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Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 118, Czernowitz, 20.05.1904.

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Redaktion u. Administration:
Rathausstraße 16, 1. Stock.




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Für Rumänien und den Balkan;
vierteljährig .... 9 Franks.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


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Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

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Einzelexemplare:
8 Heller für Czernowitz.




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Es kostet im gewöhnlichen Inse-
ratenteil 12 h die 6mal gespaltene
Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einschaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inserate
nehmen alle in- und ausländischen
Inseratenbureaux sowie die Ad-
ministration entgegen. -- Einzel-
exemplare sind in allen Zeitungs-
verschleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
versitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Buchdruckerei Riemer
(Tempelgasse) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldschmidt,
Wollzeile 11.




Nr. 118. Czernowitz, Freitag, den 20. Mai 1904.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Der Krieg.

General Sassulitsch wurde des Kommandos enthoben. --
Die Chinesen mobilisieren in aller Stille.

Vom Tage.

Der russische Botschafter hat Konstantinopel verlassen. --
Die Nationalisten beginnen gegen das Ministerium Combes eine
neue Kampagne.

Bunte Chronik.

Die Stadt Delatyn ist vollständig niedergebrannt -- In
Galizien wurde ein Pfarrer unter geheimnisvollen Umständen
verhaftet. -- Ein Bauer verübt einen entsetzlichen Selbstmord.

Letzte Telegramme.

Marinekommandant Spaun begründet in der Delegation
den außerordentlichen Marinekredit. -- In der Leitung der
Wiener Produktenbörse ist eine Spaltung eingetreten. -- Das
Zuckerkartell wird nicht erneuert. -- In Südtirol verursacht ein
Erdbeben Erdstürze. -- Auf Börsen zirkulieren Friedensgerüchte.
-- Die Japaner befestigen Foengwangtschoeng. -- In Dalny wollte
man die Hafenanlagen in die Luft sprengen.




"Das Tor der Mandschurei".


Ein neues Ereignis von strategischer Bedeutung hat sich,
wenn eine Meldung des Reuterschen Bureaus zutrifft, auf
dem ostasiatischen Kriegsschauplatze vollzogen. Zu Beginn
des Krieges war eine der größten Besorgnisse der Russen,
die Japaner könnten von der See her Niutschwang, das
"Tor der Mandschurei", wie es wegen seiner handelspoli-
tisch und militärisch wichtigen Lage genannt wird, zu nehmen
versuchen, und man fürchtete, die Stadt würde einem ener-
gischen Angriffe nicht widerstehen können. Nun aber sollen
Stadt und Hafen den Japanern ohne Schwertstreich zufallen.
Das genannte Depeschbureau übermittelt folgendes Telegramm:

Niutschwang, 17. Mai. Die Räumung Niutschwangs
ist gestern um 10 Uhr beendet mit Ausnahme der Zerstörung
des Kanonenboots Siwutssy, die früh morgens erwartet wird.
Die Russen zogen in voller Ordnung ab, General Kondra-
tovitsch ging mit dem letzten Regiment.

Die Reuter-Meldungen über die Vorbereitungen der
Russen zur Räumung Niutschwangs sind vor einigen Tagen
von russischer Seite als unbegründet bezeichnet worden. Allein
[Spaltenumbruch] solche offizielle Dementis zu Kriegszeiten haben nicht gerade
unbedingt authentischen Charakter, und die neue Depesche
über die vollzogene Räumung ist in so bestimmte Form ge-
faßt, daß man ihr bis zur Festsetzung des Gegenteils
Glauben nicht versagen kann. Niutschwang mit seiner Hafen-
stadt Jinkau liegt an der Mündung des Liau-Ho. Der
Liau-Fluß hat seine Quellen auf dem Gebirgszuge von
Nordost-Tschili, 300 Kilometer nordwestlich von Peking. Bei
Tietling, in der Nähe der mandschurischen Bahn oberhalb
Mukdens macht er eine Biegung und fließt nach Süden.
Der Strom führt viel gelben Schlamm und Sand mit sich,
und diese Anschwemmungen an der Mündung haben im
Laufe der Jahrhunderte das alte Niutschwang immer mehr
vom Meere entfernt, und die ehemalige Bedeutung der Altstadt
-- die an einem Nebenflüßchen des Hung-Ho, der sich wieder
in den Liau-Ho ergießt, gelegen ist -- auf Jinkau oder
Niutschwang-Hafen übertragen. An seiner Mündung ist der
Liau 925 Meter breit. Der Charakter der Küste und die
hydrographischen Verhältnisse haben mit unserer Nordsee,
den Wattenbildungen vor Elbe und Weser viel Aehnlichkeit.
Zur Ebbezeit liegen weite Schlickbänke frei, die von der
Flut wieder bedeckt werden. Mit dem Südwest-Monsum, in
dieser Jahreszeit, treten, wenn ein Taifun den Golf von
Liautung heimsucht, hohe Springfluten auf, die mit elemen-
tarer Gewalt das Land meilenweit überschwemmen und
große Verwüstungen anrichten können. Die vor dem Flusse
abgelagerte Barre hat bei der Ebbe nur anderthalb Faden
Wasser; bei Hochwasser zur Flutzeit kommen jedoch größere
Handelsschiffe über dieselbe weit strommaufwärts des Liau-Ho.

Niutschwang ist ein sogenannter Vertragshafen, der
den Fremden von China im Jahre 1861 geöffnet wurde.
Es ist mit Port Arthur durch eine russische Bahnlinie, die
bei Tashichiao an die mandschurische sich anschließt, ver-
bunden. Die östliche chinesische Bahn vermittelt den Verkehr
von Niutschwang-Hafen über Schanhaikwan mit Peking. Der
Handelsverkehr auf dem Flusse ist sehr beträchtlich und alle
Nationen sind an demselben beteiligt. Diese internationale
Bedeutung des Hafens war auch der Grund, daß man nach
Verhängung des Kriegszustandes auf die Verantwortlichkeit
Rußlands für alle Schädigungen fremder Interessen hinwies;
denn von der Zeit der Chinawirren her hatte Niutschwang
zum Schutze dieser eine gemischte Besatzung. Am rechten
[Spaltenumbruch] Ufer des Liau befinden sich alte chinesische Befestigungen,
von den Russen provisorisch verstärkt; am linken Ufer größere
Forts, die im Jahre 1895 gebaut wurden. Sie erheben sich
aber nur wenig über die Ebene und wären daher einem
dominierenden Feuer von der Seeseite ausgesetzt gewesen.

Nachdem die russischen Truppen die Stadt verlassen
haben, dürfte ihre Besitznahme durch die Japaner nicht lange
auf sich warten lassen; das einfachste wäre nunmehr, wie in
Liautung so auch hier Truppen zu landen. Sie gewinnen
in Niutschwang nicht nur einen neuen Stützpunkt, sondern
es fällt der Rückzug der Russen auch moralisch ins Gewicht
sowohl durch den Eindruck auf die Japaner, wie durch den
auf die chinesischen Grenztruppen. Die Räumung Niutschwangs
kann aber nicht etwa als Flucht aufgefaßt werden. Sie ist
ein Zeichen, daß die Russen sich nicht stark genug fühlen,
es zu behaupten, sie entspricht aber zweifellos einem wohl-
überlegten Gesamtplane, der Opferung der empfindlichen
Außenposten und Rückwärtskonzentrierung auf eine Ope-
rationslinie, als deren Kernpunkt Mukden oder Charbin
gedacht ist.




Nachstehend die letzten Nachrichten:
Eine Kundgebung für den Frieden.

In einer gestern abgehaltenen Ver-
sammlung von Buddhisten, Shintoisten, protestantischen Christen
und englisch-amerikanischen Missionären wurde folgende
Resolution angenommen: "Japans Ziel ist die Sicherheit
des Reiches und dauernder Friede in Ostasien. Der Krieg
mit Rußland wird im Interesse der Gerechtigkeit, der
Humanität und der Zivilisation und beeinflußt durch die
Verschiedenheiten der Rassen und Religion geführt. Wir wollen
deshalb ohne Unterschied der Rasse und der Religion entsprechend
den Bräuchen unserer verschiedenen Religionen der Welt den
wirklichen Zweck des Krieges und unseren Wunsch nach einem
baldigen ehrenvollen Frieden kundtun." Dann wurde eine
Resolution angenommen, in welcher es heißt, die Russen seien
Gelbe mit weißen Gesichtern, die Japaner dagegen Weiße
mit gelben Gesichtern.

General Sassulitsch. (Korr.-B.)

Bureau Reuter meldet
aus Petersburg: General Sassulitsch wurde vom
Kommando der zweiten Division der sibirischen Armee ent-
hoben, General Keller zum Rachfolger desselben ernannt.




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Welt-Ausstellungsfahrt nach St. Louis.
II.
Mississippiwärts.

(Schluß.)

Nachdem Philadelphia, die "City of homes", erreicht
ist, entschließe ich mich, den Zug zu durchwandern, so weit es
mir mit meinen zertretenen Füßen noch möglich ist. Nach
vorne zu geht man endlos durch die langen, alle in gleicher
Ausstattung gehaltenen Wagen. Sie machen einen grotesken
Eindruck durch die gebogenen Seitenwände, in denen sich auf
beiden Seiten die oberen Betten befinden, denn abends werden
alle Cars in Schlafwagen umgewandelt. An Spiegeln, Gold
und Verzierungen ist kein Mangel. Manche haben separate
Abteile für Familien. An den Enden der Wagen läuft der
Korridor außen herum. Die Montierung dieser modernen
Kutschen muß eine großartige sein, man fährt wie in einer
Schaukel. Bald gelangt man in den eleganten Speisesaal, wo
man von den dunkeln Kellnern herrlich bedient wird und für
jede der drei täglichen Mahlzeiten je einen Dollar zahlt --
ohne Getränk. Für Europäer, die morgens nur eine Tasse
Kaffee und ein Brötchen einzunehmen gewohnt sind, ein etwas
hoher Preis. Dann kommen der Rauchsalon, wo nicht nur ge-
raucht, sondern auch fabelhaft gespuckt wird, die "Bar" mit
allen Sorten von Schnäpsen, das Zimmer des Barbiers und
das Badekabinett. Im Rauchzimmer sitzt man wundervoll be-
quem in großen Ledersesseln, aber alles ist nichts gegen die so-
genannte "Observation Car", den Gesellschafts-Salon, am
Ende des Zuges. Ein großes pompöses Zimmer mit Spiegel-
scheiben und einer offenen Veranda, auf der man im Freien
sitzt und die Gegend vorüberziehen sieht. In demselben Wagen
ist Bibliothek- und Schreibzimmer, sowie Post, so daß man
Briefe und Karten gleich expedieren kann. Dieser Wagen ist
der Gipfel des Komforts. Hier schlage ich mein Hauptquartier
[Spaltenumbruch] auf und kehre überhaupt nicht mehr zu der Dame mit den
langen Beinen zurück.

Schüchtern hat hinter Philadelphia der Lenz begonnen,
sanftes Grün umspannt die Bäume, noch weiter südlich steht
schon Wald und Feld im Blütenflor und das Herz wird weit.
Bis zur sinkenden Sonne eilt der Zug durch Pennsylvania,
sieht in den ruhig fließenden Susquehanna-Fluß hinab, windet
sich durch die Ausläufer des gewaltigen Allegheni-Gebirges,
folgt eine Weile dem blauen Juniata-Flüßchen und kommt
gegen Abend in Altona an, wo mit doppeltem Vorspann ein
steiler Aufstieg erfolgt zur berühmten Hufeisen-Kurve. Unten
im Tal dunkeln schon die Schatten, wenn der Zug empor-
klimmt, wie buntes Spielzeug liegen die Häuser in der Tiefe,
und über die Gipfel der Berge sendet die Abendsonne einen
letzten Gruß.




Nach der Abendmahlzeit wird es im Zuge still. Die
Gentlemen begeben sich in den Rauchsalon, an die Bar, ins
Schreibzimmer; die Damen sitzen in der hell erleuchteten Ge-
sellschafts-Car. Der Zug eilt durch das pennsylvanische Kohlen-
und Hütten-Revier, an den Fenstern flammen die Feuer mäch-
tiger Hochöfen auf, ringsum flackern Säulen von Naturgas,
die Vorboten Pittsburgs, wo die östliche Zeit mit der sogen.
mittleren wechselt und die Uhr um eine Stunde zurückgestellt
werden muß.

Als ich spät und vom Schauen müde in meinen Wagen
zurückwandere, hat sich alles bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Lange Decken hängen von den Wänden herab und lassen nur
den Mittelgang des Wagens frei. Die Dame mit den langen
Beinen ist verschwunden, sie schläft im unteren Bett, ich im
oberen. Ringsum ziehen sich, nur halb vom Vorhang verhüllt,
Männlein und Weiblein mit Ungeniertheit aus, so weit sie es
für gut befinden. Auch ich klettere vermittels einer Leiter
in mein schwankendes Gemach, lausche noch eine Weile auf
die dumpfe Musik der Räder unter dem dahinjagenden Zuge
und lasse im Geiste noch alle meine Beobachtungen, allen
Aerger und alle Freude des Tages an mir vorüberziehen.
So vornehm der Zug ist und so teuer, einen so wenig vor-
nehmen Eindruck machen die Reisenden, die ja alle ohne Aus-
nahme der besitzenden Klasse angehören. Die amerikanischen
[Spaltenumbruch] Durchschnittsjünglinge mit ihren glatt rasierten Gesichtern
haben für den Europäer etwas niederschmetternd Komisches.
Wie Kühe sitzen sie den ganzen Tag im Gesellschaftswagen
und kauen, kauen, kauen ohne Aufhören. Der Wahnsinn des
Kauens von gesüßtem Kitt (aus den Rückständen des Petro-
leums hergestellt) hat nämlich noch nicht aufgehört. Außer dem
Kauen scheint ihre Lebensaufgabe nur darin zu bestehen, ihre
gestickten Strümpfe bewundern zu lassen, zu welchem Zwecke
die Hosen so weit wie möglich emporgeschoben werden. Das
männliche Jung-Amerika ist stark in der Verweibung begriffen,
wie es unter dem herrschenden Pfaffen- und Weiberregiment
ja auch nicht anders sein kann. Haben es doch die frommen
Frauen durchgesetzt, daß die Weltausstellung an den Sonntagen
geschlossen werden muß. Man denke: eine am Sonntag ge-
schlossene Weltausstellung! Ein Unfug ohne Gleichen. Vor
lauter Aerger schlafe ich schließlich ein.

Während der Nacht durchquert der Zug Ohio, Indiana,
Wisconsin, große Zentren wie Dayton, Cincinnati, Indiana-
polis sind vorbeigezogen, während die Gesellschaft in den vor-
züglich ventilierten Wagen schlief. Gegen sieben ist allgemeiner
Aufbruch. Ich selbst muß warten, denn durch eine Falte meiner
Gardine sehe ich, wie meine langbeinige Miß mit fliegenden
Haaren dem unteren Bett entsteigt und dabei zu meinem
Schreck die Bluse so weit offen läßt, als ob wir hier in Ar-
kadien seien. Gern möcht ich ihr zuflüstern: "Miß, machen
Sie den Vorhang zu, es zieht" -- allein, was gehen mich die
Töchter anderer Leute an. Ich schweige und schaue. Aber endlich
ist auch für mich die Nacht vorbei, schnell wird die Toilette
gemacht, gefrühstückt und durch den abermals verwandelten
Zug, in dessen Polstern sich wieder die weißen und schwarzen
Beamten unanständig rekeln, eile ich in den Beobachtungs-
wagen. Die flache waldige Gegend wird immer grauer und
trüber. Der Himmel ist mit Wolken verhangen. Ungeheure
Wolkenbrüche müssen hier niedergegangen sein, mächtige Zyklone
müssen hier gewütet haben. Ganze Wälder stehen unter Wasser,
starke Bäume sind eingeknickt wie Bleistifte. Der Ausblick wird
immer schlimmer, je mehr man sich dem Mississippi nähert,
der, wie die in den Zug hineingeregnete Flut der Zeitungen
schon verkündet hat, gefahrdrohend steigt. East St. Louis, eine
am jenseitigen Ufer gelegene Vorstadt und eigentlich nur ein


[Spaltenumbruch]

Redaktion u. Adminiſtration:
Rathausſtraße 16, 1. Stock.




Telephon-Nummer 161.




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Für Czernowitz
(mit Zuſtellung ins Haus):
monatl. K 1.60, vierteljähr. K 4.80,
halbjähr. K 9.60, ganzjähr. K 19.20.

Für das Inland
(mit täglicher Poſtverſendung)
monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40,
halbjähr. K 10.80, ganzjähr. K 21.60

Für Deutſchland:
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Für Rumänien und den Balkan;
vierteljährig .... 9 Franks.




Telegramme: Allgemeine, Czernowitz.


[Spaltenumbruch]
Czernowitzer
Allgemeine Zeitung

[Spaltenumbruch]

Einzelexemplare:
8 Heller für Czernowitz.




Ankündigungen:
Es koſtet im gewöhnlichen Inſe-
ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene
Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei
mehrmaliger Einſchaltung, für Re-
klame 40 h die Petitzeile. Inſerate
nehmen alle in- und ausländiſchen
Inſeratenbureaux ſowie die Ad-
miniſtration entgegen. — Einzel-
exemplare ſind in allen Zeitungs-
verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni-
verſitätsbuchhandlung H. Pardini
und in der Buchdruckerei Riemer
(Tempelgaſſe) erhältlich. In Wien
im Zeitungsbureau Goldſchmidt,
Wollzeile 11.




Nr. 118. Czernowitz, Freitag, den 20. Mai 1904.



[Spaltenumbruch]
Uebersicht.

Der Krieg.

General Saſſulitſch wurde des Kommandos enthoben. —
Die Chineſen mobiliſieren in aller Stille.

Vom Tage.

Der ruſſiſche Botſchafter hat Konſtantinopel verlaſſen. —
Die Nationaliſten beginnen gegen das Miniſterium Combes eine
neue Kampagne.

Bunte Chronik.

Die Stadt Delatyn iſt vollſtändig niedergebrannt — In
Galizien wurde ein Pfarrer unter geheimnisvollen Umſtänden
verhaftet. — Ein Bauer verübt einen entſetzlichen Selbſtmord.

Letzte Telegramme.

Marinekommandant Spaun begründet in der Delegation
den außerordentlichen Marinekredit. — In der Leitung der
Wiener Produktenbörſe iſt eine Spaltung eingetreten. — Das
Zuckerkartell wird nicht erneuert. — In Südtirol verurſacht ein
Erdbeben Erdſtürze. — Auf Börſen zirkulieren Friedensgerüchte.
— Die Japaner befeſtigen Foengwangtſchoeng. — In Dalny wollte
man die Hafenanlagen in die Luft ſprengen.




„Das Tor der Mandſchurei“.


Ein neues Ereignis von ſtrategiſcher Bedeutung hat ſich,
wenn eine Meldung des Reuterſchen Bureaus zutrifft, auf
dem oſtaſiatiſchen Kriegsſchauplatze vollzogen. Zu Beginn
des Krieges war eine der größten Beſorgniſſe der Ruſſen,
die Japaner könnten von der See her Niutſchwang, das
„Tor der Mandſchurei“, wie es wegen ſeiner handelspoli-
tiſch und militäriſch wichtigen Lage genannt wird, zu nehmen
verſuchen, und man fürchtete, die Stadt würde einem ener-
giſchen Angriffe nicht widerſtehen können. Nun aber ſollen
Stadt und Hafen den Japanern ohne Schwertſtreich zufallen.
Das genannte Depeſchbureau übermittelt folgendes Telegramm:

Niutſchwang, 17. Mai. Die Räumung Niutſchwangs
iſt geſtern um 10 Uhr beendet mit Ausnahme der Zerſtörung
des Kanonenboots Siwutſſy, die früh morgens erwartet wird.
Die Ruſſen zogen in voller Ordnung ab, General Kondra-
tovitſch ging mit dem letzten Regiment.

Die Reuter-Meldungen über die Vorbereitungen der
Ruſſen zur Räumung Niutſchwangs ſind vor einigen Tagen
von ruſſiſcher Seite als unbegründet bezeichnet worden. Allein
[Spaltenumbruch] ſolche offizielle Dementis zu Kriegszeiten haben nicht gerade
unbedingt authentiſchen Charakter, und die neue Depeſche
über die vollzogene Räumung iſt in ſo beſtimmte Form ge-
faßt, daß man ihr bis zur Feſtſetzung des Gegenteils
Glauben nicht verſagen kann. Niutſchwang mit ſeiner Hafen-
ſtadt Jinkau liegt an der Mündung des Liau-Ho. Der
Liau-Fluß hat ſeine Quellen auf dem Gebirgszuge von
Nordoſt-Tſchili, 300 Kilometer nordweſtlich von Peking. Bei
Tietling, in der Nähe der mandſchuriſchen Bahn oberhalb
Mukdens macht er eine Biegung und fließt nach Süden.
Der Strom führt viel gelben Schlamm und Sand mit ſich,
und dieſe Anſchwemmungen an der Mündung haben im
Laufe der Jahrhunderte das alte Niutſchwang immer mehr
vom Meere entfernt, und die ehemalige Bedeutung der Altſtadt
— die an einem Nebenflüßchen des Hung-Ho, der ſich wieder
in den Liau-Ho ergießt, gelegen iſt — auf Jinkau oder
Niutſchwang-Hafen übertragen. An ſeiner Mündung iſt der
Liau 925 Meter breit. Der Charakter der Küſte und die
hydrographiſchen Verhältniſſe haben mit unſerer Nordſee,
den Wattenbildungen vor Elbe und Weſer viel Aehnlichkeit.
Zur Ebbezeit liegen weite Schlickbänke frei, die von der
Flut wieder bedeckt werden. Mit dem Südweſt-Monſum, in
dieſer Jahreszeit, treten, wenn ein Taifun den Golf von
Liautung heimſucht, hohe Springfluten auf, die mit elemen-
tarer Gewalt das Land meilenweit überſchwemmen und
große Verwüſtungen anrichten können. Die vor dem Fluſſe
abgelagerte Barre hat bei der Ebbe nur anderthalb Faden
Waſſer; bei Hochwaſſer zur Flutzeit kommen jedoch größere
Handelsſchiffe über dieſelbe weit ſtrommaufwärts des Liau-Ho.

Niutſchwang iſt ein ſogenannter Vertragshafen, der
den Fremden von China im Jahre 1861 geöffnet wurde.
Es iſt mit Port Arthur durch eine ruſſiſche Bahnlinie, die
bei Taſhichiao an die mandſchuriſche ſich anſchließt, ver-
bunden. Die öſtliche chineſiſche Bahn vermittelt den Verkehr
von Niutſchwang-Hafen über Schanhaikwan mit Peking. Der
Handelsverkehr auf dem Fluſſe iſt ſehr beträchtlich und alle
Nationen ſind an demſelben beteiligt. Dieſe internationale
Bedeutung des Hafens war auch der Grund, daß man nach
Verhängung des Kriegszuſtandes auf die Verantwortlichkeit
Rußlands für alle Schädigungen fremder Intereſſen hinwies;
denn von der Zeit der Chinawirren her hatte Niutſchwang
zum Schutze dieſer eine gemiſchte Beſatzung. Am rechten
[Spaltenumbruch] Ufer des Liau befinden ſich alte chineſiſche Befeſtigungen,
von den Ruſſen proviſoriſch verſtärkt; am linken Ufer größere
Forts, die im Jahre 1895 gebaut wurden. Sie erheben ſich
aber nur wenig über die Ebene und wären daher einem
dominierenden Feuer von der Seeſeite ausgeſetzt geweſen.

Nachdem die ruſſiſchen Truppen die Stadt verlaſſen
haben, dürfte ihre Beſitznahme durch die Japaner nicht lange
auf ſich warten laſſen; das einfachſte wäre nunmehr, wie in
Liautung ſo auch hier Truppen zu landen. Sie gewinnen
in Niutſchwang nicht nur einen neuen Stützpunkt, ſondern
es fällt der Rückzug der Ruſſen auch moraliſch ins Gewicht
ſowohl durch den Eindruck auf die Japaner, wie durch den
auf die chineſiſchen Grenztruppen. Die Räumung Niutſchwangs
kann aber nicht etwa als Flucht aufgefaßt werden. Sie iſt
ein Zeichen, daß die Ruſſen ſich nicht ſtark genug fühlen,
es zu behaupten, ſie entſpricht aber zweifellos einem wohl-
überlegten Geſamtplane, der Opferung der empfindlichen
Außenpoſten und Rückwärtskonzentrierung auf eine Ope-
rationslinie, als deren Kernpunkt Mukden oder Charbin
gedacht iſt.




Nachſtehend die letzten Nachrichten:
Eine Kundgebung für den Frieden.

In einer geſtern abgehaltenen Ver-
ſammlung von Buddhiſten, Shintoiſten, proteſtantiſchen Chriſten
und engliſch-amerikaniſchen Miſſionären wurde folgende
Reſolution angenommen: „Japans Ziel iſt die Sicherheit
des Reiches und dauernder Friede in Oſtaſien. Der Krieg
mit Rußland wird im Intereſſe der Gerechtigkeit, der
Humanität und der Ziviliſation und beeinflußt durch die
Verſchiedenheiten der Raſſen und Religion geführt. Wir wollen
deshalb ohne Unterſchied der Raſſe und der Religion entſprechend
den Bräuchen unſerer verſchiedenen Religionen der Welt den
wirklichen Zweck des Krieges und unſeren Wunſch nach einem
baldigen ehrenvollen Frieden kundtun.“ Dann wurde eine
Reſolution angenommen, in welcher es heißt, die Ruſſen ſeien
Gelbe mit weißen Geſichtern, die Japaner dagegen Weiße
mit gelben Geſichtern.

General Saſſulitſch. (Korr.-B.)

Bureau Reuter meldet
aus Petersburg: General Saſſulitſch wurde vom
Kommando der zweiten Diviſion der ſibiriſchen Armee ent-
hoben, General Keller zum Rachfolger desſelben ernannt.




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.
Welt-Ausstellungsfahrt nach St. Louis.
II.
Miſſiſſippiwärts.

(Schluß.)

Nachdem Philadelphia, die „City of homes“, erreicht
iſt, entſchließe ich mich, den Zug zu durchwandern, ſo weit es
mir mit meinen zertretenen Füßen noch möglich iſt. Nach
vorne zu geht man endlos durch die langen, alle in gleicher
Ausſtattung gehaltenen Wagen. Sie machen einen grotesken
Eindruck durch die gebogenen Seitenwände, in denen ſich auf
beiden Seiten die oberen Betten befinden, denn abends werden
alle Cars in Schlafwagen umgewandelt. An Spiegeln, Gold
und Verzierungen iſt kein Mangel. Manche haben ſeparate
Abteile für Familien. An den Enden der Wagen läuft der
Korridor außen herum. Die Montierung dieſer modernen
Kutſchen muß eine großartige ſein, man fährt wie in einer
Schaukel. Bald gelangt man in den eleganten Speiſeſaal, wo
man von den dunkeln Kellnern herrlich bedient wird und für
jede der drei täglichen Mahlzeiten je einen Dollar zahlt —
ohne Getränk. Für Europäer, die morgens nur eine Taſſe
Kaffee und ein Brötchen einzunehmen gewohnt ſind, ein etwas
hoher Preis. Dann kommen der Rauchſalon, wo nicht nur ge-
raucht, ſondern auch fabelhaft geſpuckt wird, die „Bar“ mit
allen Sorten von Schnäpſen, das Zimmer des Barbiers und
das Badekabinett. Im Rauchzimmer ſitzt man wundervoll be-
quem in großen Lederſeſſeln, aber alles iſt nichts gegen die ſo-
genannte „Observation Car“, den Geſellſchafts-Salon, am
Ende des Zuges. Ein großes pompöſes Zimmer mit Spiegel-
ſcheiben und einer offenen Veranda, auf der man im Freien
ſitzt und die Gegend vorüberziehen ſieht. In demſelben Wagen
iſt Bibliothek- und Schreibzimmer, ſowie Poſt, ſo daß man
Briefe und Karten gleich expedieren kann. Dieſer Wagen iſt
der Gipfel des Komforts. Hier ſchlage ich mein Hauptquartier
[Spaltenumbruch] auf und kehre überhaupt nicht mehr zu der Dame mit den
langen Beinen zurück.

Schüchtern hat hinter Philadelphia der Lenz begonnen,
ſanftes Grün umſpannt die Bäume, noch weiter ſüdlich ſteht
ſchon Wald und Feld im Blütenflor und das Herz wird weit.
Bis zur ſinkenden Sonne eilt der Zug durch Pennſylvania,
ſieht in den ruhig fließenden Susquehanna-Fluß hinab, windet
ſich durch die Ausläufer des gewaltigen Allegheni-Gebirges,
folgt eine Weile dem blauen Juniata-Flüßchen und kommt
gegen Abend in Altona an, wo mit doppeltem Vorſpann ein
ſteiler Aufſtieg erfolgt zur berühmten Hufeiſen-Kurve. Unten
im Tal dunkeln ſchon die Schatten, wenn der Zug empor-
klimmt, wie buntes Spielzeug liegen die Häuſer in der Tiefe,
und über die Gipfel der Berge ſendet die Abendſonne einen
letzten Gruß.




Nach der Abendmahlzeit wird es im Zuge ſtill. Die
Gentlemen begeben ſich in den Rauchſalon, an die Bar, ins
Schreibzimmer; die Damen ſitzen in der hell erleuchteten Ge-
ſellſchafts-Car. Der Zug eilt durch das pennſylvaniſche Kohlen-
und Hütten-Revier, an den Fenſtern flammen die Feuer mäch-
tiger Hochöfen auf, ringsum flackern Säulen von Naturgas,
die Vorboten Pittsburgs, wo die öſtliche Zeit mit der ſogen.
mittleren wechſelt und die Uhr um eine Stunde zurückgeſtellt
werden muß.

Als ich ſpät und vom Schauen müde in meinen Wagen
zurückwandere, hat ſich alles bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Lange Decken hängen von den Wänden herab und laſſen nur
den Mittelgang des Wagens frei. Die Dame mit den langen
Beinen iſt verſchwunden, ſie ſchläft im unteren Bett, ich im
oberen. Ringsum ziehen ſich, nur halb vom Vorhang verhüllt,
Männlein und Weiblein mit Ungeniertheit aus, ſo weit ſie es
für gut befinden. Auch ich klettere vermittels einer Leiter
in mein ſchwankendes Gemach, lauſche noch eine Weile auf
die dumpfe Muſik der Räder unter dem dahinjagenden Zuge
und laſſe im Geiſte noch alle meine Beobachtungen, allen
Aerger und alle Freude des Tages an mir vorüberziehen.
So vornehm der Zug iſt und ſo teuer, einen ſo wenig vor-
nehmen Eindruck machen die Reiſenden, die ja alle ohne Aus-
nahme der beſitzenden Klaſſe angehören. Die amerikaniſchen
[Spaltenumbruch] Durchſchnittsjünglinge mit ihren glatt raſierten Geſichtern
haben für den Europäer etwas niederſchmetternd Komiſches.
Wie Kühe ſitzen ſie den ganzen Tag im Geſellſchaftswagen
und kauen, kauen, kauen ohne Aufhören. Der Wahnſinn des
Kauens von geſüßtem Kitt (aus den Rückſtänden des Petro-
leums hergeſtellt) hat nämlich noch nicht aufgehört. Außer dem
Kauen ſcheint ihre Lebensaufgabe nur darin zu beſtehen, ihre
geſtickten Strümpfe bewundern zu laſſen, zu welchem Zwecke
die Hoſen ſo weit wie möglich emporgeſchoben werden. Das
männliche Jung-Amerika iſt ſtark in der Verweibung begriffen,
wie es unter dem herrſchenden Pfaffen- und Weiberregiment
ja auch nicht anders ſein kann. Haben es doch die frommen
Frauen durchgeſetzt, daß die Weltausſtellung an den Sonntagen
geſchloſſen werden muß. Man denke: eine am Sonntag ge-
ſchloſſene Weltausſtellung! Ein Unfug ohne Gleichen. Vor
lauter Aerger ſchlafe ich ſchließlich ein.

Während der Nacht durchquert der Zug Ohio, Indiana,
Wisconſin, große Zentren wie Dayton, Cincinnati, Indiana-
polis ſind vorbeigezogen, während die Geſellſchaft in den vor-
züglich ventilierten Wagen ſchlief. Gegen ſieben iſt allgemeiner
Aufbruch. Ich ſelbſt muß warten, denn durch eine Falte meiner
Gardine ſehe ich, wie meine langbeinige Miß mit fliegenden
Haaren dem unteren Bett entſteigt und dabei zu meinem
Schreck die Bluſe ſo weit offen läßt, als ob wir hier in Ar-
kadien ſeien. Gern möcht ich ihr zuflüſtern: „Miß, machen
Sie den Vorhang zu, es zieht“ — allein, was gehen mich die
Töchter anderer Leute an. Ich ſchweige und ſchaue. Aber endlich
iſt auch für mich die Nacht vorbei, ſchnell wird die Toilette
gemacht, gefrühſtückt und durch den abermals verwandelten
Zug, in deſſen Polſtern ſich wieder die weißen und ſchwarzen
Beamten unanſtändig rekeln, eile ich in den Beobachtungs-
wagen. Die flache waldige Gegend wird immer grauer und
trüber. Der Himmel iſt mit Wolken verhangen. Ungeheure
Wolkenbrüche müſſen hier niedergegangen ſein, mächtige Zyklone
müſſen hier gewütet haben. Ganze Wälder ſtehen unter Waſſer,
ſtarke Bäume ſind eingeknickt wie Bleiſtifte. Der Ausblick wird
immer ſchlimmer, je mehr man ſich dem Miſſiſſippi nähert,
der, wie die in den Zug hineingeregnete Flut der Zeitungen
ſchon verkündet hat, gefahrdrohend ſteigt. Eaſt St. Louis, eine
am jenſeitigen Ufer gelegene Vorſtadt und eigentlich nur ein


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Glauben nicht ver&#x017F;agen kann. Niut&#x017F;chwang mit &#x017F;einer Hafen-<lb/>
&#x017F;tadt Jinkau liegt an der Mündung des Liau-Ho. Der<lb/>
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Liautung &#x017F;o auch hier Truppen zu landen. Sie gewinnen<lb/>
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[[1]/0001] Redaktion u. Adminiſtration: Rathausſtraße 16, 1. Stock. Telephon-Nummer 161. Abonnementsbedingungen: Für Czernowitz (mit Zuſtellung ins Haus): monatl. K 1.60, vierteljähr. K 4.80, halbjähr. K 9.60, ganzjähr. K 19.20. Für das Inland (mit täglicher Poſtverſendung) monatl. K 1.80, vierteljähr. K 5.40, halbjähr. K 10.80, ganzjähr. K 21.60 Für Deutſchland: vierteljährig .... 7 Mark. Für Rumänien und den Balkan; vierteljährig .... 9 Franks. Telegramme: Allgemeine, Czernowitz. Czernowitzer Allgemeine Zeitung Einzelexemplare: 8 Heller für Czernowitz. Ankündigungen: Es koſtet im gewöhnlichen Inſe- ratenteil 12 h die 6mal geſpaltene Petitzeile bei einmaliger, 9 h bei mehrmaliger Einſchaltung, für Re- klame 40 h die Petitzeile. Inſerate nehmen alle in- und ausländiſchen Inſeratenbureaux ſowie die Ad- miniſtration entgegen. — Einzel- exemplare ſind in allen Zeitungs- verſchleißen, Trafiken, der k. k. Uni- verſitätsbuchhandlung H. Pardini und in der Buchdruckerei Riemer (Tempelgaſſe) erhältlich. In Wien im Zeitungsbureau Goldſchmidt, Wollzeile 11. Nr. 118. Czernowitz, Freitag, den 20. Mai 1904. Uebersicht. Der Krieg. General Saſſulitſch wurde des Kommandos enthoben. — Die Chineſen mobiliſieren in aller Stille. Vom Tage. Der ruſſiſche Botſchafter hat Konſtantinopel verlaſſen. — Die Nationaliſten beginnen gegen das Miniſterium Combes eine neue Kampagne. Bunte Chronik. Die Stadt Delatyn iſt vollſtändig niedergebrannt — In Galizien wurde ein Pfarrer unter geheimnisvollen Umſtänden verhaftet. — Ein Bauer verübt einen entſetzlichen Selbſtmord. Letzte Telegramme. Marinekommandant Spaun begründet in der Delegation den außerordentlichen Marinekredit. — In der Leitung der Wiener Produktenbörſe iſt eine Spaltung eingetreten. — Das Zuckerkartell wird nicht erneuert. — In Südtirol verurſacht ein Erdbeben Erdſtürze. — Auf Börſen zirkulieren Friedensgerüchte. — Die Japaner befeſtigen Foengwangtſchoeng. — In Dalny wollte man die Hafenanlagen in die Luft ſprengen. „Das Tor der Mandſchurei“. Czernowitz, 19. Mai 1904. Ein neues Ereignis von ſtrategiſcher Bedeutung hat ſich, wenn eine Meldung des Reuterſchen Bureaus zutrifft, auf dem oſtaſiatiſchen Kriegsſchauplatze vollzogen. Zu Beginn des Krieges war eine der größten Beſorgniſſe der Ruſſen, die Japaner könnten von der See her Niutſchwang, das „Tor der Mandſchurei“, wie es wegen ſeiner handelspoli- tiſch und militäriſch wichtigen Lage genannt wird, zu nehmen verſuchen, und man fürchtete, die Stadt würde einem ener- giſchen Angriffe nicht widerſtehen können. Nun aber ſollen Stadt und Hafen den Japanern ohne Schwertſtreich zufallen. Das genannte Depeſchbureau übermittelt folgendes Telegramm: Niutſchwang, 17. Mai. Die Räumung Niutſchwangs iſt geſtern um 10 Uhr beendet mit Ausnahme der Zerſtörung des Kanonenboots Siwutſſy, die früh morgens erwartet wird. Die Ruſſen zogen in voller Ordnung ab, General Kondra- tovitſch ging mit dem letzten Regiment. Die Reuter-Meldungen über die Vorbereitungen der Ruſſen zur Räumung Niutſchwangs ſind vor einigen Tagen von ruſſiſcher Seite als unbegründet bezeichnet worden. Allein ſolche offizielle Dementis zu Kriegszeiten haben nicht gerade unbedingt authentiſchen Charakter, und die neue Depeſche über die vollzogene Räumung iſt in ſo beſtimmte Form ge- faßt, daß man ihr bis zur Feſtſetzung des Gegenteils Glauben nicht verſagen kann. Niutſchwang mit ſeiner Hafen- ſtadt Jinkau liegt an der Mündung des Liau-Ho. Der Liau-Fluß hat ſeine Quellen auf dem Gebirgszuge von Nordoſt-Tſchili, 300 Kilometer nordweſtlich von Peking. Bei Tietling, in der Nähe der mandſchuriſchen Bahn oberhalb Mukdens macht er eine Biegung und fließt nach Süden. Der Strom führt viel gelben Schlamm und Sand mit ſich, und dieſe Anſchwemmungen an der Mündung haben im Laufe der Jahrhunderte das alte Niutſchwang immer mehr vom Meere entfernt, und die ehemalige Bedeutung der Altſtadt — die an einem Nebenflüßchen des Hung-Ho, der ſich wieder in den Liau-Ho ergießt, gelegen iſt — auf Jinkau oder Niutſchwang-Hafen übertragen. An ſeiner Mündung iſt der Liau 925 Meter breit. Der Charakter der Küſte und die hydrographiſchen Verhältniſſe haben mit unſerer Nordſee, den Wattenbildungen vor Elbe und Weſer viel Aehnlichkeit. Zur Ebbezeit liegen weite Schlickbänke frei, die von der Flut wieder bedeckt werden. Mit dem Südweſt-Monſum, in dieſer Jahreszeit, treten, wenn ein Taifun den Golf von Liautung heimſucht, hohe Springfluten auf, die mit elemen- tarer Gewalt das Land meilenweit überſchwemmen und große Verwüſtungen anrichten können. Die vor dem Fluſſe abgelagerte Barre hat bei der Ebbe nur anderthalb Faden Waſſer; bei Hochwaſſer zur Flutzeit kommen jedoch größere Handelsſchiffe über dieſelbe weit ſtrommaufwärts des Liau-Ho. Niutſchwang iſt ein ſogenannter Vertragshafen, der den Fremden von China im Jahre 1861 geöffnet wurde. Es iſt mit Port Arthur durch eine ruſſiſche Bahnlinie, die bei Taſhichiao an die mandſchuriſche ſich anſchließt, ver- bunden. Die öſtliche chineſiſche Bahn vermittelt den Verkehr von Niutſchwang-Hafen über Schanhaikwan mit Peking. Der Handelsverkehr auf dem Fluſſe iſt ſehr beträchtlich und alle Nationen ſind an demſelben beteiligt. Dieſe internationale Bedeutung des Hafens war auch der Grund, daß man nach Verhängung des Kriegszuſtandes auf die Verantwortlichkeit Rußlands für alle Schädigungen fremder Intereſſen hinwies; denn von der Zeit der Chinawirren her hatte Niutſchwang zum Schutze dieſer eine gemiſchte Beſatzung. Am rechten Ufer des Liau befinden ſich alte chineſiſche Befeſtigungen, von den Ruſſen proviſoriſch verſtärkt; am linken Ufer größere Forts, die im Jahre 1895 gebaut wurden. Sie erheben ſich aber nur wenig über die Ebene und wären daher einem dominierenden Feuer von der Seeſeite ausgeſetzt geweſen. Nachdem die ruſſiſchen Truppen die Stadt verlaſſen haben, dürfte ihre Beſitznahme durch die Japaner nicht lange auf ſich warten laſſen; das einfachſte wäre nunmehr, wie in Liautung ſo auch hier Truppen zu landen. Sie gewinnen in Niutſchwang nicht nur einen neuen Stützpunkt, ſondern es fällt der Rückzug der Ruſſen auch moraliſch ins Gewicht ſowohl durch den Eindruck auf die Japaner, wie durch den auf die chineſiſchen Grenztruppen. Die Räumung Niutſchwangs kann aber nicht etwa als Flucht aufgefaßt werden. Sie iſt ein Zeichen, daß die Ruſſen ſich nicht ſtark genug fühlen, es zu behaupten, ſie entſpricht aber zweifellos einem wohl- überlegten Geſamtplane, der Opferung der empfindlichen Außenpoſten und Rückwärtskonzentrierung auf eine Ope- rationslinie, als deren Kernpunkt Mukden oder Charbin gedacht iſt. Nachſtehend die letzten Nachrichten: Eine Kundgebung für den Frieden. Tokio, 18. Mai. In einer geſtern abgehaltenen Ver- ſammlung von Buddhiſten, Shintoiſten, proteſtantiſchen Chriſten und engliſch-amerikaniſchen Miſſionären wurde folgende Reſolution angenommen: „Japans Ziel iſt die Sicherheit des Reiches und dauernder Friede in Oſtaſien. Der Krieg mit Rußland wird im Intereſſe der Gerechtigkeit, der Humanität und der Ziviliſation und beeinflußt durch die Verſchiedenheiten der Raſſen und Religion geführt. Wir wollen deshalb ohne Unterſchied der Raſſe und der Religion entſprechend den Bräuchen unſerer verſchiedenen Religionen der Welt den wirklichen Zweck des Krieges und unſeren Wunſch nach einem baldigen ehrenvollen Frieden kundtun.“ Dann wurde eine Reſolution angenommen, in welcher es heißt, die Ruſſen ſeien Gelbe mit weißen Geſichtern, die Japaner dagegen Weiße mit gelben Geſichtern. General Saſſulitſch. London, 18. Mai. (Korr.-B.) Bureau Reuter meldet aus Petersburg: General Saſſulitſch wurde vom Kommando der zweiten Diviſion der ſibiriſchen Armee ent- hoben, General Keller zum Rachfolger desſelben ernannt. Feuilleton. Welt-Ausstellungsfahrt nach St. Louis. Federzeichnungen von Philipp Berges. II. Miſſiſſippiwärts. (Schluß.) Nachdem Philadelphia, die „City of homes“, erreicht iſt, entſchließe ich mich, den Zug zu durchwandern, ſo weit es mir mit meinen zertretenen Füßen noch möglich iſt. Nach vorne zu geht man endlos durch die langen, alle in gleicher Ausſtattung gehaltenen Wagen. Sie machen einen grotesken Eindruck durch die gebogenen Seitenwände, in denen ſich auf beiden Seiten die oberen Betten befinden, denn abends werden alle Cars in Schlafwagen umgewandelt. An Spiegeln, Gold und Verzierungen iſt kein Mangel. Manche haben ſeparate Abteile für Familien. An den Enden der Wagen läuft der Korridor außen herum. Die Montierung dieſer modernen Kutſchen muß eine großartige ſein, man fährt wie in einer Schaukel. Bald gelangt man in den eleganten Speiſeſaal, wo man von den dunkeln Kellnern herrlich bedient wird und für jede der drei täglichen Mahlzeiten je einen Dollar zahlt — ohne Getränk. Für Europäer, die morgens nur eine Taſſe Kaffee und ein Brötchen einzunehmen gewohnt ſind, ein etwas hoher Preis. Dann kommen der Rauchſalon, wo nicht nur ge- raucht, ſondern auch fabelhaft geſpuckt wird, die „Bar“ mit allen Sorten von Schnäpſen, das Zimmer des Barbiers und das Badekabinett. Im Rauchzimmer ſitzt man wundervoll be- quem in großen Lederſeſſeln, aber alles iſt nichts gegen die ſo- genannte „Observation Car“, den Geſellſchafts-Salon, am Ende des Zuges. Ein großes pompöſes Zimmer mit Spiegel- ſcheiben und einer offenen Veranda, auf der man im Freien ſitzt und die Gegend vorüberziehen ſieht. In demſelben Wagen iſt Bibliothek- und Schreibzimmer, ſowie Poſt, ſo daß man Briefe und Karten gleich expedieren kann. Dieſer Wagen iſt der Gipfel des Komforts. Hier ſchlage ich mein Hauptquartier auf und kehre überhaupt nicht mehr zu der Dame mit den langen Beinen zurück. Schüchtern hat hinter Philadelphia der Lenz begonnen, ſanftes Grün umſpannt die Bäume, noch weiter ſüdlich ſteht ſchon Wald und Feld im Blütenflor und das Herz wird weit. Bis zur ſinkenden Sonne eilt der Zug durch Pennſylvania, ſieht in den ruhig fließenden Susquehanna-Fluß hinab, windet ſich durch die Ausläufer des gewaltigen Allegheni-Gebirges, folgt eine Weile dem blauen Juniata-Flüßchen und kommt gegen Abend in Altona an, wo mit doppeltem Vorſpann ein ſteiler Aufſtieg erfolgt zur berühmten Hufeiſen-Kurve. Unten im Tal dunkeln ſchon die Schatten, wenn der Zug empor- klimmt, wie buntes Spielzeug liegen die Häuſer in der Tiefe, und über die Gipfel der Berge ſendet die Abendſonne einen letzten Gruß. Nach der Abendmahlzeit wird es im Zuge ſtill. Die Gentlemen begeben ſich in den Rauchſalon, an die Bar, ins Schreibzimmer; die Damen ſitzen in der hell erleuchteten Ge- ſellſchafts-Car. Der Zug eilt durch das pennſylvaniſche Kohlen- und Hütten-Revier, an den Fenſtern flammen die Feuer mäch- tiger Hochöfen auf, ringsum flackern Säulen von Naturgas, die Vorboten Pittsburgs, wo die öſtliche Zeit mit der ſogen. mittleren wechſelt und die Uhr um eine Stunde zurückgeſtellt werden muß. Als ich ſpät und vom Schauen müde in meinen Wagen zurückwandere, hat ſich alles bis zur Unkenntlichkeit verändert. Lange Decken hängen von den Wänden herab und laſſen nur den Mittelgang des Wagens frei. Die Dame mit den langen Beinen iſt verſchwunden, ſie ſchläft im unteren Bett, ich im oberen. Ringsum ziehen ſich, nur halb vom Vorhang verhüllt, Männlein und Weiblein mit Ungeniertheit aus, ſo weit ſie es für gut befinden. Auch ich klettere vermittels einer Leiter in mein ſchwankendes Gemach, lauſche noch eine Weile auf die dumpfe Muſik der Räder unter dem dahinjagenden Zuge und laſſe im Geiſte noch alle meine Beobachtungen, allen Aerger und alle Freude des Tages an mir vorüberziehen. So vornehm der Zug iſt und ſo teuer, einen ſo wenig vor- nehmen Eindruck machen die Reiſenden, die ja alle ohne Aus- nahme der beſitzenden Klaſſe angehören. Die amerikaniſchen Durchſchnittsjünglinge mit ihren glatt raſierten Geſichtern haben für den Europäer etwas niederſchmetternd Komiſches. Wie Kühe ſitzen ſie den ganzen Tag im Geſellſchaftswagen und kauen, kauen, kauen ohne Aufhören. Der Wahnſinn des Kauens von geſüßtem Kitt (aus den Rückſtänden des Petro- leums hergeſtellt) hat nämlich noch nicht aufgehört. Außer dem Kauen ſcheint ihre Lebensaufgabe nur darin zu beſtehen, ihre geſtickten Strümpfe bewundern zu laſſen, zu welchem Zwecke die Hoſen ſo weit wie möglich emporgeſchoben werden. Das männliche Jung-Amerika iſt ſtark in der Verweibung begriffen, wie es unter dem herrſchenden Pfaffen- und Weiberregiment ja auch nicht anders ſein kann. Haben es doch die frommen Frauen durchgeſetzt, daß die Weltausſtellung an den Sonntagen geſchloſſen werden muß. Man denke: eine am Sonntag ge- ſchloſſene Weltausſtellung! Ein Unfug ohne Gleichen. Vor lauter Aerger ſchlafe ich ſchließlich ein. Während der Nacht durchquert der Zug Ohio, Indiana, Wisconſin, große Zentren wie Dayton, Cincinnati, Indiana- polis ſind vorbeigezogen, während die Geſellſchaft in den vor- züglich ventilierten Wagen ſchlief. Gegen ſieben iſt allgemeiner Aufbruch. Ich ſelbſt muß warten, denn durch eine Falte meiner Gardine ſehe ich, wie meine langbeinige Miß mit fliegenden Haaren dem unteren Bett entſteigt und dabei zu meinem Schreck die Bluſe ſo weit offen läßt, als ob wir hier in Ar- kadien ſeien. Gern möcht ich ihr zuflüſtern: „Miß, machen Sie den Vorhang zu, es zieht“ — allein, was gehen mich die Töchter anderer Leute an. Ich ſchweige und ſchaue. Aber endlich iſt auch für mich die Nacht vorbei, ſchnell wird die Toilette gemacht, gefrühſtückt und durch den abermals verwandelten Zug, in deſſen Polſtern ſich wieder die weißen und ſchwarzen Beamten unanſtändig rekeln, eile ich in den Beobachtungs- wagen. Die flache waldige Gegend wird immer grauer und trüber. Der Himmel iſt mit Wolken verhangen. Ungeheure Wolkenbrüche müſſen hier niedergegangen ſein, mächtige Zyklone müſſen hier gewütet haben. Ganze Wälder ſtehen unter Waſſer, ſtarke Bäume ſind eingeknickt wie Bleiſtifte. Der Ausblick wird immer ſchlimmer, je mehr man ſich dem Miſſiſſippi nähert, der, wie die in den Zug hineingeregnete Flut der Zeitungen ſchon verkündet hat, gefahrdrohend ſteigt. Eaſt St. Louis, eine am jenſeitigen Ufer gelegene Vorſtadt und eigentlich nur ein

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Zitationshilfe: Czernowitzer Allgemeine Zeitung. Nr. 118, Czernowitz, 20.05.1904, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_czernowitzer118_1904/1>, abgerufen am 22.09.2019.