Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 4. Leipzig, 1891.

Bild:
<< vorherige Seite

"So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels?
fragte Zarathustra; und du gehst dem Blutegel nach
bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?"

"Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das
wäre ein Ungeheures, wie dürfte ich mich dessen
unterfangen!

Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist
des Blutegels Hirn: -- das ist meine Welt!

Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass
hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier
nicht meines Gleichen. Darum sprach ich "hier bin
ich heim."

Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem
Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir
hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist mein Reich!

-- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde
mir alles Andre gleich; und dicht neben meinem Wissen
lagert mein schwarzes Unwissen.

Mein Gewissen des Geistes will es so von mir,
dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es
ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen,
Schwebenden, Schwärmerischen.

Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und
will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will
ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grau¬
sam, unerbittlich.

Dass du einst sprachst, oh Zarathustra: "Geist ist
das Leben, das selber in's Leben schneidet", das führte
und verführte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich,
mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!"

„So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels?
fragte Zarathustra; und du gehst dem Blutegel nach
bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?“

„Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das
wäre ein Ungeheures, wie dürfte ich mich dessen
unterfangen!

Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist
des Blutegels Hirn: — das ist meine Welt!

Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass
hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier
nicht meines Gleichen. Darum sprach ich „hier bin
ich heim.“

Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem
Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir
hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist mein Reich!

— darob warf ich alles Andere fort, darob wurde
mir alles Andre gleich; und dicht neben meinem Wissen
lagert mein schwarzes Unwissen.

Mein Gewissen des Geistes will es so von mir,
dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es
ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen,
Schwebenden, Schwärmerischen.

Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und
will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will
ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grau¬
sam, unerbittlich.

Dass du einst sprachst, oh Zarathustra: „Geist ist
das Leben, das selber in's Leben schneidet“, das führte
und verführte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich,
mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!“

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0031" n="24"/>
        <p>&#x201E;So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels?<lb/>
fragte Zarathustra; und du gehst dem Blutegel nach<lb/>
bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?&#x201C;</p><lb/>
        <p>&#x201E;Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das<lb/>
wäre ein Ungeheures, wie dürfte ich mich dessen<lb/>
unterfangen!</p><lb/>
        <p>Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist<lb/>
des Blutegels <hi rendition="#g">Hirn</hi>: &#x2014; das ist <hi rendition="#g">meine</hi> Welt!</p><lb/>
        <p>Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass<lb/>
hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier<lb/>
nicht meines Gleichen. Darum sprach ich &#x201E;hier bin<lb/>
ich heim.&#x201C;</p><lb/>
        <p>Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem<lb/>
Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir<lb/>
hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist <hi rendition="#g">mein</hi> Reich!</p><lb/>
        <p>&#x2014; darob warf ich alles Andere fort, darob wurde<lb/>
mir alles Andre gleich; und dicht neben meinem Wissen<lb/>
lagert mein schwarzes Unwissen.</p><lb/>
        <p>Mein Gewissen des Geistes will es so von mir,<lb/>
dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es<lb/>
ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen,<lb/>
Schwebenden, Schwärmerischen.</p><lb/>
        <p>Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und<lb/>
will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will<lb/>
ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grau¬<lb/>
sam, unerbittlich.</p><lb/>
        <p>Dass <hi rendition="#g">du</hi> einst sprachst, oh Zarathustra: &#x201E;Geist ist<lb/>
das Leben, das selber in's Leben schneidet&#x201C;, das führte<lb/>
und verführte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich,<lb/>
mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!&#x201C;<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[24/0031] „So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra; und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Gründe, du Gewissenhafter?“ „Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wäre ein Ungeheures, wie dürfte ich mich dessen unterfangen! Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels Hirn: — das ist meine Welt! Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte kommt, denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich „hier bin ich heim.“ Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die schlüpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlüpfe! Hier ist mein Reich! — darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles Andre gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen. Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen, Schwebenden, Schwärmerischen. Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, streng, eng, grau¬ sam, unerbittlich. Dass du einst sprachst, oh Zarathustra: „Geist ist das Leben, das selber in's Leben schneidet“, das führte und verführte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!“

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra04_1891
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra04_1891/31
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 4. Leipzig, 1891, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra04_1891/31>, abgerufen am 20.08.2019.