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Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883.

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Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der
Tagedieb! Haschte er wohl zu viel nach Schmetter¬
lingen?

Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn
ich den kleinen Gott ein Wenig züchtige! Schreien
wird er wohl und weinen, -- aber zum Lachen ist er
noch im Weinen!

Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen
Tanz bitten; und ich selber will ein Lied zu seinem
Tanze singen:

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere,
meinen allerhöchsten grossmächtigsten Teufel, von
dem sie sagen, dass er "der Herr der Welt" sei." --

Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang,
als Cupido und die Mädchen zusammen tanzten.

"In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und
in's Unergründliche schien ich mir da zu sinken.

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus;
spöttisch lachtest du, als ich dich unergründlich nannte.

"So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was
sie nicht ergründen, ist unergründlich.

"Aber veränderlich bin ich nur und wild und in
Allem ein Weib, und kein tugendhaftes:

"Ob ich schon euch Männern "die Tiefe" heisse oder
"die Treue", "die Ewige", die "Geheimnissvolle."

"Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den
eignen Tugenden -- ach, ihr Tugendhaften!"

Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube
ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie bös von sich
selber spricht.

Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der
Tagedieb! Haschte er wohl zu viel nach Schmetter¬
lingen?

Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn
ich den kleinen Gott ein Wenig züchtige! Schreien
wird er wohl und weinen, — aber zum Lachen ist er
noch im Weinen!

Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen
Tanz bitten; und ich selber will ein Lied zu seinem
Tanze singen:

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere,
meinen allerhöchsten grossmächtigsten Teufel, von
dem sie sagen, dass er „der Herr der Welt“ sei.“ —

Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang,
als Cupido und die Mädchen zusammen tanzten.

„In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und
in's Unergründliche schien ich mir da zu sinken.

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus;
spöttisch lachtest du, als ich dich unergründlich nannte.

„So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was
sie nicht ergründen, ist unergründlich.

„Aber veränderlich bin ich nur und wild und in
Allem ein Weib, und kein tugendhaftes:

„Ob ich schon euch Männern „die Tiefe“ heisse oder
„die Treue“, „die Ewige“, die „Geheimnissvolle.“

„Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den
eignen Tugenden — ach, ihr Tugendhaften!“

Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube
ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie bös von sich
selber spricht.

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[39/0049] Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er wohl zu viel nach Schmetter¬ lingen? Zürnt mir nicht, ihr schönen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein Wenig züchtige! Schreien wird er wohl und weinen, — aber zum Lachen ist er noch im Weinen! Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich selber will ein Lied zu seinem Tanze singen: Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhöchsten grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er „der Herr der Welt“ sei.“ — Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die Mädchen zusammen tanzten. „In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und in's Unergründliche schien ich mir da zu sinken. Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als ich dich unergründlich nannte. „So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was sie nicht ergründen, ist unergründlich. „Aber veränderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein tugendhaftes: „Ob ich schon euch Männern „die Tiefe“ heisse oder „die Treue“, „die Ewige“, die „Geheimnissvolle.“ „Doch ihr Männer beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden — ach, ihr Tugendhaften!“ Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und ihrem Lachen, wenn sie bös von sich selber spricht.

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Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Bd. 2. Chemnitz, 1883, S. 39. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_zarathustra02_1883/49>, abgerufen am 19.05.2019.