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Die Bayerische Presse. Nr. 201. Würzburg, 22. August 1850.

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Nr. 533.

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Nr. 201.
Würzburg, Donnerstag den 22. August. 1850.


[Beginn Spaltensatz]
Der verworrene Zustand der deutschen
Angelegenheiten.

Der Morning Chronicle nimmt über vorste-
hendes Thema Veranlassung zu folgenden Betrach-
tungen: "Der gegenwärtige Zustand der deutschen
Politik gereicht jenen Pläne schmiedenden und ehr-
geizigen Staatsmännern -- denn Ehrgeiz bleibt
immer Ehrgeiz, auch wenn er mehr auf nationale
als auf persönliche Vergrößerung gerichtet ist --
welche die Rathschlüsse, wenigstens eines der gro-
ßen Staaten des Bundes, geleitet haben und je-
nen Schriftstellern, die, im Jnland und im Aus-
land, unbesonnen genug gewesen sind, ihren Jn-
triguen Unterstützung angedeihen zu lassen und ih-
nen mit einem Schein von Volkssympathie und
Beistand zu schmeicheln, zu einem harten, aber
gerechten Vorwurf. Staatsmänner dieser Klasse
-- wenn sie irgend etwas Erfreuliches darin fin-
den können, das Gebäude des Bundes untergra-
ben und zerstört und den Riß zwischen den süd-
lichen und nördlichen Staaten zu einer unüber-
steiglichen Kluft, das Symbol eines permanenten
Bruches, erweitert zu sehen -- mögen sich nun
Glück wünschen zu der Annäherung einer Kata-
strophe, welche die hervorragendsten deutschen Pa-
trioten und die weisesten europäischen Staatsmän-
ner einhellig als das größte Unglück zu betrach-
ten pflegten. Preußen hat, indem es sich wei-
gerte, seine Zustimmung zum Wiederaufbau des
Bundes in der von dem Bundesgesetze vorge-
schriebenen Weise, zu geben, in der Wirklichkeit
auf seine Verbindung mit ihm Verzicht geleistet
und für sich selbst, und den Nebenfleck kleiner
Staaten, die sich um Preußen herum gruppirt
haben, die Verpflichtung der Bundesverbindung
von sich gewiesen. Wir wissen sehr wohl, daß
die Auslegung, welche wir den Schritten der preu-
ßischen Regierung so eben gegeben haben, von
dieser Regierung und von den Sachwaltern, die
ihre Vertheidigung vor dem Richterstuhle der öf-
fentlichen Meinung führen, verläugnet wird. Aber
die Verläugnung muß nach ihrem wahren Werthe
in der Wagschale der Wahrheit gewogen werden.
Wir können Worte nicht als Ersatz für Thaten
annehmen. All' die Spitzfindigkeit, die bei An-
fertigung aller der Staatsschriften vergeudet wor-
den ist, durch welche der Geschichtschreiber in spä-
teren Zeiten die letzteren Stadien dieser endlosen
Kontroverse mühselig wird verfolgen müssen, ver-
mögen nicht die einfache Thatsache wegzudeuteln,
daß, während Oesterreich vorschlägt, den Bund
in strengem Einklange mit den Verträgen, auf die
er gegründet ist, wieder aufzubauen, Preußen auf
seinem Begehren besteht, welches nicht gewährt
werden kann, ohne diese Verträge sammt und son-
ders bei Seite zu setzen. -- Die Bundesakte und
die Schlußakte -- deren erstere den europäischen
Verträgen einverleibt worden ist -- setzen in den
bestimmtesten Ausdrücken die Art und Weise fest,
wie organische Aenderungen in die Bundesverfas-
sung eingeführt werden können. "Was insbeson-
dere," sagt die Schlußakte, "die organischen Ein-
richtungen betrifft, so muß nicht nur über die Vor-
frage, ob solche unter den obwaltenden Umstän-
den nothwendig sind, sondern auch über Entwurf
und Anlage derselben in ihren allgemeinen Um-
[Spaltenumbruch] rissen und wesentlichen Bestimmungen, in Plenum
und durch Stimmen=Einhelligkeit entschieden wer-
den. Wenn die Entscheidung zu Gunsten der
vorgeschlagenen Einrichtung ausgefallen ist, so
bleiben die sämmtlichen weiteren Verhandlungen
über die Ausführung im Einzelnen der engeren
Versammmlung überlassen, welche alle dabei noch
vorkommenden Fragen durch Stimmenmehrheit ent-
scheidet, auch nach Befinden der Umstände eine
Kommission aus ihrer Mitte anordnet, um die
verschiedenen Meinungen und Anträge mit mög-
lichster Schonung und Berücksichtigung der Ver-
hältnisse und Wünsche der Einzelnen auszuglei-
chen." -- Das ist es, was Oesterreich vorschlägt.
Preußen dagegen will von nichts Anderem hören
als von einem Konvent einzelner Staaten, der
zu dem Plenum ungefähr in demselben Verhält-
nisse stehen würde, wie die konstituirende Versamm-
lung, die im Jahre 1848 in Paris zusammen-
trat, zu dem Parlamente Ludwig Philipps ge-
standen hat. Das Begehren mag ehrlich sein oder
nicht, es mag durch die Veränderungen, die in
den letztverflossenen dreißig Jahren in den gegen-
seitigen Verhältnissen der deutschen Staaten ein-
getreten sind, gerechtfertiget werden oder nicht, so
viel ist gewiß, daß die Gewährung derselben ei-
ner Auflösung des Bundes geradezu gleichkommen
würde. Ein Verein von Staaten hat gleich einem
Vereine von Jndividuen nur die Wahl, in Ueber-
einstimmung mit den Grundsätzen seiner Verfas-
sung zu handeln, oder sich in seine ursprünglichen
Atome aufzulösen -- mit andern Worten, zeit-
weilig oder für immer aufzuhören, ein Verein zu
sein. Die Bevollmächtigten der deutschen Staa-
ten, wenn sie nach dem Vorschlage der preußischen
Regierung zusammenkämen, würden sie nicht als
Vertreter der Bundesmitglieder -- denn der Bund
kennt keine solche Versammlung -- sondern als
die Abgeordneten eines Gemengsels von Unirten
versammeln, die kein anderes Band des Zusam-
menhangs, als das einer gemeinsamen Geschichte
und eines gemeinsamen Zweckes haben. Ohne
uns demnach in Wortstreitigkeiten oder zerglie-
dernde Argumente einzulassen, die bei der ersten
Berührung in Stücke zerfallen, müssen wir an-
nehmen, daß für alle praktischen Zwecke Preußen,
als es seine Vertreter aus Frankfurt zurückrief,
den Bund als de facto aufgelöst erklärte. --
Wir wollen nicht bei der Frage verweilen, wel-
chen Einfluß, unter andern Umständen, die hoff-
nungslose Desorganisation des deutschen Bundes
auf die allgemeine europäische Politik haben dürfte.
So wie die Sachen stehen, können wir fast ver-
gessen zu fragen, was aus dem deutschen Bunde
geworden, und ob alles noch ein leerer Fleck auf
der politischen Karte zwischen der Weichsel und
dem Rheine ist? Die Abgespanntheit der Reaktion
lastet noch immer auf dem Kontinent von Europa.
Seine vornehmsten Staaten haben für den Augen-
blick keine auswärtige Politik, das Spiel ist un-
terbrochen, und die einzelnen Stücke sind in wilde
Verwirrung geworfen worden, ohne daß bisher
eine leitende Behörde reorganisirt worden wäre.
Die unerträgliche Langweiligkeit des Streites selbst
hat die Aufmerksamkeit aller Zuschauer ermüdet,
und Leute, die gewohnt waren, die Angelegenhei-
ten Deutschlands mit der innigsten Theilnahme
[Spaltenumbruch] zu beobachten, haben ihre Blicke mit Ekel von
einem endlosen Hader abgewendet, der nie zu ei-
ner Krisis gediehen ist, und der zur Stunde, eben
so entfernt einerseits von einer Ausgleichung, und
andererseits von einem offenen Kampfe zu sein
scheint, als er vor zwölf Monaten gewesen ist.
Aber es gibt einen Fleck, wo die allgemeine Ruhe
fortwährend gestört -- durch einen Krieg gestört
ist, welcher begann, als die Autorität des Bun-
des in Verfall gerieth, und der so lange anzu-
halten droht, bis sie nicht wieder ins Leben ge-
rufen wird. Der innere Krieg in den dänischen
Ländern entsprang unmittelbar aus der Verbrei-
tung der Revolution über Deutschland, und die
Desorganisation und Anarchie, welche der Stoß
dort zurückgelassen hat, sind es, die ihm Nahrung
geben, und ihn wach erhalten. Dieselbe Ursache
wirkt in doppelter Weise -- sie verhindert und
verschiebt auf unbestimmte Zeit die Ratisikation
des Friedens, und läßt Holstein den Namen nach
beschützt, aber in der Praxis emanzipirt von der
Kontrolle eines Körpers, welcher die Rechte eines
großen Nationalbundes behauptet, aber unfähig
ist, die Pflichten desselben zu erfüllen. Nichts
kann widersinniger sein, als daß die Armeen des
Königs von Dänemark, durch eine Drohung der
Rache Deutschlands, an der Eider aufgehalten
werden sollen, während Deutschland Holstein ge-
stattet, Feuer und Schwert in die Länder von
Dänemark zu tragen. Wenn die Deutschen ein
Recht haben sollen, Holstein gegen die Waffen
seines rechtmaßigen Landesfürsten in Schutz zu
nehmen, so müssen sie wenigstens Dänemark
für die Jnvasion seiner Saaten und für den
Versuch Unzufriedenheit und Aufruhr unter sei-
nen Unterthanen zu verbreiten, verantwortlich
sein. Sie müssen erfahren, wenn sie es noch
nicht wissen, daß kein Spiel dieser Art auch
nur für einen Augenblick vor dem Richterstuhl
der Nationen gerechtfertigt werden kann; die Rechte
der Landesherrlichkeit können nicht von ihren Ver-
antwortlichkeiten getrennt werden, und es wird
Pflicht der großen europäischen Mächte, einzu-
schreiten, wenn dieses einfache Gesetz völkerrechtli-
cher Billigkeit offenbar übertreten, und wenn das
kleinste, aber nicht das muthloseste ihrer Mitglie-
der von einem großen und mächtigen Volke als
Opfer der scandalösesten Unterdrückung und des
schreiendsten Unrechts auserkoren wird." -- " We-
nige oder gar keiner unserer Callegen haben ein
lebhafteres und gleichförmigeres Jnteresse an den
deutschen Angelegenheiten genommen, als wir.
Aber wir sprechen offenherzig, weil wir im Na-
men der Menschheit und der Gerechtigkeit reden.
Wir kümmern uns nicht darum, wo die Schwie-
rigkeit liegt oder von wem das Hinderniß aus-
geht. Das Unrecht gegen Dänemark, die Schmach
für Deutschland und die Beleidigung der öffent-
lichen Meinung von Europa sind dieselben, ob sie
ihren Ursprung in Berlin oder München, in Han-
nover oder Wien genommen haben. Wenn der
Bund fortwährend stumm und taub und lahm
und blind bleibt ( ausgenommen, wenn ein Nach-
barland erobert oder eine ausschweifende Forde-
rung mit dem Schwert behauptet werden soll ) --
wenn er fortwährend außer Stande ist, eine wür-
dige und achtbare Rolle auf der europäischen

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[Beginn Spaltensatz]
Der verworrene Zustand der deutschen
Angelegenheiten.

Der Morning Chronicle nimmt über vorste-
hendes Thema Veranlassung zu folgenden Betrach-
tungen: „Der gegenwärtige Zustand der deutschen
Politik gereicht jenen Pläne schmiedenden und ehr-
geizigen Staatsmännern -- denn Ehrgeiz bleibt
immer Ehrgeiz, auch wenn er mehr auf nationale
als auf persönliche Vergrößerung gerichtet ist --
welche die Rathschlüsse, wenigstens eines der gro-
ßen Staaten des Bundes, geleitet haben und je-
nen Schriftstellern, die, im Jnland und im Aus-
land, unbesonnen genug gewesen sind, ihren Jn-
triguen Unterstützung angedeihen zu lassen und ih-
nen mit einem Schein von Volkssympathie und
Beistand zu schmeicheln, zu einem harten, aber
gerechten Vorwurf. Staatsmänner dieser Klasse
-- wenn sie irgend etwas Erfreuliches darin fin-
den können, das Gebäude des Bundes untergra-
ben und zerstört und den Riß zwischen den süd-
lichen und nördlichen Staaten zu einer unüber-
steiglichen Kluft, das Symbol eines permanenten
Bruches, erweitert zu sehen -- mögen sich nun
Glück wünschen zu der Annäherung einer Kata-
strophe, welche die hervorragendsten deutschen Pa-
trioten und die weisesten europäischen Staatsmän-
ner einhellig als das größte Unglück zu betrach-
ten pflegten. Preußen hat, indem es sich wei-
gerte, seine Zustimmung zum Wiederaufbau des
Bundes in der von dem Bundesgesetze vorge-
schriebenen Weise, zu geben, in der Wirklichkeit
auf seine Verbindung mit ihm Verzicht geleistet
und für sich selbst, und den Nebenfleck kleiner
Staaten, die sich um Preußen herum gruppirt
haben, die Verpflichtung der Bundesverbindung
von sich gewiesen. Wir wissen sehr wohl, daß
die Auslegung, welche wir den Schritten der preu-
ßischen Regierung so eben gegeben haben, von
dieser Regierung und von den Sachwaltern, die
ihre Vertheidigung vor dem Richterstuhle der öf-
fentlichen Meinung führen, verläugnet wird. Aber
die Verläugnung muß nach ihrem wahren Werthe
in der Wagschale der Wahrheit gewogen werden.
Wir können Worte nicht als Ersatz für Thaten
annehmen. All' die Spitzfindigkeit, die bei An-
fertigung aller der Staatsschriften vergeudet wor-
den ist, durch welche der Geschichtschreiber in spä-
teren Zeiten die letzteren Stadien dieser endlosen
Kontroverse mühselig wird verfolgen müssen, ver-
mögen nicht die einfache Thatsache wegzudeuteln,
daß, während Oesterreich vorschlägt, den Bund
in strengem Einklange mit den Verträgen, auf die
er gegründet ist, wieder aufzubauen, Preußen auf
seinem Begehren besteht, welches nicht gewährt
werden kann, ohne diese Verträge sammt und son-
ders bei Seite zu setzen. -- Die Bundesakte und
die Schlußakte -- deren erstere den europäischen
Verträgen einverleibt worden ist -- setzen in den
bestimmtesten Ausdrücken die Art und Weise fest,
wie organische Aenderungen in die Bundesverfas-
sung eingeführt werden können. „Was insbeson-
dere,“ sagt die Schlußakte, „die organischen Ein-
richtungen betrifft, so muß nicht nur über die Vor-
frage, ob solche unter den obwaltenden Umstän-
den nothwendig sind, sondern auch über Entwurf
und Anlage derselben in ihren allgemeinen Um-
[Spaltenumbruch] rissen und wesentlichen Bestimmungen, in Plenum
und durch Stimmen=Einhelligkeit entschieden wer-
den. Wenn die Entscheidung zu Gunsten der
vorgeschlagenen Einrichtung ausgefallen ist, so
bleiben die sämmtlichen weiteren Verhandlungen
über die Ausführung im Einzelnen der engeren
Versammmlung überlassen, welche alle dabei noch
vorkommenden Fragen durch Stimmenmehrheit ent-
scheidet, auch nach Befinden der Umstände eine
Kommission aus ihrer Mitte anordnet, um die
verschiedenen Meinungen und Anträge mit mög-
lichster Schonung und Berücksichtigung der Ver-
hältnisse und Wünsche der Einzelnen auszuglei-
chen.“ -- Das ist es, was Oesterreich vorschlägt.
Preußen dagegen will von nichts Anderem hören
als von einem Konvent einzelner Staaten, der
zu dem Plenum ungefähr in demselben Verhält-
nisse stehen würde, wie die konstituirende Versamm-
lung, die im Jahre 1848 in Paris zusammen-
trat, zu dem Parlamente Ludwig Philipps ge-
standen hat. Das Begehren mag ehrlich sein oder
nicht, es mag durch die Veränderungen, die in
den letztverflossenen dreißig Jahren in den gegen-
seitigen Verhältnissen der deutschen Staaten ein-
getreten sind, gerechtfertiget werden oder nicht, so
viel ist gewiß, daß die Gewährung derselben ei-
ner Auflösung des Bundes geradezu gleichkommen
würde. Ein Verein von Staaten hat gleich einem
Vereine von Jndividuen nur die Wahl, in Ueber-
einstimmung mit den Grundsätzen seiner Verfas-
sung zu handeln, oder sich in seine ursprünglichen
Atome aufzulösen -- mit andern Worten, zeit-
weilig oder für immer aufzuhören, ein Verein zu
sein. Die Bevollmächtigten der deutschen Staa-
ten, wenn sie nach dem Vorschlage der preußischen
Regierung zusammenkämen, würden sie nicht als
Vertreter der Bundesmitglieder -- denn der Bund
kennt keine solche Versammlung -- sondern als
die Abgeordneten eines Gemengsels von Unirten
versammeln, die kein anderes Band des Zusam-
menhangs, als das einer gemeinsamen Geschichte
und eines gemeinsamen Zweckes haben. Ohne
uns demnach in Wortstreitigkeiten oder zerglie-
dernde Argumente einzulassen, die bei der ersten
Berührung in Stücke zerfallen, müssen wir an-
nehmen, daß für alle praktischen Zwecke Preußen,
als es seine Vertreter aus Frankfurt zurückrief,
den Bund als de facto aufgelöst erklärte. --
Wir wollen nicht bei der Frage verweilen, wel-
chen Einfluß, unter andern Umständen, die hoff-
nungslose Desorganisation des deutschen Bundes
auf die allgemeine europäische Politik haben dürfte.
So wie die Sachen stehen, können wir fast ver-
gessen zu fragen, was aus dem deutschen Bunde
geworden, und ob alles noch ein leerer Fleck auf
der politischen Karte zwischen der Weichsel und
dem Rheine ist? Die Abgespanntheit der Reaktion
lastet noch immer auf dem Kontinent von Europa.
Seine vornehmsten Staaten haben für den Augen-
blick keine auswärtige Politik, das Spiel ist un-
terbrochen, und die einzelnen Stücke sind in wilde
Verwirrung geworfen worden, ohne daß bisher
eine leitende Behörde reorganisirt worden wäre.
Die unerträgliche Langweiligkeit des Streites selbst
hat die Aufmerksamkeit aller Zuschauer ermüdet,
und Leute, die gewohnt waren, die Angelegenhei-
ten Deutschlands mit der innigsten Theilnahme
[Spaltenumbruch] zu beobachten, haben ihre Blicke mit Ekel von
einem endlosen Hader abgewendet, der nie zu ei-
ner Krisis gediehen ist, und der zur Stunde, eben
so entfernt einerseits von einer Ausgleichung, und
andererseits von einem offenen Kampfe zu sein
scheint, als er vor zwölf Monaten gewesen ist.
Aber es gibt einen Fleck, wo die allgemeine Ruhe
fortwährend gestört -- durch einen Krieg gestört
ist, welcher begann, als die Autorität des Bun-
des in Verfall gerieth, und der so lange anzu-
halten droht, bis sie nicht wieder ins Leben ge-
rufen wird. Der innere Krieg in den dänischen
Ländern entsprang unmittelbar aus der Verbrei-
tung der Revolution über Deutschland, und die
Desorganisation und Anarchie, welche der Stoß
dort zurückgelassen hat, sind es, die ihm Nahrung
geben, und ihn wach erhalten. Dieselbe Ursache
wirkt in doppelter Weise -- sie verhindert und
verschiebt auf unbestimmte Zeit die Ratisikation
des Friedens, und läßt Holstein den Namen nach
beschützt, aber in der Praxis emanzipirt von der
Kontrolle eines Körpers, welcher die Rechte eines
großen Nationalbundes behauptet, aber unfähig
ist, die Pflichten desselben zu erfüllen. Nichts
kann widersinniger sein, als daß die Armeen des
Königs von Dänemark, durch eine Drohung der
Rache Deutschlands, an der Eider aufgehalten
werden sollen, während Deutschland Holstein ge-
stattet, Feuer und Schwert in die Länder von
Dänemark zu tragen. Wenn die Deutschen ein
Recht haben sollen, Holstein gegen die Waffen
seines rechtmaßigen Landesfürsten in Schutz zu
nehmen, so müssen sie wenigstens Dänemark
für die Jnvasion seiner Saaten und für den
Versuch Unzufriedenheit und Aufruhr unter sei-
nen Unterthanen zu verbreiten, verantwortlich
sein. Sie müssen erfahren, wenn sie es noch
nicht wissen, daß kein Spiel dieser Art auch
nur für einen Augenblick vor dem Richterstuhl
der Nationen gerechtfertigt werden kann; die Rechte
der Landesherrlichkeit können nicht von ihren Ver-
antwortlichkeiten getrennt werden, und es wird
Pflicht der großen europäischen Mächte, einzu-
schreiten, wenn dieses einfache Gesetz völkerrechtli-
cher Billigkeit offenbar übertreten, und wenn das
kleinste, aber nicht das muthloseste ihrer Mitglie-
der von einem großen und mächtigen Volke als
Opfer der scandalösesten Unterdrückung und des
schreiendsten Unrechts auserkoren wird.“ -- „ We-
nige oder gar keiner unserer Callegen haben ein
lebhafteres und gleichförmigeres Jnteresse an den
deutschen Angelegenheiten genommen, als wir.
Aber wir sprechen offenherzig, weil wir im Na-
men der Menschheit und der Gerechtigkeit reden.
Wir kümmern uns nicht darum, wo die Schwie-
rigkeit liegt oder von wem das Hinderniß aus-
geht. Das Unrecht gegen Dänemark, die Schmach
für Deutschland und die Beleidigung der öffent-
lichen Meinung von Europa sind dieselben, ob sie
ihren Ursprung in Berlin oder München, in Han-
nover oder Wien genommen haben. Wenn der
Bund fortwährend stumm und taub und lahm
und blind bleibt ( ausgenommen, wenn ein Nach-
barland erobert oder eine ausschweifende Forde-
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wenn er fortwährend außer Stande ist, eine wür-
dige und achtbare Rolle auf der europäischen

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[0001] Die Bayerische Presse. Abonnement: Ganzjährig 6 fl. Halbjährig 3 fl. Vierteljährig 1 fl. 30 kr. Monatlich für die Stadt 30 kr. Eine constitutionell-monarchische Zeitung. Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr. Nr. 533. Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe- titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe und Gelder frei. Nr. 201. Würzburg, Donnerstag den 22. August. 1850. Der verworrene Zustand der deutschen Angelegenheiten. Der Morning Chronicle nimmt über vorste- hendes Thema Veranlassung zu folgenden Betrach- tungen: „Der gegenwärtige Zustand der deutschen Politik gereicht jenen Pläne schmiedenden und ehr- geizigen Staatsmännern -- denn Ehrgeiz bleibt immer Ehrgeiz, auch wenn er mehr auf nationale als auf persönliche Vergrößerung gerichtet ist -- welche die Rathschlüsse, wenigstens eines der gro- ßen Staaten des Bundes, geleitet haben und je- nen Schriftstellern, die, im Jnland und im Aus- land, unbesonnen genug gewesen sind, ihren Jn- triguen Unterstützung angedeihen zu lassen und ih- nen mit einem Schein von Volkssympathie und Beistand zu schmeicheln, zu einem harten, aber gerechten Vorwurf. Staatsmänner dieser Klasse -- wenn sie irgend etwas Erfreuliches darin fin- den können, das Gebäude des Bundes untergra- ben und zerstört und den Riß zwischen den süd- lichen und nördlichen Staaten zu einer unüber- steiglichen Kluft, das Symbol eines permanenten Bruches, erweitert zu sehen -- mögen sich nun Glück wünschen zu der Annäherung einer Kata- strophe, welche die hervorragendsten deutschen Pa- trioten und die weisesten europäischen Staatsmän- ner einhellig als das größte Unglück zu betrach- ten pflegten. Preußen hat, indem es sich wei- gerte, seine Zustimmung zum Wiederaufbau des Bundes in der von dem Bundesgesetze vorge- schriebenen Weise, zu geben, in der Wirklichkeit auf seine Verbindung mit ihm Verzicht geleistet und für sich selbst, und den Nebenfleck kleiner Staaten, die sich um Preußen herum gruppirt haben, die Verpflichtung der Bundesverbindung von sich gewiesen. Wir wissen sehr wohl, daß die Auslegung, welche wir den Schritten der preu- ßischen Regierung so eben gegeben haben, von dieser Regierung und von den Sachwaltern, die ihre Vertheidigung vor dem Richterstuhle der öf- fentlichen Meinung führen, verläugnet wird. Aber die Verläugnung muß nach ihrem wahren Werthe in der Wagschale der Wahrheit gewogen werden. Wir können Worte nicht als Ersatz für Thaten annehmen. All' die Spitzfindigkeit, die bei An- fertigung aller der Staatsschriften vergeudet wor- den ist, durch welche der Geschichtschreiber in spä- teren Zeiten die letzteren Stadien dieser endlosen Kontroverse mühselig wird verfolgen müssen, ver- mögen nicht die einfache Thatsache wegzudeuteln, daß, während Oesterreich vorschlägt, den Bund in strengem Einklange mit den Verträgen, auf die er gegründet ist, wieder aufzubauen, Preußen auf seinem Begehren besteht, welches nicht gewährt werden kann, ohne diese Verträge sammt und son- ders bei Seite zu setzen. -- Die Bundesakte und die Schlußakte -- deren erstere den europäischen Verträgen einverleibt worden ist -- setzen in den bestimmtesten Ausdrücken die Art und Weise fest, wie organische Aenderungen in die Bundesverfas- sung eingeführt werden können. „Was insbeson- dere,“ sagt die Schlußakte, „die organischen Ein- richtungen betrifft, so muß nicht nur über die Vor- frage, ob solche unter den obwaltenden Umstän- den nothwendig sind, sondern auch über Entwurf und Anlage derselben in ihren allgemeinen Um- rissen und wesentlichen Bestimmungen, in Plenum und durch Stimmen=Einhelligkeit entschieden wer- den. Wenn die Entscheidung zu Gunsten der vorgeschlagenen Einrichtung ausgefallen ist, so bleiben die sämmtlichen weiteren Verhandlungen über die Ausführung im Einzelnen der engeren Versammmlung überlassen, welche alle dabei noch vorkommenden Fragen durch Stimmenmehrheit ent- scheidet, auch nach Befinden der Umstände eine Kommission aus ihrer Mitte anordnet, um die verschiedenen Meinungen und Anträge mit mög- lichster Schonung und Berücksichtigung der Ver- hältnisse und Wünsche der Einzelnen auszuglei- chen.“ -- Das ist es, was Oesterreich vorschlägt. Preußen dagegen will von nichts Anderem hören als von einem Konvent einzelner Staaten, der zu dem Plenum ungefähr in demselben Verhält- nisse stehen würde, wie die konstituirende Versamm- lung, die im Jahre 1848 in Paris zusammen- trat, zu dem Parlamente Ludwig Philipps ge- standen hat. Das Begehren mag ehrlich sein oder nicht, es mag durch die Veränderungen, die in den letztverflossenen dreißig Jahren in den gegen- seitigen Verhältnissen der deutschen Staaten ein- getreten sind, gerechtfertiget werden oder nicht, so viel ist gewiß, daß die Gewährung derselben ei- ner Auflösung des Bundes geradezu gleichkommen würde. Ein Verein von Staaten hat gleich einem Vereine von Jndividuen nur die Wahl, in Ueber- einstimmung mit den Grundsätzen seiner Verfas- sung zu handeln, oder sich in seine ursprünglichen Atome aufzulösen -- mit andern Worten, zeit- weilig oder für immer aufzuhören, ein Verein zu sein. Die Bevollmächtigten der deutschen Staa- ten, wenn sie nach dem Vorschlage der preußischen Regierung zusammenkämen, würden sie nicht als Vertreter der Bundesmitglieder -- denn der Bund kennt keine solche Versammlung -- sondern als die Abgeordneten eines Gemengsels von Unirten versammeln, die kein anderes Band des Zusam- menhangs, als das einer gemeinsamen Geschichte und eines gemeinsamen Zweckes haben. Ohne uns demnach in Wortstreitigkeiten oder zerglie- dernde Argumente einzulassen, die bei der ersten Berührung in Stücke zerfallen, müssen wir an- nehmen, daß für alle praktischen Zwecke Preußen, als es seine Vertreter aus Frankfurt zurückrief, den Bund als de facto aufgelöst erklärte. -- Wir wollen nicht bei der Frage verweilen, wel- chen Einfluß, unter andern Umständen, die hoff- nungslose Desorganisation des deutschen Bundes auf die allgemeine europäische Politik haben dürfte. So wie die Sachen stehen, können wir fast ver- gessen zu fragen, was aus dem deutschen Bunde geworden, und ob alles noch ein leerer Fleck auf der politischen Karte zwischen der Weichsel und dem Rheine ist? Die Abgespanntheit der Reaktion lastet noch immer auf dem Kontinent von Europa. Seine vornehmsten Staaten haben für den Augen- blick keine auswärtige Politik, das Spiel ist un- terbrochen, und die einzelnen Stücke sind in wilde Verwirrung geworfen worden, ohne daß bisher eine leitende Behörde reorganisirt worden wäre. Die unerträgliche Langweiligkeit des Streites selbst hat die Aufmerksamkeit aller Zuschauer ermüdet, und Leute, die gewohnt waren, die Angelegenhei- ten Deutschlands mit der innigsten Theilnahme zu beobachten, haben ihre Blicke mit Ekel von einem endlosen Hader abgewendet, der nie zu ei- ner Krisis gediehen ist, und der zur Stunde, eben so entfernt einerseits von einer Ausgleichung, und andererseits von einem offenen Kampfe zu sein scheint, als er vor zwölf Monaten gewesen ist. Aber es gibt einen Fleck, wo die allgemeine Ruhe fortwährend gestört -- durch einen Krieg gestört ist, welcher begann, als die Autorität des Bun- des in Verfall gerieth, und der so lange anzu- halten droht, bis sie nicht wieder ins Leben ge- rufen wird. Der innere Krieg in den dänischen Ländern entsprang unmittelbar aus der Verbrei- tung der Revolution über Deutschland, und die Desorganisation und Anarchie, welche der Stoß dort zurückgelassen hat, sind es, die ihm Nahrung geben, und ihn wach erhalten. Dieselbe Ursache wirkt in doppelter Weise -- sie verhindert und verschiebt auf unbestimmte Zeit die Ratisikation des Friedens, und läßt Holstein den Namen nach beschützt, aber in der Praxis emanzipirt von der Kontrolle eines Körpers, welcher die Rechte eines großen Nationalbundes behauptet, aber unfähig ist, die Pflichten desselben zu erfüllen. Nichts kann widersinniger sein, als daß die Armeen des Königs von Dänemark, durch eine Drohung der Rache Deutschlands, an der Eider aufgehalten werden sollen, während Deutschland Holstein ge- stattet, Feuer und Schwert in die Länder von Dänemark zu tragen. Wenn die Deutschen ein Recht haben sollen, Holstein gegen die Waffen seines rechtmaßigen Landesfürsten in Schutz zu nehmen, so müssen sie wenigstens Dänemark für die Jnvasion seiner Saaten und für den Versuch Unzufriedenheit und Aufruhr unter sei- nen Unterthanen zu verbreiten, verantwortlich sein. Sie müssen erfahren, wenn sie es noch nicht wissen, daß kein Spiel dieser Art auch nur für einen Augenblick vor dem Richterstuhl der Nationen gerechtfertigt werden kann; die Rechte der Landesherrlichkeit können nicht von ihren Ver- antwortlichkeiten getrennt werden, und es wird Pflicht der großen europäischen Mächte, einzu- schreiten, wenn dieses einfache Gesetz völkerrechtli- cher Billigkeit offenbar übertreten, und wenn das kleinste, aber nicht das muthloseste ihrer Mitglie- der von einem großen und mächtigen Volke als Opfer der scandalösesten Unterdrückung und des schreiendsten Unrechts auserkoren wird.“ -- „ We- nige oder gar keiner unserer Callegen haben ein lebhafteres und gleichförmigeres Jnteresse an den deutschen Angelegenheiten genommen, als wir. Aber wir sprechen offenherzig, weil wir im Na- men der Menschheit und der Gerechtigkeit reden. Wir kümmern uns nicht darum, wo die Schwie- rigkeit liegt oder von wem das Hinderniß aus- geht. Das Unrecht gegen Dänemark, die Schmach für Deutschland und die Beleidigung der öffent- lichen Meinung von Europa sind dieselben, ob sie ihren Ursprung in Berlin oder München, in Han- nover oder Wien genommen haben. Wenn der Bund fortwährend stumm und taub und lahm und blind bleibt ( ausgenommen, wenn ein Nach- barland erobert oder eine ausschweifende Forde- rung mit dem Schwert behauptet werden soll ) -- wenn er fortwährend außer Stande ist, eine wür- dige und achtbare Rolle auf der europäischen

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 201. Würzburg, 22. August 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische201_1850/1>, abgerufen am 19.08.2019.