Mons und Louviere dirigirt.




Reichsrath.
Sitzung des Abgeordnetenhauſes vom
27. März.


Präſident Dr. Smolka eröffnet die Sitzung
um 10 Uhr 15 Minuten.

Auf der Miniſterbank: Graf Taaffe,
Ziemialkowski, Pražak, Pußwald.

Im Einlaufe befinden ſich zwei Petitionen
aus dem Gablonzer Bezirke gegen das Land-
ſturmgeſetz. Auf Antrag des Abgeordneten Bendel
welcher hervorhebt, daß die Petitionen zahlreiche
Unterſchriften aufweiſen, trotzdem die Verſamm-
lungen verboten wurden, in denen über dieſe
Petitionen berathen werden ſollte, werden die-
ſelben dem ſtenographiſchen Protocolle beigelegt.

Abg. Strache (zu einer thatſächlichen
Berichtigung) erklärt, zwei Aeußerungen in der
geſtrigen Rede des Miniſter-Präſidenten richtig-
ſtellen zu müſſen. Derſelbe habe ihm (Redner)
eine Aeußerung zugeſchoben, welche ein Bedauern
über die Anſtellung ſo vieler Cavaliere enthält.




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Ein geiſtliches Original.

(Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes.“)

In den nachfolgenden Zeilen wollen wir
eine kurze Biographie und Characteriſtik eines
vor einiger Zeit verſtorbenen Geiſtlichen geben,
der ein Olmützer war und den Anſpruch auf die
Bezeichnung „Original“ erwarb. Der Zufall
ſetzte uns in den Beſitz eines Stoßes Maculatur,
welche, halb verbrannt und zerriſſen, dennoch ge-
nügendes Material zur Abfaſſung dieſer Studie
bot. Da aber möglicherweiſe noch Verwandte des
Verſtorbenen leben, ſo wollen wir, um nicht der
Außerachtlaſſung des de mortuis nil nisi bene
geziehen zu werden, ihn bloß mit Pater Franz J.
und die Orts- ſowie ſonſtigen Namen mit Buch-
ſtaben oder Punkten bezeichnen.

Pater Franz war um das Jahr 1810 ge-
boren, abſolvirte ſeine Gymnaſialſtudien in Ol-
mütz und trat 1837 ebendaſelbſt in das Alumnat
ein. Da das fürſterzbiſchl. Seminacgebäude zum
hl. Michael noch nicht ſoweit hergeſtellt war, um
alle Theologen aufnehmen zu können, ſo wurde
durch den damaligen Erzbiſchof Maximilian Joſef
Freiherrn v. Somerau-Beckh eine Seminariums-
Filiale begründet; zu den hier untergebrachten
Externiſten gehörte auch Franz J.

Mit großer Accurateſſe verzeichnete er die
Vorſchriften, welche ſie einzuhalten hatten; aus
[Spaltenumbruch] denſelben iſt hervorzuheben, daß dieſe Externiſten
ein Handſtipendium pr. 80 fl. C. M. für das Jahr
bekamen und daß ihnen geſtattet war, von 11—12
Uhr Vorm. ſowie von 6—7 Uhr Abends Privat-
unterricht zu ertheilen; nicht unintereſſant iſt auch
folgender Paſſus: „§ 15. Da das Tabakrauchen
für Candidaten des geiſtlichen Standes und
ihren künftigen Beruf ebenſo unanſtändig, als
auch insgemein der Geſundheit ſchädlich iſt, ſo
wird, wer dieſer ungebührlichen Gewohnheit nicht
entſagen will, unausbleiblich aus dem Hauſe und
zugleich aus der Diöceſe entlaſſen.“

Wenn ſich auch annehmen läßt, daß unſer
junger Theologe mit Frömmigkeit und Pflichtge-
fühl ſeine Obliegenheiten erfüllte, ſo ſcheint ihm
doch eine Fülle von Lebensfreudigkeit innegewohnt
zu haben; wir finden nämlich, angeſchloſſen an
die weitläufigen Alumnatsvorſchriften, ſowie die
Tagesordnung voll Beten, Betrachtung und
Schweigen auch Aufzeichnungen von verſchiedenen
Gedichten, ſo z. B. eines unter dem Titel „Das
Lied vor der Ehe,“ deſſen Anfang lautet: „Jüng-
ling, willſt du dich verbinden — O ſo frag’ zuvor
dein Herz — Ler’n der Liebe Werth empfin-
den — Mann zu ſein iſt mehr als Scherz. —
Holdes Lächeln, ſüßes Küſſen — Iſt noch keine
Zärtlichkeit — Der muß mehr von Liebe wiſſen,
— Der ſich einer Gattin weiht;“ und ſpäter
kommt die Strophe: „Drück’ das Mädchen, das
du liebſt — An dein Herz und koſe — Weh dir
aber, wenn du brichſt — Ihrer Unſchuld Roſe.
— Spiel ein Spielchen, weil das Spiel —
Zei[t]vertreib gewähret — Spiele aber nicht zu
[Spaltenumbruch] viel — Was den Beutel leeret.“ Man ſieht,
Franz verſtand ſich, wenn auch theoretiſch, auf
die Liebe, war aber ſicher der Mann, der das
rechte Maß ſchätzte; der Schluß dieſes langen
Poems lautet nämlich: „Liebe, tanze, trink’ und
ſpiel’ — Jede Luſt iſt göttlich: — Treib es aber
nicht zu viel — Das Zuviel iſt ſchädlich.“ —
Den Geſang liebte er ohne Zweifel auch, denn
er notirte ſich Julius Moſens „Zu Warſchau
ſchwuren“, — Wie ich bin verwichen — Zu mein
Dirndl geſchlichen“ — „Im Wald und auf der
Haide“, — woran ſich unmittelbar ein weitläu-
figer Beichtſpiegel ſchließt.

Nebſt Anecdoten, wie jene bekannte, wo einer
„Pech und Schwefel“ nicht ausſprechen kann und
Studentenliedern finden ſich Gebete, ſowie eine
Rede, welche bei einem Namensfeſte Herr Adam
Suchanek an den Director Ritter von Unkrechts-
berg hielt.

Unſer Candidat hatte nunmehr ſeine Studien
hinter ſich und kam 1840 als Cooperator nach
Stř. Mit jener Genauigkeit, die wir ſchon her-
vorgehoben und die ihn in ſeinem Leben nicht
verlaſſen hat, führt er auch hier ſeine Aufzeich-
nungen; freilich ſind dieſelben, ebenſo wie ſein
Leben in dem kleinen Orte, der weit von jedem
Verkehre lag, höchſt eintönig; ſo erfahren wir,
wie es am 21. November 1840 mit ſeiner Gar-
derobe beſtellt war; nebſt der Kleidung, die er
trug, beſaß er damals: Ein Primizkleid, welches
aus einem ſchwarzen Frack, ditto Beinkleidern
und ditto Weſte beſtand; einen neuen kirſchfar-
bigen Rock, eine ſchwarze Weſte von ſchwerem


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[[1]/0001] „Mähriſche Tagblatt“ mit der illuſtr. Wochenbeilag „Illuſtrirt. Sonntagsblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich Ausgabe 2 Uhr Nachmittags im Adminiſtrations-Locale Niederring Nr. 41 neu ober den Fleiſchbänken. Abounement für Olmütz Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 Kreuzer. Auswärts durch die Poſt Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummer 5 Kreuzer. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühre die 4mal geſpaltene Petitzeik oder deren Raum 6 Kreuzer Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge: Heinrich Schalek, Annon- cen-Exped. in Wien, I., Woll- zeile Nr. 1. Haasenstein & Vogler in Wien, Prag, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig Alois Opellik, in Wien Rud. Mosse in Wien, München u. Berlin, G. L. Daube u. Co. (lg. Knoll, Wien, I., Singer- ſtraße 11 a, Frankfurt a. M. Adolf Steiner’s Annoncen- bureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertions-Bu- reaux des In- u. Auslandes. Manuſcripte werden nicht zurückgeſtellt. Nr. 71. Olmütz, Montag, den 29. März 1886. 7. Jahrgang Die anarchiſtiſchen Anruhen in Belgien. Wien, 28. März. Wahre Schreckensnachrichten, welche das In- tereſſe an der bulgariſchen Frage, der iriſchen Reform und der Miniſtercriſis in London für den Moment in den Hintergrund drängen, ſind geſtern aus Belgien eingetroffen; die Arbeiter-Un- ruhen breiten ſich immer weiter aus und die Anar- chiſten, die unverſöhnlichen Feinde alles Beſtehen- den, ſind es, welche die Ereigniſſe leiten, deren Mittelpunct jetzt Charleroi geworden iſt. Die Umſtürzler ſchwingen die Brandfackel und di- rigiren das Zerſtörungswerk mit ſteigender Wuth. Die genannte Stadt ſcheint ſich in der größten Gefahr befunden zu haben, da endlich der Mi- niſterrath in Brüſſel beſchloß, den geängſtigten Einwohnern von Charleroi Truppen zu Hilfe zu ſchicken. Urſprünglich ſollte die Garniſon der Re- ſidenz nicht geſchwächt werden, allein angeſichts der Cataſtrophe, von welcher Charleroi bedroht war, mußte man ſchleunigſt für Hilfe ſorgen. In- zwiſchen häufen die fanatiſchen Rotten, welche der Sache der ehrlichen Arbeiter ſchweren Schaden zufügen, Greuel auf Greuel; nach den Meldnn- gen der eingetroffenen officiellen Depeſchen wur- den in der Umgegend von Charleroi fünf Schlöſſer und acht große Glasfa- briken niedergebrannt, nachdem ſie vor- her geplündert worden waren; da wird alſo ein Krieg gegen das Eigenthum geführt, und daß in dieſem Kriege die Vertheidiger keine Schonung gegen die Angreifer mehr üben, iſt das nächſte blutige Reſultat der ſchauerlichen Vorgänge, bei denen der Anarchimus zeigt, weſſen er fähig iſt. Heute und geſtern ſind uns über die Unruhen in Belgien folgende Origl.-Telramme zugekommen: Charleroi, 27. März. Die Zugänge zum Rathhauſe ſind abgeſperrt. Chaſſeurs a cheval beobachten an den Höhen von Montiguy aus die Bewegungen der Strikenden. Bei Mambourg ſtehen Chaſſeurs und Eclaireurs. Die Brücken, der Dammübergang und der Bahnhof werden von Truppen überwacht. Zahlreiche Verhaſtungen ſind erfolgt. Die Bevölkerung bleibt in den Woh- nungen. Abends verſuchten Strikende die Mauer eines Hüttenwerkes zu überſteigen. Die Truppen gaben Feuer, worauf die Strikenden zurückgingen, indem ſie die Drohung ausſtießen, in größerer Zahl wiederzukommen. Charleroi, 28. März. In Folge der An- weſenheit der Truppen iſt die Lage beruhigter. General Vandersmiſſen erließ eine Proclamation, in welcher er für den Fall erneuter Unruhen ſtrenges Einſchreiten ankündigt. Charleroi, 28. März. Vormittags. Die Nacht iſt hier verhältnißmäßig ruhig verlaufen. Die Truppen beſetzten die Anhöhen, die Bürger- garde die Brücken. Die Strikenden, die ſich geſtern innerhalb der Stadt befanden, werden nicht hinausgelaſſen. Es finden zahlreiche Verhaftungen ſtatt. Auch von auswärts werden zahlreiche Ge- fangene eingeliefert. In der Nacht wurde in der Richtung von Chatelet, Farciennes und Frame- ries Gewehrfeuer gehört. Gegen Mitternacht wurde von Louviere Hilfe angerufen, wo Hütten und Kohlenwerke geplündert wurden, in Folge deſſen wurden 500 Mann Truppen dahin abge- ſendet. General Vandersmiſſen läßt die Truppen concentriſche Bewegungen ausführen, um die Strikenden in den verſchiedenen Gemeinden des Kohlenreviers von Charleroi einzuſchließen. In Roux, Farciennes und Chatelineau fanden erneute Zuſammenſtöße ſtatt, wobei mehrere Perſonen getödtet und verwundet wurden. Neue Truppen- verſtärkungen paſſiren Charleroi und werden nach Mons und Louviere dirigirt. Reichsrath. Sitzung des Abgeordnetenhauſes vom 27. März. Wien, 27. März. Präſident Dr. Smolka eröffnet die Sitzung um 10 Uhr 15 Minuten. Auf der Miniſterbank: Graf Taaffe, Ziemialkowski, Pražak, Pußwald. Im Einlaufe befinden ſich zwei Petitionen aus dem Gablonzer Bezirke gegen das Land- ſturmgeſetz. Auf Antrag des Abgeordneten Bendel welcher hervorhebt, daß die Petitionen zahlreiche Unterſchriften aufweiſen, trotzdem die Verſamm- lungen verboten wurden, in denen über dieſe Petitionen berathen werden ſollte, werden die- ſelben dem ſtenographiſchen Protocolle beigelegt. Abg. Strache (zu einer thatſächlichen Berichtigung) erklärt, zwei Aeußerungen in der geſtrigen Rede des Miniſter-Präſidenten richtig- ſtellen zu müſſen. Derſelbe habe ihm (Redner) eine Aeußerung zugeſchoben, welche ein Bedauern über die Anſtellung ſo vieler Cavaliere enthält. Feuilleton. Ein geiſtliches Original. Characteriſtik eines Olmützers von Ekk ..... (Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes.“) In den nachfolgenden Zeilen wollen wir eine kurze Biographie und Characteriſtik eines vor einiger Zeit verſtorbenen Geiſtlichen geben, der ein Olmützer war und den Anſpruch auf die Bezeichnung „Original“ erwarb. Der Zufall ſetzte uns in den Beſitz eines Stoßes Maculatur, welche, halb verbrannt und zerriſſen, dennoch ge- nügendes Material zur Abfaſſung dieſer Studie bot. Da aber möglicherweiſe noch Verwandte des Verſtorbenen leben, ſo wollen wir, um nicht der Außerachtlaſſung des de mortuis nil nisi bene geziehen zu werden, ihn bloß mit Pater Franz J. und die Orts- ſowie ſonſtigen Namen mit Buch- ſtaben oder Punkten bezeichnen. Pater Franz war um das Jahr 1810 ge- boren, abſolvirte ſeine Gymnaſialſtudien in Ol- mütz und trat 1837 ebendaſelbſt in das Alumnat ein. Da das fürſterzbiſchl. Seminacgebäude zum hl. Michael noch nicht ſoweit hergeſtellt war, um alle Theologen aufnehmen zu können, ſo wurde durch den damaligen Erzbiſchof Maximilian Joſef Freiherrn v. Somerau-Beckh eine Seminariums- Filiale begründet; zu den hier untergebrachten Externiſten gehörte auch Franz J. Mit großer Accurateſſe verzeichnete er die Vorſchriften, welche ſie einzuhalten hatten; aus denſelben iſt hervorzuheben, daß dieſe Externiſten ein Handſtipendium pr. 80 fl. C. M. für das Jahr bekamen und daß ihnen geſtattet war, von 11—12 Uhr Vorm. ſowie von 6—7 Uhr Abends Privat- unterricht zu ertheilen; nicht unintereſſant iſt auch folgender Paſſus: „§ 15. Da das Tabakrauchen für Candidaten des geiſtlichen Standes und ihren künftigen Beruf ebenſo unanſtändig, als auch insgemein der Geſundheit ſchädlich iſt, ſo wird, wer dieſer ungebührlichen Gewohnheit nicht entſagen will, unausbleiblich aus dem Hauſe und zugleich aus der Diöceſe entlaſſen.“ Wenn ſich auch annehmen läßt, daß unſer junger Theologe mit Frömmigkeit und Pflichtge- fühl ſeine Obliegenheiten erfüllte, ſo ſcheint ihm doch eine Fülle von Lebensfreudigkeit innegewohnt zu haben; wir finden nämlich, angeſchloſſen an die weitläufigen Alumnatsvorſchriften, ſowie die Tagesordnung voll Beten, Betrachtung und Schweigen auch Aufzeichnungen von verſchiedenen Gedichten, ſo z. B. eines unter dem Titel „Das Lied vor der Ehe,“ deſſen Anfang lautet: „Jüng- ling, willſt du dich verbinden — O ſo frag’ zuvor dein Herz — Ler’n der Liebe Werth empfin- den — Mann zu ſein iſt mehr als Scherz. — Holdes Lächeln, ſüßes Küſſen — Iſt noch keine Zärtlichkeit — Der muß mehr von Liebe wiſſen, — Der ſich einer Gattin weiht;“ und ſpäter kommt die Strophe: „Drück’ das Mädchen, das du liebſt — An dein Herz und koſe — Weh dir aber, wenn du brichſt — Ihrer Unſchuld Roſe. — Spiel ein Spielchen, weil das Spiel — Zeitvertreib gewähret — Spiele aber nicht zu viel — Was den Beutel leeret.“ Man ſieht, Franz verſtand ſich, wenn auch theoretiſch, auf die Liebe, war aber ſicher der Mann, der das rechte Maß ſchätzte; der Schluß dieſes langen Poems lautet nämlich: „Liebe, tanze, trink’ und ſpiel’ — Jede Luſt iſt göttlich: — Treib es aber nicht zu viel — Das Zuviel iſt ſchädlich.“ — Den Geſang liebte er ohne Zweifel auch, denn er notirte ſich Julius Moſens „Zu Warſchau ſchwuren“, — Wie ich bin verwichen — Zu mein Dirndl geſchlichen“ — „Im Wald und auf der Haide“, — woran ſich unmittelbar ein weitläu- figer Beichtſpiegel ſchließt. Nebſt Anecdoten, wie jene bekannte, wo einer „Pech und Schwefel“ nicht ausſprechen kann und Studentenliedern finden ſich Gebete, ſowie eine Rede, welche bei einem Namensfeſte Herr Adam Suchanek an den Director Ritter von Unkrechts- berg hielt. Unſer Candidat hatte nunmehr ſeine Studien hinter ſich und kam 1840 als Cooperator nach Stř. Mit jener Genauigkeit, die wir ſchon her- vorgehoben und die ihn in ſeinem Leben nicht verlaſſen hat, führt er auch hier ſeine Aufzeich- nungen; freilich ſind dieſelben, ebenſo wie ſein Leben in dem kleinen Orte, der weit von jedem Verkehre lag, höchſt eintönig; ſo erfahren wir, wie es am 21. November 1840 mit ſeiner Gar- derobe beſtellt war; nebſt der Kleidung, die er trug, beſaß er damals: Ein Primizkleid, welches aus einem ſchwarzen Frack, ditto Beinkleidern und ditto Weſte beſtand; einen neuen kirſchfar- bigen Rock, eine ſchwarze Weſte von ſchwerem

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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 71, Olmütz, 29.03.1886, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches71_1886/1>, abgerufen am 19.08.2018.