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Mährisches Tagblatt. Nr. 19, Olmütz, 24.01.1890.

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Das
"Mährische Tagblatt"
mit der illustr. alle 14 Tage
1 Bogen stark erscheinenden
"Illustrirt. Sonntagsbeil."
erscheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
Ausgabe 2 Uhr Nachmittag
im Administrationslocale.
Niederring Nr. 41 neu
ober den Fleischbänken.

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Einzelne Nummern 5 Kreuzer.


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Mährisches
Tagblatt.

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Insertionsgebühren
nach aufliegendem Tarif.




Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge.
Heinrich Schalek, Annon-
cen-Exped. in Wien, I., Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein &
Vogler
in Wien, Prag, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M.,
Hamburg, Basel und Leipzig,
Alois Opellik, in Wien, Rud
Mosse
in Wien, München u
Berlin, M. Dukes, Wien I.
Schulerstraße 8. G. L. Daube
u. Co.,
Frankfurt a. M.
Adolf Steiner's Annoncen-
bureau in Hamburg, sowie
sämmtl. conc. Insertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes-




Manuscripte werden nicht zu
rückgestellt.




Nr. 19. Olmütz, Freitag, den 24. Jänner 1890. 11. Jahrgang



[Spaltenumbruch]
Der Ausgleich.


Die "Frankfurter Zeitung" widmet den
Ausgleichs-Conferenzen folgende Be-
trachtungen:

Der Ausgleich zwischen Deutschen und Tsche-
chen ist glücklich zu Stande gebracht worden.
Ein Werk, das zu vollbringen für unmöglich er-
achtet wurde, ist damit vollendet zur Freude und
Genugthuung derjenigen Elemente in Oesterreich,
welche der Ueberzeugung sind, daß alle Völker
des vielsprachigen Reiches an der Herstellung des
inneren Friedens ein Interesse haben. Das na-
tionale Gezänk hat lange genug gedauert; wichtige
politische und wirthschaftliche Fragen sind in den
Hintergrund gedrängt worden, weil nationale
Angelegenheiten die allgemeine Aufmerksamkeit in
Anspruch nahmen.

Die getroffenen Abmachungen erstrecken sich
auf alle Fragen, welche der Ausgleichs-Conferenz
vorlagen. In allen Puncten ist eine Einigung
erzielt worden. Das Conferenzprotocoll ist vor-
gestern unterzeichnet worden und wird alsbald
den in Betracht kommenden Factoren, nämlich
dem tschechischen Rumpflandtag und den deutsch-
böhmischen Abgeordneten, vorgelegt werden.

Was die Deutschen erreicht haben, ist fast
Alles, jedenfalls so viel, als sie zu erreichen hoffen
dursten. Die Sprachenverordnung wird fallen ge-
lassen, und an ihre Stelle ein Erlaß treten, welcher
nach den in den Berathungen vereinbarten Grund-
sätzen den Wünschen der Deutschen entgegen-
[Spaltenumbruch] kommt. Auf dem Gebiete der Schule, des Gerichts-
wesens und der Verwaltung sind der deutschen
Bevölkerung werthvolle Garantien gegen eine
Beeinträchtigung ihres nationalen Lebens zuge-
standen worden. Von ganz besonderem Werthe
ist auch die Errichtung von Landtagscurien, wel-
chen in nationalen Fragen ein Vetorecht einge-
räumt werden soll. Dadurch wird dauernd ver-
hindert, daß die eine oder andere der in Böh-
men lebenden Nationen geschädigt und hintange-
setzt werde.

Daß das Werk des Ausgleiches gelungen
ist, ist ein Verdienst aller der an den Verhand-
lungen Betheiligten. Hervorgehoben wird insbe-
sondere die Mitwirkung des Kaisers, dessen fried-
fertiger Natur von jeher der nationale Streit
zuwider war. Kaiser Franz Josef hätte den Grafen
Taaffe längst fallen lassen, wenn er nicht von
dessen versöhnlichen und friedlichen Absichten über-
zeugt wäre. Der Ministerpräsident mag nun
allerdings die aufrichtigsten Versöhnungstendenzen
besessen haben, seine Politik aber hat keine Er-
folge zu erzielen vermocht. Schließlich ist denn
auch dem Grafen Taaffe die Erkenntniß gekom-
men, daß eine österreichische Politik ohne oder
gar gegen die Deutschen auf die Dauer
nicht gemacht werden kann und so hat er es versucht,
auf einem neuen Wege die Versöhnung zu suchen.
Auch den Deutschen und den Tschechen gebührt
für ihre Haltung in den Ausgleichsconferenzen
volles Lob. Diese konnten nur erfolgreich sein,
wenn beide Theile sich nachgebend und entgegen-
kommend verhielten.


[Spaltenumbruch]

Daß aber der Waffenstillstand, welcher von
den Führern unter thätiger Mitwirkung der Re-
gierung vorläufig vereinbart wurde, von den
entscheidenden Factoren, nämlich den Abgeordne-
ten und dem Volke, anerkannt werden wird,
scheint keinem Zweifel zu unterliegen. Das Frie-
densbedürfniß ist bei Deutschen und Tschechen
gleich groß und man wird hüben und
drüben mit Genugthuung das Ende des un-
fruchtbaren Zwistes begrüßen. Wer möchte auch die
Verantwortung auf sich nehmen, jetzt noch das
Werk, das nach redlicher Mühe zu Stande ge-
bracht wurde, scheitern zu lassen? Kommt der
Ausgleich, so wie er vereinbart wurde, zu Stande,
so ist den Deutschen ein wirksamer Schutz ihrer
Rechte und ihres Besitzes gewährleistet. Das ist
ein Erfolg, den kein Deutscher in Frage stellen
darf. Und ebenso wird es den fanatischsten Jung-
tschechen nicht leicht werden, gegen den Ausgleich
Stellung zu nehmen. Auch sie reden ja von Ver-
söhnung, auch sie behaupten ja, daß der nat[io-]
nale Kampf beendet werden müsse. Bemerkens-
werther Weise hat die jungtschechische Presse auch
allmälig eine der Ausgleichsaction viel freund-
lichere Stellung eingenommen, während sie ur-
sprünglich das ganze Unternehmen im Tone der
Entrüstung und des Hohnes besprochen hatte.

Für Böhmen wäre sonach endlich der lang
ersehnte Frieden in Aussicht. Wahrlich ein er-
freulicher Gedanke, wenn man auf die Geschichte
dieses Kronlandes zurück blickt. Unsägliches Elend
hat der deutsch-tschechische Widerstreit über dieses
Land gebracht von den Hussiten-Kriegen bis zur




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Erinnerungen an Schubert und
Beethoven.

Der soeben verstorbene Musiker Franz Lachner
hat von Zeit zu Zeit Bruchstücke aus seinen
Memoiren veröffentlicht. Wir reproduciren hier
seine Begegnungen mit Schubert und Beethoven:




Bald sind es sechzig Jahre, seit ich Wien
zum ersten Mal betrat, von wo ich nach zwölf-
jährigem Verweilen nach Mannheim übersiedelte.
Und doch stehen jetzt, nach so langer Zeit, aus
jener Periode noch so viele Bilder so lebendig
vor meinem Auge, als ob ich sie erst gestern
gesehen.

Es war an einem schönen Herbsttage des
Jahres 1822, als ich nach zweijährigem, unter
bitteren Entbehrungen und eifrigen musikalischen
Studien zugebrachten Aufenthalte München ver-
ließ und als 19jähriger Jüngling auf einem
Flosse über Landshut, Plattling und Passan
nach Wien fuhr. Indem ich diese Fahrt unter-
nahm, folgte ich, lediglich auf meinen Stern
bauend, dem inneren Drange nach der Metropole
der Musik, in der ein Gluck, Haydn und Mozart
gelebt und geschaffen hatten und Beethoven eben
im Zenith seines Ruhmes stand.

Die einzige Empfehlung, die ich mir zu
verschaffen wußte, war ein Brief eines Hand-
[Spaltenumbruch] lungs-Commis in München an einen Collegen
in Wien. Meine Baarmittel betrugen im Ganzen
18 fl., dem Erlöse aus dem Verkaufe einer
kleinen ererbten Bibliothek, welche nach ein-
maligem Durchlesen für mich weiter keinen Werth
hatte.

Leider passirte mir auf der Mauth an der
österreichischen Grenze in Nußdorf das Malheur,
daß bei der Visitation meines Ränzchens der ver-
siegelte Empfehsungsbrief entdeckt und confiscirt
wurde. Außerdem aber wurde ich auch noch we-
gen Postdefraudation in einer Geldstrafe genom-
men, die den Rest meines Geldes aufzehrte.

In ziemlich gedrückter Stimmung stieg ich
daher bei Nußdorf ans Land und hielt mit mei-
nem Tornister auf den Rücken meinen Einzug
in die Kaiserstadt. Mein Nachtquartier nahm ich
in dem Gasthause zur "goldenen Ente" nächst
dem Obstmarkte auf der Wieden. Nachdem ich
in der allgemeinen Wirthsstube mein Abendessen
verzehrt hatte, blätterte ich in einer der vorhan-
denen Zeitungen. In dieser fand ich unter vielen
anderen mich nicht interessirenden Annoncen die
Ausschreibung einer Concursprüfung zur Auf-
nahme eines Organisten an der protestantischen
Kirche, welche an einem der nächsten Tage statt-
finden sollte. Da ich auf der Orgel bereits im
elterlichen Hause und noch mehr im Studiense-
minar in Neuburg mir ziemliche Fertigkeit er-
worben hatte, war mein Entschluß schnell gefaßt
Ich meldete mich bei der Prüfungscommission,
unter welcher sich der Componist Abt Stadler,
die Capellmeister Weigl, Seyfried, Gyrowetz,
Sechter, der Clavierfabrikant Streicher u. A.
befanden, und war so glücklich, unter einigen
[Spaltenumbruch] dreißig Bewerbern als der tüchtigste befunden,
die gewünschte Stelle zu bekommen, womit für
den nothwendigen Lebens-Unterhalt gesorgt war.

Meinen Mittagstisch nahm ich in der Regel
im "Haidvogel", einen damals sehr bekannten Speise-
hause am Stephansplatz das vor einigen Jahren
abgebrochen wurde. Dort fand sich auch häufig ein
junger Mann von ungewöhnlichem Aeußeren an-
scheinend einige Jahre älter als ich, ein. Sein
Wesen hatte etwas Eigenthümliches. Ein rundes
dickes, etwas aufgedunsenes Gesicht, eine gewölbt,
Stirn, aufgeworfene Lippen, eine Stumpfnasee
krauses, wenn auch spärliches Haar gaben seinem,
Kopf ein originelles Aussehen. Seine Statur war
unter Mittelgröße, Rücken und Schultern ge-
rundet. Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht
uninteressant. Da er stets eine Brille trug, so
hatte er einen etwas starren Blick. Wenn aber
das Gespräch auf Musik kam, so fingen seine
Augen an zu leuchten und seine Züge belebten sich.

Allmählig vermittelte das tägliche Zusammen-
treffen und der Umstand, daß ich in einem Con-
cert an die Seite dieses jungen Mannes zu sitzen
kam und mich seine Aeußerungen über die musi-
kalischen Vorträge anzogen, unsere Bekanntschaft.
Hieraus entstand bei sich offenbarender Gleichheit
unserer Interessen und Bestrebungen nach und
nach ein ununterbrochener, fast täglicher Verkehr
und herzliche Freundschaft.

Der junge Mann war Franz Schubert, ein
damals nur in einem engeren Kreise bekannter
Name, der jedoch zehn Jahre später die Aufmerk-
samkeit der gesammten musikalischen Welt auf sich
zog und nicht nur als Liedercomponist, sondern


[Spaltenumbruch]

Das
„Mähriſche Tagblatt“
mit der illuſtr. alle 14 Tage
1 Bogen ſtark erſcheinenden
„Illuſtrirt. Sonntagsbeil.“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
Ausgabe 2 Uhr Nachmittag
im Adminiſtrationslocale.
Niederring Nr. 41 neu
ober den Fleiſchbänken.

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Monatlich „ —.90

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Mähriſches
Tagblatt.

[Spaltenumbruch]

Inſertionsgebühren
nach aufliegendem Tarif.




Außerhalb Olmütz überneh-
men Inſertions-Aufträge.
Heinrich Schalek, Annon-
cen-Exped. in Wien, I., Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein &
Vogler
in Wien, Prag, Buda-
peſt, Berlin, Frankfurt a. M.,
Hamburg, Baſel und Leipzig,
Alois Opellik, in Wien, Rud
Mosse
in Wien, München u
Berlin, M. Dukes, Wien I.
Schulerſtraße 8. G. L. Daube
u. Co.,
Frankfurt a. M.
Adolf Steiner’s Annoncen-
bureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl. conc. Inſertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes-




Manuſcripte werden nicht zu
rückgeſtellt.




Nr. 19. Olmütz, Freitag, den 24. Jänner 1890. 11. Jahrgang



[Spaltenumbruch]
Der Ausgleich.


Die „Frankfurter Zeitung“ widmet den
Ausgleichs-Conferenzen folgende Be-
trachtungen:

Der Ausgleich zwiſchen Deutſchen und Tſche-
chen iſt glücklich zu Stande gebracht worden.
Ein Werk, das zu vollbringen für unmöglich er-
achtet wurde, iſt damit vollendet zur Freude und
Genugthuung derjenigen Elemente in Oeſterreich,
welche der Ueberzeugung ſind, daß alle Völker
des vielſprachigen Reiches an der Herſtellung des
inneren Friedens ein Intereſſe haben. Das na-
tionale Gezänk hat lange genug gedauert; wichtige
politiſche und wirthſchaftliche Fragen ſind in den
Hintergrund gedrängt worden, weil nationale
Angelegenheiten die allgemeine Aufmerkſamkeit in
Anſpruch nahmen.

Die getroffenen Abmachungen erſtrecken ſich
auf alle Fragen, welche der Ausgleichs-Conferenz
vorlagen. In allen Puncten iſt eine Einigung
erzielt worden. Das Conferenzprotocoll iſt vor-
geſtern unterzeichnet worden und wird alsbald
den in Betracht kommenden Factoren, nämlich
dem tſchechiſchen Rumpflandtag und den deutſch-
böhmiſchen Abgeordneten, vorgelegt werden.

Was die Deutſchen erreicht haben, iſt faſt
Alles, jedenfalls ſo viel, als ſie zu erreichen hoffen
durſten. Die Sprachenverordnung wird fallen ge-
laſſen, und an ihre Stelle ein Erlaß treten, welcher
nach den in den Berathungen vereinbarten Grund-
ſätzen den Wünſchen der Deutſchen entgegen-
[Spaltenumbruch] kommt. Auf dem Gebiete der Schule, des Gerichts-
weſens und der Verwaltung ſind der deutſchen
Bevölkerung werthvolle Garantien gegen eine
Beeinträchtigung ihres nationalen Lebens zuge-
ſtanden worden. Von ganz beſonderem Werthe
iſt auch die Errichtung von Landtagscurien, wel-
chen in nationalen Fragen ein Vetorecht einge-
räumt werden ſoll. Dadurch wird dauernd ver-
hindert, daß die eine oder andere der in Böh-
men lebenden Nationen geſchädigt und hintange-
ſetzt werde.

Daß das Werk des Ausgleiches gelungen
iſt, iſt ein Verdienſt aller der an den Verhand-
lungen Betheiligten. Hervorgehoben wird insbe-
ſondere die Mitwirkung des Kaiſers, deſſen fried-
fertiger Natur von jeher der nationale Streit
zuwider war. Kaiſer Franz Joſef hätte den Grafen
Taaffe längſt fallen laſſen, wenn er nicht von
deſſen verſöhnlichen und friedlichen Abſichten über-
zeugt wäre. Der Miniſterpräſident mag nun
allerdings die aufrichtigſten Verſöhnungstendenzen
beſeſſen haben, ſeine Politik aber hat keine Er-
folge zu erzielen vermocht. Schließlich iſt denn
auch dem Grafen Taaffe die Erkenntniß gekom-
men, daß eine öſterreichiſche Politik ohne oder
gar gegen die Deutſchen auf die Dauer
nicht gemacht werden kann und ſo hat er es verſucht,
auf einem neuen Wege die Verſöhnung zu ſuchen.
Auch den Deutſchen und den Tſchechen gebührt
für ihre Haltung in den Ausgleichsconferenzen
volles Lob. Dieſe konnten nur erfolgreich ſein,
wenn beide Theile ſich nachgebend und entgegen-
kommend verhielten.


[Spaltenumbruch]

Daß aber der Waffenſtillſtand, welcher von
den Führern unter thätiger Mitwirkung der Re-
gierung vorläufig vereinbart wurde, von den
entſcheidenden Factoren, nämlich den Abgeordne-
ten und dem Volke, anerkannt werden wird,
ſcheint keinem Zweifel zu unterliegen. Das Frie-
densbedürfniß iſt bei Deutſchen und Tſchechen
gleich groß und man wird hüben und
drüben mit Genugthuung das Ende des un-
fruchtbaren Zwiſtes begrüßen. Wer möchte auch die
Verantwortung auf ſich nehmen, jetzt noch das
Werk, das nach redlicher Mühe zu Stande ge-
bracht wurde, ſcheitern zu laſſen? Kommt der
Ausgleich, ſo wie er vereinbart wurde, zu Stande,
ſo iſt den Deutſchen ein wirkſamer Schutz ihrer
Rechte und ihres Beſitzes gewährleiſtet. Das iſt
ein Erfolg, den kein Deutſcher in Frage ſtellen
darf. Und ebenſo wird es den fanatiſchſten Jung-
tſchechen nicht leicht werden, gegen den Ausgleich
Stellung zu nehmen. Auch ſie reden ja von Ver-
ſöhnung, auch ſie behaupten ja, daß der nat[io-]
nale Kampf beendet werden müſſe. Bemerkens-
werther Weiſe hat die jungtſchechiſche Preſſe auch
allmälig eine der Ausgleichsaction viel freund-
lichere Stellung eingenommen, während ſie ur-
ſprünglich das ganze Unternehmen im Tone der
Entrüſtung und des Hohnes beſprochen hatte.

Für Böhmen wäre ſonach endlich der lang
erſehnte Frieden in Ausſicht. Wahrlich ein er-
freulicher Gedanke, wenn man auf die Geſchichte
dieſes Kronlandes zurück blickt. Unſägliches Elend
hat der deutſch-tſchechiſche Widerſtreit über dieſes
Land gebracht von den Huſſiten-Kriegen bis zur




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Erinnerungen an Schubert und
Beethoven.

Der ſoeben verſtorbene Muſiker Franz Lachner
hat von Zeit zu Zeit Bruchſtücke aus ſeinen
Memoiren veröffentlicht. Wir reproduciren hier
ſeine Begegnungen mit Schubert und Beethoven:




Bald ſind es ſechzig Jahre, ſeit ich Wien
zum erſten Mal betrat, von wo ich nach zwölf-
jährigem Verweilen nach Mannheim überſiedelte.
Und doch ſtehen jetzt, nach ſo langer Zeit, aus
jener Periode noch ſo viele Bilder ſo lebendig
vor meinem Auge, als ob ich ſie erſt geſtern
geſehen.

Es war an einem ſchönen Herbſttage des
Jahres 1822, als ich nach zweijährigem, unter
bitteren Entbehrungen und eifrigen muſikaliſchen
Studien zugebrachten Aufenthalte München ver-
ließ und als 19jähriger Jüngling auf einem
Floſſe über Landshut, Plattling und Paſſan
nach Wien fuhr. Indem ich dieſe Fahrt unter-
nahm, folgte ich, lediglich auf meinen Stern
bauend, dem inneren Drange nach der Metropole
der Muſik, in der ein Gluck, Haydn und Mozart
gelebt und geſchaffen hatten und Beethoven eben
im Zenith ſeines Ruhmes ſtand.

Die einzige Empfehlung, die ich mir zu
verſchaffen wußte, war ein Brief eines Hand-
[Spaltenumbruch] lungs-Commis in München an einen Collegen
in Wien. Meine Baarmittel betrugen im Ganzen
18 fl., dem Erlöſe aus dem Verkaufe einer
kleinen ererbten Bibliothek, welche nach ein-
maligem Durchleſen für mich weiter keinen Werth
hatte.

Leider paſſirte mir auf der Mauth an der
öſterreichiſchen Grenze in Nußdorf das Malheur,
daß bei der Viſitation meines Ränzchens der ver-
ſiegelte Empfehſungsbrief entdeckt und confiscirt
wurde. Außerdem aber wurde ich auch noch we-
gen Poſtdefraudation in einer Geldſtrafe genom-
men, die den Reſt meines Geldes aufzehrte.

In ziemlich gedrückter Stimmung ſtieg ich
daher bei Nußdorf ans Land und hielt mit mei-
nem Torniſter auf den Rücken meinen Einzug
in die Kaiſerſtadt. Mein Nachtquartier nahm ich
in dem Gaſthauſe zur „goldenen Ente“ nächſt
dem Obſtmarkte auf der Wieden. Nachdem ich
in der allgemeinen Wirthsſtube mein Abendeſſen
verzehrt hatte, blätterte ich in einer der vorhan-
denen Zeitungen. In dieſer fand ich unter vielen
anderen mich nicht intereſſirenden Annoncen die
Ausſchreibung einer Concursprüfung zur Auf-
nahme eines Organiſten an der proteſtantiſchen
Kirche, welche an einem der nächſten Tage ſtatt-
finden ſollte. Da ich auf der Orgel bereits im
elterlichen Hauſe und noch mehr im Studienſe-
minar in Neuburg mir ziemliche Fertigkeit er-
worben hatte, war mein Entſchluß ſchnell gefaßt
Ich meldete mich bei der Prüfungscommiſſion,
unter welcher ſich der Componiſt Abt Stadler,
die Capellmeiſter Weigl, Seyfried, Gyrowetz,
Sechter, der Clavierfabrikant Streicher u. A.
befanden, und war ſo glücklich, unter einigen
[Spaltenumbruch] dreißig Bewerbern als der tüchtigſte befunden,
die gewünſchte Stelle zu bekommen, womit für
den nothwendigen Lebens-Unterhalt geſorgt war.

Meinen Mittagstiſch nahm ich in der Regel
im „Haidvogel“, einen damals ſehr bekannten Speiſe-
hauſe am Stephansplatz das vor einigen Jahren
abgebrochen wurde. Dort fand ſich auch häufig ein
junger Mann von ungewöhnlichem Aeußeren an-
ſcheinend einige Jahre älter als ich, ein. Sein
Weſen hatte etwas Eigenthümliches. Ein rundes
dickes, etwas aufgedunſenes Geſicht, eine gewölbt,
Stirn, aufgeworfene Lippen, eine Stumpfnaſee
krauſes, wenn auch ſpärliches Haar gaben ſeinem,
Kopf ein originelles Ausſehen. Seine Statur war
unter Mittelgröße, Rücken und Schultern ge-
rundet. Der Ausdruck ſeines Geſichtes war nicht
unintereſſant. Da er ſtets eine Brille trug, ſo
hatte er einen etwas ſtarren Blick. Wenn aber
das Geſpräch auf Muſik kam, ſo fingen ſeine
Augen an zu leuchten und ſeine Züge belebten ſich.

Allmählig vermittelte das tägliche Zuſammen-
treffen und der Umſtand, daß ich in einem Con-
cert an die Seite dieſes jungen Mannes zu ſitzen
kam und mich ſeine Aeußerungen über die muſi-
kaliſchen Vorträge anzogen, unſere Bekanntſchaft.
Hieraus entſtand bei ſich offenbarender Gleichheit
unſerer Intereſſen und Beſtrebungen nach und
nach ein ununterbrochener, faſt täglicher Verkehr
und herzliche Freundſchaft.

Der junge Mann war Franz Schubert, ein
damals nur in einem engeren Kreiſe bekannter
Name, der jedoch zehn Jahre ſpäter die Aufmerk-
ſamkeit der geſammten muſikaliſchen Welt auf ſich
zog und nicht nur als Liedercomponiſt, ſondern


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ mit der illuſtr. alle 14 Tage 1 Bogen ſtark erſcheinenden „Illuſtrirt. Sonntagsbeil.“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich. Ausgabe 2 Uhr Nachmittag im Adminiſtrationslocale. Niederring Nr. 41 neu ober den Fleiſchbänken. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5. Vierteljährig „ 2 50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 Kreuzer, Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummern 5 Kreuzer. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren nach aufliegendem Tarif. Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge. Heinrich Schalek, Annon- cen-Exped. in Wien, I., Woll- zeile Nr. 11, Haasenstein & Vogler in Wien, Prag, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, Baſel und Leipzig, Alois Opellik, in Wien, Rud Mosse in Wien, München u Berlin, M. Dukes, Wien I. Schulerſtraße 8. G. L. Daube u. Co., Frankfurt a. M. Adolf Steiner’s Annoncen- bureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertionsbu- reaus des In- u. Auslandes- Manuſcripte werden nicht zu rückgeſtellt. Nr. 19. Olmütz, Freitag, den 24. Jänner 1890. 11. Jahrgang Der Ausgleich. Olmütz, 24. Jänner. Die „Frankfurter Zeitung“ widmet den Ausgleichs-Conferenzen folgende Be- trachtungen: Der Ausgleich zwiſchen Deutſchen und Tſche- chen iſt glücklich zu Stande gebracht worden. Ein Werk, das zu vollbringen für unmöglich er- achtet wurde, iſt damit vollendet zur Freude und Genugthuung derjenigen Elemente in Oeſterreich, welche der Ueberzeugung ſind, daß alle Völker des vielſprachigen Reiches an der Herſtellung des inneren Friedens ein Intereſſe haben. Das na- tionale Gezänk hat lange genug gedauert; wichtige politiſche und wirthſchaftliche Fragen ſind in den Hintergrund gedrängt worden, weil nationale Angelegenheiten die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. 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Schließlich iſt denn auch dem Grafen Taaffe die Erkenntniß gekom- men, daß eine öſterreichiſche Politik ohne oder gar gegen die Deutſchen auf die Dauer nicht gemacht werden kann und ſo hat er es verſucht, auf einem neuen Wege die Verſöhnung zu ſuchen. Auch den Deutſchen und den Tſchechen gebührt für ihre Haltung in den Ausgleichsconferenzen volles Lob. Dieſe konnten nur erfolgreich ſein, wenn beide Theile ſich nachgebend und entgegen- kommend verhielten. Daß aber der Waffenſtillſtand, welcher von den Führern unter thätiger Mitwirkung der Re- gierung vorläufig vereinbart wurde, von den entſcheidenden Factoren, nämlich den Abgeordne- ten und dem Volke, anerkannt werden wird, ſcheint keinem Zweifel zu unterliegen. Das Frie- densbedürfniß iſt bei Deutſchen und Tſchechen gleich groß und man wird hüben und drüben mit Genugthuung das Ende des un- fruchtbaren Zwiſtes begrüßen. Wer möchte auch die Verantwortung auf ſich nehmen, jetzt noch das Werk, das nach redlicher Mühe zu Stande ge- bracht wurde, ſcheitern zu laſſen? Kommt der Ausgleich, ſo wie er vereinbart wurde, zu Stande, ſo iſt den Deutſchen ein wirkſamer Schutz ihrer Rechte und ihres Beſitzes gewährleiſtet. Das iſt ein Erfolg, den kein Deutſcher in Frage ſtellen darf. Und ebenſo wird es den fanatiſchſten Jung- tſchechen nicht leicht werden, gegen den Ausgleich Stellung zu nehmen. Auch ſie reden ja von Ver- ſöhnung, auch ſie behaupten ja, daß der natio- nale Kampf beendet werden müſſe. Bemerkens- werther Weiſe hat die jungtſchechiſche Preſſe auch allmälig eine der Ausgleichsaction viel freund- lichere Stellung eingenommen, während ſie ur- ſprünglich das ganze Unternehmen im Tone der Entrüſtung und des Hohnes beſprochen hatte. Für Böhmen wäre ſonach endlich der lang erſehnte Frieden in Ausſicht. Wahrlich ein er- freulicher Gedanke, wenn man auf die Geſchichte dieſes Kronlandes zurück blickt. Unſägliches Elend hat der deutſch-tſchechiſche Widerſtreit über dieſes Land gebracht von den Huſſiten-Kriegen bis zur Feuilleton. Erinnerungen an Schubert und Beethoven. — Von Franz Lachner. — Der ſoeben verſtorbene Muſiker Franz Lachner hat von Zeit zu Zeit Bruchſtücke aus ſeinen Memoiren veröffentlicht. Wir reproduciren hier ſeine Begegnungen mit Schubert und Beethoven: Bald ſind es ſechzig Jahre, ſeit ich Wien zum erſten Mal betrat, von wo ich nach zwölf- jährigem Verweilen nach Mannheim überſiedelte. Und doch ſtehen jetzt, nach ſo langer Zeit, aus jener Periode noch ſo viele Bilder ſo lebendig vor meinem Auge, als ob ich ſie erſt geſtern geſehen. Es war an einem ſchönen Herbſttage des Jahres 1822, als ich nach zweijährigem, unter bitteren Entbehrungen und eifrigen muſikaliſchen Studien zugebrachten Aufenthalte München ver- ließ und als 19jähriger Jüngling auf einem Floſſe über Landshut, Plattling und Paſſan nach Wien fuhr. Indem ich dieſe Fahrt unter- nahm, folgte ich, lediglich auf meinen Stern bauend, dem inneren Drange nach der Metropole der Muſik, in der ein Gluck, Haydn und Mozart gelebt und geſchaffen hatten und Beethoven eben im Zenith ſeines Ruhmes ſtand. Die einzige Empfehlung, die ich mir zu verſchaffen wußte, war ein Brief eines Hand- lungs-Commis in München an einen Collegen in Wien. Meine Baarmittel betrugen im Ganzen 18 fl., dem Erlöſe aus dem Verkaufe einer kleinen ererbten Bibliothek, welche nach ein- maligem Durchleſen für mich weiter keinen Werth hatte. Leider paſſirte mir auf der Mauth an der öſterreichiſchen Grenze in Nußdorf das Malheur, daß bei der Viſitation meines Ränzchens der ver- ſiegelte Empfehſungsbrief entdeckt und confiscirt wurde. Außerdem aber wurde ich auch noch we- gen Poſtdefraudation in einer Geldſtrafe genom- men, die den Reſt meines Geldes aufzehrte. In ziemlich gedrückter Stimmung ſtieg ich daher bei Nußdorf ans Land und hielt mit mei- nem Torniſter auf den Rücken meinen Einzug in die Kaiſerſtadt. Mein Nachtquartier nahm ich in dem Gaſthauſe zur „goldenen Ente“ nächſt dem Obſtmarkte auf der Wieden. Nachdem ich in der allgemeinen Wirthsſtube mein Abendeſſen verzehrt hatte, blätterte ich in einer der vorhan- denen Zeitungen. In dieſer fand ich unter vielen anderen mich nicht intereſſirenden Annoncen die Ausſchreibung einer Concursprüfung zur Auf- nahme eines Organiſten an der proteſtantiſchen Kirche, welche an einem der nächſten Tage ſtatt- finden ſollte. Da ich auf der Orgel bereits im elterlichen Hauſe und noch mehr im Studienſe- minar in Neuburg mir ziemliche Fertigkeit er- worben hatte, war mein Entſchluß ſchnell gefaßt Ich meldete mich bei der Prüfungscommiſſion, unter welcher ſich der Componiſt Abt Stadler, die Capellmeiſter Weigl, Seyfried, Gyrowetz, Sechter, der Clavierfabrikant Streicher u. A. befanden, und war ſo glücklich, unter einigen dreißig Bewerbern als der tüchtigſte befunden, die gewünſchte Stelle zu bekommen, womit für den nothwendigen Lebens-Unterhalt geſorgt war. Meinen Mittagstiſch nahm ich in der Regel im „Haidvogel“, einen damals ſehr bekannten Speiſe- hauſe am Stephansplatz das vor einigen Jahren abgebrochen wurde. Dort fand ſich auch häufig ein junger Mann von ungewöhnlichem Aeußeren an- ſcheinend einige Jahre älter als ich, ein. Sein Weſen hatte etwas Eigenthümliches. Ein rundes dickes, etwas aufgedunſenes Geſicht, eine gewölbt, Stirn, aufgeworfene Lippen, eine Stumpfnaſee krauſes, wenn auch ſpärliches Haar gaben ſeinem, Kopf ein originelles Ausſehen. Seine Statur war unter Mittelgröße, Rücken und Schultern ge- rundet. Der Ausdruck ſeines Geſichtes war nicht unintereſſant. Da er ſtets eine Brille trug, ſo hatte er einen etwas ſtarren Blick. Wenn aber das Geſpräch auf Muſik kam, ſo fingen ſeine Augen an zu leuchten und ſeine Züge belebten ſich. 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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 19, Olmütz, 24.01.1890, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches19_1890/1>, abgerufen am 29.05.2020.