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Allgemeine Auswanderungs-Zeitung. Nr. 23. Rudolstadt, 5. Juni 1848.

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[Spaltenumbruch] Schweinen. Jch veranstaltete eine Hetzjagd auf die Bestien, die
aber gänzlich erfolglos blieb, obgleich mehr als 1 Dutzend Schüsse
fielen. Mir versagten beide Läufe, als auf eine Entfernung von
15 Schritten die ganze Heerde zuletzt bei dem Rückzug in die
Flußabhänge vorbei defilirte. Ein Hund der Schonies wurde
bei diesem Scharmützel bedeutend beschädigt. Abends wurde ein
feuriger Meteor am Himmel in nördlicher Richtung beobachtet.
Die Bevölkerung des indianischen Dorfes schlage ich auf 200
Seelen an; unter den Pferdehütern fiel mir ein blonder, stark
bemalter Mann auf, welcher geläufiges englisch sprach. Es war
ein Amerikaner, welcher seit dem Zug der Comanches nach Lin-
ville
an der La Vaca- Bucht unter diesem wilden Volke lebt,
und nicht mehr zu seinen Verwandten nach der La Vaca zurück-
kehren will. Jm Dorfe wurden 3 Merikanerinnen gefangen ge-
halten. Auch erschien einer im Lager, der seit 3 Tagen von
Meriko gefangen eingebracht worden war. Man sah an dem
fast gänzlich nackten Unglücklichen noch die Spuren der Lariette,
womit er aufs Pferd festgebunden worden war. Die helden-
müthigen Comanches hatten mit einer starken Macht diesen Knaben
und seinen Vetter oder Onkel an einem einsamen Lager in der
Nähe der merikanischen Stadt Mier, jenseits des Rio Grande,
überfallen und den Letzteren getödtet, ihn als Gefangenen mit-
geschleppt. Er sprach sehr reines castilianisch, schien für sein Elend
abgestumpft zu sein und wurde dem Anschein nach weiter nicht miß-
handelt. Jm Zopf war ihm eine Puterfeder eingeflochten, und
an beiden Seiten hatten die Herren Comanches auf dem kahl
gesengten Kopfe zwei lange Hörner stehen lassen, die nach den
Seiten überhingen, wodurch sie wahrscheinlich ihre Possen mit ihm
machten, indem sie ihn einem Hornvieh ähnlich machen wollten.

Am 10. sollte aufgebrochen werden, um das alte Fort, das
letzte Ziel unsrer Reise aufzusuchen. Es waren allerhand Ver-
muthungen eines nahen Verraths durch die Comanches bei uns
im Lager kund geworden. Ein Comanches sollte gesagt haben,
daß, ehe die Sonne dreimal den Kreis beschrieben haben würde,
die Krieger seines ganzen Stammes, an Zahl ungefähr 500,
hier eintreffen würden. Die kleinen Diebereien wurden fortgesetzt
und das Betteln nahm überhand. Als man ihre Forderungen
nicht alle befriedigte, brachten sie bei Lorenzo, dem Wegweiser,
trotzige Reden vor, erklärend, daß wir, nur wenige an der Zahl,
von ihnen als ihre Gefangenen gleichsam angesehen würden, daß
ferner sie doch im Stande wären, mit Gewalt zu erlangen, was
ihnen gutwillig nicht gegeben würde, worauf denn dieser, mit
Recht erzürnt, ihnen entgegnete, sie seien Unverschämte, die es
nicht verdient hätten, daß wir sie so gastlich aufgenommen und
beschenkt hätten. Und wenn sie wirklich glaubten, uns so sehr
überlegen zu sein, und den geschlossenen Frieden verrätherischer
Weise in Krieg zu verwandeln geneigt seien, so möchten sie nur
beginnen; wir seien bereit, sie zu empfangen. Dieß waren des
wackeren Lorenzo mit Wärme gesprochene Worte. Die Schonies
gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß die Comanches manchmal
2 Zungen hätten, d. h. doppelzüngig seien, und gaben die Be-
sorgniß zu erkennen, daß, im Fall wir die Wagen zurücklassen
[Spaltenumbruch] würden, diese Freunde dieselben verbrennen würden. -- Gegen
Mittag beim Packen, als wir mit den Wagen den Weg nach
dem Fort durchzufinden versuchen wollten, erschien plötzlich Major
Neighbors, im Auftrag der Regierung, in Begleitung eines
deutschen Kolonisten als Wegweiser, indem er bis an den Llano
mit uns vorgerückt und erst von dort zurückgekehrt war, sowie
mit Sim Shaw, dem bekannten und berühmten Häuptlinge der
Delawaren, und einem zweiten Delawaren. Der Major ist als
Agent für die Jndianerstämme des ganzen Landes, und Sim,
der kräftigste und einsichtsvollste Jndianer, den ich noch kennen
lernte, als Dolmetscher für den Staat angestellt. Sie waren
beauftragt, Feindseligkeiten der Jndianer gegen unsern Trupp zu
verhindern. Außerdem folgte ihnen ein Krämer mit verschiedenen
Waaren für Jndianer auf Packthieren. Es begannen nun von
Seiten des Majors Unterhandlungen wegen Abtretung des Gebiets,
welche nur eine Reihe von Mißverständnissen zur Folge hatten.
Unter den amerikanischen Landmessern hatte sich der Verdacht
ausgesprochen, daß ein Merikaner sie an die Comanches ver-
kaufen wollte.

Am 11. wurde 2 Meilen weit am Flusse hinaufmarschirt.
Unterwegs stießen wir auf eine Heerde Puter und im Lager
fanden sich gar bald unsere Freunde, die Comanches, ein und
brachten außer ihrem Heißhunger dießmal auch ein auffallendes
Mißtrauen mit. Vor Furcht zitternd, hielten sie in der einen
Hand stets den Bogen und 3 Pfeile bereit. Jch will nicht von
ihnen Abschied nehmen, ohne ihrer Jndustrie zu gedenken, welche
sich auf recht künstliche Sättel, mit Hirschleder überzogen, auf
schildkrötenartige Gehäuse für die Kinder, welche zugleich als
Wiege benutzt werden, und auf die Anfertigung von schönen
Larietten erstreckt. Jn den Mußestunden beschäftigen sie sich viel-
fach damit, die unzähligen Jnsecten, welche ihr Haar beherbergt, auf-
zusuchen und mit Wohlbehagen zu verzehren. Eine noch größere
Delicatesse scheint ihnen jedoch eine Art daumendicker geringelter
Würmer zu sein, die sich nicht selten in der Gurgel und dem
Kopf des Hirsches finden, von denen auch Lorenzo ein großer
Verehrer geblieben war. Von den Sitten der Comanches will
ich nicht sprechen, um nicht ihre abschreckende Sittenlosigkeit be-
rühren zu müssen. An unserem heutigen Lager hatte die San
Saba vollständig die Breite und Wassermasse der Guadeloupe.

Am 12. rückten wir 5 M. weiter an der San Saba hin-
auf; hier erkannte es ein Herr aus der Umgebung des Hrn.
General = Commissairs für unmöglich, die Wagen weiter mitzu-
nehmen; obgleich die Wege ebener wurden. Deßhalb sollte die
Abtheilung nun getheilt werden. Wir waren über einen ansehn-
lichen Bach gekommen, und unser Lager war wieder ein altes
Kickapulager, ein ausgesuchter Platz, wo sie tausende von Hirsch-
fellen gegerbt haben mußten. Der Fluß würde hier bequeme
Furthen aufweisen, denn er ist zwar breit, aber kaum 1 / 2 Fuß
tief. Es erschien ein Abgeordneter von Motzatschukupi
( alte Eule ) , für welchen Namen ich mich jedoch nicht verbürgen
kann. Er hatte Auftrag, im Namen des Häuptlings über die-
jenige Bande Comanches, welche zwischen dem Colorado und

[Spaltenumbruch] Schweinen. Jch veranstaltete eine Hetzjagd auf die Bestien, die
aber gänzlich erfolglos blieb, obgleich mehr als 1 Dutzend Schüsse
fielen. Mir versagten beide Läufe, als auf eine Entfernung von
15 Schritten die ganze Heerde zuletzt bei dem Rückzug in die
Flußabhänge vorbei defilirte. Ein Hund der Schonies wurde
bei diesem Scharmützel bedeutend beschädigt. Abends wurde ein
feuriger Meteor am Himmel in nördlicher Richtung beobachtet.
Die Bevölkerung des indianischen Dorfes schlage ich auf 200
Seelen an; unter den Pferdehütern fiel mir ein blonder, stark
bemalter Mann auf, welcher geläufiges englisch sprach. Es war
ein Amerikaner, welcher seit dem Zug der Comanches nach Lin-
ville
an der La Vaca- Bucht unter diesem wilden Volke lebt,
und nicht mehr zu seinen Verwandten nach der La Vaca zurück-
kehren will. Jm Dorfe wurden 3 Merikanerinnen gefangen ge-
halten. Auch erschien einer im Lager, der seit 3 Tagen von
Meriko gefangen eingebracht worden war. Man sah an dem
fast gänzlich nackten Unglücklichen noch die Spuren der Lariette,
womit er aufs Pferd festgebunden worden war. Die helden-
müthigen Comanches hatten mit einer starken Macht diesen Knaben
und seinen Vetter oder Onkel an einem einsamen Lager in der
Nähe der merikanischen Stadt Mier, jenseits des Rio Grande,
überfallen und den Letzteren getödtet, ihn als Gefangenen mit-
geschleppt. Er sprach sehr reines castilianisch, schien für sein Elend
abgestumpft zu sein und wurde dem Anschein nach weiter nicht miß-
handelt. Jm Zopf war ihm eine Puterfeder eingeflochten, und
an beiden Seiten hatten die Herren Comanches auf dem kahl
gesengten Kopfe zwei lange Hörner stehen lassen, die nach den
Seiten überhingen, wodurch sie wahrscheinlich ihre Possen mit ihm
machten, indem sie ihn einem Hornvieh ähnlich machen wollten.

Am 10. sollte aufgebrochen werden, um das alte Fort, das
letzte Ziel unsrer Reise aufzusuchen. Es waren allerhand Ver-
muthungen eines nahen Verraths durch die Comanches bei uns
im Lager kund geworden. Ein Comanches sollte gesagt haben,
daß, ehe die Sonne dreimal den Kreis beschrieben haben würde,
die Krieger seines ganzen Stammes, an Zahl ungefähr 500,
hier eintreffen würden. Die kleinen Diebereien wurden fortgesetzt
und das Betteln nahm überhand. Als man ihre Forderungen
nicht alle befriedigte, brachten sie bei Lorenzo, dem Wegweiser,
trotzige Reden vor, erklärend, daß wir, nur wenige an der Zahl,
von ihnen als ihre Gefangenen gleichsam angesehen würden, daß
ferner sie doch im Stande wären, mit Gewalt zu erlangen, was
ihnen gutwillig nicht gegeben würde, worauf denn dieser, mit
Recht erzürnt, ihnen entgegnete, sie seien Unverschämte, die es
nicht verdient hätten, daß wir sie so gastlich aufgenommen und
beschenkt hätten. Und wenn sie wirklich glaubten, uns so sehr
überlegen zu sein, und den geschlossenen Frieden verrätherischer
Weise in Krieg zu verwandeln geneigt seien, so möchten sie nur
beginnen; wir seien bereit, sie zu empfangen. Dieß waren des
wackeren Lorenzo mit Wärme gesprochene Worte. Die Schonies
gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß die Comanches manchmal
2 Zungen hätten, d. h. doppelzüngig seien, und gaben die Be-
sorgniß zu erkennen, daß, im Fall wir die Wagen zurücklassen
[Spaltenumbruch] würden, diese Freunde dieselben verbrennen würden. -- Gegen
Mittag beim Packen, als wir mit den Wagen den Weg nach
dem Fort durchzufinden versuchen wollten, erschien plötzlich Major
Neighbors, im Auftrag der Regierung, in Begleitung eines
deutschen Kolonisten als Wegweiser, indem er bis an den Llano
mit uns vorgerückt und erst von dort zurückgekehrt war, sowie
mit Sim Shaw, dem bekannten und berühmten Häuptlinge der
Delawaren, und einem zweiten Delawaren. Der Major ist als
Agent für die Jndianerstämme des ganzen Landes, und Sim,
der kräftigste und einsichtsvollste Jndianer, den ich noch kennen
lernte, als Dolmetscher für den Staat angestellt. Sie waren
beauftragt, Feindseligkeiten der Jndianer gegen unsern Trupp zu
verhindern. Außerdem folgte ihnen ein Krämer mit verschiedenen
Waaren für Jndianer auf Packthieren. Es begannen nun von
Seiten des Majors Unterhandlungen wegen Abtretung des Gebiets,
welche nur eine Reihe von Mißverständnissen zur Folge hatten.
Unter den amerikanischen Landmessern hatte sich der Verdacht
ausgesprochen, daß ein Merikaner sie an die Comanches ver-
kaufen wollte.

Am 11. wurde 2 Meilen weit am Flusse hinaufmarschirt.
Unterwegs stießen wir auf eine Heerde Puter und im Lager
fanden sich gar bald unsere Freunde, die Comanches, ein und
brachten außer ihrem Heißhunger dießmal auch ein auffallendes
Mißtrauen mit. Vor Furcht zitternd, hielten sie in der einen
Hand stets den Bogen und 3 Pfeile bereit. Jch will nicht von
ihnen Abschied nehmen, ohne ihrer Jndustrie zu gedenken, welche
sich auf recht künstliche Sättel, mit Hirschleder überzogen, auf
schildkrötenartige Gehäuse für die Kinder, welche zugleich als
Wiege benutzt werden, und auf die Anfertigung von schönen
Larietten erstreckt. Jn den Mußestunden beschäftigen sie sich viel-
fach damit, die unzähligen Jnsecten, welche ihr Haar beherbergt, auf-
zusuchen und mit Wohlbehagen zu verzehren. Eine noch größere
Delicatesse scheint ihnen jedoch eine Art daumendicker geringelter
Würmer zu sein, die sich nicht selten in der Gurgel und dem
Kopf des Hirsches finden, von denen auch Lorenzo ein großer
Verehrer geblieben war. Von den Sitten der Comanches will
ich nicht sprechen, um nicht ihre abschreckende Sittenlosigkeit be-
rühren zu müssen. An unserem heutigen Lager hatte die San
Saba vollständig die Breite und Wassermasse der Guadeloupe.

Am 12. rückten wir 5 M. weiter an der San Saba hin-
auf; hier erkannte es ein Herr aus der Umgebung des Hrn.
General = Commissairs für unmöglich, die Wagen weiter mitzu-
nehmen; obgleich die Wege ebener wurden. Deßhalb sollte die
Abtheilung nun getheilt werden. Wir waren über einen ansehn-
lichen Bach gekommen, und unser Lager war wieder ein altes
Kickapulager, ein ausgesuchter Platz, wo sie tausende von Hirsch-
fellen gegerbt haben mußten. Der Fluß würde hier bequeme
Furthen aufweisen, denn er ist zwar breit, aber kaum 1 / 2 Fuß
tief. Es erschien ein Abgeordneter von Motzatschukupi
( alte Eule ) , für welchen Namen ich mich jedoch nicht verbürgen
kann. Er hatte Auftrag, im Namen des Häuptlings über die-
jenige Bande Comanches, welche zwischen dem Colorado und

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Und wenn sie wirklich glaubten, uns so sehr überlegen zu sein, und den geschlossenen Frieden verrätherischer Weise in Krieg zu verwandeln geneigt seien, so möchten sie nur beginnen; wir seien bereit, sie zu empfangen. Dieß waren des wackeren Lorenzo mit Wärme gesprochene Worte. Die Schonies gaben nicht undeutlich zu verstehen, daß die Comanches manchmal 2 Zungen hätten, d. h. doppelzüngig seien, und gaben die Be- sorgniß zu erkennen, daß, im Fall wir die Wagen zurücklassen würden, diese Freunde dieselben verbrennen würden. -- Gegen Mittag beim Packen, als wir mit den Wagen den Weg nach dem Fort durchzufinden versuchen wollten, erschien plötzlich Major Neighbors, im Auftrag der Regierung, in Begleitung eines deutschen Kolonisten als Wegweiser, indem er bis an den Llano mit uns vorgerückt und erst von dort zurückgekehrt war, sowie mit Sim Shaw, dem bekannten und berühmten Häuptlinge der Delawaren, und einem zweiten Delawaren. Der Major ist als Agent für die Jndianerstämme des ganzen Landes, und Sim, der kräftigste und einsichtsvollste Jndianer, den ich noch kennen lernte, als Dolmetscher für den Staat angestellt. Sie waren beauftragt, Feindseligkeiten der Jndianer gegen unsern Trupp zu verhindern. Außerdem folgte ihnen ein Krämer mit verschiedenen Waaren für Jndianer auf Packthieren. Es begannen nun von Seiten des Majors Unterhandlungen wegen Abtretung des Gebiets, welche nur eine Reihe von Mißverständnissen zur Folge hatten. Unter den amerikanischen Landmessern hatte sich der Verdacht ausgesprochen, daß ein Merikaner sie an die Comanches ver- kaufen wollte. Am 11. wurde 2 Meilen weit am Flusse hinaufmarschirt. Unterwegs stießen wir auf eine Heerde Puter und im Lager fanden sich gar bald unsere Freunde, die Comanches, ein und brachten außer ihrem Heißhunger dießmal auch ein auffallendes Mißtrauen mit. Vor Furcht zitternd, hielten sie in der einen Hand stets den Bogen und 3 Pfeile bereit. Jch will nicht von ihnen Abschied nehmen, ohne ihrer Jndustrie zu gedenken, welche sich auf recht künstliche Sättel, mit Hirschleder überzogen, auf schildkrötenartige Gehäuse für die Kinder, welche zugleich als Wiege benutzt werden, und auf die Anfertigung von schönen Larietten erstreckt. Jn den Mußestunden beschäftigen sie sich viel- fach damit, die unzähligen Jnsecten, welche ihr Haar beherbergt, auf- zusuchen und mit Wohlbehagen zu verzehren. Eine noch größere Delicatesse scheint ihnen jedoch eine Art daumendicker geringelter Würmer zu sein, die sich nicht selten in der Gurgel und dem Kopf des Hirsches finden, von denen auch Lorenzo ein großer Verehrer geblieben war. Von den Sitten der Comanches will ich nicht sprechen, um nicht ihre abschreckende Sittenlosigkeit be- rühren zu müssen. An unserem heutigen Lager hatte die San Saba vollständig die Breite und Wassermasse der Guadeloupe. Am 12. rückten wir 5 M. weiter an der San Saba hin- auf; hier erkannte es ein Herr aus der Umgebung des Hrn. General = Commissairs für unmöglich, die Wagen weiter mitzu- nehmen; obgleich die Wege ebener wurden. Deßhalb sollte die Abtheilung nun getheilt werden. Wir waren über einen ansehn- lichen Bach gekommen, und unser Lager war wieder ein altes Kickapulager, ein ausgesuchter Platz, wo sie tausende von Hirsch- fellen gegerbt haben mußten. Der Fluß würde hier bequeme Furthen aufweisen, denn er ist zwar breit, aber kaum 1 / 2 Fuß tief. Es erschien ein Abgeordneter von Motzatschukupi ( alte Eule ) , für welchen Namen ich mich jedoch nicht verbürgen kann. Er hatte Auftrag, im Namen des Häuptlings über die- jenige Bande Comanches, welche zwischen dem Colorado und

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Zitationshilfe: Allgemeine Auswanderungs-Zeitung. Nr. 23. Rudolstadt, 5. Juni 1848, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_auswanderer23_1848/3>, abgerufen am 27.05.2019.