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Mährisches Tagblatt. Nr. 199, Olmütz, 01.09.1891.

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erscheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
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Telephon Nr. 9.


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Mährisches
Tagblatt.

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Insertionsgebühren
nach aufliegendem Tarif.




Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge:
Heinrich Schalek, Annon-
cen-Exped. in Wien, I. Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein &
Vogler,
in Wien, Prag, Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M.
Hamburg, Basel und Leipzig.
Alois Opellik, in Wien, Rud.
Mosse,
in Wien, München [u].
Berlin, M. Dukes, Wien I.
Schulerstraße 8. G. L. Daube,
und Co,
Frankfurt a. M.
Adolf Steiner's Annoncen-
b[u]reau i[n] Hamburg, sowie
sä[m]mtl. conc. Insertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes.

Manuscripte werden nicht
zurückgestellt.




Telephon Nr. 9.




Nr. 199. Olmütz, Dienstag den 1. September 1891. 12. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der XIX. internationale Getreide-
und Saatenmarkt in Wien.


Zum neunzehnten Male ist heute in Wien
der internationale Getreide- und Saatenmarkt zu-
sammengetreten. Die Gestaltung der Ernteergeb-
nisse in einer Reihe der wichtigsten Productions-
gebiete verleiht demselben gerade im heurigen
Jahre eine erhöhte Wichtigkeit. Rußland, der
größte europäische Getreideproducent und Expor-
teur, hat in der Hauptbrotfrucht eine Mißernte
zu verzeichnen, so daß es selbst zu einem Aus-
fuhrverbote greifen mußte, um sich den nothwen-
digen Eigenbedarf zu möglichst billigen Preisen
zu beschaffen. Unter dem Eindrucke dieser Maß-
regel hat sich auf dem Productenmarkte, beson-
ders auf den deutschen Plätzen, eine ungeahnte
Aufwärtsbewegung der Preise vollzogen, die Rog-
genpreise sind auf eine ungewöhnliche Höhe
gestiegen und ihnen sind die Weizenpreise gefolgt.
Aus den Schätzungen, welche von den ver-
schiedenen Fachmännern in ihren Berichten für
den Staatenmarkt geboten werden, dürfte sich ein
immerhin halbwegs verläßliches Gesammtbild der
Ernteergebnisse der Welt ergeben, das geeignet
erscheint, die Preisgestaltung in ruhigere, durch
die thatsächlichen Verhältnisse gebotene Bahnen zu
lenken. Unsere eigene Ernte ist leider gleichfalls
hinter den Ergebnissen des Vorjahres zurückge-
blieben, wenn uns auch ein immerhin bedeutendes
Quantum für den Export erübrigt. Da wir jedoch
unsere Ueberschüsse zu bedeutend besseren Preisen
auf den Markt zu bringen vermögen, als im
vorigen Jahre, so werden wir im Stande sein,
[Spaltenumbruch] den quantitativen Unterschied zum größten Theile
auszugleichen.

In der Eröffnungsrede führte Herr Na-
schauer
aus, daß sich die Anwesenden heute
unter Umständen zusammengefunden hätten,
die eine hoffnungsvollere Stimmung wachzurufen
geeignet seien. Die Saat, welche im Jahre 1886
in Wien ausgestreut wurde, habe Wurzeln
gefaßt. In jenem Jahre habe er auf Grund
eines Anfrageschreibens des Handelsministers
v. Bacquehem in Angelegenheit eventueller
Abschlüsse von Handelsverträgen angedeutet, daß
bei uns in Oesterreich an maßgebender Stelle
das Bedürfniß, die dem Austausche der Güter
entgegen stehenden Schranken möglichst zu besei-
tigen, als ein berücksichtigenswerthes anerkannt
werde, und darauf gestützt, der Hoffnung Aus-
druck gegeben, daß in nicht zu ferner Zeit ein
Wendepunkt in den zollpolitischen Beziehungen
der Staaten im Sinne der gegenseitigen Annähe-
rung Platz greifen werde.

Die Thatsache, daß die Staaten zur Er-
kenntniß gelangt seien, daß der Schutz ihrer in-
ländischen Volkswirthschaft am besten gefördert
werde, wenn ihren Erzeugnissen die Möglichkeit
belassen werde, denjenigen Markt aufzusuchen,
wo momentan die beste Conjunctur herrsche
und daß der internationale Verkehr von den
ihn hemmenden Fesseln befreit werden müsse,
sei geeignet, die Besucher des Saatenmarktes
lebhaft zu befriedigen. -- In der laufenden
Campagne werde man noch mit den vor-
handenen Hemmnissen rechnen müssen. Der
Schwerpunct der Thätigkeit der heutigen Ver-
sammlung werde nicht so sehr in den geschäftli-
chen Transactionen, als in der Veröffentlichung
[Spaltenumbruch] der Berichte über die Ergebnisse der Getreide-
Ernten in den wichtigsten Productionsgebieten
der Welt liegen, welchen in diesem Jahre, wo
die normale Versorgung ausgedehnter Consum-
tionsgebiete mit Brotfrucht zufolge des russischen
Ausfuhrverbotes fraglich geworden sei, eine be-
sonders hohe wirthschaftliche Bedeutung innewohne.
Zum Schluße gab Handelskammerrath Naschauer
dem Wunsche Ausdruck, daß mit dem diesjähri-
gen Markte der Zeitabschnitt dieser ungünstigen
Verhältnisse seinen Abschluß finde und fortab eine
der Production, den Consumenten sowie dem Han-
del zugute kommende Blütheperiode freien inter-
nationalen Verkehrs beginnen möge.

Herr Moriz Leinkauf erstattet sodann
über die diesjährigen Ernteergebnisse
in Oesterreich-Ungarn
den nachstehenden
Bericht:

Die diesjährige Getreide-Ernte bleibt stark
hinter den Ergebnissen der vorjährigen zurück,
welch' letztere allerdings, obschon der Export nicht
den Erwartungen entsprach und die Preise im
Verlaufe der ganzen Campagne eher eine auf-
wärtsstrebende als rückläufige Bewegung verfolg-
ten -- wie die vor ganz Kurzem durch die
Ackerbauministerrien beider Reichshälften ver-
öffentlichten endgiltigen amtlichen Feststellungen
beweisen -- eine der reichsten gewesen ist, die in
Oesterreich jemals eingeheimst wurden. Unsere
Schätzungen über den Ausfall der Ernte im
Jahre 1891 haben sowohl was Ungarn und
Siebenbürgen, als was Oesterreich betrifft, die
den beiderseitigen Ackerbauministerien pro 1890
publicirten Anbauflächen zur Grundlage.

Weizen wurde in der diesseitigen
Reichshälfte auf 1.147,274 Hectaren angebaut




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Verlobungsregen.

(Nachdruck verboten.)

Es regnete immerzu, immerzu, und sie
langweilten sich, die beiden Collegen. Er war
Philologe, hatte sich krank geärgert bei Latein
und Griechisch, wollte eine Gebirgstour machen
und wartete auf anhaltend schönes Wetter, das
nicht kommen wollte. So lange blieb er in dem
kleinen Curort, wo er Verwandte hatte. -- Sie
gebrauchte die Cur; denn sie hatte sich in dem
ersten Jahre ihrer Lehrerinnen-Praxis ein kleines
Halsleiden zugezogen.

Wie sie sich gefuuden hatten? Zunächst in
der Curliste, dann im Cursalon, denn wohin
sollte man bei dem Regen gehen? Man las
Zeitungen, wie man nie im Leben gelesen. Und
bei dem Austausch einer vielbegehrten Zeitung
hatten sie sich einander vorgestellt. Sie, Fräulein
Ernestine Rappold, sah nicht wie eine Lehrerin
aus; klein, rund, hellblond, hübsch, mit koketten
Stirnlöckchen und hochmoderner, sorgfältiger
Toilette. (Seit drei Monaten war das bischen
Toilette Gegenstand ihres Fleißes und Nach-
denkens gewesen.) Er, schon eher wie ein Lehrer,
ganz stattlich, aber ein wenig zu würdevoll, zu
correct, mit der unvermeidlichen Brille.

Am ersten Regentage sagten sie sich Phrasen
[Spaltenumbruch] über das Wetter, über Ferienpläne und Aehn-
liches mehr. Am zweiten spielten sie Domino,
aber ohne recht bei der Sache zu sein. Am
dritten erzählten sie von ihren Classen, von
ihren Zöglingen. Doctor Albert Wolff meinte,
die Collegin ärgere sich zu viel, schreie zu sehr
-- daher das Halsleiden. Sie bestritt das nicht;
in der That, sie schrie und ärgerte sich nicht
selten. Schließlich mußte auch er dasselbe von
sich zugeben. Wozu hätte er sonst Erholung noth-
wendig? Und bei diesem Gespräche wurden sie
vertrauter mit einander. Sie schilderten mit Be-
hagen die Lieblinge und die Taugenichtse in ihren
Classen. Beinahe hätte sich Doctor Wolff über die
kleine Elsa geärgert, die neulich einmal auf eine Rüge
geantwortet hatte: "Ich sag's meinem Papa --
der ist Geheimrath."

Endlich kam ein sonniger Tag -- ein ein-
ziger vorläufig. Da trafen sie sich auf der Pro-
menade; aber Fräulein Rappold's Wirthin war
dabei. Dann regnete es wieder. Sie spielten
"Dame", ohne dem Spiel Interesse abgewinnen
zu können. Am nächsten Regentage lasen sie Zei-
tungen und wieder Zeitungen.

Heute regnete es, wie es gestern geregnet
hatte; und sie lasen Zeitungen. Conversiren
konnte man nur wenig im Lesesaal. Er hatte
soeben eine große Zeitung vor sich, hatte den Leit-
artikel studirt -- "Ueber das Postbestellgeld!" --
dann die Local- und Kunstnachrichten, er sah
genau, wie sie sich "kriegen" würden. Nun war
er bei den Inseraten angelangt. Sie blätterte in
[Spaltenumbruch] einem illustrirten Familienjournal -- die Por-
träts des Prinzen Aribert von Dessau und seiner
jungen Gemahlin nahmen eine Folio-Seite ein.
Von Zeit zu Zeit blickte sie hinaus auf den
grau verhangenen Himmel -- da kamen wieder
neue, bleischwarze Wolken über die "Bismarck-
höhe" herauf."

"Ach Gott, Sie lesen Zeitungsannoncen?"
sagte sie jetzt flüsternd. Uebrigens war es hier
in ihrer nächsten Nähe leer; die Leser hatten sich
wegen der herrschenden Dunkelheit zu den Fen-
stern an der anderen Seite des Saales hin-
gezogen.

"Warum nicht," antwortete er, "da ist eine
Welt verborgen in diesen Annoncen! Man nimmt
sich gewöhnlich nicht die Zeit!"

"Ich glaube das einfach nicht, was da steht,"
meinte sie, "ich nehme stets das Gegentheil an."

Sie las: "Patentirte Anti-Kesselstein-Com-
position -- unübertreffliches Mittel zur Lösung
des Kesselsteines."

"Nun, und wenn der Kesselstein nicht gelöst
wird?" scherzte er. Sie las weiter: "Kaffee!
Kaffee! Kaffee! Mischung aus den besten Quali-
täten. -- Asthmaperlen für Schwerathmende.
Echter Kornbranntwein. Fahrräder für Erwach-
sene und Kinder ... ich weiß nicht, was Sie
daran interessantes finden?"

Sie suchen und lesen nicht recht! sagte er
belehrenden Tones; "da z. B.: "Offene Stellen"
und "Stellengesuche" -- das ist schon eine Welt
für sich, eine Welt von Hoffnungen, Bestrebun-


[Spaltenumbruch]

Das
„Mähriſche Tagblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
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Auswärts durch die Poſt:
Ganzjährig fl. 14.—
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Vierteljährig „ 3.50

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Mähriſches
Tagblatt.

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Inſertionsgebühren
nach aufliegendem Tarif.




Außerhalb Olmütz überneh-
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Vogler,
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peſt, Berlin, Frankfurt a. M.
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Alois Opellik, in Wien, Rud.
Mosse,
in Wien, München [u].
Berlin, M. Dukes, Wien I.
Schulerſtraße 8. G. L. Daube,
und Co,
Frankfurt a. M.
Adolf Steiner’s Annoncen-
b[u]reau i[n] Hamburg, ſowie
ſä[m]mtl. conc. Inſertionsbu-
reaus des In- u. Auslandes.

Manuſcripte werden nicht
zurückgeſtellt.




Telephon Nr. 9.




Nr. 199. Olmütz, Dienstag den 1. September 1891. 12. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Der XIX. internationale Getreide-
und Saatenmarkt in Wien.


Zum neunzehnten Male iſt heute in Wien
der internationale Getreide- und Saatenmarkt zu-
ſammengetreten. Die Geſtaltung der Ernteergeb-
niſſe in einer Reihe der wichtigſten Productions-
gebiete verleiht demſelben gerade im heurigen
Jahre eine erhöhte Wichtigkeit. Rußland, der
größte europäiſche Getreideproducent und Expor-
teur, hat in der Hauptbrotfrucht eine Mißernte
zu verzeichnen, ſo daß es ſelbſt zu einem Aus-
fuhrverbote greifen mußte, um ſich den nothwen-
digen Eigenbedarf zu möglichſt billigen Preiſen
zu beſchaffen. Unter dem Eindrucke dieſer Maß-
regel hat ſich auf dem Productenmarkte, beſon-
ders auf den deutſchen Plätzen, eine ungeahnte
Aufwärtsbewegung der Preiſe vollzogen, die Rog-
genpreiſe ſind auf eine ungewöhnliche Höhe
geſtiegen und ihnen ſind die Weizenpreiſe gefolgt.
Aus den Schätzungen, welche von den ver-
ſchiedenen Fachmännern in ihren Berichten für
den Staatenmarkt geboten werden, dürfte ſich ein
immerhin halbwegs verläßliches Geſammtbild der
Ernteergebniſſe der Welt ergeben, das geeignet
erſcheint, die Preisgeſtaltung in ruhigere, durch
die thatſächlichen Verhältniſſe gebotene Bahnen zu
lenken. Unſere eigene Ernte iſt leider gleichfalls
hinter den Ergebniſſen des Vorjahres zurückge-
blieben, wenn uns auch ein immerhin bedeutendes
Quantum für den Export erübrigt. Da wir jedoch
unſere Ueberſchüſſe zu bedeutend beſſeren Preiſen
auf den Markt zu bringen vermögen, als im
vorigen Jahre, ſo werden wir im Stande ſein,
[Spaltenumbruch] den quantitativen Unterſchied zum größten Theile
auszugleichen.

In der Eröffnungsrede führte Herr Na-
ſchauer
aus, daß ſich die Anweſenden heute
unter Umſtänden zuſammengefunden hätten,
die eine hoffnungsvollere Stimmung wachzurufen
geeignet ſeien. Die Saat, welche im Jahre 1886
in Wien ausgeſtreut wurde, habe Wurzeln
gefaßt. In jenem Jahre habe er auf Grund
eines Anfrageſchreibens des Handelsminiſters
v. Bacquehem in Angelegenheit eventueller
Abſchlüſſe von Handelsverträgen angedeutet, daß
bei uns in Oeſterreich an maßgebender Stelle
das Bedürfniß, die dem Austauſche der Güter
entgegen ſtehenden Schranken möglichſt zu beſei-
tigen, als ein berückſichtigenswerthes anerkannt
werde, und darauf geſtützt, der Hoffnung Aus-
druck gegeben, daß in nicht zu ferner Zeit ein
Wendepunkt in den zollpolitiſchen Beziehungen
der Staaten im Sinne der gegenſeitigen Annähe-
rung Platz greifen werde.

Die Thatſache, daß die Staaten zur Er-
kenntniß gelangt ſeien, daß der Schutz ihrer in-
ländiſchen Volkswirthſchaft am beſten gefördert
werde, wenn ihren Erzeugniſſen die Möglichkeit
belaſſen werde, denjenigen Markt aufzuſuchen,
wo momentan die beſte Conjunctur herrſche
und daß der internationale Verkehr von den
ihn hemmenden Feſſeln befreit werden müſſe,
ſei geeignet, die Beſucher des Saatenmarktes
lebhaft zu befriedigen. — In der laufenden
Campagne werde man noch mit den vor-
handenen Hemmniſſen rechnen müſſen. Der
Schwerpunct der Thätigkeit der heutigen Ver-
ſammlung werde nicht ſo ſehr in den geſchäftli-
chen Transactionen, als in der Veröffentlichung
[Spaltenumbruch] der Berichte über die Ergebniſſe der Getreide-
Ernten in den wichtigſten Productionsgebieten
der Welt liegen, welchen in dieſem Jahre, wo
die normale Verſorgung ausgedehnter Conſum-
tionsgebiete mit Brotfrucht zufolge des ruſſiſchen
Ausfuhrverbotes fraglich geworden ſei, eine be-
ſonders hohe wirthſchaftliche Bedeutung innewohne.
Zum Schluße gab Handelskammerrath Naſchauer
dem Wunſche Ausdruck, daß mit dem diesjähri-
gen Markte der Zeitabſchnitt dieſer ungünſtigen
Verhältniſſe ſeinen Abſchluß finde und fortab eine
der Production, den Conſumenten ſowie dem Han-
del zugute kommende Blütheperiode freien inter-
nationalen Verkehrs beginnen möge.

Herr Moriz Leinkauf erſtattet ſodann
über die diesjährigen Ernteergebniſſe
in Oeſterreich-Ungarn
den nachſtehenden
Bericht:

Die diesjährige Getreide-Ernte bleibt ſtark
hinter den Ergebniſſen der vorjährigen zurück,
welch’ letztere allerdings, obſchon der Export nicht
den Erwartungen entſprach und die Preiſe im
Verlaufe der ganzen Campagne eher eine auf-
wärtsſtrebende als rückläufige Bewegung verfolg-
ten — wie die vor ganz Kurzem durch die
Ackerbauminiſterrien beider Reichshälften ver-
öffentlichten endgiltigen amtlichen Feſtſtellungen
beweiſen — eine der reichſten geweſen iſt, die in
Oeſterreich jemals eingeheimſt wurden. Unſere
Schätzungen über den Ausfall der Ernte im
Jahre 1891 haben ſowohl was Ungarn und
Siebenbürgen, als was Oeſterreich betrifft, die
den beiderſeitigen Ackerbauminiſterien pro 1890
publicirten Anbauflächen zur Grundlage.

Weizen wurde in der diesſeitigen
Reichshälfte auf 1.147,274 Hectaren angebaut




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Verlobungsregen.

(Nachdruck verboten.)

Es regnete immerzu, immerzu, und ſie
langweilten ſich, die beiden Collegen. Er war
Philologe, hatte ſich krank geärgert bei Latein
und Griechiſch, wollte eine Gebirgstour machen
und wartete auf anhaltend ſchönes Wetter, das
nicht kommen wollte. So lange blieb er in dem
kleinen Curort, wo er Verwandte hatte. — Sie
gebrauchte die Cur; denn ſie hatte ſich in dem
erſten Jahre ihrer Lehrerinnen-Praxis ein kleines
Halsleiden zugezogen.

Wie ſie ſich gefuuden hatten? Zunächſt in
der Curliſte, dann im Curſalon, denn wohin
ſollte man bei dem Regen gehen? Man las
Zeitungen, wie man nie im Leben geleſen. Und
bei dem Austauſch einer vielbegehrten Zeitung
hatten ſie ſich einander vorgeſtellt. Sie, Fräulein
Erneſtine Rappold, ſah nicht wie eine Lehrerin
aus; klein, rund, hellblond, hübſch, mit koketten
Stirnlöckchen und hochmoderner, ſorgfältiger
Toilette. (Seit drei Monaten war das bischen
Toilette Gegenſtand ihres Fleißes und Nach-
denkens geweſen.) Er, ſchon eher wie ein Lehrer,
ganz ſtattlich, aber ein wenig zu würdevoll, zu
correct, mit der unvermeidlichen Brille.

Am erſten Regentage ſagten ſie ſich Phraſen
[Spaltenumbruch] über das Wetter, über Ferienpläne und Aehn-
liches mehr. Am zweiten ſpielten ſie Domino,
aber ohne recht bei der Sache zu ſein. Am
dritten erzählten ſie von ihren Claſſen, von
ihren Zöglingen. Doctor Albert Wolff meinte,
die Collegin ärgere ſich zu viel, ſchreie zu ſehr
— daher das Halsleiden. Sie beſtritt das nicht;
in der That, ſie ſchrie und ärgerte ſich nicht
ſelten. Schließlich mußte auch er dasſelbe von
ſich zugeben. Wozu hätte er ſonſt Erholung noth-
wendig? Und bei dieſem Geſpräche wurden ſie
vertrauter mit einander. Sie ſchilderten mit Be-
hagen die Lieblinge und die Taugenichtſe in ihren
Claſſen. Beinahe hätte ſich Doctor Wolff über die
kleine Elſa geärgert, die neulich einmal auf eine Rüge
geantwortet hatte: „Ich ſag’s meinem Papa —
der iſt Geheimrath.“

Endlich kam ein ſonniger Tag — ein ein-
ziger vorläufig. Da trafen ſie ſich auf der Pro-
menade; aber Fräulein Rappold’s Wirthin war
dabei. Dann regnete es wieder. Sie ſpielten
„Dame“, ohne dem Spiel Intereſſe abgewinnen
zu können. Am nächſten Regentage laſen ſie Zei-
tungen und wieder Zeitungen.

Heute regnete es, wie es geſtern geregnet
hatte; und ſie laſen Zeitungen. Converſiren
konnte man nur wenig im Leſeſaal. Er hatte
ſoeben eine große Zeitung vor ſich, hatte den Leit-
artikel ſtudirt — „Ueber das Poſtbeſtellgeld!“ —
dann die Local- und Kunſtnachrichten, er ſah
genau, wie ſie ſich „kriegen“ würden. Nun war
er bei den Inſeraten angelangt. Sie blätterte in
[Spaltenumbruch] einem illuſtrirten Familienjournal — die Por-
träts des Prinzen Aribert von Deſſau und ſeiner
jungen Gemahlin nahmen eine Folio-Seite ein.
Von Zeit zu Zeit blickte ſie hinaus auf den
grau verhangenen Himmel — da kamen wieder
neue, bleiſchwarze Wolken über die „Bismarck-
höhe“ herauf.“

„Ach Gott, Sie leſen Zeitungsannoncen?“
ſagte ſie jetzt flüſternd. Uebrigens war es hier
in ihrer nächſten Nähe leer; die Leſer hatten ſich
wegen der herrſchenden Dunkelheit zu den Fen-
ſtern an der anderen Seite des Saales hin-
gezogen.

„Warum nicht,“ antwortete er, „da iſt eine
Welt verborgen in dieſen Annoncen! Man nimmt
ſich gewöhnlich nicht die Zeit!“

„Ich glaube das einfach nicht, was da ſteht,“
meinte ſie, „ich nehme ſtets das Gegentheil an.“

Sie las: „Patentirte Anti-Keſſelſtein-Com-
poſition — unübertreffliches Mittel zur Löſung
des Keſſelſteines.“

„Nun, und wenn der Keſſelſtein nicht gelöſt
wird?“ ſcherzte er. Sie las weiter: „Kaffee!
Kaffee! Kaffee! Miſchung aus den beſten Quali-
täten. — Aſthmaperlen für Schwerathmende.
Echter Kornbranntwein. Fahrräder für Erwach-
ſene und Kinder ... ich weiß nicht, was Sie
daran intereſſantes finden?“

Sie ſuchen und leſen nicht recht! ſagte er
belehrenden Tones; „da z. B.: „Offene Stellen“
und „Stellengeſuche“ — das iſt ſchon eine Welt
für ſich, eine Welt von Hoffnungen, Beſtrebun-


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich. Ausgabe 2 Uhr Nachmittag im Adminiſtrationslocale Niederring Nr. 41 neu. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 kr. Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummern 5 kr. Telephon Nr. 9. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren nach aufliegendem Tarif. Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge: Heinrich Schalek, Annon- cen-Exped. in Wien, I. Woll- zeile Nr. 11, Haasenstein & Vogler, in Wien, Prag, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig. Alois Opellik, in Wien, Rud. Mosse, in Wien, München u. Berlin, M. Dukes, Wien I. Schulerſtraße 8. G. L. Daube, und Co, Frankfurt a. M. Adolf Steiner’s Annoncen- bureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertionsbu- reaus des In- u. Auslandes. Manuſcripte werden nicht zurückgeſtellt. Telephon Nr. 9. Nr. 199. Olmütz, Dienstag den 1. September 1891. 12. Jahrgang. Der XIX. internationale Getreide- und Saatenmarkt in Wien. Wien, 31. Auguſt Zum neunzehnten Male iſt heute in Wien der internationale Getreide- und Saatenmarkt zu- ſammengetreten. Die Geſtaltung der Ernteergeb- niſſe in einer Reihe der wichtigſten Productions- gebiete verleiht demſelben gerade im heurigen Jahre eine erhöhte Wichtigkeit. Rußland, der größte europäiſche Getreideproducent und Expor- teur, hat in der Hauptbrotfrucht eine Mißernte zu verzeichnen, ſo daß es ſelbſt zu einem Aus- fuhrverbote greifen mußte, um ſich den nothwen- digen Eigenbedarf zu möglichſt billigen Preiſen zu beſchaffen. Unter dem Eindrucke dieſer Maß- regel hat ſich auf dem Productenmarkte, beſon- ders auf den deutſchen Plätzen, eine ungeahnte Aufwärtsbewegung der Preiſe vollzogen, die Rog- genpreiſe ſind auf eine ungewöhnliche Höhe geſtiegen und ihnen ſind die Weizenpreiſe gefolgt. 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Die Thatſache, daß die Staaten zur Er- kenntniß gelangt ſeien, daß der Schutz ihrer in- ländiſchen Volkswirthſchaft am beſten gefördert werde, wenn ihren Erzeugniſſen die Möglichkeit belaſſen werde, denjenigen Markt aufzuſuchen, wo momentan die beſte Conjunctur herrſche und daß der internationale Verkehr von den ihn hemmenden Feſſeln befreit werden müſſe, ſei geeignet, die Beſucher des Saatenmarktes lebhaft zu befriedigen. — In der laufenden Campagne werde man noch mit den vor- handenen Hemmniſſen rechnen müſſen. Der Schwerpunct der Thätigkeit der heutigen Ver- ſammlung werde nicht ſo ſehr in den geſchäftli- chen Transactionen, als in der Veröffentlichung der Berichte über die Ergebniſſe der Getreide- Ernten in den wichtigſten Productionsgebieten der Welt liegen, welchen in dieſem Jahre, wo die normale Verſorgung ausgedehnter Conſum- tionsgebiete mit Brotfrucht zufolge des ruſſiſchen Ausfuhrverbotes fraglich geworden ſei, eine be- ſonders hohe wirthſchaftliche Bedeutung innewohne. Zum Schluße gab Handelskammerrath Naſchauer dem Wunſche Ausdruck, daß mit dem diesjähri- gen Markte der Zeitabſchnitt dieſer ungünſtigen Verhältniſſe ſeinen Abſchluß finde und fortab eine der Production, den Conſumenten ſowie dem Han- del zugute kommende Blütheperiode freien inter- nationalen Verkehrs beginnen möge. Herr Moriz Leinkauf erſtattet ſodann über die diesjährigen Ernteergebniſſe in Oeſterreich-Ungarn den nachſtehenden Bericht: Die diesjährige Getreide-Ernte bleibt ſtark hinter den Ergebniſſen der vorjährigen zurück, welch’ letztere allerdings, obſchon der Export nicht den Erwartungen entſprach und die Preiſe im Verlaufe der ganzen Campagne eher eine auf- wärtsſtrebende als rückläufige Bewegung verfolg- ten — wie die vor ganz Kurzem durch die Ackerbauminiſterrien beider Reichshälften ver- öffentlichten endgiltigen amtlichen Feſtſtellungen beweiſen — eine der reichſten geweſen iſt, die in Oeſterreich jemals eingeheimſt wurden. Unſere Schätzungen über den Ausfall der Ernte im Jahre 1891 haben ſowohl was Ungarn und Siebenbürgen, als was Oeſterreich betrifft, die den beiderſeitigen Ackerbauminiſterien pro 1890 publicirten Anbauflächen zur Grundlage. Weizen wurde in der diesſeitigen Reichshälfte auf 1.147,274 Hectaren angebaut Feuilleton. Verlobungsregen. — Von Hellmuth Wille. — (Nachdruck verboten.) Es regnete immerzu, immerzu, und ſie langweilten ſich, die beiden Collegen. Er war Philologe, hatte ſich krank geärgert bei Latein und Griechiſch, wollte eine Gebirgstour machen und wartete auf anhaltend ſchönes Wetter, das nicht kommen wollte. So lange blieb er in dem kleinen Curort, wo er Verwandte hatte. — Sie gebrauchte die Cur; denn ſie hatte ſich in dem erſten Jahre ihrer Lehrerinnen-Praxis ein kleines Halsleiden zugezogen. Wie ſie ſich gefuuden hatten? Zunächſt in der Curliſte, dann im Curſalon, denn wohin ſollte man bei dem Regen gehen? Man las Zeitungen, wie man nie im Leben geleſen. Und bei dem Austauſch einer vielbegehrten Zeitung hatten ſie ſich einander vorgeſtellt. Sie, Fräulein Erneſtine Rappold, ſah nicht wie eine Lehrerin aus; klein, rund, hellblond, hübſch, mit koketten Stirnlöckchen und hochmoderner, ſorgfältiger Toilette. (Seit drei Monaten war das bischen Toilette Gegenſtand ihres Fleißes und Nach- denkens geweſen.) Er, ſchon eher wie ein Lehrer, ganz ſtattlich, aber ein wenig zu würdevoll, zu correct, mit der unvermeidlichen Brille. Am erſten Regentage ſagten ſie ſich Phraſen über das Wetter, über Ferienpläne und Aehn- liches mehr. Am zweiten ſpielten ſie Domino, aber ohne recht bei der Sache zu ſein. Am dritten erzählten ſie von ihren Claſſen, von ihren Zöglingen. Doctor Albert Wolff meinte, die Collegin ärgere ſich zu viel, ſchreie zu ſehr — daher das Halsleiden. Sie beſtritt das nicht; in der That, ſie ſchrie und ärgerte ſich nicht ſelten. Schließlich mußte auch er dasſelbe von ſich zugeben. Wozu hätte er ſonſt Erholung noth- wendig? Und bei dieſem Geſpräche wurden ſie vertrauter mit einander. Sie ſchilderten mit Be- hagen die Lieblinge und die Taugenichtſe in ihren Claſſen. Beinahe hätte ſich Doctor Wolff über die kleine Elſa geärgert, die neulich einmal auf eine Rüge geantwortet hatte: „Ich ſag’s meinem Papa — der iſt Geheimrath.“ Endlich kam ein ſonniger Tag — ein ein- ziger vorläufig. Da trafen ſie ſich auf der Pro- menade; aber Fräulein Rappold’s Wirthin war dabei. Dann regnete es wieder. Sie ſpielten „Dame“, ohne dem Spiel Intereſſe abgewinnen zu können. Am nächſten Regentage laſen ſie Zei- tungen und wieder Zeitungen. Heute regnete es, wie es geſtern geregnet hatte; und ſie laſen Zeitungen. Converſiren konnte man nur wenig im Leſeſaal. Er hatte ſoeben eine große Zeitung vor ſich, hatte den Leit- artikel ſtudirt — „Ueber das Poſtbeſtellgeld!“ — dann die Local- und Kunſtnachrichten, er ſah genau, wie ſie ſich „kriegen“ würden. Nun war er bei den Inſeraten angelangt. Sie blätterte in einem illuſtrirten Familienjournal — die Por- träts des Prinzen Aribert von Deſſau und ſeiner jungen Gemahlin nahmen eine Folio-Seite ein. Von Zeit zu Zeit blickte ſie hinaus auf den grau verhangenen Himmel — da kamen wieder neue, bleiſchwarze Wolken über die „Bismarck- höhe“ herauf.“ „Ach Gott, Sie leſen Zeitungsannoncen?“ ſagte ſie jetzt flüſternd. Uebrigens war es hier in ihrer nächſten Nähe leer; die Leſer hatten ſich wegen der herrſchenden Dunkelheit zu den Fen- ſtern an der anderen Seite des Saales hin- gezogen. „Warum nicht,“ antwortete er, „da iſt eine Welt verborgen in dieſen Annoncen! Man nimmt ſich gewöhnlich nicht die Zeit!“ „Ich glaube das einfach nicht, was da ſteht,“ meinte ſie, „ich nehme ſtets das Gegentheil an.“ Sie las: „Patentirte Anti-Keſſelſtein-Com- poſition — unübertreffliches Mittel zur Löſung des Keſſelſteines.“ „Nun, und wenn der Keſſelſtein nicht gelöſt wird?“ ſcherzte er. Sie las weiter: „Kaffee! Kaffee! Kaffee! Miſchung aus den beſten Quali- täten. — Aſthmaperlen für Schwerathmende. Echter Kornbranntwein. Fahrräder für Erwach- ſene und Kinder ... ich weiß nicht, was Sie daran intereſſantes finden?“ Sie ſuchen und leſen nicht recht! ſagte er belehrenden Tones; „da z. B.: „Offene Stellen“ und „Stellengeſuche“ — das iſt ſchon eine Welt für ſich, eine Welt von Hoffnungen, Beſtrebun-

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der Texttranskription. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Amelie Meister: Bereitstellung der Texttranskription. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): keine Angabe; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): keine Angabe; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: keine Angabe; Silbentrennung: keine Angabe; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: keine Angabe; Zeichensetzung: keine Angabe; Zeilenumbrüche markiert: keine Angabe;




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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 199, Olmütz, 01.09.1891, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches199_1891/1>, abgerufen am 17.10.2018.