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Die Bayerische Presse. Nr. 131. Würzburg, 1. Juni 1850.

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Die Bayerische Presse.

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Abonnement:
Ganzjährig 6 fl.
Halbjährig 3 fl.
Vierteljährig 1 fl. 30 kr.
Monatlich für die Stadt 30 kr.

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Eine constitutionell-monarchische Zeitung.

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Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr
Nr. 533.

Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe-
titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe
und Gelder frei.

[Ende Spaltensatz]

Nr. 131.
Würzburg, Samstag den 1. Juni. 1850.


[Beginn Spaltensatz]
Amtliche Nachrichten.

Ein Reskript des Staatsministeriums des Jn-
nern vom 9. d. Ms. macht die geprüften Rechts-
praktikanten auf die allerhöchste Verordnung vom
6. März 1830 aufmerksam, der gemäß jeder Kan-
didat nach erstandener zweiter Prüfung seine wei-
tere Ausbildung bei den k. Stellen und Behörden,
und nur in soferne er sich der Advokatie ( aus-
schließlich ) widmen will, bei einem rezipirten Rechts-
anwalt fortzusetzen hat. Wenn gleich die Mehr-
zahl der Rechtskandidaten ihre Anstellung in ei-
nem Justiz= oder im gemischten landgerichtlichen
Dienste nachsucht, so widmet sich dessenohnge-
achtet ein großer Theil desselben der Praxis bei
recipirten Advokaten, weßhalb die Vorstände der
k. Landgerichte, Gerichts= und Polizeibehörden auf-
merksam gemacht werden, diejenigen geprüften
Rechtspraktikanten, die sich auf Aufforderung wei-
gern sollten, bei denselben gegen angemessenes
Honorar einzutreten, der k. Regierung anzuzeigen,
um sie zur Erklärung zu veranlassen, ob sie sich
der Advokatie widmen wollen. Es wird sodann
in den Qualifikationsbüchern Vormerkung gemacht
und bei Vorschlägen zur Anstellung im gemischten
Dienste auf andere geprüfte Rechtskandidaten Be-
dacht genommen werden.



Aus dem Hirtenbrief des hochw. Herrn
Fürstbischofs von Seckau

Joseph Othmar.

Als die zu Wien versammelten Bischöfe am
17. Juni vorigen Jahres an die treuen Gehilfen
ihres Hirtenamtes ein Wort des Trostes und der
Ermunterung richteten, sprachen sie die Hoffnung
aus, daß es ihnen bald werde vergönnt sein, den
Kindern der katholischen Kirche das freudige Er-
gebniß ihrer Bemühungen freudig mitzutheilen.
Das Vertrauen, welches sie auf Gottes huldrei-
chen Schutz und die Weisheit und Gerechtigkeit
der kaiserlichen Regierung setzten, hat sich nun
gerechtfertigt. Ein großer Theil der Fragen, für
welche die Bischöfe als Vertreter der Kirche ihre
Stimmen erhoben, hat die ersehnte Lösung gefun-
den, und es zählen darunter eben jene, von deren
Entscheidung es vorzugsweise abhing, ob die ka-
tholische Kirche in Oesterreich den Tag ihrer Er-
neuerung feiern solle. -- Mit Freude und Dank-
barkeit begrüßen wir diese Handlung der Gerech-
tigkeit. Sie ist eine großartige Maßregel; denn
sie zerreißt das Netz der kleinlichen Rücksichten u.
Besorgnisse, von welchen man die mißtrauische
Bewachung der Kirche für den Kern der Staats-
klugheit hielt; sie bricht mit einer verfälschten Le-
bensauffassung, welche die edelsten Kräfte lähmte,
und indem sie den heiligsten Jnteressen der Mensch-
heit ihr Recht werden läßt, sorgt sie zugleich für
die innersten Bedürfnisse der bürgerlichen Gesell-
schaft. Aber das Großartige darf nicht darauf
rechnen, wenn es unter die Menschen heraustritt,
sogleich allgemein verstanden und nach Verdienst
gewürdigt zu werden, und mächtig wie niemals
bewährt in unsern Tagen sich das prophetische
Wort, daß der Herr Jesus ein Zeichen ist, wel-
chem man widersprechen wird. Jene, welche das
Licht des Christenthums hassen, weil ihre Werke
[Spaltenumbruch] Finsterniß sind, Jene, welche durch sinnliche Ver-
irrungen abgestumpft die Empfänglichkeit für das
Höhere verloren haben, Jene, deren Hoffnung die
Revolution und deren Gewerbe die Aufstachelung
aller bösen Begierden ist, sind sich vielleicht in
ihren sonstigen Bestrebungen sehr unähnlich; doch
sämmtlich vereinigen sie sich darin, daß sie jede
kraftvolle Regung christlichen Lebens verabscheuen,
und jede Anerkennung kirchlicher Rechte für einen
Hochverrath an der Zeit und ihren Forderungen
erklären. Wir sind die Lehrer, welche Gott der
christlichen Gemeinde bestellt hat; wir sind beru-
fen, jedem Vorurtheile zu begegnen, dessen Un-
kraut das goldene Korn der Wahrheit ersticken
könnte. Um so mehr geziemt es uns jetzt, die
Sache der Kirche, die Sache Gottes und der
Menschheit zu führen, und wofern in unserem
Bereiche Verläumdungen oder Jrrthümer und
Mißverständnisse auftauchen, ihnen die Leuchte
der Wahrheit ernst und mild entgegenzuhalten.
-- Großes ist geschehen, Großes fur die Kirche,
Großes für die menschliche Gesellschaft. Sollte
Jemand daran zweifeln, so verweiset ihn auf das
Musterland, welchem Europa bis zum März 1848
auf allen seinen Jrrsälen mit wunderbarer Erge-
benheit nachgefolgt ist, verweiset ihn auf Frank-
reich! Frankreich war von allen katholischen Län-
dern das erste, welches die Staatskirche zur Welt
brachte. Sechzig Jahre, nachdem der letzte Schritt
geschehen war, stand jene Philosophie, welche mit
dem Thoren spricht: Es ist kein Gott, schon in
aller Blüthe: noch fünfzig Jahre und die Freiheit
der rothen Mütze hielt ihre Bluthochzeit. Nach
abermals 60 Jahren wird von einer kleinen
Schaar, welche am Morgen noch nicht weiß, was
sie am Abend thun werde, den fünf und dreißig
Millionen freier Franzosen die Republik aufge-
zwungen. Die Rothen verschlingen schon mit
gierigen Blicken die Beute, welche sie sich auser-
sehen haben; die Nachfolger des Marat und Ro-
bespierre harren ungeduldig des Augenblickes, um
hervorzutreten. Jn dieser äußersten Noth erkennt
Frankreich -- etwas spät allerdings -- wo all-
ein Rettung zu suchen sei. Jünger einer Staats-
klugheit, welche zu leicht gefunden wurde, blickt
doch auf einen Mann von großem Geiste und
großem Namen! Als er am Altare der unächten
Freisinnigkeit opferte und die Macht seiner Rede
wider Christenthum und Kirche wandte, habt ihr
ihm mit Behagen Beifall zugewinkt. Aber im
Angesichte des Jahres 1848 hat er sich schnell
bekehrt; der März hatte noch kaum begonnen, als
er schon bekannte, daß die katholische Kirche die
letzte Zuflucht der zerfallenen Gesellschaft sei.
Wollt ihr ihm nicht endlich nachfolgen? Auch
wir haben gefühlt was der Vulkan ver-
möge! Habt ihr noch nicht genug Trümmer
gesehen? Doch genügt euch das Einzelne nicht, so
tretet in Frankreichs gesetzgebende Versammlung
ein! Jn wie vieler Herzen die christliche Ueber-
zeugung ihre siegreiche Kraft erprobt hatte, das
weiß der Erforscher der Herzen! Aber dies ist ge-
wiß, Frankreichs Staatsmänner haben, was nicht
oft vorkömmt, von der Geschichte etwas gelernt.
Jhre Erfahrung ist eine theuer erkaufte und noch
haben sie den Preis nicht vollständig bezahlt. Jm
Jahre 1789 schamte der Edelmann, dem noch
[Spaltenumbruch] bessere Erinnerungen geblieben waren, sich zu ge-
stehen, daß er an Gott glaube, und wollte er an
der Feier der heiligen Geheimnisse theilnehmen, so
schlich er so still und vorsichtig als möglich in die
Kirche. Die schreckliche Lehre der ersten Revolu-
tion ist an dem französischen Adel nicht spurlos
vorübergegangen; aber inzwischen war der reiche
Bürger längst in seine Fußtapfen getreten. Der
reiche Bürger möchte[unleserliches Material] herzlich gern Christ wer-
den, wofern man das Messer des Rothen ihm
von der Kehle nähme. Aber nun steht der Klein-
bürger von Paris dort, wo vor sechs Jahren die
entarteten Enkel edler Väter standen, und setzt
seine Ehre darein, an keinen Gott zu glauben;
aber nun ist das Verderben in die untersten Schich-
ten des Volkes gedrungen und ergreift sogar die
Landleute, welchen die rothe Presse im Namen
der Freiheit täglich ihr Gift credenzt. Jhr habt
uns unseren Gott genommen, rufen sie; Geld und
Gut, Sinnengenuß und Bequemlichkeit, das ist
unser Antheil! Gebt es uns oder sterbt! "Jrret
euch nicht, der Herr läßt seiner nicht spotten!"
Sollen auch wir dahin kommen? Frankreich hat
die heilige Kraft des Christenthums nicht verge-
bens angerufen; es wird gerettet werden, wenn
auch nicht ohne schwere Kämpfe. Wollen wir die
Nachahmung seiner Jrrfahrten fortsetzen, während
das bewunderte Vorbild schon voll Sehnsucht in
den Hafen einzulaufen strebt? Dies wäre nicht
nur ein Unglück, es wäre auch eine Schmach, wel-
che uns das Brandmal des Lächerlichen aufdrücken
würde.    ( Forts. folgt. )



Französische Zustände.
Von Freiherrn v. Eckstein.

Es kocht. Alle bösen und scharfen Säfte der
Gesellschaft gähren durcheinander. Zwei Haupt-
parteien stehen einander gegenüber gelagert: die
Koriphäen des Orleanismus zu Paris und die
Demagogen. Beide hetzen zur Schlacht, die ei-
nen wollen eine Revanche der Ueberrumpelung des
Februars 1848, die andern wollen den politischen
Untergang und die endliche sociale Aufhebung al-
ler gebildeten Klassen der Nation. An der Spitze
des Orleanismus ( man verstehe mich recht, nicht
des dynastischen Orleanismus gerade, aber der
gebildeten Bürgerschaft mit Einverleibung des ihr
zugefallenen Theiles der alten Adelsaristokratie )
sind die Haupttreiber der hitzige Piscatory, Leon
Faucher und hintennach folgen Mol e u. Broglie;
Thiers und Berryer sind die Vernünftigen, die
Moderirten, die Zügelnden, die Einsichtigen dieser
Klasse erhitzter Männer, die nach einer Revanche
für ihre gestürzte Macht geizen. Der Polizeiprä-
fect Carlier, die Journale l'Assemblee nationale
und la Patrie, zum Theile le Messager de la
Semaine, arbeiten in diesem Sinne. Changar-
nier horcht und schweigt, nimmt sich fest zusam-
men. Eigentlich ist weder die Majorität der
Kammer, noch das Ministerium selber in diesem
heftigen Sinne; aber da es keinen Lenker, kein
Oberauge, keinen klar umfassenden Willen gibt,
wird Alles mehr oder minder durch Erhitzung ge-
trieben. -- Gegenüber diesem Parteigeiste spielen
die Demagogen ihr höchstes und letztes Spiel.

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praktikanten auf die allerhöchste Verordnung vom
6. März 1830 aufmerksam, der gemäß jeder Kan-
didat nach erstandener zweiter Prüfung seine wei-
tere Ausbildung bei den k. Stellen und Behörden,
und nur in soferne er sich der Advokatie ( aus-
schließlich ) widmen will, bei einem rezipirten Rechts-
anwalt fortzusetzen hat. Wenn gleich die Mehr-
zahl der Rechtskandidaten ihre Anstellung in ei-
nem Justiz= oder im gemischten landgerichtlichen
Dienste nachsucht, so widmet sich dessenohnge-
achtet ein großer Theil desselben der Praxis bei
recipirten Advokaten, weßhalb die Vorstände der
k. Landgerichte, Gerichts= und Polizeibehörden auf-
merksam gemacht werden, diejenigen geprüften
Rechtspraktikanten, die sich auf Aufforderung wei-
gern sollten, bei denselben gegen angemessenes
Honorar einzutreten, der k. Regierung anzuzeigen,
um sie zur Erklärung zu veranlassen, ob sie sich
der Advokatie widmen wollen. Es wird sodann
in den Qualifikationsbüchern Vormerkung gemacht
und bei Vorschlägen zur Anstellung im gemischten
Dienste auf andere geprüfte Rechtskandidaten Be-
dacht genommen werden.



Aus dem Hirtenbrief des hochw. Herrn
Fürstbischofs von Seckau

Joseph Othmar.

Als die zu Wien versammelten Bischöfe am
17. Juni vorigen Jahres an die treuen Gehilfen
ihres Hirtenamtes ein Wort des Trostes und der
Ermunterung richteten, sprachen sie die Hoffnung
aus, daß es ihnen bald werde vergönnt sein, den
Kindern der katholischen Kirche das freudige Er-
gebniß ihrer Bemühungen freudig mitzutheilen.
Das Vertrauen, welches sie auf Gottes huldrei-
chen Schutz und die Weisheit und Gerechtigkeit
der kaiserlichen Regierung setzten, hat sich nun
gerechtfertigt. Ein großer Theil der Fragen, für
welche die Bischöfe als Vertreter der Kirche ihre
Stimmen erhoben, hat die ersehnte Lösung gefun-
den, und es zählen darunter eben jene, von deren
Entscheidung es vorzugsweise abhing, ob die ka-
tholische Kirche in Oesterreich den Tag ihrer Er-
neuerung feiern solle. -- Mit Freude und Dank-
barkeit begrüßen wir diese Handlung der Gerech-
tigkeit. Sie ist eine großartige Maßregel; denn
sie zerreißt das Netz der kleinlichen Rücksichten u.
Besorgnisse, von welchen man die mißtrauische
Bewachung der Kirche für den Kern der Staats-
klugheit hielt; sie bricht mit einer verfälschten Le-
bensauffassung, welche die edelsten Kräfte lähmte,
und indem sie den heiligsten Jnteressen der Mensch-
heit ihr Recht werden läßt, sorgt sie zugleich für
die innersten Bedürfnisse der bürgerlichen Gesell-
schaft. Aber das Großartige darf nicht darauf
rechnen, wenn es unter die Menschen heraustritt,
sogleich allgemein verstanden und nach Verdienst
gewürdigt zu werden, und mächtig wie niemals
bewährt in unsern Tagen sich das prophetische
Wort, daß der Herr Jesus ein Zeichen ist, wel-
chem man widersprechen wird. Jene, welche das
Licht des Christenthums hassen, weil ihre Werke
[Spaltenumbruch] Finsterniß sind, Jene, welche durch sinnliche Ver-
irrungen abgestumpft die Empfänglichkeit für das
Höhere verloren haben, Jene, deren Hoffnung die
Revolution und deren Gewerbe die Aufstachelung
aller bösen Begierden ist, sind sich vielleicht in
ihren sonstigen Bestrebungen sehr unähnlich; doch
sämmtlich vereinigen sie sich darin, daß sie jede
kraftvolle Regung christlichen Lebens verabscheuen,
und jede Anerkennung kirchlicher Rechte für einen
Hochverrath an der Zeit und ihren Forderungen
erklären. Wir sind die Lehrer, welche Gott der
christlichen Gemeinde bestellt hat; wir sind beru-
fen, jedem Vorurtheile zu begegnen, dessen Un-
kraut das goldene Korn der Wahrheit ersticken
könnte. Um so mehr geziemt es uns jetzt, die
Sache der Kirche, die Sache Gottes und der
Menschheit zu führen, und wofern in unserem
Bereiche Verläumdungen oder Jrrthümer und
Mißverständnisse auftauchen, ihnen die Leuchte
der Wahrheit ernst und mild entgegenzuhalten.
-- Großes ist geschehen, Großes fur die Kirche,
Großes für die menschliche Gesellschaft. Sollte
Jemand daran zweifeln, so verweiset ihn auf das
Musterland, welchem Europa bis zum März 1848
auf allen seinen Jrrsälen mit wunderbarer Erge-
benheit nachgefolgt ist, verweiset ihn auf Frank-
reich! Frankreich war von allen katholischen Län-
dern das erste, welches die Staatskirche zur Welt
brachte. Sechzig Jahre, nachdem der letzte Schritt
geschehen war, stand jene Philosophie, welche mit
dem Thoren spricht: Es ist kein Gott, schon in
aller Blüthe: noch fünfzig Jahre und die Freiheit
der rothen Mütze hielt ihre Bluthochzeit. Nach
abermals 60 Jahren wird von einer kleinen
Schaar, welche am Morgen noch nicht weiß, was
sie am Abend thun werde, den fünf und dreißig
Millionen freier Franzosen die Republik aufge-
zwungen. Die Rothen verschlingen schon mit
gierigen Blicken die Beute, welche sie sich auser-
sehen haben; die Nachfolger des Marat und Ro-
bespierre harren ungeduldig des Augenblickes, um
hervorzutreten. Jn dieser äußersten Noth erkennt
Frankreich -- etwas spät allerdings -- wo all-
ein Rettung zu suchen sei. Jünger einer Staats-
klugheit, welche zu leicht gefunden wurde, blickt
doch auf einen Mann von großem Geiste und
großem Namen! Als er am Altare der unächten
Freisinnigkeit opferte und die Macht seiner Rede
wider Christenthum und Kirche wandte, habt ihr
ihm mit Behagen Beifall zugewinkt. Aber im
Angesichte des Jahres 1848 hat er sich schnell
bekehrt; der März hatte noch kaum begonnen, als
er schon bekannte, daß die katholische Kirche die
letzte Zuflucht der zerfallenen Gesellschaft sei.
Wollt ihr ihm nicht endlich nachfolgen? Auch
wir haben gefühlt was der Vulkan ver-
möge! Habt ihr noch nicht genug Trümmer
gesehen? Doch genügt euch das Einzelne nicht, so
tretet in Frankreichs gesetzgebende Versammlung
ein! Jn wie vieler Herzen die christliche Ueber-
zeugung ihre siegreiche Kraft erprobt hatte, das
weiß der Erforscher der Herzen! Aber dies ist ge-
wiß, Frankreichs Staatsmänner haben, was nicht
oft vorkömmt, von der Geschichte etwas gelernt.
Jhre Erfahrung ist eine theuer erkaufte und noch
haben sie den Preis nicht vollständig bezahlt. Jm
Jahre 1789 schamte der Edelmann, dem noch
[Spaltenumbruch] bessere Erinnerungen geblieben waren, sich zu ge-
stehen, daß er an Gott glaube, und wollte er an
der Feier der heiligen Geheimnisse theilnehmen, so
schlich er so still und vorsichtig als möglich in die
Kirche. Die schreckliche Lehre der ersten Revolu-
tion ist an dem französischen Adel nicht spurlos
vorübergegangen; aber inzwischen war der reiche
Bürger längst in seine Fußtapfen getreten. Der
reiche Bürger möchte[unleserliches Material] herzlich gern Christ wer-
den, wofern man das Messer des Rothen ihm
von der Kehle nähme. Aber nun steht der Klein-
bürger von Paris dort, wo vor sechs Jahren die
entarteten Enkel edler Väter standen, und setzt
seine Ehre darein, an keinen Gott zu glauben;
aber nun ist das Verderben in die untersten Schich-
ten des Volkes gedrungen und ergreift sogar die
Landleute, welchen die rothe Presse im Namen
der Freiheit täglich ihr Gift credenzt. Jhr habt
uns unseren Gott genommen, rufen sie; Geld und
Gut, Sinnengenuß und Bequemlichkeit, das ist
unser Antheil! Gebt es uns oder sterbt! „Jrret
euch nicht, der Herr läßt seiner nicht spotten!“
Sollen auch wir dahin kommen? Frankreich hat
die heilige Kraft des Christenthums nicht verge-
bens angerufen; es wird gerettet werden, wenn
auch nicht ohne schwere Kämpfe. Wollen wir die
Nachahmung seiner Jrrfahrten fortsetzen, während
das bewunderte Vorbild schon voll Sehnsucht in
den Hafen einzulaufen strebt? Dies wäre nicht
nur ein Unglück, es wäre auch eine Schmach, wel-
che uns das Brandmal des Lächerlichen aufdrücken
würde.    ( Forts. folgt. )



Französische Zustände.
Von Freiherrn v. Eckstein.

Es kocht. Alle bösen und scharfen Säfte der
Gesellschaft gähren durcheinander. Zwei Haupt-
parteien stehen einander gegenüber gelagert: die
Koriphäen des Orleanismus zu Paris und die
Demagogen. Beide hetzen zur Schlacht, die ei-
nen wollen eine Revanche der Ueberrumpelung des
Februars 1848, die andern wollen den politischen
Untergang und die endliche sociale Aufhebung al-
ler gebildeten Klassen der Nation. An der Spitze
des Orleanismus ( man verstehe mich recht, nicht
des dynastischen Orleanismus gerade, aber der
gebildeten Bürgerschaft mit Einverleibung des ihr
zugefallenen Theiles der alten Adelsaristokratie )
sind die Haupttreiber der hitzige Piscatory, Leon
Faucher und hintennach folgen Mol é u. Broglie;
Thiers und Berryer sind die Vernünftigen, die
Moderirten, die Zügelnden, die Einsichtigen dieser
Klasse erhitzter Männer, die nach einer Revanche
für ihre gestürzte Macht geizen. Der Polizeiprä-
fect Carlier, die Journale l'Assemblee nationale
und la Patrie, zum Theile le Messager de la
Semaine, arbeiten in diesem Sinne. Changar-
nier horcht und schweigt, nimmt sich fest zusam-
men. Eigentlich ist weder die Majorität der
Kammer, noch das Ministerium selber in diesem
heftigen Sinne; aber da es keinen Lenker, kein
Oberauge, keinen klar umfassenden Willen gibt,
wird Alles mehr oder minder durch Erhitzung ge-
trieben. -- Gegenüber diesem Parteigeiste spielen
die Demagogen ihr höchstes und letztes Spiel.

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[0001] Die Bayerische Presse. Abonnement: Ganzjährig 6 fl. Halbjährig 3 fl. Vierteljährig 1 fl. 30 kr. Monatlich für die Stadt 30 kr. Eine constitutionell-monarchische Zeitung. Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr Nr. 533. Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe- titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe und Gelder frei. Nr. 131. Würzburg, Samstag den 1. Juni. 1850. Amtliche Nachrichten. Ein Reskript des Staatsministeriums des Jn- nern vom 9. d. Ms. macht die geprüften Rechts- praktikanten auf die allerhöchste Verordnung vom 6. März 1830 aufmerksam, der gemäß jeder Kan- didat nach erstandener zweiter Prüfung seine wei- tere Ausbildung bei den k. Stellen und Behörden, und nur in soferne er sich der Advokatie ( aus- schließlich ) widmen will, bei einem rezipirten Rechts- anwalt fortzusetzen hat. Wenn gleich die Mehr- zahl der Rechtskandidaten ihre Anstellung in ei- nem Justiz= oder im gemischten landgerichtlichen Dienste nachsucht, so widmet sich dessenohnge- achtet ein großer Theil desselben der Praxis bei recipirten Advokaten, weßhalb die Vorstände der k. Landgerichte, Gerichts= und Polizeibehörden auf- merksam gemacht werden, diejenigen geprüften Rechtspraktikanten, die sich auf Aufforderung wei- gern sollten, bei denselben gegen angemessenes Honorar einzutreten, der k. Regierung anzuzeigen, um sie zur Erklärung zu veranlassen, ob sie sich der Advokatie widmen wollen. Es wird sodann in den Qualifikationsbüchern Vormerkung gemacht und bei Vorschlägen zur Anstellung im gemischten Dienste auf andere geprüfte Rechtskandidaten Be- dacht genommen werden. Aus dem Hirtenbrief des hochw. Herrn Fürstbischofs von Seckau Joseph Othmar. Als die zu Wien versammelten Bischöfe am 17. Juni vorigen Jahres an die treuen Gehilfen ihres Hirtenamtes ein Wort des Trostes und der Ermunterung richteten, sprachen sie die Hoffnung aus, daß es ihnen bald werde vergönnt sein, den Kindern der katholischen Kirche das freudige Er- gebniß ihrer Bemühungen freudig mitzutheilen. Das Vertrauen, welches sie auf Gottes huldrei- chen Schutz und die Weisheit und Gerechtigkeit der kaiserlichen Regierung setzten, hat sich nun gerechtfertigt. Ein großer Theil der Fragen, für welche die Bischöfe als Vertreter der Kirche ihre Stimmen erhoben, hat die ersehnte Lösung gefun- den, und es zählen darunter eben jene, von deren Entscheidung es vorzugsweise abhing, ob die ka- tholische Kirche in Oesterreich den Tag ihrer Er- neuerung feiern solle. -- Mit Freude und Dank- barkeit begrüßen wir diese Handlung der Gerech- tigkeit. Sie ist eine großartige Maßregel; denn sie zerreißt das Netz der kleinlichen Rücksichten u. Besorgnisse, von welchen man die mißtrauische Bewachung der Kirche für den Kern der Staats- klugheit hielt; sie bricht mit einer verfälschten Le- bensauffassung, welche die edelsten Kräfte lähmte, und indem sie den heiligsten Jnteressen der Mensch- heit ihr Recht werden läßt, sorgt sie zugleich für die innersten Bedürfnisse der bürgerlichen Gesell- schaft. Aber das Großartige darf nicht darauf rechnen, wenn es unter die Menschen heraustritt, sogleich allgemein verstanden und nach Verdienst gewürdigt zu werden, und mächtig wie niemals bewährt in unsern Tagen sich das prophetische Wort, daß der Herr Jesus ein Zeichen ist, wel- chem man widersprechen wird. Jene, welche das Licht des Christenthums hassen, weil ihre Werke Finsterniß sind, Jene, welche durch sinnliche Ver- irrungen abgestumpft die Empfänglichkeit für das Höhere verloren haben, Jene, deren Hoffnung die Revolution und deren Gewerbe die Aufstachelung aller bösen Begierden ist, sind sich vielleicht in ihren sonstigen Bestrebungen sehr unähnlich; doch sämmtlich vereinigen sie sich darin, daß sie jede kraftvolle Regung christlichen Lebens verabscheuen, und jede Anerkennung kirchlicher Rechte für einen Hochverrath an der Zeit und ihren Forderungen erklären. Wir sind die Lehrer, welche Gott der christlichen Gemeinde bestellt hat; wir sind beru- fen, jedem Vorurtheile zu begegnen, dessen Un- kraut das goldene Korn der Wahrheit ersticken könnte. Um so mehr geziemt es uns jetzt, die Sache der Kirche, die Sache Gottes und der Menschheit zu führen, und wofern in unserem Bereiche Verläumdungen oder Jrrthümer und Mißverständnisse auftauchen, ihnen die Leuchte der Wahrheit ernst und mild entgegenzuhalten. -- Großes ist geschehen, Großes fur die Kirche, Großes für die menschliche Gesellschaft. Sollte Jemand daran zweifeln, so verweiset ihn auf das Musterland, welchem Europa bis zum März 1848 auf allen seinen Jrrsälen mit wunderbarer Erge- benheit nachgefolgt ist, verweiset ihn auf Frank- reich! Frankreich war von allen katholischen Län- dern das erste, welches die Staatskirche zur Welt brachte. Sechzig Jahre, nachdem der letzte Schritt geschehen war, stand jene Philosophie, welche mit dem Thoren spricht: Es ist kein Gott, schon in aller Blüthe: noch fünfzig Jahre und die Freiheit der rothen Mütze hielt ihre Bluthochzeit. Nach abermals 60 Jahren wird von einer kleinen Schaar, welche am Morgen noch nicht weiß, was sie am Abend thun werde, den fünf und dreißig Millionen freier Franzosen die Republik aufge- zwungen. Die Rothen verschlingen schon mit gierigen Blicken die Beute, welche sie sich auser- sehen haben; die Nachfolger des Marat und Ro- bespierre harren ungeduldig des Augenblickes, um hervorzutreten. Jn dieser äußersten Noth erkennt Frankreich -- etwas spät allerdings -- wo all- ein Rettung zu suchen sei. Jünger einer Staats- klugheit, welche zu leicht gefunden wurde, blickt doch auf einen Mann von großem Geiste und großem Namen! Als er am Altare der unächten Freisinnigkeit opferte und die Macht seiner Rede wider Christenthum und Kirche wandte, habt ihr ihm mit Behagen Beifall zugewinkt. Aber im Angesichte des Jahres 1848 hat er sich schnell bekehrt; der März hatte noch kaum begonnen, als er schon bekannte, daß die katholische Kirche die letzte Zuflucht der zerfallenen Gesellschaft sei. Wollt ihr ihm nicht endlich nachfolgen? Auch wir haben gefühlt was der Vulkan ver- möge! Habt ihr noch nicht genug Trümmer gesehen? Doch genügt euch das Einzelne nicht, so tretet in Frankreichs gesetzgebende Versammlung ein! Jn wie vieler Herzen die christliche Ueber- zeugung ihre siegreiche Kraft erprobt hatte, das weiß der Erforscher der Herzen! Aber dies ist ge- wiß, Frankreichs Staatsmänner haben, was nicht oft vorkömmt, von der Geschichte etwas gelernt. Jhre Erfahrung ist eine theuer erkaufte und noch haben sie den Preis nicht vollständig bezahlt. Jm Jahre 1789 schamte der Edelmann, dem noch bessere Erinnerungen geblieben waren, sich zu ge- stehen, daß er an Gott glaube, und wollte er an der Feier der heiligen Geheimnisse theilnehmen, so schlich er so still und vorsichtig als möglich in die Kirche. Die schreckliche Lehre der ersten Revolu- tion ist an dem französischen Adel nicht spurlos vorübergegangen; aber inzwischen war der reiche Bürger längst in seine Fußtapfen getreten. Der reiche Bürger möchte_ herzlich gern Christ wer- den, wofern man das Messer des Rothen ihm von der Kehle nähme. Aber nun steht der Klein- bürger von Paris dort, wo vor sechs Jahren die entarteten Enkel edler Väter standen, und setzt seine Ehre darein, an keinen Gott zu glauben; aber nun ist das Verderben in die untersten Schich- ten des Volkes gedrungen und ergreift sogar die Landleute, welchen die rothe Presse im Namen der Freiheit täglich ihr Gift credenzt. Jhr habt uns unseren Gott genommen, rufen sie; Geld und Gut, Sinnengenuß und Bequemlichkeit, das ist unser Antheil! Gebt es uns oder sterbt! „Jrret euch nicht, der Herr läßt seiner nicht spotten!“ Sollen auch wir dahin kommen? Frankreich hat die heilige Kraft des Christenthums nicht verge- bens angerufen; es wird gerettet werden, wenn auch nicht ohne schwere Kämpfe. Wollen wir die Nachahmung seiner Jrrfahrten fortsetzen, während das bewunderte Vorbild schon voll Sehnsucht in den Hafen einzulaufen strebt? Dies wäre nicht nur ein Unglück, es wäre auch eine Schmach, wel- che uns das Brandmal des Lächerlichen aufdrücken würde. ( Forts. folgt. ) Französische Zustände. Von Freiherrn v. Eckstein. Es kocht. Alle bösen und scharfen Säfte der Gesellschaft gähren durcheinander. Zwei Haupt- parteien stehen einander gegenüber gelagert: die Koriphäen des Orleanismus zu Paris und die Demagogen. Beide hetzen zur Schlacht, die ei- nen wollen eine Revanche der Ueberrumpelung des Februars 1848, die andern wollen den politischen Untergang und die endliche sociale Aufhebung al- ler gebildeten Klassen der Nation. An der Spitze des Orleanismus ( man verstehe mich recht, nicht des dynastischen Orleanismus gerade, aber der gebildeten Bürgerschaft mit Einverleibung des ihr zugefallenen Theiles der alten Adelsaristokratie ) sind die Haupttreiber der hitzige Piscatory, Leon Faucher und hintennach folgen Mol é u. Broglie; Thiers und Berryer sind die Vernünftigen, die Moderirten, die Zügelnden, die Einsichtigen dieser Klasse erhitzter Männer, die nach einer Revanche für ihre gestürzte Macht geizen. Der Polizeiprä- fect Carlier, die Journale l'Assemblee nationale und la Patrie, zum Theile le Messager de la Semaine, arbeiten in diesem Sinne. Changar- nier horcht und schweigt, nimmt sich fest zusam- men. Eigentlich ist weder die Majorität der Kammer, noch das Ministerium selber in diesem heftigen Sinne; aber da es keinen Lenker, kein Oberauge, keinen klar umfassenden Willen gibt, wird Alles mehr oder minder durch Erhitzung ge- trieben. -- Gegenüber diesem Parteigeiste spielen die Demagogen ihr höchstes und letztes Spiel.

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 131. Würzburg, 1. Juni 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische131_1850/1>, abgerufen am 22.08.2019.