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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1437, Czernowitz, 27.10.1908.

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erste Seite
[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Administration
Rathausstraße 16.




Telephon-Nummer 161,




Abonnementsbedingungen:

Für Czernowitz.
(mit Zustellung ins Haus):
[monatl.] K 1.80, vierteljähr. K 5.40.
[halbj.] K 10.80, ganzjähr. K 21.60,
(mit täglicher Postversendung)
monatl. K 2, vierteljähr. K 6,
halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24

Für Deutschland:
vierteljährig ..... 7 Mark

[Für] Rumänien und den Balkan:
vierteljährig ..... 10 Lei.




[Telegramme:] Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigung[:]
Es kostet im gewöhnlichen Juse
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehtmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile, Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
Inseratenbureaux sowie die Ad-
ministration entgegen. -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Administration (Rat-
hausstr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldschmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1437. Czernowitz, Dienstag, den 27. Oktober 1908.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Vom Tage.

Heute finden in Niederösterreich die Landtagswahlen aus
der allgemeinen Wählerkurie statt. -- In Prag fanden neuerlich
Studentendemonstrationen statt.

Czernowitzer Angelegenheiten.

Zwischen dem Landeshauptmann und dem Rumänenklub
ist ein heftiger Streit ausgebrochen. In den Ausschüssen streiken
die Rumänen. -- Die Firma Strihafka ist fallit geworden.

Letzte Telegramme.

Gestern fand in Belgrad eine von den Belgrader Frauen
einberufene Protestversammlung gegen die Annexion Bosniens
statt. -- Rumänien soll mit Serbien eine Militärkonvention
gegen Oesterreich-Ungarn abgeschlossen haben.




Der Abbruch der direkten
Verhandlungen.


Man schreibt uns von diplomatischer Seite:

Die Berhandlungen der Türkei mit Oester-
reich-Ungarn
und Bulgarien waren eine Wirkung
der Londoner Verhandlungen Iswolskis und der Veröffent-
lichung des Londoner Konferenzprogrammes. Die Türkei hat
sich, erschreckt durch die Londoner Vorschläge, bewogen gesehen,
mit Oesterreich-Ungarn über die bosnische Frage und mit
Bulgarien über die Frage der Ocientbahnen und Ostrumeliens
in direkte, durch keine Vermittler beeinflußte Verhandlungen
[e]inzutreten. Der österreich-ungarische Botschafter in Konstanti-
nopel, Markgraf Pallavicini, verhandelte mit Tewsik Pascha,
und die bulgarischen Spezialgesandten Dimitrow und
Stojanowitsch trafen in Konstantinopel ein, um zunächst mit
den jungtürkischen Kreisen Fühlung zu nehmen, mit denen sich
bereits der bulgarische Gesande Natschowisch in Verbindung
gesetzt hatte. Auch zwischen ihnen und der Pforte sind
zweifellos, wenn auch auf Umwegen, die über die französische
Botschaft in Konstantinopel führen dürften, Verhandlungen
gepflogen worden. Sicher ist, daß auf türkischer Seite die
größte Neigung bestand, mindestens mit Oesterreich-Ungarn
[Spaltenumbruch] so bald wie möglich zu einem erträglichen Abschluß zu ge-
langen.

Angesichts des Londoner Konferenzprogrammes begann
man in Konstantinopel zu beten: "Allah! Beschütze uns vor
unseren Londoner Freunden!" Die Enttäuschung, die sich in
Konstantinopel sowohl der Jungtürken als auch der Regierung
über die Londoner Vorschläge bemächtigt hatte, schuf die
günstigsten Dispositionen für eine direkte Verständigung mit
dem Wiener Kabinett. Man sagte sich, daß Oesterreich-
Ungarn, das nun durch die Annexion Bosniens und der
Herzegowina gesättigt sei und freiwillig den Schandschak
Novibazar geräumt hat, sicherlich keine weiteren Ansprüche
stellen werde und daß es geratener sei, sich mit Wien
unmittelbar auseinanderzusetzen, anstatt zu riskieren, daß eine
Konferenz nach dem Londoner Programm noch andere Leute
aus den Taschen der Türkei bezahle. Auf österreichisch-
ungarischer Seite fand man denn auch das größte Entgegen-
kommen. Oesterreich-Ungarn hat von allem Anfang an auf
dem Standpunkte gestanden, daß es sich über die bosnische
Sache nur mit der Türkei auseinanderzusetzen habe, und es
begrüßte sofort die Gelegenheit, diese Verständigung den
weiteren Einflüssen einer internationalen Konferenz zu
entziehen. Man begann also auf folgender Basis zu verhandeln:
Die Türkei nimmt die Annexion Bosniens und die Räumung
des Sandschaks durch Oesterreich zur Kenntnis. Dann sollen
gewisse kirchliche Rechte des Sultans über die bosnischen
Mohammedaner festgesetzt werden. Die Uebernahme eines
entsprechenden Teiles türkischer Staatsschuld lehnte Oesterreich
ab. Aber es ist nicht unmöglich, daß es sich dem türkischen
Wunsche, den türkischen Besitz im Sandschak Novibazar
gegen etwaige Angriffe Serbiens und Montenegros zu ver-
bürgen, fügt. Gerade darauf legt die Türkei großen Wert;
sie fürchtete, daß eine Konferenz doch den Serben und
Montenegrinern gewisse Kompensationen auf Kosten des
Sandschaks bewilligen könnte, und dem wollten sie vorbeugen.
Andererseits hat auch Oesterreich-Ungarn ein Interesse daran,
den Sandschak, diese Brücke zwischen Serbien und Monte-
negro, nicht in andere als in türkische Hände kommen zu
lassen. Eine Verständigung liegt also im beiderseitigen Interesse.

Schwieriger sind die Verhandlungen zwischen Türken
[Spaltenumbruch] und Bulgaren. Dem Einfluße des Königs Ferdinand ist es
zwar gelungen, sein Ministerium dazu zu veranlassen, daß es
sich bereit erklärt, über die Ablösung des Eigentumsrechtes
der Türken an der ostrumelischen Strecke der Orientbahnen
mit der Türkei zu verhandeln. Aber nicht so günstig steht es
mit der Frage wegen Ostrumeliens. Die Türkei besteht
darauf, daß der Tribut, den Bulgarien jährlich für Ost-
rumelien zu zahlen hatte, nun kapitalisiert und von
Bulgarien bezahlt wird. Dies erklärt jedoch das bulgarische
Ministerium für ausgeschlossen, und auch dem König, der
den Krieg unter allen Umständen zu vermeiden wünscht, ist
es noch nicht gelungen, es in dieser Beziehung zur Nach-
giebigkeit zu bewegen. Der Ministerpräsident Malinow hat
sogar für diesen Fall mit der Demission gedroht, und eine
Ministerkrise kann der König jetzt in Bulgarien nicht brauchen.
Immerhin ist auch da noch eine Verständigung möglich.

Es muß also bei der Konferenz bleiben und die direkten
Verhandlungen sollen verhindert werden. Und scheinbar ist
diese edle Aufgabe Lord Lowther, dem englischen Bot-
schafter in Konstantinopel, gelungen. Die Pforte hat nach
mehrfachen Konferenzen des Lords mit Tewsik Pascha die
Verhandlungen mit Oesterreich -- abgebrochen, wie die Nach-
richten lauten -- unterbrochen, nach dem mutmaßlich richtigen
Sachverhalt. Und die bulgarischen Delegierten, die nach
Konstantinopel gesandt waren, sind plötzlich von dort abgereist.
Am wenigsten ist die letzte Tatsache ein Beweis für die
Beseitigung der Verhandlungswilligkeit der Pforte. Denn
die Herren Stojanowitsch und Dimitroff hatten keinerlei
Vollmacht. Sie waren nur beauftragt, die Anschauungen
der maßgebenden jungtürkischen Kreise inbezug auf
Bulgariens Angebote zu sondieren, und diese ihre Auf-
gabe hatten sie erfüllt. Erst auf Grund ihrer Berichte waren
bulgarischerseits eigentliche Verhandlungen in Aussicht ge-
nommen. Was aber den "Abbruch" der Verhandlungen mit
Oesterreich-Ungarn betrifft, so hat die Vermutung viel für
sich, daß es sich dabei nur um eine Phase in einem Handels-
geschäft handelt, wobei der eine Teil zur Erwirkung des
Zugeständnisses seiner Forderungen auf den anderen Teil durch
die Vorführung der Konkurrenzgefahr zu wirken sucht. Die
Wiederaufnahme des Konferenzgedankens durch die Pforte ist




[Spaltenumbruch]
Der Doppelgänger des Zaren.

39] (Nachdruck verboten.)

"Noch eine Frage, Monsieur -- was soll mit Vastics
Leiche werden?"

"Hm -- da ist guter Rat teuer, Iwan aber sorgt nur
einstweilen für die anderen Sachen, vielleicht fällt mir noch ein
Ausweg ein."

Als Iwan gegangen war, versank der Amerikaner in
Grübeln -- er hatte die Leiche völlig vergessen, aber Iwan
hatte recht -- ehe sie Brabinsk verließen, mußte diese fatale
Aufgabe gelöst werden. Die Leiche mitzunehmen, stand außer
Frage -- sie hier liegen lassen, ging auch nicht an, und sie in
Brabinsk begraben, war ebenfalls schwierig. Wenn er Kalkow
von seinem Zusammentreffen mit Vastic berichtete und ihm
sagte, daß er ihn in der Notwehr erschossen hatte, würde
Kalkow weiter keine Schwierigkeiten machen, aber wenn er dann
seine Leute nach Brabinsk sandte, konnte es doch für Helga
fatal werden, wer konnte wissen, was hier noch alles ver-
borgen war?

Schließlich blieb doch nichts weiter übrig, als die Leiche
hier in Brabinsk zu begraben und mit Iwans Hilfe trug
Harper den Toten hinaus in eine leer stehende Scheune. Dort
gruben sie eine Grube, in welcher sie die Leiche bargen und
Harper kam sich vor wie ein Mörder, als er in die verglasten
Augen des Erschossenen blickte.

Er sah so elend aus, daß Iwan davoneilte, ihm ein Glas
Kognak zu holen; der scharfe Trank belebte ihn wieder, aber
e[r] dankte doch Gott, als die Grube zugeworfen war und Iwan
den Scheunenschlüssel abzog.

Da immer noch eine Stunde bis zur Abfahrt blieb, ver-
suchte Harper zu schlafen, aber bald ward er inne, duß daran
nicht zu denken war. Gleich quälenden Gespenstern zogen die
Erlebnisse der letzten Stunden an seinem wachen Auge vorüber
-- tausend Gefahren bäumten sich vor ihm auf und in fieber-
[Spaltenumbruch] hafter Erregung suchte er nach Mitteln und Wegen, um diese
Gefahren zu bekämpfen.

Jedenfalls mußte er, sobald er Helga in Sicherheit wußte,
darauf bedacht sein, eine Audienz beim Zaren zu erlangen;
aber wie das erreichen, ohne Kolkow zu sprechen? Und wenn er
Kalkowins Vertrauen zog, war wenig Hoffnung, das gewünschte Re-
sultat zu erlangen; war er, wie Helga behauptete, der Verräter,
der ihren Vater ins Verderben gestürzt, dann mußte ihm alles
daran gelegen sein, den Zar n Helga nicht sprechen zu lassen!
Und die fatale Nihilistenaffäre machte die ohnehin schwierige
Situation noch schwieriger; sobald Kalkow durch seine Späher
von Vastics Tod hörte, mußte er auch entdecken, daß Helga zeit-
weise Fühlung mit den Nihilisten gehabt, und wie leicht war
es dann für ihn, Helgas Anklage zu entkräften, indem er sie
des Einverständnisses mit diesen schlimmsten Feinden der Re-
gierung bezichtigte.

Wohl bestand die leise Möglichkeit, dem Zaren zu ver-
bergen, daß Helga Lavalski, die Tochter seines geopferten
Freundes identisch sei mit Helga Boreski, der Genossin der
Nihilisten, aber wer konnte wissen, ob nicht die Großfürstin
Stephanie Mittel und Wege fand, das Ohr des Kaisers noch
vor dessen Zusammentreffen mit Helga zu erreichen -- und
wenn es ihr gelang, dann zog Helga den kürzeren. Um sich
und Boreski rein zu waschen, würde die Großfürstin sich nicht
besinnen, Helga preiszugeben und so sah die Sache nach keiner
Seite hin tröstlich aus. Als Helga nach Verlauf der festgesetzten
drei Stunden wieder im Salon erschien, sah Harper auf den
ersten Blick, daß sie nicht geschlafen hatte. Sie war erschreckend
bleich -- unter den Augen lagen tiefe, dunkle Schatten, und
ihre Stimme klang matt und farblos, als sie Harpers Gruß
erwiderte.

"Wie mir Ihr Aussehen zeigt, Helga, haben Sie leider
nicht geschlafen," sagte Harper besorgt.

"Ach nein -- es war unmöglich. Und ich kann auch nicht
zugeben, daß Sie sich für mich opfern, Monsieur."

"Ich kann nur unter einer einzigen Bedingung diesen
Ihren Wunsch erfüllen, Helga --"


[Spaltenumbruch]

"Und diese Bedingung lautet --"

"Daß wir beide, anstatt nach Petersburg, jetzt direkt über
die Grenze ins Ausland flüchten."

"Daran ist nicht zu denken, Monsieur".

"So lassen wir den Wagen nicht länger warten, Helga --
ist Madame Korvata bereit?"

"Ja -- sie wartet bereits in der Halle."

Die Fahrt verlief meist schweigend; Madame Korvatta
lehnte in der einen Ecke des Wagens, Helga in der anderen,
und Harper hatte den Damen gegenüber den Vordersitz einge-
nommen.

Als Madame Korvata nach einer Weile laut zu schnarchen
begann, teilte Harper dem jungen Mädchen flüsternd mit, daß
er sie direkt zum Sophienplatz bringen und dann eine Audienz
beim Kaiser nachsuchen werde.

"Es wird umsonst sein," sagte Helga mutlos; "Fürst
Kalkow weiß dergleichen stets zu vereiteln."

"Aber ich gedenke, den Fürsten überhaupt zu umgehen --"

"Was hilft das? Er hat zahlreiche Spürhunde im Solde
und sobald Sie nur den Palast betreten, wird's ihm ge-
meldet."

"Nun, sehen wir, wer recht hat, Helga -- auf alle Fälle
halten Sie sich bereit und machen Sie sich darauf gefaßt, dem
Kaiser Ihre Erlebnisse vorzutragen."

"O, daran soll's nicht fehlen, Monsieur, wenn die Ge-
legenheit wirklich kommt, soll sie mich bereit finden, aber ich
glaube nicht daran."

"Weshalb so kleinmütig, Helga? Aber nun lassen Sie uns
noch eine andere Möglichkeit ins Auge fassen -- wir müssen
damit rechnen, daß der Zar Sie anhört -- und nicht über-
zeugt ist."

"Auch daran habe ich gedacht, dann beginne ich meine
Danaidenarbeit von neuem."

"Gut also -- aber ich hoffe, wir werden siegen."

"Und wenn wir unterliegen, trennen sich unsere Wege,
Monsieur," sagte Helga fest.

"Daran ist nicht zu denken, Helga."

(Fortsetzung folgt.)


[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Adminiſtration
Rathausſtraße 16.




Telephon-Nummer 161,




Abonnementsbedingungen:

Für Czernowitz.
(mit Zuſtellung ins Haus):
[monatl.] K 1.80, vierteljähr. K 5.40.
[halbj.] K 10.80, ganzjähr. K 21.60,
(mit täglicher Poſtverſendung)
monatl. K 2, vierteljähr. K 6,
halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24

Für Deutſchland:
vierteljährig ..... 7 Mark

[Für] Rumänien und den Balkan:
vierteljährig ..... 10 Lei.




[Telegramme:] Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Ankündigung[:]
Es koſtet im gewöhnlichen Juſe
ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene
Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei
mehtmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile, Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen. — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Adminiſtration (Rat-
hausſtr. 16) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldſchmidt,
Wollzeile 11.

Einzelexemplare
10 Heller für Czernowitz.






Nr. 1437. Czernowitz, Dienſtag, den 27. Oktober 1908.



[Spaltenumbruch]
Ueberſicht.

Vom Tage.

Heute finden in Niederöſterreich die Landtagswahlen aus
der allgemeinen Wählerkurie ſtatt. — In Prag fanden neuerlich
Studentendemonſtrationen ſtatt.

Czernowitzer Angelegenheiten.

Zwiſchen dem Landeshauptmann und dem Rumänenklub
iſt ein heftiger Streit ausgebrochen. In den Ausſchüſſen ſtreiken
die Rumänen. — Die Firma Strihafka iſt fallit geworden.

Letzte Telegramme.

Geſtern fand in Belgrad eine von den Belgrader Frauen
einberufene Proteſtverſammlung gegen die Annexion Bosniens
ſtatt. — Rumänien ſoll mit Serbien eine Militärkonvention
gegen Oeſterreich-Ungarn abgeſchloſſen haben.




Der Abbruch der direkten
Verhandlungen.


Man ſchreibt uns von diplomatiſcher Seite:

Die Berhandlungen der Türkei mit Oeſter-
reich-Ungarn
und Bulgarien waren eine Wirkung
der Londoner Verhandlungen Iswolskis und der Veröffent-
lichung des Londoner Konferenzprogrammes. Die Türkei hat
ſich, erſchreckt durch die Londoner Vorſchläge, bewogen geſehen,
mit Oeſterreich-Ungarn über die bosniſche Frage und mit
Bulgarien über die Frage der Ocientbahnen und Oſtrumeliens
in direkte, durch keine Vermittler beeinflußte Verhandlungen
[e]inzutreten. Der öſterreich-ungariſche Botſchafter in Konſtanti-
nopel, Markgraf Pallavicini, verhandelte mit Tewſik Paſcha,
und die bulgariſchen Spezialgeſandten Dimitrow und
Stojanowitſch trafen in Konſtantinopel ein, um zunächſt mit
den jungtürkiſchen Kreiſen Fühlung zu nehmen, mit denen ſich
bereits der bulgariſche Geſande Natſchowiſch in Verbindung
geſetzt hatte. Auch zwiſchen ihnen und der Pforte ſind
zweifellos, wenn auch auf Umwegen, die über die franzöſiſche
Botſchaft in Konſtantinopel führen dürften, Verhandlungen
gepflogen worden. Sicher iſt, daß auf türkiſcher Seite die
größte Neigung beſtand, mindeſtens mit Oeſterreich-Ungarn
[Spaltenumbruch] ſo bald wie möglich zu einem erträglichen Abſchluß zu ge-
langen.

Angeſichts des Londoner Konferenzprogrammes begann
man in Konſtantinopel zu beten: „Allah! Beſchütze uns vor
unſeren Londoner Freunden!“ Die Enttäuſchung, die ſich in
Konſtantinopel ſowohl der Jungtürken als auch der Regierung
über die Londoner Vorſchläge bemächtigt hatte, ſchuf die
günſtigſten Dispoſitionen für eine direkte Verſtändigung mit
dem Wiener Kabinett. Man ſagte ſich, daß Oeſterreich-
Ungarn, das nun durch die Annexion Bosniens und der
Herzegowina geſättigt ſei und freiwillig den Schandſchak
Novibazar geräumt hat, ſicherlich keine weiteren Anſprüche
ſtellen werde und daß es geratener ſei, ſich mit Wien
unmittelbar auseinanderzuſetzen, anſtatt zu riskieren, daß eine
Konferenz nach dem Londoner Programm noch andere Leute
aus den Taſchen der Türkei bezahle. Auf öſterreichiſch-
ungariſcher Seite fand man denn auch das größte Entgegen-
kommen. Oeſterreich-Ungarn hat von allem Anfang an auf
dem Standpunkte geſtanden, daß es ſich über die bosniſche
Sache nur mit der Türkei auseinanderzuſetzen habe, und es
begrüßte ſofort die Gelegenheit, dieſe Verſtändigung den
weiteren Einflüſſen einer internationalen Konferenz zu
entziehen. Man begann alſo auf folgender Baſis zu verhandeln:
Die Türkei nimmt die Annexion Bosniens und die Räumung
des Sandſchaks durch Oeſterreich zur Kenntnis. Dann ſollen
gewiſſe kirchliche Rechte des Sultans über die bosniſchen
Mohammedaner feſtgeſetzt werden. Die Uebernahme eines
entſprechenden Teiles türkiſcher Staatsſchuld lehnte Oeſterreich
ab. Aber es iſt nicht unmöglich, daß es ſich dem türkiſchen
Wunſche, den türkiſchen Beſitz im Sandſchak Novibazar
gegen etwaige Angriffe Serbiens und Montenegros zu ver-
bürgen, fügt. Gerade darauf legt die Türkei großen Wert;
ſie fürchtete, daß eine Konferenz doch den Serben und
Montenegrinern gewiſſe Kompenſationen auf Koſten des
Sandſchaks bewilligen könnte, und dem wollten ſie vorbeugen.
Andererſeits hat auch Oeſterreich-Ungarn ein Intereſſe daran,
den Sandſchak, dieſe Brücke zwiſchen Serbien und Monte-
negro, nicht in andere als in türkiſche Hände kommen zu
laſſen. Eine Verſtändigung liegt alſo im beiderſeitigen Intereſſe.

Schwieriger ſind die Verhandlungen zwiſchen Türken
[Spaltenumbruch] und Bulgaren. Dem Einfluße des Königs Ferdinand iſt es
zwar gelungen, ſein Miniſterium dazu zu veranlaſſen, daß es
ſich bereit erklärt, über die Ablöſung des Eigentumsrechtes
der Türken an der oſtrumeliſchen Strecke der Orientbahnen
mit der Türkei zu verhandeln. Aber nicht ſo günſtig ſteht es
mit der Frage wegen Oſtrumeliens. Die Türkei beſteht
darauf, daß der Tribut, den Bulgarien jährlich für Oſt-
rumelien zu zahlen hatte, nun kapitaliſiert und von
Bulgarien bezahlt wird. Dies erklärt jedoch das bulgariſche
Miniſterium für ausgeſchloſſen, und auch dem König, der
den Krieg unter allen Umſtänden zu vermeiden wünſcht, iſt
es noch nicht gelungen, es in dieſer Beziehung zur Nach-
giebigkeit zu bewegen. Der Miniſterpräſident Malinow hat
ſogar für dieſen Fall mit der Demiſſion gedroht, und eine
Miniſterkriſe kann der König jetzt in Bulgarien nicht brauchen.
Immerhin iſt auch da noch eine Verſtändigung möglich.

Es muß alſo bei der Konferenz bleiben und die direkten
Verhandlungen ſollen verhindert werden. Und ſcheinbar iſt
dieſe edle Aufgabe Lord Lowther, dem engliſchen Bot-
ſchafter in Konſtantinopel, gelungen. Die Pforte hat nach
mehrfachen Konferenzen des Lords mit Tewſik Paſcha die
Verhandlungen mit Oeſterreich — abgebrochen, wie die Nach-
richten lauten — unterbrochen, nach dem mutmaßlich richtigen
Sachverhalt. Und die bulgariſchen Delegierten, die nach
Konſtantinopel geſandt waren, ſind plötzlich von dort abgereiſt.
Am wenigſten iſt die letzte Tatſache ein Beweis für die
Beſeitigung der Verhandlungswilligkeit der Pforte. Denn
die Herren Stojanowitſch und Dimitroff hatten keinerlei
Vollmacht. Sie waren nur beauftragt, die Anſchauungen
der maßgebenden jungtürkiſchen Kreiſe inbezug auf
Bulgariens Angebote zu ſondieren, und dieſe ihre Auf-
gabe hatten ſie erfüllt. Erſt auf Grund ihrer Berichte waren
bulgariſcherſeits eigentliche Verhandlungen in Ausſicht ge-
nommen. Was aber den „Abbruch“ der Verhandlungen mit
Oeſterreich-Ungarn betrifft, ſo hat die Vermutung viel für
ſich, daß es ſich dabei nur um eine Phaſe in einem Handels-
geſchäft handelt, wobei der eine Teil zur Erwirkung des
Zugeſtändniſſes ſeiner Forderungen auf den anderen Teil durch
die Vorführung der Konkurrenzgefahr zu wirken ſucht. Die
Wiederaufnahme des Konferenzgedankens durch die Pforte iſt




[Spaltenumbruch]
Der Doppelgänger des Zaren.

39] (Nachdruck verboten.)

„Noch eine Frage, Monſieur — was ſoll mit Vaſtics
Leiche werden?“

„Hm — da iſt guter Rat teuer, Iwan aber ſorgt nur
einſtweilen für die anderen Sachen, vielleicht fällt mir noch ein
Ausweg ein.“

Als Iwan gegangen war, verſank der Amerikaner in
Grübeln — er hatte die Leiche völlig vergeſſen, aber Iwan
hatte recht — ehe ſie Brabinsk verließen, mußte dieſe fatale
Aufgabe gelöſt werden. Die Leiche mitzunehmen, ſtand außer
Frage — ſie hier liegen laſſen, ging auch nicht an, und ſie in
Brabinsk begraben, war ebenfalls ſchwierig. Wenn er Kalkow
von ſeinem Zuſammentreffen mit Vaſtic berichtete und ihm
ſagte, daß er ihn in der Notwehr erſchoſſen hatte, würde
Kalkow weiter keine Schwierigkeiten machen, aber wenn er dann
ſeine Leute nach Brabinsk ſandte, konnte es doch für Helga
fatal werden, wer konnte wiſſen, was hier noch alles ver-
borgen war?

Schließlich blieb doch nichts weiter übrig, als die Leiche
hier in Brabinsk zu begraben und mit Iwans Hilfe trug
Harper den Toten hinaus in eine leer ſtehende Scheune. Dort
gruben ſie eine Grube, in welcher ſie die Leiche bargen und
Harper kam ſich vor wie ein Mörder, als er in die verglaſten
Augen des Erſchoſſenen blickte.

Er ſah ſo elend aus, daß Iwan davoneilte, ihm ein Glas
Kognak zu holen; der ſcharfe Trank belebte ihn wieder, aber
e[r] dankte doch Gott, als die Grube zugeworfen war und Iwan
den Scheunenſchlüſſel abzog.

Da immer noch eine Stunde bis zur Abfahrt blieb, ver-
ſuchte Harper zu ſchlafen, aber bald ward er inne, duß daran
nicht zu denken war. Gleich quälenden Geſpenſtern zogen die
Erlebniſſe der letzten Stunden an ſeinem wachen Auge vorüber
— tauſend Gefahren bäumten ſich vor ihm auf und in fieber-
[Spaltenumbruch] hafter Erregung ſuchte er nach Mitteln und Wegen, um dieſe
Gefahren zu bekämpfen.

Jedenfalls mußte er, ſobald er Helga in Sicherheit wußte,
darauf bedacht ſein, eine Audienz beim Zaren zu erlangen;
aber wie das erreichen, ohne Kolkow zu ſprechen? Und wenn er
Kalkowins Vertrauen zog, war wenig Hoffnung, das gewünſchte Re-
ſultat zu erlangen; war er, wie Helga behauptete, der Verräter,
der ihren Vater ins Verderben geſtürzt, dann mußte ihm alles
daran gelegen ſein, den Zar n Helga nicht ſprechen zu laſſen!
Und die fatale Nihiliſtenaffäre machte die ohnehin ſchwierige
Situation noch ſchwieriger; ſobald Kalkow durch ſeine Späher
von Vaſtics Tod hörte, mußte er auch entdecken, daß Helga zeit-
weiſe Fühlung mit den Nihiliſten gehabt, und wie leicht war
es dann für ihn, Helgas Anklage zu entkräften, indem er ſie
des Einverſtändniſſes mit dieſen ſchlimmſten Feinden der Re-
gierung bezichtigte.

Wohl beſtand die leiſe Möglichkeit, dem Zaren zu ver-
bergen, daß Helga Lavalski, die Tochter ſeines geopferten
Freundes identiſch ſei mit Helga Boreski, der Genoſſin der
Nihiliſten, aber wer konnte wiſſen, ob nicht die Großfürſtin
Stephanie Mittel und Wege fand, das Ohr des Kaiſers noch
vor deſſen Zuſammentreffen mit Helga zu erreichen — und
wenn es ihr gelang, dann zog Helga den kürzeren. Um ſich
und Boreski rein zu waſchen, würde die Großfürſtin ſich nicht
beſinnen, Helga preiszugeben und ſo ſah die Sache nach keiner
Seite hin tröſtlich aus. Als Helga nach Verlauf der feſtgeſetzten
drei Stunden wieder im Salon erſchien, ſah Harper auf den
erſten Blick, daß ſie nicht geſchlafen hatte. Sie war erſchreckend
bleich — unter den Augen lagen tiefe, dunkle Schatten, und
ihre Stimme klang matt und farblos, als ſie Harpers Gruß
erwiderte.

„Wie mir Ihr Ausſehen zeigt, Helga, haben Sie leider
nicht geſchlafen,“ ſagte Harper beſorgt.

„Ach nein — es war unmöglich. Und ich kann auch nicht
zugeben, daß Sie ſich für mich opfern, Monſieur.“

„Ich kann nur unter einer einzigen Bedingung dieſen
Ihren Wunſch erfüllen, Helga —“


[Spaltenumbruch]

„Und dieſe Bedingung lautet —“

„Daß wir beide, anſtatt nach Petersburg, jetzt direkt über
die Grenze ins Ausland flüchten.“

„Daran iſt nicht zu denken, Monſieur“.

„So laſſen wir den Wagen nicht länger warten, Helga —
iſt Madame Korvata bereit?“

„Ja — ſie wartet bereits in der Halle.“

Die Fahrt verlief meiſt ſchweigend; Madame Korvatta
lehnte in der einen Ecke des Wagens, Helga in der anderen,
und Harper hatte den Damen gegenüber den Vorderſitz einge-
nommen.

Als Madame Korvata nach einer Weile laut zu ſchnarchen
begann, teilte Harper dem jungen Mädchen flüſternd mit, daß
er ſie direkt zum Sophienplatz bringen und dann eine Audienz
beim Kaiſer nachſuchen werde.

„Es wird umſonſt ſein,“ ſagte Helga mutlos; „Fürſt
Kalkow weiß dergleichen ſtets zu vereiteln.“

„Aber ich gedenke, den Fürſten überhaupt zu umgehen —“

„Was hilft das? Er hat zahlreiche Spürhunde im Solde
und ſobald Sie nur den Palaſt betreten, wird’s ihm ge-
meldet.“

„Nun, ſehen wir, wer recht hat, Helga — auf alle Fälle
halten Sie ſich bereit und machen Sie ſich darauf gefaßt, dem
Kaiſer Ihre Erlebniſſe vorzutragen.“

„O, daran ſoll’s nicht fehlen, Monſieur, wenn die Ge-
legenheit wirklich kommt, ſoll ſie mich bereit finden, aber ich
glaube nicht daran.“

„Weshalb ſo kleinmütig, Helga? Aber nun laſſen Sie uns
noch eine andere Möglichkeit ins Auge faſſen — wir müſſen
damit rechnen, daß der Zar Sie anhört — und nicht über-
zeugt iſt.“

„Auch daran habe ich gedacht, dann beginne ich meine
Danaidenarbeit von neuem.“

„Gut alſo — aber ich hoffe, wir werden ſiegen.“

„Und wenn wir unterliegen, trennen ſich unſere Wege,
Monſieur,“ ſagte Helga feſt.

„Daran iſt nicht zu denken, Helga.“

(Fortſetzung folgt.)


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[[1]/0001] Redaktion u. Adminiſtration Rathausſtraße 16. Telephon-Nummer 161, Abonnementsbedingungen: Für Czernowitz. (mit Zuſtellung ins Haus): monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40. halbj. K 10.80, ganzjähr. K 21.60, (mit täglicher Poſtverſendung) monatl. K 2, vierteljähr. K 6, halbjähr. K 12, ganzjähr. K 24 Für Deutſchland: vierteljährig ..... 7 Mark Für Rumänien und den Balkan: vierteljährig ..... 10 Lei. Telegramme: Allgemeine, Czernowitz. Czernowitzer Allgemeine Zeitung Ankündigung: Es koſtet im gewöhnlichen Juſe ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene Petitzeile bei eimaliger, 9 h bei mehtmaliger Einſchaltung, für Re- klame 40 h die Petitzeile, Inſerate nehmen alle in- und ausländiſchen Inſeratenbureaux ſowie die Ad- miniſtration entgegen. — Einzel- exemplare ſind in allen Zeitungs- verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni- verſitätsbuchhandlung H. Pardini und in der Adminiſtration (Rat- hausſtr. 16) erhältlich. In Wien im Zeitungsbureau Goldſchmidt, Wollzeile 11. Einzelexemplare 10 Heller für Czernowitz. Nr. 1437. Czernowitz, Dienſtag, den 27. Oktober 1908. Ueberſicht. Vom Tage. Heute finden in Niederöſterreich die Landtagswahlen aus der allgemeinen Wählerkurie ſtatt. — In Prag fanden neuerlich Studentendemonſtrationen ſtatt. Czernowitzer Angelegenheiten. Zwiſchen dem Landeshauptmann und dem Rumänenklub iſt ein heftiger Streit ausgebrochen. In den Ausſchüſſen ſtreiken die Rumänen. — Die Firma Strihafka iſt fallit geworden. Letzte Telegramme. Geſtern fand in Belgrad eine von den Belgrader Frauen einberufene Proteſtverſammlung gegen die Annexion Bosniens ſtatt. — Rumänien ſoll mit Serbien eine Militärkonvention gegen Oeſterreich-Ungarn abgeſchloſſen haben. Der Abbruch der direkten Verhandlungen. Wien, 24. Oktober. Man ſchreibt uns von diplomatiſcher Seite: Die Berhandlungen der Türkei mit Oeſter- reich-Ungarn und Bulgarien waren eine Wirkung der Londoner Verhandlungen Iswolskis und der Veröffent- lichung des Londoner Konferenzprogrammes. Die Türkei hat ſich, erſchreckt durch die Londoner Vorſchläge, bewogen geſehen, mit Oeſterreich-Ungarn über die bosniſche Frage und mit Bulgarien über die Frage der Ocientbahnen und Oſtrumeliens in direkte, durch keine Vermittler beeinflußte Verhandlungen einzutreten. Der öſterreich-ungariſche Botſchafter in Konſtanti- nopel, Markgraf Pallavicini, verhandelte mit Tewſik Paſcha, und die bulgariſchen Spezialgeſandten Dimitrow und Stojanowitſch trafen in Konſtantinopel ein, um zunächſt mit den jungtürkiſchen Kreiſen Fühlung zu nehmen, mit denen ſich bereits der bulgariſche Geſande Natſchowiſch in Verbindung geſetzt hatte. Auch zwiſchen ihnen und der Pforte ſind zweifellos, wenn auch auf Umwegen, die über die franzöſiſche Botſchaft in Konſtantinopel führen dürften, Verhandlungen gepflogen worden. Sicher iſt, daß auf türkiſcher Seite die größte Neigung beſtand, mindeſtens mit Oeſterreich-Ungarn ſo bald wie möglich zu einem erträglichen Abſchluß zu ge- langen. Angeſichts des Londoner Konferenzprogrammes begann man in Konſtantinopel zu beten: „Allah! Beſchütze uns vor unſeren Londoner Freunden!“ Die Enttäuſchung, die ſich in Konſtantinopel ſowohl der Jungtürken als auch der Regierung über die Londoner Vorſchläge bemächtigt hatte, ſchuf die günſtigſten Dispoſitionen für eine direkte Verſtändigung mit dem Wiener Kabinett. Man ſagte ſich, daß Oeſterreich- Ungarn, das nun durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina geſättigt ſei und freiwillig den Schandſchak Novibazar geräumt hat, ſicherlich keine weiteren Anſprüche ſtellen werde und daß es geratener ſei, ſich mit Wien unmittelbar auseinanderzuſetzen, anſtatt zu riskieren, daß eine Konferenz nach dem Londoner Programm noch andere Leute aus den Taſchen der Türkei bezahle. Auf öſterreichiſch- ungariſcher Seite fand man denn auch das größte Entgegen- kommen. Oeſterreich-Ungarn hat von allem Anfang an auf dem Standpunkte geſtanden, daß es ſich über die bosniſche Sache nur mit der Türkei auseinanderzuſetzen habe, und es begrüßte ſofort die Gelegenheit, dieſe Verſtändigung den weiteren Einflüſſen einer internationalen Konferenz zu entziehen. Man begann alſo auf folgender Baſis zu verhandeln: Die Türkei nimmt die Annexion Bosniens und die Räumung des Sandſchaks durch Oeſterreich zur Kenntnis. Dann ſollen gewiſſe kirchliche Rechte des Sultans über die bosniſchen Mohammedaner feſtgeſetzt werden. Die Uebernahme eines entſprechenden Teiles türkiſcher Staatsſchuld lehnte Oeſterreich ab. Aber es iſt nicht unmöglich, daß es ſich dem türkiſchen Wunſche, den türkiſchen Beſitz im Sandſchak Novibazar gegen etwaige Angriffe Serbiens und Montenegros zu ver- bürgen, fügt. Gerade darauf legt die Türkei großen Wert; ſie fürchtete, daß eine Konferenz doch den Serben und Montenegrinern gewiſſe Kompenſationen auf Koſten des Sandſchaks bewilligen könnte, und dem wollten ſie vorbeugen. Andererſeits hat auch Oeſterreich-Ungarn ein Intereſſe daran, den Sandſchak, dieſe Brücke zwiſchen Serbien und Monte- negro, nicht in andere als in türkiſche Hände kommen zu laſſen. Eine Verſtändigung liegt alſo im beiderſeitigen Intereſſe. Schwieriger ſind die Verhandlungen zwiſchen Türken und Bulgaren. Dem Einfluße des Königs Ferdinand iſt es zwar gelungen, ſein Miniſterium dazu zu veranlaſſen, daß es ſich bereit erklärt, über die Ablöſung des Eigentumsrechtes der Türken an der oſtrumeliſchen Strecke der Orientbahnen mit der Türkei zu verhandeln. Aber nicht ſo günſtig ſteht es mit der Frage wegen Oſtrumeliens. Die Türkei beſteht darauf, daß der Tribut, den Bulgarien jährlich für Oſt- rumelien zu zahlen hatte, nun kapitaliſiert und von Bulgarien bezahlt wird. Dies erklärt jedoch das bulgariſche Miniſterium für ausgeſchloſſen, und auch dem König, der den Krieg unter allen Umſtänden zu vermeiden wünſcht, iſt es noch nicht gelungen, es in dieſer Beziehung zur Nach- giebigkeit zu bewegen. Der Miniſterpräſident Malinow hat ſogar für dieſen Fall mit der Demiſſion gedroht, und eine Miniſterkriſe kann der König jetzt in Bulgarien nicht brauchen. Immerhin iſt auch da noch eine Verſtändigung möglich. Es muß alſo bei der Konferenz bleiben und die direkten Verhandlungen ſollen verhindert werden. Und ſcheinbar iſt dieſe edle Aufgabe Lord Lowther, dem engliſchen Bot- ſchafter in Konſtantinopel, gelungen. Die Pforte hat nach mehrfachen Konferenzen des Lords mit Tewſik Paſcha die Verhandlungen mit Oeſterreich — abgebrochen, wie die Nach- richten lauten — unterbrochen, nach dem mutmaßlich richtigen Sachverhalt. Und die bulgariſchen Delegierten, die nach Konſtantinopel geſandt waren, ſind plötzlich von dort abgereiſt. Am wenigſten iſt die letzte Tatſache ein Beweis für die Beſeitigung der Verhandlungswilligkeit der Pforte. Denn die Herren Stojanowitſch und Dimitroff hatten keinerlei Vollmacht. Sie waren nur beauftragt, die Anſchauungen der maßgebenden jungtürkiſchen Kreiſe inbezug auf Bulgariens Angebote zu ſondieren, und dieſe ihre Auf- gabe hatten ſie erfüllt. Erſt auf Grund ihrer Berichte waren bulgariſcherſeits eigentliche Verhandlungen in Ausſicht ge- nommen. Was aber den „Abbruch“ der Verhandlungen mit Oeſterreich-Ungarn betrifft, ſo hat die Vermutung viel für ſich, daß es ſich dabei nur um eine Phaſe in einem Handels- geſchäft handelt, wobei der eine Teil zur Erwirkung des Zugeſtändniſſes ſeiner Forderungen auf den anderen Teil durch die Vorführung der Konkurrenzgefahr zu wirken ſucht. Die Wiederaufnahme des Konferenzgedankens durch die Pforte iſt Der Doppelgänger des Zaren. Von Arthur W. Marchmont. Einzig autoriſierte deutſche Ueberſetzung von A. Geiſel. 39] (Nachdruck verboten.) „Noch eine Frage, Monſieur — was ſoll mit Vaſtics Leiche werden?“ „Hm — da iſt guter Rat teuer, Iwan aber ſorgt nur einſtweilen für die anderen Sachen, vielleicht fällt mir noch ein Ausweg ein.“ Als Iwan gegangen war, verſank der Amerikaner in Grübeln — er hatte die Leiche völlig vergeſſen, aber Iwan hatte recht — ehe ſie Brabinsk verließen, mußte dieſe fatale Aufgabe gelöſt werden. Die Leiche mitzunehmen, ſtand außer Frage — ſie hier liegen laſſen, ging auch nicht an, und ſie in Brabinsk begraben, war ebenfalls ſchwierig. Wenn er Kalkow von ſeinem Zuſammentreffen mit Vaſtic berichtete und ihm ſagte, daß er ihn in der Notwehr erſchoſſen hatte, würde Kalkow weiter keine Schwierigkeiten machen, aber wenn er dann ſeine Leute nach Brabinsk ſandte, konnte es doch für Helga fatal werden, wer konnte wiſſen, was hier noch alles ver- borgen war? Schließlich blieb doch nichts weiter übrig, als die Leiche hier in Brabinsk zu begraben und mit Iwans Hilfe trug Harper den Toten hinaus in eine leer ſtehende Scheune. Dort gruben ſie eine Grube, in welcher ſie die Leiche bargen und Harper kam ſich vor wie ein Mörder, als er in die verglaſten Augen des Erſchoſſenen blickte. Er ſah ſo elend aus, daß Iwan davoneilte, ihm ein Glas Kognak zu holen; der ſcharfe Trank belebte ihn wieder, aber er dankte doch Gott, als die Grube zugeworfen war und Iwan den Scheunenſchlüſſel abzog. Da immer noch eine Stunde bis zur Abfahrt blieb, ver- ſuchte Harper zu ſchlafen, aber bald ward er inne, duß daran nicht zu denken war. Gleich quälenden Geſpenſtern zogen die Erlebniſſe der letzten Stunden an ſeinem wachen Auge vorüber — tauſend Gefahren bäumten ſich vor ihm auf und in fieber- hafter Erregung ſuchte er nach Mitteln und Wegen, um dieſe Gefahren zu bekämpfen. Jedenfalls mußte er, ſobald er Helga in Sicherheit wußte, darauf bedacht ſein, eine Audienz beim Zaren zu erlangen; aber wie das erreichen, ohne Kolkow zu ſprechen? Und wenn er Kalkowins Vertrauen zog, war wenig Hoffnung, das gewünſchte Re- ſultat zu erlangen; war er, wie Helga behauptete, der Verräter, der ihren Vater ins Verderben geſtürzt, dann mußte ihm alles daran gelegen ſein, den Zar n Helga nicht ſprechen zu laſſen! Und die fatale Nihiliſtenaffäre machte die ohnehin ſchwierige Situation noch ſchwieriger; ſobald Kalkow durch ſeine Späher von Vaſtics Tod hörte, mußte er auch entdecken, daß Helga zeit- weiſe Fühlung mit den Nihiliſten gehabt, und wie leicht war es dann für ihn, Helgas Anklage zu entkräften, indem er ſie des Einverſtändniſſes mit dieſen ſchlimmſten Feinden der Re- gierung bezichtigte. Wohl beſtand die leiſe Möglichkeit, dem Zaren zu ver- bergen, daß Helga Lavalski, die Tochter ſeines geopferten Freundes identiſch ſei mit Helga Boreski, der Genoſſin der Nihiliſten, aber wer konnte wiſſen, ob nicht die Großfürſtin Stephanie Mittel und Wege fand, das Ohr des Kaiſers noch vor deſſen Zuſammentreffen mit Helga zu erreichen — und wenn es ihr gelang, dann zog Helga den kürzeren. Um ſich und Boreski rein zu waſchen, würde die Großfürſtin ſich nicht beſinnen, Helga preiszugeben und ſo ſah die Sache nach keiner Seite hin tröſtlich aus. Als Helga nach Verlauf der feſtgeſetzten drei Stunden wieder im Salon erſchien, ſah Harper auf den erſten Blick, daß ſie nicht geſchlafen hatte. Sie war erſchreckend bleich — unter den Augen lagen tiefe, dunkle Schatten, und ihre Stimme klang matt und farblos, als ſie Harpers Gruß erwiderte. „Wie mir Ihr Ausſehen zeigt, Helga, haben Sie leider nicht geſchlafen,“ ſagte Harper beſorgt. „Ach nein — es war unmöglich. Und ich kann auch nicht zugeben, daß Sie ſich für mich opfern, Monſieur.“ „Ich kann nur unter einer einzigen Bedingung dieſen Ihren Wunſch erfüllen, Helga —“ „Und dieſe Bedingung lautet —“ „Daß wir beide, anſtatt nach Petersburg, jetzt direkt über die Grenze ins Ausland flüchten.“ „Daran iſt nicht zu denken, Monſieur“. „So laſſen wir den Wagen nicht länger warten, Helga — iſt Madame Korvata bereit?“ „Ja — ſie wartet bereits in der Halle.“ Die Fahrt verlief meiſt ſchweigend; Madame Korvatta lehnte in der einen Ecke des Wagens, Helga in der anderen, und Harper hatte den Damen gegenüber den Vorderſitz einge- nommen. Als Madame Korvata nach einer Weile laut zu ſchnarchen begann, teilte Harper dem jungen Mädchen flüſternd mit, daß er ſie direkt zum Sophienplatz bringen und dann eine Audienz beim Kaiſer nachſuchen werde. „Es wird umſonſt ſein,“ ſagte Helga mutlos; „Fürſt Kalkow weiß dergleichen ſtets zu vereiteln.“ „Aber ich gedenke, den Fürſten überhaupt zu umgehen —“ „Was hilft das? Er hat zahlreiche Spürhunde im Solde und ſobald Sie nur den Palaſt betreten, wird’s ihm ge- meldet.“ „Nun, ſehen wir, wer recht hat, Helga — auf alle Fälle halten Sie ſich bereit und machen Sie ſich darauf gefaßt, dem Kaiſer Ihre Erlebniſſe vorzutragen.“ „O, daran ſoll’s nicht fehlen, Monſieur, wenn die Ge- legenheit wirklich kommt, ſoll ſie mich bereit finden, aber ich glaube nicht daran.“ „Weshalb ſo kleinmütig, Helga? Aber nun laſſen Sie uns noch eine andere Möglichkeit ins Auge faſſen — wir müſſen damit rechnen, daß der Zar Sie anhört — und nicht über- zeugt iſt.“ „Auch daran habe ich gedacht, dann beginne ich meine Danaidenarbeit von neuem.“ „Gut alſo — aber ich hoffe, wir werden ſiegen.“ „Und wenn wir unterliegen, trennen ſich unſere Wege, Monſieur,“ ſagte Helga feſt. „Daran iſt nicht zu denken, Helga.“ (Fortſetzung folgt.)

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 1437, Czernowitz, 27.10.1908, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer1437_1908/1>, abgerufen am 19.09.2019.