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Allgemeine Zeitung. Nr. 74. Augsburg (Bayern), 15. März 1871.

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Allgemeine Zeitung.
Nr. 74.
Augsburg, Mittwoch, 15 März 1871.


Verlag der J. G. Cotta' schen Buchhandlung. Für die Redaction verantwortlich: Dr. J. v. Gosen.


Preis der einzelnen Nummer mit Beilage 6 kr. oder 2 Ngr. für ganz Deutschland.



[Beginn Spaltensatz]
Uebersicht.

Reichsrath und Ministerium.

Deutsches Reich. München: Dr. Döllinger. Darmstadt: Orden
an Bismarck und Moltke. Das Leib=Grenadierregiment. Der Kaiser.
Die hessische Division. Berlin: Rückblick auf den Krieg. Die franzö-
sische Occupation. Bundesraths=Ausschüsse. Frankfurt a. M.: Reise
des Kaisers. Dresden: Zu den Reichstagswahlen. Rückkehr des
Kronprinzen Albert. Ein Beglückwünschungstelegramm an den König
von Bayern.

Oesterreichisch=ungarische Monarchie. Wien: Schlußsitzung
der Londoner Conferenz. Die angebliche Verfassungswidrigkeit und
die tschechisirenden Tendenzen des Cabinets. Graf Andrassy. Die künf-
tigen Botschafter in Berlin und Wien. Die Nationalbank. Erzherzogin
Maria Annunziata. Prag: Ausgleichsverhandlungen. Friedensfeier.
Von der Universität. Hr. Habietinek.

Schweiz. Zürich und Schaffhausen: Die Franzosen. Aus der
Schweiz:
Die Anstifter der Excesse in Zürich.

Frankreich. Ordensverleihungen. Die Kanonen des Montmartre.
Die Nationalgarden. Garibaldi. Die Nationalversammlung. Von den
Forts. Vor Bitsch. Abzug aus Tours. Aus der Nationalversammlung.
Vor Paris: Die Garnisonen in Elsaß=Lothringen.

Jtalien. Rom: Zum Consistorium. Berichtigung. Erstes Expropria-
tions=Edict.

Verschiedenes.

Jndustrie, Handel und Verkehr.

Außerordentliche Beilage. Nr. 41.



Telegraphische Berichte.

* Berlin, 14 März. Die "Spen. Ztg." bestätigt daß zu den
Friedensverhandlungen in Brüssel preußischerseits die HH. v. Balan und
v. Arnim bestimmt worden sind. Der erstere hat bereits seine Jnstruc-
tionen erhalten, der letztere wird sie in der heute stattfindenden Sitzung
des Ministerraths bekommen. Die Vollmachten beider sind an den Kaiser
abgegangen und werden von da unmittelbar nach Brüssel gesandt werden.

* Saarbrücken, 14 März. Aus Ferrieres vom 11 März wird
berichtet: Das Befinden des Kaisers hat sich gebessert. Der Kronprinz
ist heute früh nach Amiens und Rouen abgereist, ihn begleitet General-
lieutenant v. Tresckow. Die Abreise des großen Hauptquartiers ist bis
jetzt auf den 13 März festgesetzt. Abends erfolgt die Ankunft in Nancy,
wo am 14 Ruhetag ist, am 15 erfolgt die Reise über Metz und Saar-
brücken nach Frankfurt. Der Kronprinz trifft am 14 von Amiens in
Nancy ein, und reist von dort mit dem Kaiser weiter. Die Ankunft in
Berlin erfolgt spätestens am 18. Heute ist Jules Favre hier eingetroffen
um mit General v. Stosch über den Verpflegungsmodus der deutschen
Occupationstruppen zu unterhandeln, da sich mehrere Schwierigkeiten
herausgestellt haben deren Lösung nicht bis zum definitiven Friedensschluß
aufschiebbar erschien.

* London, 13 März. Granville macht im Oberhaus, Enfield im
Unterhause folgende Mittheilung: Die Pontus=Conferenz, einschließlich
des französischen Gesandten, unterzeichnete heute einen Vertrag welcher
die Clauseln bezüglich der Neutralisirung des Schwarzen Meeres abschafft.
Die bisherigen Beschränkungen des Sultans betreffs Schließung der
Dardanellen und des Bosporus wurden dahin modificirt daß die Pforte
dieselben auch in Friedenszeiten den Kriegsschiffen befreundeter Mächte
erschließen darf, wenn sie dieß zur Durchführung der Pariser Stipula-
tionen nöthig erachten sollte. Der Tractat bestimmt zwölfjährige Fort-
dauer der bestehenden Donau=Commission, fortgesetzte Neutralisation der
geschaffenen und noch zu schaffenden Arbeiten, und behält der Pforte die
Berechtigung vor als Territorialmacht Kriegsschiffe in die Donau abzu-
senden. Die Conferenz unterzeichnete ferner ein Specialprotokoll des Jn-
halts: daß vermöge des Völkerrechts keine Macht einseitig Verträge lösen
oder modificiren dürfe. Die Conferenz hält morgen ihre formelle Schluß-
sitzung.


[Spaltenumbruch]

* Paris, 13 März. Wie versichert wird, ersuchte die National-
garde, welche die Kanonen auf dem Montmartre bewachte, die Militär-
behörde um die nöthige Bespannung um die Kanonen nach dem Artillerie-
park zurückzubringen. Ein Theil dieser Kanonen ist bereits diesen Morgen
dorthin zurückgeschafft worden. Der Maire Clemenceau übte in dieser An-
gelegenheit einen sehr versöhnlichen Einfluß aus. Die "Amtszeitung" ent-
hält ein Decret, wodurch Hr. v. Banneville zum Botschafter am Wiener
Hof ernannt wird. Wie mehrere Blätter wissen wollen, hat sich die Regie-
rung im Princip für Absetzung der Unterpräfecten entschieden. Eine kleine
Zahl derselben soll provisorisch beibehalten werden. Thiers wird morgen
hier erwartet.

Stuttgart, 13 März. Landesproductenbörse sehr flau. Ungarischer
Weizen ungehandelt. Bayerischer 7 fl. 27 bis 48 kr.; Kern 6 fl. 30 kr. bis 7 fl.
18 kr.; Roggen 5 fl. 24 kr.; Hafer 4 fl 40 kr. bis 5 fl. Mehlpreise wie in
voriger Woche.

sym11 Frankfurt a. M., 13 März. Die Subscription auf die russische
Anleihe bei Rothschild hier mußte wegen kolossalen Andrangs geschlossen werden.
Die Obligationen werden mit 3 / 4 Procent Agio gehandelt.

* Wien, 14 März. Staatsbahn=Ausweis: Einnahme vom 5 bis
11 März 773,531 fl., Mehreinnahme gegen Vorjahrswoche 259,595 fl.

* London. 13 März. Schlußcurse: 3proc. Consols91 11 / 16; 1882er
Amerikaner91 3 / 4; Türken 42 9 / 16.

Liverpool, 13 März. Baumwollenbericht. ( Verspätet. ) Tagesumsatz
12,000 B. zur Ausfuhr verkauft 3000 B. Stimmung unverändert. Orleans7 3 / 8,
Middling7 1 / 8, fair Dhollerah5 7 / 8 --6, middl. fair Dhollerah5 1 / 8, good middl.
Dhollerah4 1 / 2, fair Bengal5 3 / 8, fair Oomra6 1 / 4, good fair Oomra6 5 / 8, Per-
nam 7 5 / 8, Smyrne 7, Egyptian7 3 / 4. Tagesimport 13 000 B., davon indische
keine, amerikanische 11,000 B

* New=York, 13 März. Goldagio111 3 / 8; Wechsel in Gold109 3 / 4;
1882er Bonds112 1 / 2; 1885er112 1 / 8; 1904er 109; Baumwolle14 7 / 8; Petro-
leum in Philadelphia 24.

Reichsrath und Ministerium.

SHY Wien, 12 März. Fast schien es als sollte, nachdem die Steuer-
bewilligung für den Monat März ausgesprochen worden war, durch einige
Zeit Waffenruhe herrschen zwischen dem Ministerium und der Reichsraths-
mehrheit. Jn den letzten Tagen begann es jedoch erneuert wieder zu sieden
in dem politischen Kessel. Der Reihe nach folgten: die Erklärungen im
Recrutirungsausschuß, wo die leidenschaftliche Heftigkeit Giskra's es dem
Grafen Hohenwart leicht machte für sich den Ruf staatsmännischer Ruhe
und Mäßigung zu erwerben; die Confiscirung des vorzüglichsten Organs
der verfassungstreuen Mehrheit ( der "N. Fr. Presse" ) , das einen geharnisch-
ten Artikel für die gänzliche Ablehnung der Recrutirungsvorlage gebracht;
schließlich das Verbot der deutschen Siegesfeier hier wie in Graz und
Villach, das zu einer scharfen Jnterpellation im Abgeordnetenhaus Anlaß
gegeben hat. Nimmt man dazu noch die Abwesenheit Riegers und anderer
Declaranten, die das Gerücht Conferenzen mit den Ministern halten läßt,
so begreift man daß es Zündstoff genug gab um die Flammen wieder
anzufachen.

Das Ministerium kann sich wohl nicht rühmen positiv nach irgend-
einer Richtung erheblich Boden gewonnen zu haben; negativ jedoch, in-
sofern die zunehmende Schwäche seiner Gegner ein Zuwachs seiner Stärke
wird, hat sich die Lage desselben gebessert. Was die Reichsrathsmehrheit
aus freiem Willen gethan hat, und was sie durch Verhältnisse gezwungen
indirect thun mußte, beides hat zur Stärkung des Ministeriums beige-
tragen. Jn letztere Kategorie gehört die Jnterpellation in Betreff der
deutschen Siegesfeier. Die Reichsrathsmehrheit konnte wohl nicht anders
als diese Jnterpellation stellen; nun ist es aber ein öffentliches Geheimniß
daß die Abhaltung der Siegesfeier hier wie in Graz nicht darum verboten
wurde weil man in derselben eine Demonstration für Deutschland sieht,
sondern weil man sich für berechtigt hält das Fest als eine Demonstration
gegen Oesterreich aufzufassen. Die Führer der Partei fühlten das Miß-
liche ihrer Lage, und wie sie dem jüngst abgehaltenen Parteitag hier fern-
geblieben sind, so ließen sie auch die Jnterpellation durch ein untergeord-
netes Mitglied einbringen, statt selbst dafür einzutreten.


Allgemeine Zeitung.
Nr. 74.
Augsburg, Mittwoch, 15 März 1871.


Verlag der J. G. Cotta' schen Buchhandlung. Für die Redaction verantwortlich: Dr. J. v. Gosen.


Preis der einzelnen Nummer mit Beilage 6 kr. oder 2 Ngr. für ganz Deutschland.



[Beginn Spaltensatz]
Uebersicht.

Reichsrath und Ministerium.

Deutsches Reich. München: Dr. Döllinger. Darmstadt: Orden
an Bismarck und Moltke. Das Leib=Grenadierregiment. Der Kaiser.
Die hessische Division. Berlin: Rückblick auf den Krieg. Die franzö-
sische Occupation. Bundesraths=Ausschüsse. Frankfurt a. M.: Reise
des Kaisers. Dresden: Zu den Reichstagswahlen. Rückkehr des
Kronprinzen Albert. Ein Beglückwünschungstelegramm an den König
von Bayern.

Oesterreichisch=ungarische Monarchie. Wien: Schlußsitzung
der Londoner Conferenz. Die angebliche Verfassungswidrigkeit und
die tschechisirenden Tendenzen des Cabinets. Graf Andrassy. Die künf-
tigen Botschafter in Berlin und Wien. Die Nationalbank. Erzherzogin
Maria Annunziata. Prag: Ausgleichsverhandlungen. Friedensfeier.
Von der Universität. Hr. Habietinek.

Schweiz. Zürich und Schaffhausen: Die Franzosen. Aus der
Schweiz:
Die Anstifter der Excesse in Zürich.

Frankreich. Ordensverleihungen. Die Kanonen des Montmartre.
Die Nationalgarden. Garibaldi. Die Nationalversammlung. Von den
Forts. Vor Bitsch. Abzug aus Tours. Aus der Nationalversammlung.
Vor Paris: Die Garnisonen in Elsaß=Lothringen.

Jtalien. Rom: Zum Consistorium. Berichtigung. Erstes Expropria-
tions=Edict.

Verschiedenes.

Jndustrie, Handel und Verkehr.

Außerordentliche Beilage. Nr. 41.



Telegraphische Berichte.

* Berlin, 14 März. Die „Spen. Ztg.“ bestätigt daß zu den
Friedensverhandlungen in Brüssel preußischerseits die HH. v. Balan und
v. Arnim bestimmt worden sind. Der erstere hat bereits seine Jnstruc-
tionen erhalten, der letztere wird sie in der heute stattfindenden Sitzung
des Ministerraths bekommen. Die Vollmachten beider sind an den Kaiser
abgegangen und werden von da unmittelbar nach Brüssel gesandt werden.

* Saarbrücken, 14 März. Aus Ferrières vom 11 März wird
berichtet: Das Befinden des Kaisers hat sich gebessert. Der Kronprinz
ist heute früh nach Amiens und Rouen abgereist, ihn begleitet General-
lieutenant v. Tresckow. Die Abreise des großen Hauptquartiers ist bis
jetzt auf den 13 März festgesetzt. Abends erfolgt die Ankunft in Nancy,
wo am 14 Ruhetag ist, am 15 erfolgt die Reise über Metz und Saar-
brücken nach Frankfurt. Der Kronprinz trifft am 14 von Amiens in
Nancy ein, und reist von dort mit dem Kaiser weiter. Die Ankunft in
Berlin erfolgt spätestens am 18. Heute ist Jules Favre hier eingetroffen
um mit General v. Stosch über den Verpflegungsmodus der deutschen
Occupationstruppen zu unterhandeln, da sich mehrere Schwierigkeiten
herausgestellt haben deren Lösung nicht bis zum definitiven Friedensschluß
aufschiebbar erschien.

* London, 13 März. Granville macht im Oberhaus, Enfield im
Unterhause folgende Mittheilung: Die Pontus=Conferenz, einschließlich
des französischen Gesandten, unterzeichnete heute einen Vertrag welcher
die Clauseln bezüglich der Neutralisirung des Schwarzen Meeres abschafft.
Die bisherigen Beschränkungen des Sultans betreffs Schließung der
Dardanellen und des Bosporus wurden dahin modificirt daß die Pforte
dieselben auch in Friedenszeiten den Kriegsschiffen befreundeter Mächte
erschließen darf, wenn sie dieß zur Durchführung der Pariser Stipula-
tionen nöthig erachten sollte. Der Tractat bestimmt zwölfjährige Fort-
dauer der bestehenden Donau=Commission, fortgesetzte Neutralisation der
geschaffenen und noch zu schaffenden Arbeiten, und behält der Pforte die
Berechtigung vor als Territorialmacht Kriegsschiffe in die Donau abzu-
senden. Die Conferenz unterzeichnete ferner ein Specialprotokoll des Jn-
halts: daß vermöge des Völkerrechts keine Macht einseitig Verträge lösen
oder modificiren dürfe. Die Conferenz hält morgen ihre formelle Schluß-
sitzung.


[Spaltenumbruch]

* Paris, 13 März. Wie versichert wird, ersuchte die National-
garde, welche die Kanonen auf dem Montmartre bewachte, die Militär-
behörde um die nöthige Bespannung um die Kanonen nach dem Artillerie-
park zurückzubringen. Ein Theil dieser Kanonen ist bereits diesen Morgen
dorthin zurückgeschafft worden. Der Maire Clémenceau übte in dieser An-
gelegenheit einen sehr versöhnlichen Einfluß aus. Die „Amtszeitung“ ent-
hält ein Decret, wodurch Hr. v. Banneville zum Botschafter am Wiener
Hof ernannt wird. Wie mehrere Blätter wissen wollen, hat sich die Regie-
rung im Princip für Absetzung der Unterpräfecten entschieden. Eine kleine
Zahl derselben soll provisorisch beibehalten werden. Thiers wird morgen
hier erwartet.

⁑ Stuttgart, 13 März. Landesproductenbörse sehr flau. Ungarischer
Weizen ungehandelt. Bayerischer 7 fl. 27 bis 48 kr.; Kern 6 fl. 30 kr. bis 7 fl.
18 kr.; Roggen 5 fl. 24 kr.; Hafer 4 fl 40 kr. bis 5 fl. Mehlpreise wie in
voriger Woche.

sym11 Frankfurt a. M., 13 März. Die Subscription auf die russische
Anleihe bei Rothschild hier mußte wegen kolossalen Andrangs geschlossen werden.
Die Obligationen werden mit 3 / 4 Procent Agio gehandelt.

* Wien, 14 März. Staatsbahn=Ausweis: Einnahme vom 5 bis
11 März 773,531 fl., Mehreinnahme gegen Vorjahrswoche 259,595 fl.

* London. 13 März. Schlußcurse: 3proc. Consols91 11 / 16; 1882er
Amerikaner91 3 / 4; Türken 42 9 / 16.

⁑ Liverpool, 13 März. Baumwollenbericht. ( Verspätet. ) Tagesumsatz
12,000 B. zur Ausfuhr verkauft 3000 B. Stimmung unverändert. Orleans7 3 / 8,
Middling7 1 / 8, fair Dhollerah5 7 / 8 --6, middl. fair Dhollerah5 1 / 8, good middl.
Dhollerah4 1 / 2, fair Bengal5 3 / 8, fair Oomra6 1 / 4, good fair Oomra6 5 / 8, Per-
nam 7 5 / 8, Smyrne 7, Egyptian7 3 / 4. Tagesimport 13 000 B., davon indische
keine, amerikanische 11,000 B

* New=York, 13 März. Goldagio111 3 / 8; Wechsel in Gold109 3 / 4;
1882er Bonds112 1 / 2; 1885er112 1 / 8; 1904er 109; Baumwolle14 7 / 8; Petro-
leum in Philadelphia 24.

Reichsrath und Ministerium.

SHY Wien, 12 März. Fast schien es als sollte, nachdem die Steuer-
bewilligung für den Monat März ausgesprochen worden war, durch einige
Zeit Waffenruhe herrschen zwischen dem Ministerium und der Reichsraths-
mehrheit. Jn den letzten Tagen begann es jedoch erneuert wieder zu sieden
in dem politischen Kessel. Der Reihe nach folgten: die Erklärungen im
Recrutirungsausschuß, wo die leidenschaftliche Heftigkeit Giskra's es dem
Grafen Hohenwart leicht machte für sich den Ruf staatsmännischer Ruhe
und Mäßigung zu erwerben; die Confiscirung des vorzüglichsten Organs
der verfassungstreuen Mehrheit ( der „N. Fr. Presse“ ) , das einen geharnisch-
ten Artikel für die gänzliche Ablehnung der Recrutirungsvorlage gebracht;
schließlich das Verbot der deutschen Siegesfeier hier wie in Graz und
Villach, das zu einer scharfen Jnterpellation im Abgeordnetenhaus Anlaß
gegeben hat. Nimmt man dazu noch die Abwesenheit Riegers und anderer
Declaranten, die das Gerücht Conferenzen mit den Ministern halten läßt,
so begreift man daß es Zündstoff genug gab um die Flammen wieder
anzufachen.

Das Ministerium kann sich wohl nicht rühmen positiv nach irgend-
einer Richtung erheblich Boden gewonnen zu haben; negativ jedoch, in-
sofern die zunehmende Schwäche seiner Gegner ein Zuwachs seiner Stärke
wird, hat sich die Lage desselben gebessert. Was die Reichsrathsmehrheit
aus freiem Willen gethan hat, und was sie durch Verhältnisse gezwungen
indirect thun mußte, beides hat zur Stärkung des Ministeriums beige-
tragen. Jn letztere Kategorie gehört die Jnterpellation in Betreff der
deutschen Siegesfeier. Die Reichsrathsmehrheit konnte wohl nicht anders
als diese Jnterpellation stellen; nun ist es aber ein öffentliches Geheimniß
daß die Abhaltung der Siegesfeier hier wie in Graz nicht darum verboten
wurde weil man in derselben eine Demonstration für Deutschland sieht,
sondern weil man sich für berechtigt hält das Fest als eine Demonstration
gegen Oesterreich aufzufassen. Die Führer der Partei fühlten das Miß-
liche ihrer Lage, und wie sie dem jüngst abgehaltenen Parteitag hier fern-
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[0001] Allgemeine Zeitung. Nr. 74. Augsburg, Mittwoch, 15 März 1871. Verlag der J. G. Cotta' schen Buchhandlung. Für die Redaction verantwortlich: Dr. J. v. Gosen. Preis der einzelnen Nummer mit Beilage 6 kr. oder 2 Ngr. für ganz Deutschland. Uebersicht. Reichsrath und Ministerium. Deutsches Reich. München: Dr. Döllinger. Darmstadt: Orden an Bismarck und Moltke. Das Leib=Grenadierregiment. Der Kaiser. Die hessische Division. Berlin: Rückblick auf den Krieg. Die franzö- sische Occupation. Bundesraths=Ausschüsse. Frankfurt a. M.: Reise des Kaisers. Dresden: Zu den Reichstagswahlen. Rückkehr des Kronprinzen Albert. Ein Beglückwünschungstelegramm an den König von Bayern. Oesterreichisch=ungarische Monarchie. Wien: Schlußsitzung der Londoner Conferenz. Die angebliche Verfassungswidrigkeit und die tschechisirenden Tendenzen des Cabinets. Graf Andrassy. Die künf- tigen Botschafter in Berlin und Wien. Die Nationalbank. Erzherzogin Maria Annunziata. Prag: Ausgleichsverhandlungen. Friedensfeier. Von der Universität. Hr. Habietinek. Schweiz. Zürich und Schaffhausen: Die Franzosen. Aus der Schweiz: Die Anstifter der Excesse in Zürich. Frankreich. Ordensverleihungen. Die Kanonen des Montmartre. Die Nationalgarden. Garibaldi. Die Nationalversammlung. Von den Forts. Vor Bitsch. Abzug aus Tours. Aus der Nationalversammlung. Vor Paris: Die Garnisonen in Elsaß=Lothringen. Jtalien. Rom: Zum Consistorium. Berichtigung. Erstes Expropria- tions=Edict. Verschiedenes. Jndustrie, Handel und Verkehr. Außerordentliche Beilage. Nr. 41. Telegraphische Berichte. * Berlin, 14 März. Die „Spen. Ztg.“ bestätigt daß zu den Friedensverhandlungen in Brüssel preußischerseits die HH. v. Balan und v. Arnim bestimmt worden sind. Der erstere hat bereits seine Jnstruc- tionen erhalten, der letztere wird sie in der heute stattfindenden Sitzung des Ministerraths bekommen. Die Vollmachten beider sind an den Kaiser abgegangen und werden von da unmittelbar nach Brüssel gesandt werden. * Saarbrücken, 14 März. Aus Ferrières vom 11 März wird berichtet: Das Befinden des Kaisers hat sich gebessert. Der Kronprinz ist heute früh nach Amiens und Rouen abgereist, ihn begleitet General- lieutenant v. Tresckow. Die Abreise des großen Hauptquartiers ist bis jetzt auf den 13 März festgesetzt. Abends erfolgt die Ankunft in Nancy, wo am 14 Ruhetag ist, am 15 erfolgt die Reise über Metz und Saar- brücken nach Frankfurt. Der Kronprinz trifft am 14 von Amiens in Nancy ein, und reist von dort mit dem Kaiser weiter. Die Ankunft in Berlin erfolgt spätestens am 18. Heute ist Jules Favre hier eingetroffen um mit General v. Stosch über den Verpflegungsmodus der deutschen Occupationstruppen zu unterhandeln, da sich mehrere Schwierigkeiten herausgestellt haben deren Lösung nicht bis zum definitiven Friedensschluß aufschiebbar erschien. * London, 13 März. Granville macht im Oberhaus, Enfield im Unterhause folgende Mittheilung: Die Pontus=Conferenz, einschließlich des französischen Gesandten, unterzeichnete heute einen Vertrag welcher die Clauseln bezüglich der Neutralisirung des Schwarzen Meeres abschafft. Die bisherigen Beschränkungen des Sultans betreffs Schließung der Dardanellen und des Bosporus wurden dahin modificirt daß die Pforte dieselben auch in Friedenszeiten den Kriegsschiffen befreundeter Mächte erschließen darf, wenn sie dieß zur Durchführung der Pariser Stipula- tionen nöthig erachten sollte. Der Tractat bestimmt zwölfjährige Fort- dauer der bestehenden Donau=Commission, fortgesetzte Neutralisation der geschaffenen und noch zu schaffenden Arbeiten, und behält der Pforte die Berechtigung vor als Territorialmacht Kriegsschiffe in die Donau abzu- senden. Die Conferenz unterzeichnete ferner ein Specialprotokoll des Jn- halts: daß vermöge des Völkerrechts keine Macht einseitig Verträge lösen oder modificiren dürfe. Die Conferenz hält morgen ihre formelle Schluß- sitzung. * Paris, 13 März. Wie versichert wird, ersuchte die National- garde, welche die Kanonen auf dem Montmartre bewachte, die Militär- behörde um die nöthige Bespannung um die Kanonen nach dem Artillerie- park zurückzubringen. Ein Theil dieser Kanonen ist bereits diesen Morgen dorthin zurückgeschafft worden. Der Maire Clémenceau übte in dieser An- gelegenheit einen sehr versöhnlichen Einfluß aus. Die „Amtszeitung“ ent- hält ein Decret, wodurch Hr. v. Banneville zum Botschafter am Wiener Hof ernannt wird. Wie mehrere Blätter wissen wollen, hat sich die Regie- rung im Princip für Absetzung der Unterpräfecten entschieden. Eine kleine Zahl derselben soll provisorisch beibehalten werden. Thiers wird morgen hier erwartet. ⁑ Stuttgart, 13 März. Landesproductenbörse sehr flau. Ungarischer Weizen ungehandelt. Bayerischer 7 fl. 27 bis 48 kr.; Kern 6 fl. 30 kr. bis 7 fl. 18 kr.; Roggen 5 fl. 24 kr.; Hafer 4 fl 40 kr. bis 5 fl. Mehlpreise wie in voriger Woche. sym11 Frankfurt a. M., 13 März. Die Subscription auf die russische Anleihe bei Rothschild hier mußte wegen kolossalen Andrangs geschlossen werden. Die Obligationen werden mit 3 / 4 Procent Agio gehandelt. * Wien, 14 März. Staatsbahn=Ausweis: Einnahme vom 5 bis 11 März 773,531 fl., Mehreinnahme gegen Vorjahrswoche 259,595 fl. * London. 13 März. Schlußcurse: 3proc. Consols91 11 / 16; 1882er Amerikaner91 3 / 4; Türken 42 9 / 16. ⁑ Liverpool, 13 März. Baumwollenbericht. ( Verspätet. ) Tagesumsatz 12,000 B. zur Ausfuhr verkauft 3000 B. Stimmung unverändert. Orleans7 3 / 8, Middling7 1 / 8, fair Dhollerah5 7 / 8 --6, middl. fair Dhollerah5 1 / 8, good middl. Dhollerah4 1 / 2, fair Bengal5 3 / 8, fair Oomra6 1 / 4, good fair Oomra6 5 / 8, Per- nam 7 5 / 8, Smyrne 7, Egyptian7 3 / 4. Tagesimport 13 000 B., davon indische keine, amerikanische 11,000 B * New=York, 13 März. Goldagio111 3 / 8; Wechsel in Gold109 3 / 4; 1882er Bonds112 1 / 2; 1885er112 1 / 8; 1904er 109; Baumwolle14 7 / 8; Petro- leum in Philadelphia 24. Reichsrath und Ministerium. SHY Wien, 12 März. Fast schien es als sollte, nachdem die Steuer- bewilligung für den Monat März ausgesprochen worden war, durch einige Zeit Waffenruhe herrschen zwischen dem Ministerium und der Reichsraths- mehrheit. Jn den letzten Tagen begann es jedoch erneuert wieder zu sieden in dem politischen Kessel. Der Reihe nach folgten: die Erklärungen im Recrutirungsausschuß, wo die leidenschaftliche Heftigkeit Giskra's es dem Grafen Hohenwart leicht machte für sich den Ruf staatsmännischer Ruhe und Mäßigung zu erwerben; die Confiscirung des vorzüglichsten Organs der verfassungstreuen Mehrheit ( der „N. Fr. Presse“ ) , das einen geharnisch- ten Artikel für die gänzliche Ablehnung der Recrutirungsvorlage gebracht; schließlich das Verbot der deutschen Siegesfeier hier wie in Graz und Villach, das zu einer scharfen Jnterpellation im Abgeordnetenhaus Anlaß gegeben hat. Nimmt man dazu noch die Abwesenheit Riegers und anderer Declaranten, die das Gerücht Conferenzen mit den Ministern halten läßt, so begreift man daß es Zündstoff genug gab um die Flammen wieder anzufachen. Das Ministerium kann sich wohl nicht rühmen positiv nach irgend- einer Richtung erheblich Boden gewonnen zu haben; negativ jedoch, in- sofern die zunehmende Schwäche seiner Gegner ein Zuwachs seiner Stärke wird, hat sich die Lage desselben gebessert. Was die Reichsrathsmehrheit aus freiem Willen gethan hat, und was sie durch Verhältnisse gezwungen indirect thun mußte, beides hat zur Stärkung des Ministeriums beige- tragen. Jn letztere Kategorie gehört die Jnterpellation in Betreff der deutschen Siegesfeier. Die Reichsrathsmehrheit konnte wohl nicht anders als diese Jnterpellation stellen; nun ist es aber ein öffentliches Geheimniß daß die Abhaltung der Siegesfeier hier wie in Graz nicht darum verboten wurde weil man in derselben eine Demonstration für Deutschland sieht, sondern weil man sich für berechtigt hält das Fest als eine Demonstration gegen Oesterreich aufzufassen. Die Führer der Partei fühlten das Miß- liche ihrer Lage, und wie sie dem jüngst abgehaltenen Parteitag hier fern- geblieben sind, so ließen sie auch die Jnterpellation durch ein untergeord- netes Mitglied einbringen, statt selbst dafür einzutreten.

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  • Kolumnentitel: nicht übernommen.
  • Kustoden: nicht übernommen.
  • langes s (?): in Frakturschrift als s transkribiert, in Antiquaschrift beibehalten.
  • rundes r (ꝛ): als r/et transkribiert.
  • Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert.
  • Vollständigkeit: vollständig erfasst.
  • Zeichensetzung: DTABf-getreu.



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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 74. Augsburg (Bayern), 15. März 1871, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_augsburg74_1871/1>, abgerufen am 15.10.2019.