Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Der Arbeitgeber. Nr. 698. Frankfurt a. M., 17. September 1870.

Bild:
<< vorherige Seite

[Spaltenumbruch] auf dergleichen hingelenkt, das Volk muß förmlich dazu erzogen wer-
den, wenn es hier besser werden soll. Wir wollen hoffen, daß Vor-
stehendes dazu beiträgt!    F. W.

Frankfurt und Elsaß.

J. F. Vorsicht und Voraussicht sind nicht dasselbe. Vorsicht
heißt: nicht thun was schadet, Voraussicht heißt: thun was in der
Zukunft nützen kann. Menschen, Städte, Staaten müßten vorsichtig
und voraussichtig sein. Kleine Staaten, die zwischen stärkeren
Staaten liegen, sind vorzüglich auf Vorsicht angewiesen, und diese
Tugend hat sich in unserm alten Frankfurt zu hoher Blüthe ent-
wickelt, welche sich auch in Früchte verwandelt hat. Aber wir sind
jetzt kein kleiner Staat mehr, wir sind eine Stadt, eine maßgebende
Stadt immer noch, in einem großen Staat, welcher jetzt noch
größer wird, welcher allem Anschein nach der bedeutendste Staat in
Europa wird.

Unser Fortschritt geht jetzt Hand in Hand mit dem Fortschritt
dieses Staates -- nennen wir ihn gleich bei seinem rechten Namen:
des deutschen Reiches -- jetzt ist weniger die Vorsicht als die Vor-
aussicht an der Zeit. Das deutsche Reich ist nahe, aber seine For-
men und Gliederungen sind noch ungewiß. Ob es einen einzigen
Mittelpunkt haben wird, ob viele, können wir noch nicht wissen.
Ob wir nicht statt der lokalen Hauptstädte des alten deutschen Reichs,
im neuen deutschen Reiche verschiedene Hauptstädte für besondere
Zwecke des Gesammtreiches haben werden, wie es z. B. im Nord-
deutschen Bunde Leipzig für die Handelsgerichtsbarkeit geworden ist,
ist eine Frage, die in kürzester Zeit entschieden werden muß. Frank-
furt ist ein großer Kapitalplatz; es hat in Deutschland nur das
entfernte Berlin neben sich. Wenn Deutschland um das Elsaß und
einen Theil Lothringens vergrößert wird, wird der Schwerpunkt des
nationalen Kapitalmarktes beträchtlich verschoben in der Richtung von
Nordost nach Südwest, in der Richtung von Berlin nach Frankfurt,
und die neuen Landestheile sind von ihrem bisherigen Kapi-
talmarkte, Paris, losgerissen.
Hier ist voraussichtliche
Ausschau für Frankfurt an der Zeit; denn es wird gar bald zu
thun geben für deutsche Unternehmung und deutsches Kapital in
Elsaß und Lothringen.

Am dringlichsten wird sie gemacht durch die Veränderung in
der Richtung des Ausfuhrhandels und Einfuhrhandels, welche die
Verlegung der Zollgränze mit Nothwendigkeit herbeiführen muß.
Solche Veränderung macht sich zunächst immer im Kolonial-
waarenhandel
und im Manufakturwaarenhandel bemerklich,
wegen der Vorliebe, welche die Tarifmacherei gerade für Kolonial-
und Manufakturwaaren hat. Frankfurt ist ein Kolonialwaarenhandels-
platz von steigender Bedeutung. Am Rheine hat es im Kaffeehandel
nur Köln über sich; Mainz und Mannheim hinter sich. Köln liegt
weiter ab von Straßburg als Frankfurt; nur mit dem schwächeren
Mainz und Mannheim wird der Wettkampf stattfinden, in welchem
diese bisher durch Differentialfrachten unterstützt waren.

Frankfurt ist auch ein steigender Manufakturwaarenhandelsplatz,
und im Elsaß liegt Mühlhausen, dessen Produkte vielleicht in Zukunft
ihren Weg nach Deutschland durch Vermittlung eines deutschen Handels-
platzes suchen müssen. Auf Jahre hinaus wird es in Straßburg
wie in Mühlhausen an dem Unternehmungskapital für den Kauf
fremden wie den Verkauf des eigenen Produkts fehlen, und das
Frankfurter Kapital wird willkommen sein und sein Gewinn ihm
dort freudig gegönnt werden.

Jn kaum viel weiterer Perspektive liegen noch andere Dinge. Sie
hängen aber nicht von Frankfurt allein, sie hängen vom gesammten
Deutschland ab. Es muß sich zeigen, ob man sich in Deutschland
daran erinnern wird, daß jenes Deutschland, zu welchem Elsaß und
Lothringen noch gehörte, seine Kaiser in Frankfurt krönte. Weil
Elsaß und Lothringen verloren ging wanderte der Schwerpunkt des
Reiches nach Osten; zuerst nach Wien, wo er das Reich nicht zu-
sammen zu halten vermochte, und ist von dort nun versuchsweise
nach Berlin gewandert, damit von dort aus mit frischer Kraft die
Bildung eines neuen festeren Reichs in Angriff genommen werde.
Es ist die Frage, ob Deutschland begreifen wird, daß es sich in
einem zweiten Jnterim befunden habe, wie ein solches vor der Er-
wählung Rudolph von Habsburg's stattfand, und ob für das Defini-
[Spaltenumbruch] tivum nicht der Fingerzeig zu beachten ist, welchen nicht bloß die
geschichtliche Erinnerung, sondern auch, was in neuerer Zeit von
entschiedenem Gewicht, der Eisenbahnknotenpunkt enthält, welchen
Frankfurt bildet. Die Eisenbahnknotenpunkte sind heutzutage auch
politische signa temporis. Der Eisenbahnknotenpunkt in Frankfurt
wird aber beträchtlich schwerer durch die Wegeverlegung des Verkehrs,
welchen der Anschluß der Elsäßer und Lothringer Bahn innerhalb
derselben Zollgränze bilden wird. Also Mitbürger -- diesmal nicht
vorgesehen, sondern vorausgesehen.

* Wahl des Berufes. Das "Neue Blatt" bringt eine Ab-
handlung über die Wahl des Berufes, deren Ausführungen wir im
Ganzen beistimmen. Bezüglich der Beamten=Laufbahn scheint der
preußische Staat als Beispiel gewählt zu sein, denn was dort gesagt
ist, paßt nicht für alle Länder; wir möchten wenigstens nicht überall
die Forstcarriere als eine günstige empfehlen. Daß vor dem Beamten-
Beruf überhaupt gewarnt wird, ist vollkommen richtig. Dieser Stand
wird, wirthschaftlich genommen, wahrscheinlich nie mehr glänzende
Aussichten eröffnen. Die Selbstverwaltung greift mehr und mehr
in das Gebiet des Staates über, so daß dessen Thätigkeit auf wenige
häufig nur ganz formelle Arbeit eingeschränkt wird. Die Gewerbe
dagegen nehmen täglich größeren Aufschwung und liefern Einnahmen,
gegen welche die Beamtengehalte weit zurückstehen. Daß damit auch
das früher sehr große äußerliche Ansehen des Beamtenstandes abnimmt,
ist natürlich und ein großes Glück.

Die Wahl des Berufes ist eines der schwierigsten Dinge, die
es überhaupt gibt, und es wird in dem erwähnten Aufsatze mit
Recht vor häufigem Wechsel desselben gewarnt, auch empfohlen die
Erziehung genau danach einzurichten. Bezüglich der Schulbildung
möchten wir aber warnen, zu früh mit der Fachbildung anzufangen,
zu früh die Schulzeit abzubrechen. Da man eben selten oder nie
den passenden Beruf weiß, so ist es das Beste, die Kinder so lange
als möglich in die Schule zu schicken. Tüchtige Schulkenntnisse scha-
den nie und erleichtern die Berufswahl, während sie bei mangelhafter
Bildung schwerer ist. Es ist dann die Wahl beschränkt und oft
bleibt gar keine übrig.

* Der allgemeine deutsche Frauenverein in Leipzig, ein
Verein, der, von Frauen gegründet und geleitet, es sich "zur Auf-
gabe gemacht hat: für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts
und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung
entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken", hat
in den fünf Jahren seines Bestehens, seit dem 18. Okt. 1865, überall
hin anregend gearbeitet -- und nicht nur in Sachsen, von wo er aus-
ging, sondern in Nord= und Süddeutschland, auch in Oestreich und
Ungarn und im Ausland, ebenso wie in England, Holland, Frankreich,
Amerika deutsche Frauen zu Mitgliedern gewonnen und in vielen
Städten, wie außer in Leipzig, z. B. in Braunschweig, Kassel, Zwickau,
Nordhausen, Dresden u. s. w. Zweigvereine gestiftet und nach allen
Seiten hin günstig gewirkt. Um dies letztere am Nachdrücklichsten
zu thun, gründete er im Januar 1866 eine eigne Zeitschrift betitelt
"Neue Bahnen", die wir unsern Leserinnen auf das Beste empfehlen.

* Frauen=Arbeit. Das amerikanische Schatzamt hat Fräulein
Abby Baker zu seiner Bibliothekarin ernannt, und beabsichtigt
auch sämmtliche Gehilfen durch Frauenzimmer zu ersetzen. -- Eine
Fräul. Elisa Jennings ist zum Direktor der Bank in Cam-
field ( Ohio ) ernannt worden.

* Lebensmittel = Verein. Jn Frankfurt a. M. ist eine
Aktiengesellschaft in Bildung begriffen unter der Firma "Frankfurter
Lebensmittel=Verein." Zweck der Gesellschaft ist nach Artikel 2 den
Aktionären gute Lebensmittel zu billigen Preisen zu verschaffen. Das
Grundkapital besteht aus 200,000 fl. und wird durch Aktien von
100 fl. aufgebracht.

* Arbeitmarkt. Man schreibt uns aus Zweibrücken: Ein
guter Klavierstimmer, der auch zugleich Jnstrumentenma-
cher
wäre, könnte hier einen guten Erwerb finden; eine gute Klei-
dermacherin,
ebenso ein geschickter Schuhmachermeister und
Hausmädchen finden hier Arbeit. Derartige Anzeigen empfehlen
wir unsern geehrten Lesern zur Nachahmung, da hierdurch am ehesten
sich Angebot und Nachfrage reguliren dürfte.

[Spaltenumbruch] auf dergleichen hingelenkt, das Volk muß förmlich dazu erzogen wer-
den, wenn es hier besser werden soll. Wir wollen hoffen, daß Vor-
stehendes dazu beiträgt!    F. W.

Frankfurt und Elsaß.

J. F. Vorsicht und Voraussicht sind nicht dasselbe. Vorsicht
heißt: nicht thun was schadet, Voraussicht heißt: thun was in der
Zukunft nützen kann. Menschen, Städte, Staaten müßten vorsichtig
und voraussichtig sein. Kleine Staaten, die zwischen stärkeren
Staaten liegen, sind vorzüglich auf Vorsicht angewiesen, und diese
Tugend hat sich in unserm alten Frankfurt zu hoher Blüthe ent-
wickelt, welche sich auch in Früchte verwandelt hat. Aber wir sind
jetzt kein kleiner Staat mehr, wir sind eine Stadt, eine maßgebende
Stadt immer noch, in einem großen Staat, welcher jetzt noch
größer wird, welcher allem Anschein nach der bedeutendste Staat in
Europa wird.

Unser Fortschritt geht jetzt Hand in Hand mit dem Fortschritt
dieses Staates -- nennen wir ihn gleich bei seinem rechten Namen:
des deutschen Reiches -- jetzt ist weniger die Vorsicht als die Vor-
aussicht an der Zeit. Das deutsche Reich ist nahe, aber seine For-
men und Gliederungen sind noch ungewiß. Ob es einen einzigen
Mittelpunkt haben wird, ob viele, können wir noch nicht wissen.
Ob wir nicht statt der lokalen Hauptstädte des alten deutschen Reichs,
im neuen deutschen Reiche verschiedene Hauptstädte für besondere
Zwecke des Gesammtreiches haben werden, wie es z. B. im Nord-
deutschen Bunde Leipzig für die Handelsgerichtsbarkeit geworden ist,
ist eine Frage, die in kürzester Zeit entschieden werden muß. Frank-
furt ist ein großer Kapitalplatz; es hat in Deutschland nur das
entfernte Berlin neben sich. Wenn Deutschland um das Elsaß und
einen Theil Lothringens vergrößert wird, wird der Schwerpunkt des
nationalen Kapitalmarktes beträchtlich verschoben in der Richtung von
Nordost nach Südwest, in der Richtung von Berlin nach Frankfurt,
und die neuen Landestheile sind von ihrem bisherigen Kapi-
talmarkte, Paris, losgerissen.
Hier ist voraussichtliche
Ausschau für Frankfurt an der Zeit; denn es wird gar bald zu
thun geben für deutsche Unternehmung und deutsches Kapital in
Elsaß und Lothringen.

Am dringlichsten wird sie gemacht durch die Veränderung in
der Richtung des Ausfuhrhandels und Einfuhrhandels, welche die
Verlegung der Zollgränze mit Nothwendigkeit herbeiführen muß.
Solche Veränderung macht sich zunächst immer im Kolonial-
waarenhandel
und im Manufakturwaarenhandel bemerklich,
wegen der Vorliebe, welche die Tarifmacherei gerade für Kolonial-
und Manufakturwaaren hat. Frankfurt ist ein Kolonialwaarenhandels-
platz von steigender Bedeutung. Am Rheine hat es im Kaffeehandel
nur Köln über sich; Mainz und Mannheim hinter sich. Köln liegt
weiter ab von Straßburg als Frankfurt; nur mit dem schwächeren
Mainz und Mannheim wird der Wettkampf stattfinden, in welchem
diese bisher durch Differentialfrachten unterstützt waren.

Frankfurt ist auch ein steigender Manufakturwaarenhandelsplatz,
und im Elsaß liegt Mühlhausen, dessen Produkte vielleicht in Zukunft
ihren Weg nach Deutschland durch Vermittlung eines deutschen Handels-
platzes suchen müssen. Auf Jahre hinaus wird es in Straßburg
wie in Mühlhausen an dem Unternehmungskapital für den Kauf
fremden wie den Verkauf des eigenen Produkts fehlen, und das
Frankfurter Kapital wird willkommen sein und sein Gewinn ihm
dort freudig gegönnt werden.

Jn kaum viel weiterer Perspektive liegen noch andere Dinge. Sie
hängen aber nicht von Frankfurt allein, sie hängen vom gesammten
Deutschland ab. Es muß sich zeigen, ob man sich in Deutschland
daran erinnern wird, daß jenes Deutschland, zu welchem Elsaß und
Lothringen noch gehörte, seine Kaiser in Frankfurt krönte. Weil
Elsaß und Lothringen verloren ging wanderte der Schwerpunkt des
Reiches nach Osten; zuerst nach Wien, wo er das Reich nicht zu-
sammen zu halten vermochte, und ist von dort nun versuchsweise
nach Berlin gewandert, damit von dort aus mit frischer Kraft die
Bildung eines neuen festeren Reichs in Angriff genommen werde.
Es ist die Frage, ob Deutschland begreifen wird, daß es sich in
einem zweiten Jnterim befunden habe, wie ein solches vor der Er-
wählung Rudolph von Habsburg's stattfand, und ob für das Defini-
[Spaltenumbruch] tivum nicht der Fingerzeig zu beachten ist, welchen nicht bloß die
geschichtliche Erinnerung, sondern auch, was in neuerer Zeit von
entschiedenem Gewicht, der Eisenbahnknotenpunkt enthält, welchen
Frankfurt bildet. Die Eisenbahnknotenpunkte sind heutzutage auch
politische signa temporis. Der Eisenbahnknotenpunkt in Frankfurt
wird aber beträchtlich schwerer durch die Wegeverlegung des Verkehrs,
welchen der Anschluß der Elsäßer und Lothringer Bahn innerhalb
derselben Zollgränze bilden wird. Also Mitbürger -- diesmal nicht
vorgesehen, sondern vorausgesehen.

* Wahl des Berufes. Das „Neue Blatt“ bringt eine Ab-
handlung über die Wahl des Berufes, deren Ausführungen wir im
Ganzen beistimmen. Bezüglich der Beamten=Laufbahn scheint der
preußische Staat als Beispiel gewählt zu sein, denn was dort gesagt
ist, paßt nicht für alle Länder; wir möchten wenigstens nicht überall
die Forstcarriere als eine günstige empfehlen. Daß vor dem Beamten-
Beruf überhaupt gewarnt wird, ist vollkommen richtig. Dieser Stand
wird, wirthschaftlich genommen, wahrscheinlich nie mehr glänzende
Aussichten eröffnen. Die Selbstverwaltung greift mehr und mehr
in das Gebiet des Staates über, so daß dessen Thätigkeit auf wenige
häufig nur ganz formelle Arbeit eingeschränkt wird. Die Gewerbe
dagegen nehmen täglich größeren Aufschwung und liefern Einnahmen,
gegen welche die Beamtengehalte weit zurückstehen. Daß damit auch
das früher sehr große äußerliche Ansehen des Beamtenstandes abnimmt,
ist natürlich und ein großes Glück.

Die Wahl des Berufes ist eines der schwierigsten Dinge, die
es überhaupt gibt, und es wird in dem erwähnten Aufsatze mit
Recht vor häufigem Wechsel desselben gewarnt, auch empfohlen die
Erziehung genau danach einzurichten. Bezüglich der Schulbildung
möchten wir aber warnen, zu früh mit der Fachbildung anzufangen,
zu früh die Schulzeit abzubrechen. Da man eben selten oder nie
den passenden Beruf weiß, so ist es das Beste, die Kinder so lange
als möglich in die Schule zu schicken. Tüchtige Schulkenntnisse scha-
den nie und erleichtern die Berufswahl, während sie bei mangelhafter
Bildung schwerer ist. Es ist dann die Wahl beschränkt und oft
bleibt gar keine übrig.

* Der allgemeine deutsche Frauenverein in Leipzig, ein
Verein, der, von Frauen gegründet und geleitet, es sich „zur Auf-
gabe gemacht hat: für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts
und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung
entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken“, hat
in den fünf Jahren seines Bestehens, seit dem 18. Okt. 1865, überall
hin anregend gearbeitet -- und nicht nur in Sachsen, von wo er aus-
ging, sondern in Nord= und Süddeutschland, auch in Oestreich und
Ungarn und im Ausland, ebenso wie in England, Holland, Frankreich,
Amerika deutsche Frauen zu Mitgliedern gewonnen und in vielen
Städten, wie außer in Leipzig, z. B. in Braunschweig, Kassel, Zwickau,
Nordhausen, Dresden u. s. w. Zweigvereine gestiftet und nach allen
Seiten hin günstig gewirkt. Um dies letztere am Nachdrücklichsten
zu thun, gründete er im Januar 1866 eine eigne Zeitschrift betitelt
„Neue Bahnen“, die wir unsern Leserinnen auf das Beste empfehlen.

* Frauen=Arbeit. Das amerikanische Schatzamt hat Fräulein
Abby Baker zu seiner Bibliothekarin ernannt, und beabsichtigt
auch sämmtliche Gehilfen durch Frauenzimmer zu ersetzen. -- Eine
Fräul. Elisa Jennings ist zum Direktor der Bank in Cam-
field ( Ohio ) ernannt worden.

* Lebensmittel = Verein. Jn Frankfurt a. M. ist eine
Aktiengesellschaft in Bildung begriffen unter der Firma „Frankfurter
Lebensmittel=Verein.“ Zweck der Gesellschaft ist nach Artikel 2 den
Aktionären gute Lebensmittel zu billigen Preisen zu verschaffen. Das
Grundkapital besteht aus 200,000 fl. und wird durch Aktien von
100 fl. aufgebracht.

* Arbeitmarkt. Man schreibt uns aus Zweibrücken: Ein
guter Klavierstimmer, der auch zugleich Jnstrumentenma-
cher
wäre, könnte hier einen guten Erwerb finden; eine gute Klei-
dermacherin,
ebenso ein geschickter Schuhmachermeister und
Hausmädchen finden hier Arbeit. Derartige Anzeigen empfehlen
wir unsern geehrten Lesern zur Nachahmung, da hierdurch am ehesten
sich Angebot und Nachfrage reguliren dürfte.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="jFinancialNews">
        <div type="jArticle">
          <p><pb facs="#f0002"/><cb n="8706"/>
auf dergleichen hingelenkt, das Volk muß förmlich dazu erzogen wer-<lb/>
den, wenn es hier besser werden soll. Wir wollen hoffen, daß Vor-<lb/>
stehendes dazu beiträgt!<space dim="horizontal"/> <hi rendition="#aq">F. W.</hi> </p>
        </div>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#c">Frankfurt und Elsaß.</hi> </head><lb/>
        <p><hi rendition="#aq">J. F</hi>. Vorsicht und Voraussicht sind nicht dasselbe. Vorsicht<lb/>
heißt: nicht thun was schadet, Voraussicht heißt: thun was in der<lb/>
Zukunft nützen kann. Menschen, Städte, Staaten müßten vorsichtig<lb/><hi rendition="#g">und</hi> voraussichtig sein. Kleine Staaten, die zwischen stärkeren<lb/>
Staaten liegen, sind vorzüglich auf Vorsicht angewiesen, und diese<lb/>
Tugend hat sich in unserm alten Frankfurt zu hoher Blüthe ent-<lb/>
wickelt, welche sich auch in Früchte verwandelt hat. Aber wir sind<lb/>
jetzt kein kleiner Staat mehr, wir sind eine Stadt, eine maßgebende<lb/>
Stadt immer noch, in einem <hi rendition="#g">großen</hi> Staat, welcher jetzt <hi rendition="#g">noch</hi><lb/>
größer wird, welcher allem Anschein nach der bedeutendste Staat in<lb/>
Europa wird.</p><lb/>
        <p>Unser Fortschritt geht jetzt Hand in Hand mit dem Fortschritt<lb/>
dieses Staates -- nennen wir ihn gleich bei seinem rechten Namen:<lb/>
des deutschen Reiches -- jetzt ist weniger die Vorsicht als die Vor-<lb/>
aussicht an der Zeit. Das deutsche Reich ist nahe, aber seine For-<lb/>
men und Gliederungen sind noch ungewiß. Ob es einen einzigen<lb/>
Mittelpunkt haben wird, ob viele, können wir noch nicht wissen.<lb/>
Ob wir nicht statt der lokalen Hauptstädte des alten deutschen Reichs,<lb/>
im neuen deutschen Reiche verschiedene Hauptstädte für besondere<lb/>
Zwecke des Gesammtreiches haben werden, wie es z. B. im Nord-<lb/>
deutschen Bunde Leipzig für die Handelsgerichtsbarkeit geworden ist,<lb/>
ist eine Frage, die in kürzester Zeit entschieden werden muß. Frank-<lb/>
furt ist ein großer Kapitalplatz; es hat in Deutschland nur das<lb/>
entfernte Berlin neben sich. Wenn Deutschland um das Elsaß und<lb/>
einen Theil Lothringens vergrößert wird, wird der Schwerpunkt des<lb/>
nationalen Kapitalmarktes beträchtlich verschoben in der Richtung von<lb/>
Nordost nach Südwest, in der Richtung von Berlin nach Frankfurt,<lb/>
und die neuen Landestheile sind von ihrem <hi rendition="#g">bisherigen Kapi-<lb/>
talmarkte, Paris, losgerissen.</hi> Hier ist voraussichtliche<lb/>
Ausschau für Frankfurt an der Zeit; denn es wird gar bald zu<lb/>
thun geben für deutsche Unternehmung und deutsches Kapital in<lb/>
Elsaß und Lothringen.</p><lb/>
        <p>Am dringlichsten wird sie gemacht durch die Veränderung in<lb/>
der Richtung des Ausfuhrhandels und Einfuhrhandels, welche die<lb/>
Verlegung der Zollgränze mit Nothwendigkeit herbeiführen muß.<lb/>
Solche Veränderung macht sich zunächst immer im <hi rendition="#g">Kolonial-<lb/>
waarenhandel </hi> und im <hi rendition="#g">Manufakturwaarenhandel</hi> bemerklich,<lb/>
wegen der Vorliebe, welche die <hi rendition="#g">Tarifmacherei</hi> gerade für Kolonial-<lb/>
und Manufakturwaaren hat. Frankfurt ist ein Kolonialwaarenhandels-<lb/>
platz von steigender Bedeutung. Am Rheine hat es im Kaffeehandel<lb/>
nur Köln über sich; Mainz und Mannheim hinter sich. Köln liegt<lb/>
weiter ab von Straßburg als Frankfurt; nur mit dem schwächeren<lb/>
Mainz und Mannheim wird der Wettkampf stattfinden, in welchem<lb/>
diese <hi rendition="#g">bisher</hi> durch Differentialfrachten unterstützt waren.</p><lb/>
        <p>Frankfurt ist auch ein steigender Manufakturwaarenhandelsplatz,<lb/>
und im Elsaß liegt Mühlhausen, dessen Produkte vielleicht in Zukunft<lb/>
ihren Weg nach Deutschland durch Vermittlung eines deutschen Handels-<lb/>
platzes suchen müssen. Auf Jahre hinaus wird es in Straßburg<lb/>
wie in Mühlhausen an dem Unternehmungskapital für den Kauf<lb/>
fremden wie den Verkauf des eigenen Produkts fehlen, und das<lb/>
Frankfurter Kapital wird willkommen sein und sein Gewinn ihm<lb/>
dort freudig gegönnt werden.</p><lb/>
        <p>Jn kaum viel weiterer Perspektive liegen noch andere Dinge. Sie<lb/>
hängen aber nicht von Frankfurt allein, sie hängen vom gesammten<lb/>
Deutschland ab. Es muß sich zeigen, ob man sich in Deutschland<lb/>
daran erinnern wird, daß jenes Deutschland, zu welchem Elsaß und<lb/>
Lothringen noch gehörte, seine Kaiser in Frankfurt krönte. Weil<lb/>
Elsaß und Lothringen verloren ging wanderte der Schwerpunkt des<lb/>
Reiches nach Osten; zuerst nach Wien, wo er das Reich nicht zu-<lb/>
sammen zu halten vermochte, und ist von dort nun versuchsweise<lb/>
nach Berlin gewandert, damit von dort aus mit frischer Kraft die<lb/>
Bildung eines neuen festeren Reichs in Angriff genommen werde.<lb/>
Es ist die Frage, ob Deutschland begreifen wird, daß es sich in<lb/>
einem zweiten Jnterim befunden habe, wie ein solches vor der Er-<lb/>
wählung Rudolph von Habsburg's stattfand, und ob für das Defini-<lb/><cb n="8707"/>
tivum nicht der Fingerzeig zu beachten ist, welchen nicht bloß die<lb/>
geschichtliche Erinnerung, sondern auch, was in neuerer Zeit von<lb/>
entschiedenem Gewicht, der Eisenbahnknotenpunkt enthält, welchen<lb/>
Frankfurt bildet. Die Eisenbahnknotenpunkte sind heutzutage auch<lb/>
politische <hi rendition="#aq">signa temporis</hi>. Der Eisenbahnknotenpunkt in Frankfurt<lb/>
wird aber beträchtlich schwerer durch die Wegeverlegung des Verkehrs,<lb/>
welchen der Anschluß der Elsäßer und Lothringer Bahn innerhalb<lb/>
derselben Zollgränze bilden wird. Also Mitbürger -- diesmal nicht<lb/>
vorgesehen, sondern vorausgesehen.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Wahl des Berufes. Das &#x201E;Neue Blatt&#x201C; bringt eine Ab-<lb/>
handlung über die Wahl des Berufes, deren Ausführungen wir im<lb/>
Ganzen beistimmen. Bezüglich der Beamten=Laufbahn scheint der<lb/>
preußische Staat als Beispiel gewählt zu sein, denn was dort gesagt<lb/>
ist, paßt nicht für alle Länder; wir möchten wenigstens nicht überall<lb/>
die Forstcarriere als eine günstige empfehlen. Daß vor dem Beamten-<lb/>
Beruf überhaupt gewarnt wird, ist vollkommen richtig. Dieser Stand<lb/>
wird, wirthschaftlich genommen, wahrscheinlich nie mehr glänzende<lb/>
Aussichten eröffnen. Die Selbstverwaltung greift mehr und mehr<lb/>
in das Gebiet des Staates über, so daß dessen Thätigkeit auf wenige<lb/>
häufig nur ganz formelle Arbeit eingeschränkt wird. Die Gewerbe<lb/>
dagegen nehmen täglich größeren Aufschwung und liefern Einnahmen,<lb/>
gegen welche die Beamtengehalte weit zurückstehen. Daß damit auch<lb/>
das früher sehr große äußerliche Ansehen des Beamtenstandes abnimmt,<lb/>
ist natürlich und ein großes Glück.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p>Die Wahl des Berufes ist eines der schwierigsten Dinge, die<lb/>
es überhaupt gibt, und es wird in dem erwähnten Aufsatze mit<lb/>
Recht vor häufigem Wechsel desselben gewarnt, auch empfohlen die<lb/>
Erziehung genau danach einzurichten. Bezüglich der Schulbildung<lb/>
möchten wir aber warnen, zu früh mit der Fachbildung anzufangen,<lb/>
zu früh die Schulzeit abzubrechen. Da man eben selten oder nie<lb/>
den passenden Beruf weiß, so ist es das Beste, die Kinder so lange<lb/>
als möglich in die Schule zu schicken. Tüchtige Schulkenntnisse scha-<lb/>
den nie und erleichtern die Berufswahl, während sie bei mangelhafter<lb/>
Bildung schwerer ist. Es ist dann die Wahl beschränkt und oft<lb/>
bleibt gar keine übrig.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Der allgemeine deutsche Frauenverein <hi rendition="#g">in Leipzig,</hi> ein<lb/>
Verein, der, von Frauen gegründet und geleitet, es sich &#x201E;zur Auf-<lb/>
gabe gemacht hat: für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts<lb/>
und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung<lb/>
entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken&#x201C;, hat<lb/>
in den fünf Jahren seines Bestehens, seit dem 18. Okt. 1865, überall<lb/>
hin anregend gearbeitet -- und nicht nur in Sachsen, von wo er aus-<lb/>
ging, sondern in Nord= und Süddeutschland, auch in Oestreich und<lb/>
Ungarn und im Ausland, ebenso wie in England, Holland, Frankreich,<lb/>
Amerika deutsche Frauen zu Mitgliedern gewonnen und in vielen<lb/>
Städten, wie außer in Leipzig, z. B. in Braunschweig, Kassel, Zwickau,<lb/>
Nordhausen, Dresden u. s. w. Zweigvereine gestiftet und nach allen<lb/>
Seiten hin günstig gewirkt. Um dies letztere am Nachdrücklichsten<lb/>
zu thun, gründete er im Januar 1866 eine eigne Zeitschrift betitelt<lb/>
&#x201E;Neue Bahnen&#x201C;, die wir unsern Leserinnen auf das Beste empfehlen.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Frauen=Arbeit. Das amerikanische Schatzamt hat Fräulein<lb/><hi rendition="#g">Abby Baker</hi> zu seiner Bibliothekarin ernannt, und beabsichtigt<lb/>
auch sämmtliche Gehilfen durch Frauenzimmer zu ersetzen. -- Eine<lb/>
Fräul. <hi rendition="#g">Elisa Jennings</hi> ist zum Direktor der Bank in Cam-<lb/>
field ( Ohio ) ernannt worden.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Lebensmittel = Verein. Jn <hi rendition="#g">Frankfurt</hi> a. M. ist eine<lb/>
Aktiengesellschaft in Bildung begriffen unter der Firma &#x201E;Frankfurter<lb/>
Lebensmittel=Verein.&#x201C; Zweck der Gesellschaft ist nach Artikel 2 den<lb/>
Aktionären gute Lebensmittel zu billigen Preisen zu verschaffen. Das<lb/>
Grundkapital besteht aus 200,000 fl. und wird durch Aktien von<lb/>
100 fl. aufgebracht.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Arbeitmarkt. Man schreibt uns aus Zweibrücken: Ein<lb/>
guter <hi rendition="#g">Klavierstimmer,</hi> der auch zugleich <hi rendition="#g">Jnstrumentenma-<lb/>
cher </hi> wäre, könnte hier einen guten Erwerb finden; eine gute <hi rendition="#g">Klei-<lb/>
dermacherin,</hi> ebenso ein geschickter <hi rendition="#g">Schuhmachermeister</hi> und<lb/><hi rendition="#g">Hausmädchen</hi> finden hier Arbeit. Derartige Anzeigen empfehlen<lb/>
wir unsern geehrten Lesern zur Nachahmung, da hierdurch am ehesten<lb/>
sich Angebot und Nachfrage reguliren dürfte.</p>
        </div><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0002] auf dergleichen hingelenkt, das Volk muß förmlich dazu erzogen wer- den, wenn es hier besser werden soll. Wir wollen hoffen, daß Vor- stehendes dazu beiträgt! F. W. Frankfurt und Elsaß. J. F. Vorsicht und Voraussicht sind nicht dasselbe. Vorsicht heißt: nicht thun was schadet, Voraussicht heißt: thun was in der Zukunft nützen kann. Menschen, Städte, Staaten müßten vorsichtig und voraussichtig sein. Kleine Staaten, die zwischen stärkeren Staaten liegen, sind vorzüglich auf Vorsicht angewiesen, und diese Tugend hat sich in unserm alten Frankfurt zu hoher Blüthe ent- wickelt, welche sich auch in Früchte verwandelt hat. Aber wir sind jetzt kein kleiner Staat mehr, wir sind eine Stadt, eine maßgebende Stadt immer noch, in einem großen Staat, welcher jetzt noch größer wird, welcher allem Anschein nach der bedeutendste Staat in Europa wird. Unser Fortschritt geht jetzt Hand in Hand mit dem Fortschritt dieses Staates -- nennen wir ihn gleich bei seinem rechten Namen: des deutschen Reiches -- jetzt ist weniger die Vorsicht als die Vor- aussicht an der Zeit. Das deutsche Reich ist nahe, aber seine For- men und Gliederungen sind noch ungewiß. Ob es einen einzigen Mittelpunkt haben wird, ob viele, können wir noch nicht wissen. Ob wir nicht statt der lokalen Hauptstädte des alten deutschen Reichs, im neuen deutschen Reiche verschiedene Hauptstädte für besondere Zwecke des Gesammtreiches haben werden, wie es z. B. im Nord- deutschen Bunde Leipzig für die Handelsgerichtsbarkeit geworden ist, ist eine Frage, die in kürzester Zeit entschieden werden muß. Frank- furt ist ein großer Kapitalplatz; es hat in Deutschland nur das entfernte Berlin neben sich. Wenn Deutschland um das Elsaß und einen Theil Lothringens vergrößert wird, wird der Schwerpunkt des nationalen Kapitalmarktes beträchtlich verschoben in der Richtung von Nordost nach Südwest, in der Richtung von Berlin nach Frankfurt, und die neuen Landestheile sind von ihrem bisherigen Kapi- talmarkte, Paris, losgerissen. Hier ist voraussichtliche Ausschau für Frankfurt an der Zeit; denn es wird gar bald zu thun geben für deutsche Unternehmung und deutsches Kapital in Elsaß und Lothringen. Am dringlichsten wird sie gemacht durch die Veränderung in der Richtung des Ausfuhrhandels und Einfuhrhandels, welche die Verlegung der Zollgränze mit Nothwendigkeit herbeiführen muß. Solche Veränderung macht sich zunächst immer im Kolonial- waarenhandel und im Manufakturwaarenhandel bemerklich, wegen der Vorliebe, welche die Tarifmacherei gerade für Kolonial- und Manufakturwaaren hat. Frankfurt ist ein Kolonialwaarenhandels- platz von steigender Bedeutung. Am Rheine hat es im Kaffeehandel nur Köln über sich; Mainz und Mannheim hinter sich. Köln liegt weiter ab von Straßburg als Frankfurt; nur mit dem schwächeren Mainz und Mannheim wird der Wettkampf stattfinden, in welchem diese bisher durch Differentialfrachten unterstützt waren. Frankfurt ist auch ein steigender Manufakturwaarenhandelsplatz, und im Elsaß liegt Mühlhausen, dessen Produkte vielleicht in Zukunft ihren Weg nach Deutschland durch Vermittlung eines deutschen Handels- platzes suchen müssen. Auf Jahre hinaus wird es in Straßburg wie in Mühlhausen an dem Unternehmungskapital für den Kauf fremden wie den Verkauf des eigenen Produkts fehlen, und das Frankfurter Kapital wird willkommen sein und sein Gewinn ihm dort freudig gegönnt werden. Jn kaum viel weiterer Perspektive liegen noch andere Dinge. Sie hängen aber nicht von Frankfurt allein, sie hängen vom gesammten Deutschland ab. Es muß sich zeigen, ob man sich in Deutschland daran erinnern wird, daß jenes Deutschland, zu welchem Elsaß und Lothringen noch gehörte, seine Kaiser in Frankfurt krönte. Weil Elsaß und Lothringen verloren ging wanderte der Schwerpunkt des Reiches nach Osten; zuerst nach Wien, wo er das Reich nicht zu- sammen zu halten vermochte, und ist von dort nun versuchsweise nach Berlin gewandert, damit von dort aus mit frischer Kraft die Bildung eines neuen festeren Reichs in Angriff genommen werde. Es ist die Frage, ob Deutschland begreifen wird, daß es sich in einem zweiten Jnterim befunden habe, wie ein solches vor der Er- wählung Rudolph von Habsburg's stattfand, und ob für das Defini- tivum nicht der Fingerzeig zu beachten ist, welchen nicht bloß die geschichtliche Erinnerung, sondern auch, was in neuerer Zeit von entschiedenem Gewicht, der Eisenbahnknotenpunkt enthält, welchen Frankfurt bildet. Die Eisenbahnknotenpunkte sind heutzutage auch politische signa temporis. Der Eisenbahnknotenpunkt in Frankfurt wird aber beträchtlich schwerer durch die Wegeverlegung des Verkehrs, welchen der Anschluß der Elsäßer und Lothringer Bahn innerhalb derselben Zollgränze bilden wird. Also Mitbürger -- diesmal nicht vorgesehen, sondern vorausgesehen. * Wahl des Berufes. Das „Neue Blatt“ bringt eine Ab- handlung über die Wahl des Berufes, deren Ausführungen wir im Ganzen beistimmen. Bezüglich der Beamten=Laufbahn scheint der preußische Staat als Beispiel gewählt zu sein, denn was dort gesagt ist, paßt nicht für alle Länder; wir möchten wenigstens nicht überall die Forstcarriere als eine günstige empfehlen. Daß vor dem Beamten- Beruf überhaupt gewarnt wird, ist vollkommen richtig. Dieser Stand wird, wirthschaftlich genommen, wahrscheinlich nie mehr glänzende Aussichten eröffnen. Die Selbstverwaltung greift mehr und mehr in das Gebiet des Staates über, so daß dessen Thätigkeit auf wenige häufig nur ganz formelle Arbeit eingeschränkt wird. Die Gewerbe dagegen nehmen täglich größeren Aufschwung und liefern Einnahmen, gegen welche die Beamtengehalte weit zurückstehen. Daß damit auch das früher sehr große äußerliche Ansehen des Beamtenstandes abnimmt, ist natürlich und ein großes Glück. Die Wahl des Berufes ist eines der schwierigsten Dinge, die es überhaupt gibt, und es wird in dem erwähnten Aufsatze mit Recht vor häufigem Wechsel desselben gewarnt, auch empfohlen die Erziehung genau danach einzurichten. Bezüglich der Schulbildung möchten wir aber warnen, zu früh mit der Fachbildung anzufangen, zu früh die Schulzeit abzubrechen. Da man eben selten oder nie den passenden Beruf weiß, so ist es das Beste, die Kinder so lange als möglich in die Schule zu schicken. Tüchtige Schulkenntnisse scha- den nie und erleichtern die Berufswahl, während sie bei mangelhafter Bildung schwerer ist. Es ist dann die Wahl beschränkt und oft bleibt gar keine übrig. * Der allgemeine deutsche Frauenverein in Leipzig, ein Verein, der, von Frauen gegründet und geleitet, es sich „zur Auf- gabe gemacht hat: für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken“, hat in den fünf Jahren seines Bestehens, seit dem 18. Okt. 1865, überall hin anregend gearbeitet -- und nicht nur in Sachsen, von wo er aus- ging, sondern in Nord= und Süddeutschland, auch in Oestreich und Ungarn und im Ausland, ebenso wie in England, Holland, Frankreich, Amerika deutsche Frauen zu Mitgliedern gewonnen und in vielen Städten, wie außer in Leipzig, z. B. in Braunschweig, Kassel, Zwickau, Nordhausen, Dresden u. s. w. Zweigvereine gestiftet und nach allen Seiten hin günstig gewirkt. Um dies letztere am Nachdrücklichsten zu thun, gründete er im Januar 1866 eine eigne Zeitschrift betitelt „Neue Bahnen“, die wir unsern Leserinnen auf das Beste empfehlen. * Frauen=Arbeit. Das amerikanische Schatzamt hat Fräulein Abby Baker zu seiner Bibliothekarin ernannt, und beabsichtigt auch sämmtliche Gehilfen durch Frauenzimmer zu ersetzen. -- Eine Fräul. Elisa Jennings ist zum Direktor der Bank in Cam- field ( Ohio ) ernannt worden. * Lebensmittel = Verein. Jn Frankfurt a. M. ist eine Aktiengesellschaft in Bildung begriffen unter der Firma „Frankfurter Lebensmittel=Verein.“ Zweck der Gesellschaft ist nach Artikel 2 den Aktionären gute Lebensmittel zu billigen Preisen zu verschaffen. Das Grundkapital besteht aus 200,000 fl. und wird durch Aktien von 100 fl. aufgebracht. * Arbeitmarkt. Man schreibt uns aus Zweibrücken: Ein guter Klavierstimmer, der auch zugleich Jnstrumentenma- cher wäre, könnte hier einen guten Erwerb finden; eine gute Klei- dermacherin, ebenso ein geschickter Schuhmachermeister und Hausmädchen finden hier Arbeit. Derartige Anzeigen empfehlen wir unsern geehrten Lesern zur Nachahmung, da hierdurch am ehesten sich Angebot und Nachfrage reguliren dürfte.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Institut für Deutsche Sprache, Mannheim: Bereitstellung der Bilddigitalisate und TEI Transkription
Peter Fankhauser: Transformation von TUSTEP nach TEI P5. Transformation von TEI P5 in das DTA TEI P5 Format.

Weitere Informationen:

Siehe Dokumentation




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0698_1870
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0698_1870/2
Zitationshilfe: Der Arbeitgeber. Nr. 698. Frankfurt a. M., 17. September 1870, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0698_1870/2>, abgerufen am 20.09.2019.