Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 3. Chemnitz, 1884.

Bild:
<< vorherige Seite

Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast
du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?

Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten
wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos
lächeln: --

-- wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und
aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und
Zweck und Schuld wie Regen dampfen.

Und wanderte ich allein: wes hungerte meine
Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich
Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf
Bergen?

Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine
Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: --
fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein
fliegen!

Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken
und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen
Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!

Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen
schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir,
was uns gemein ist, -- das ungeheure unbegrenzte
Ja- und Amen-sagen.

Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den
ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche
weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.

Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel
in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund
sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken be¬
fleckt sehn!

Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz¬

2*

Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast
du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?

Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten
wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos
lächeln: —

— wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und
aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und
Zweck und Schuld wie Regen dampfen.

Und wanderte ich allein: wes hungerte meine
Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich
Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf
Bergen?

Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine
Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: —
fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein
fliegen!

Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken
und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen
Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!

Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen
schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir,
was uns gemein ist, — das ungeheure unbegrenzte
Ja- und Amen-sagen.

Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den
ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche
weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.

Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel
in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund
sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken be¬
fleckt sehn!

Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz¬

2*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0029" n="19"/>
        <p>Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast<lb/>
du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht?</p><lb/>
        <p>Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten<lb/>
wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos<lb/>
lächeln: &#x2014;</p><lb/>
        <p>&#x2014; wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und<lb/>
aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und<lb/>
Zweck und Schuld wie Regen dampfen.</p><lb/>
        <p>Und wanderte ich allein: <hi rendition="#g">wes</hi> hungerte meine<lb/>
Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich<lb/>
Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf<lb/>
Bergen?</p><lb/>
        <p>Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine<lb/>
Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: &#x2014;<lb/><hi rendition="#g">fliegen</hi> allein will mein ganzer Wille, in <hi rendition="#g">dich</hi> hinein<lb/>
fliegen!</p><lb/>
        <p>Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken<lb/>
und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen<lb/>
Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!</p><lb/>
        <p>Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen<lb/>
schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir,<lb/>
was uns gemein ist, &#x2014; das ungeheure unbegrenzte<lb/>
Ja- und Amen-sagen.</p><lb/>
        <p>Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den<lb/>
ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche<lb/>
weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.</p><lb/>
        <p>Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel<lb/>
in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund<lb/>
sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken be¬<lb/>
fleckt sehn!</p><lb/>
        <p>Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz¬<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">2*<lb/></fw>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[19/0029] Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln: — — wolkenlos hinab lächeln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen. Und wanderte ich allein: wes hungerte meine Seele in Nächten und Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen? Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen: — fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein fliegen! Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte! Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist, — das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen. Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen. Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken be¬ fleckt sehn! Und oft gelüstete mich, sie mit zackichten Blitz¬ 2*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884/29
Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 3. Chemnitz, 1884, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra03_1884/29>, abgerufen am 17.08.2019.